Batalha – Битва

Der Präsident der Russischen Föderation beschloss, die Ukraine zu überfallen, einen Krieg zu beginnen. Seit Februar 2022 ist das für uns alle Undenkbare Realität geworden. Russlands Soldaten verwüsten das Land, bringen Tod und Zerstörung zu den Menschen, die sie zu ihren orthodoxen Brüdern zählen.
Die russischen Angreifer legten während der dreimonatigen Eroberung Mariupols diese Stadt fast vollständig in Schutt und Asche.

Das Foto Evgeniy Maloletkas einer zu Trümmern gewordenen Kirche in Mariupol wurde zum Zeichen dieser sinnlosen Zerstörung. Ich habe es als Vorlage für mein eigenes Bild Batalha – Битва oder der Blick von West nach Ost benutzt. Durch die seit Jahrhunderten unzerstörten Gitter des Kreuzgangs im Kloster Batalha (port. Schlacht ) in Portugal sieht man auf die Ruine der orthodoxen Kirche – für mich ein Symbol für unseren hiesigen Blick von West nach Ost auf diese Tragödie. Während dort das Land im Chaos versinkt, betrachten wir aus sicherer Entfernung unsere intakten Kulturgüter und machen uns Sorgen, ob das nächste Konzert stattfinden wird, ob wir ein Restaurant ohne Maske betreten dürfen oder ob wir es im Winter warm genug haben werden.

Beitragsbild: Von armyinform.com.ua – https://armyinform.com.ua/2022/03/26/francziya-vymagatyme-vid-rf-znyaty-oblogu-mariupolya/, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=116431122

Frieden in der Ukraine… wer will den nicht?

Nie ist die Ehre der im Zweiten Weltkrieg, im Kampf gegen Hitler gefallenen sowjetischen Soldaten so sehr beschmutzt worden wie von diesem niederträchtigen Diktator und Kriegsverbrecher.
Mariupol’ wird nicht nur zum Symbol seiner Schande, sondern es ist jetzt schon das Symbol für die Tapferkeit und Ehre der Ukrainer geworden – vielleicht auch zum Menetekel des Versagens der Europäer, unseres Versagens.
Karl Schlögel

FR vom 3.5.2022

Wie aber kann der Friede, wenigstens ein Waffenstillstand erreicht werden?
Letztlich durch eine diplomatische Verhandlungen und Vertäge. Soweit sind sich alle einig. Wie sie aber zustande kommen sollen, dazu gibt es fundamental gegensätzliche Meinungen.

Verhandlungen sollen zum Ende des Krieges führen

In einem Offenen Brief [1]EMMA, 29.04.2022: Der Offene Brief an Kanzler Scholz forderten einige deutsche Intellektuelle sofortige Verhandlungen mit Russland, denn „die Lieferung großer Mengen schwerer Waffen … könnte Deutschland selbst zur Kriegspartei machen. Und ein russischer Gegenschlag könnte so dann den Beistandsfall nach dem NATO-Vertrag und damit die unmittelbare Gefahr eines Weltkriegs auslösen.
Also schlussfolgere ich: Wenn keine Waffenlieferungen an die überfallene Ukraine, dann auch kein Krieg, der „das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung“ durch den berechtigten Widerstand gegen einen Aggressor in ein unerträglichen Missverhältnis bringt.

Am 29.06.2022 folgte ein neuer Offener Brief in der ZEIT mit der Überschrift: Waffenstillstand jetzt!, wieder mit der Forderung, Verhandlungen der internationalen Gemeinschaft – vor allem der USA – mit Russland zu beginnen.[2]ZEIT online, 29.06.2022.
Juli Zeh – Mitunterzeichnerin des Briefes sagte in einem Interview mit dem NDR auf die Frage, wie solche Verhandlungen erreicht werden könnten:
Man kann in einem Konflikt, der so rabiat und brutal geführt wird, nicht erwarten, dass die Parteien sich freiwillig an den Tisch setzen und alle ihre Ambitionen fallen lassen. Sondern man muss das international begleiten – da ist die internationale Gemeinschaft gefragt, vor allem unter Führung der USA. Solange das nicht passiert, solange kein konzertierter, ernst gemeinter Vorstoß in diese Richtung erfolgt, können wir auch gar nicht wissen, ob es möglich ist oder nicht. Denn wir haben es schlicht und ergreifend noch gar
nicht mit ganzer Macht versucht.[3]3 NDR, Offener Brief zum Ukraine-Krieg: “Es geht darum, fatale Schäden zu vermeiden“, Interview mit Juli Zeh

Richard David Precht machte vor Kurzem den Vorschlag, eine Initiative einzelner NatoStaaten sollte Russland verbindlich garantieren, dass sie – Mitglieder der Initiative – eine Aufnahme der Ukraine in das Verteidigungsbündnis mit ihrem Veto verhindern könnten. Das würde zur Deeskalation der Lage beitragen und zu Verhandlungen führen.[4] Podcast „Geyer & Niesmann“ des RedaktionsNetzwerks Deutschland – RND

Daniela Dahn meinte kürzlich in der Berliner Zeitung, eine erfolgreiche Verhandlung zwischen Russland und der Ukraine zu einem Waffenstillstand wäre durch westliche Intervention verhindert worden. D.h. wenn der Westen nur wolle, könnte ein Waffenstillstand mit Putin erreicht werden.[5] Berliner Zeitung, 11.10.2022: Vom Wirbel des Krieges gepackt: Daniela Dahn zu Waffenlieferungen

Wer wäre der Verhandlungspartner für die Ukraine?

Zu dem ehrenwerte Wunsch, durch diplomatische Verhandlungen den Konflikt zu lösen und Frieden zu erreichen, meinte Serhij Zhadan: „Darin liegt der größte Fehlschluss der deutschen Intellektuellen: Die Russen wollen nicht mit uns verhandeln, sie wollen uns vernichten. Und wenn die deutschen Intellektuellen andeuten, eine allzu große Unterstützung für die Ukraine lohne nicht, weil die Ukrainer sowieso keine Chance hätten, lassen sie es zu, dass durch den russischen Chauvinismus und Revanchismus Normen und Gesetze verletzt werden und das ukrainische Volk ausgelöscht wird.[6]ZEIT online 6. 7. 22

Die Russen wollen die Ukraine vernichten! – eine extreme Meinung, wie ich beim Lesen dachte. Doch dann stieß ich auf die Übersetzung eines Artikels von Timofej Sergejzew[7]DEKODER: RIA Nowosti: Programm zur „Entukrainisierung“? in den Blättern für deutsche und internationale Politik[8]Was Russland mit der Ukraine tun sollte, der den Wunsch zur Vernichtung alles Ukrainischen als Kriegsziel klar ausspricht. Er schreibt u.a.:

Die notwendigen ersten Schritte der Entnazifizierung (der Ukraine – JB) können wie
folgt definiert werden:

  • Liquidierung der bewaffneten Nazi-Formationen (damit meinen wir alle bewaffneten Formationen der Ukraine, einschließlich der ukrainischen Streitkräfte) sowie der militärischen, informationellen und pädagogischen Infrastruktur, die ihre Tätigkeit gewährleistet
  • Bildung einer Volksselbstverwaltung und von Polizeikräften (Verteidigung und öffentliche Ordnung) in den befreiten Gebieten zum Schutz der Bevölkerung vor dem Terror der nazistischen Untergrundgruppen Einrichtung des russischen Informationsraums
  • Rücknahme von Unterrichtsmaterialien und Verbot von Bildungsprogrammen auf allen Ebenen, die nazistische ideologische Haltungen verbreiten
  • Massenermittlungsaktionen zur Feststellung der persönlichen Verantwortung für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verbreitung der NS-Ideologie und Unterstützung des NS-Regimes
  • Lustration, Offenlegung der Namen von Kollaborateuren des Naziregimes und ihre Zwangsarbeit zum Wiederaufbau zerstörter Infrastrukturen als Strafe für NaziAktivitäten (aus dem Kreis derjenigen, die nicht mit der Todesstrafe oder einer Haftstrafe belegt werden)
  • Verabschiedung von primären Entnazifizierungsmaßnahmen „von unten“ auf lokaler Ebene unter russischer Kuratel, die jede Form der Wiederbelebung der NS-Ideologie verbieten
  • Die Errichtung von Gedenkstätten, Mahnmalen und Denkmälern für die Opfer des ukrainischen Nazismus und die Bewahrung des Andenkens an die Helden, die gegen ihn gekämpft haben
  • Die Aufnahme einer Reihe von antifaschistischen und entnazifizierenden Normen in die Verfassungen der neuen Volksrepubliken
  • Einrichtung von ständigen Entnazifizierungsstellen für einen Zeitraum von 25 Jahren.

Der Artikel ist das Produkt eines kranken Hirns dachte ich. Doch er ist veröffentlicht auf der Website von RIA Nowosti, der vom Kreml kontrollierten Nachrichtenagentur, und … „Da Dmitrij Medwedjew, von 2008 bis 2012 Präsident Russlands und heute Vizechef des russischen Sicherheitsrates, nur zwei Tage später einen ganz ähnlich gelagerten Artikel verfasst hat , kann davon ausgegangen werden, dass Sergejzews Text in seiner Grundausrichtung der staatlichen Linie entspricht,“ lese ich in der Einleitung zu dem abgedruckten Artikel in den Blättern.

Zum Ziel des Krieges in der Ukraine schrieb Medwedjew[9] Medwedjew: Über Fälschungen und echte Geschichte: „Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich das Ziel der Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine gesetzt. Diese komplexen Aufgaben werden nicht gleichzeitig ausgeführt. Und sie werden nicht nur auf den Schlachtfeldern entschieden. Das wichtigste Ziel ist, das blutige und voller falscher Mythen stehende Bewusstsein eines Teils der gegenwärtigen Ukrainer zu ändern. Das Ziel ist der Frieden zukünftiger Generationen von Ukrainern selbst und die Möglichkeit, endlich ein offenes Eurasien aufzubauen – von Lissabon bis Wladiwostok.

Demnach geht es der russischen Führung in dem Krieg nicht um die eigene Sicherheit, die angeblich von der NATO, von den USA, vom Westen bedroht wird. Nein: Alles Ukrainische soll beseitigt werden, der Start zum Aufbau eines unter russischer Kontrolle stehenden sogenannten Eurasiens ist das Ziel. Nicht eigene Sicherheit und friedliches Zusammenleben mit westlichen Nachbarn, nicht die Anerkennung der Unverletzlichkeit von Grenzen und die Herstellung eines kollektiven Sicherheitssystems ist angestrebt. Nein: Russlands alte territoriale Größe – zunächst – in den Grenzen nach dem Hitler-StalinPakt von 1939 soll erreicht werden. Und dann kann man auf dem Wege zum offenen Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok voranschreiten. Dazu muss zunächst die „Russische Erde zurückgeholt“ werden:

Was ist die Russische Erde am Rande des alten Russlands? Kriege machten sie dazu:

Peter I. eroberte die heutigen Länder Estland und einen großen Teil Lettlands nach den Nordischen Kriegen 1710 (1721 Friede von Nystadt).
Neurussland (Noworossija) – die historische Bezeichnung einer Region unmittelbar nördlich des Schwarzen Meeres – wurde ab 1774 endgültig in das Russische Kaiserreich eingegliedert [10]Ende des Russiche-Türkischen Krieges 1768-1774: Sieg Russlands. Das Krim-Khanat wird formell vom Osmanischen Reich unabhängig, gerät aber unter den Einfluss Russlands. Es wird 1783 annektiert und … Continue reading.
Die Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795 machten das heutige Litauen, Belarus, die Westukraine und den ötliches Teil Lettlands (Kurland) zu russischer Erde.

In der Interpretation Putins war es ein unverzeihlicher Fehler der Bolschewiki, das Selbstbestimmungsrecht der in den genannten Kriegen an Russland angegliederten Völker in die Verfassung der UdSSR aufzunehmen und ein Verbrechen Gorbatschows, die ehemaligen Sowjetrepubliken 1991 in die Unabhängigkeit entlassen zu haben zu haben. Für Putin war der Unabhängigkeitswille in den ehemnaligen Sowjetreprubliken allein das Werk von Nationalisten:

„Warum musste man partout mit Gutsherrengeste alle möglichen, immer weiter in den Himmel schießenden nationalistischen Ansprüche an den Rändern des ehemaligen Imperiums befriedigen? Warum musste man den neu geschaffenen, oft völlig willkürlich zugeschnittenen Verwaltungseinheiten, den Unionsrepubliken, riesige Gebiete übergeben, die oft nicht den geringsten Bezug zu ihnen hatten? Und zwar Gebiete, ich sage es noch einmal, mitsamt ihrer Bevölkerung, die zum historischen Russland gehörte.
Mehr noch: Diesen Verwaltungseinheiten wurde faktisch der Status und die Form nationalstaatlicher Gebilde verliehen. Noch einmal die Frage: Wozu solche großzügigen Geschenke, von denen nicht einmal die glühendsten Nationalisten geträumt hatten, und wozu wurde dann noch den Unionsrepubliken das Recht verliehen, ohne Voraussetzungen aus dem Staatsverband auszutreten?
Auf den ersten Blick lässt sich das überhaupt nicht erklären, es ist völliger Irrsinn.“[11]V. Putin: Rede an die Nation vom 21.2.2022

Das Ziel des Überfalls auf die Ukraine ist, diese Fehler zu korrigieren, und ein Teil davon ist aus Putins Sicht erfolgreich erledigt:
Belarus ist schon lange vollständig von Russland abhängig, die sogenannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk, Saporischja, Cherson und die Krim sind durch Kriegsführung russisch. Jetzt soll die ganze Ukraine, die angeblich schon immer zu Russland gehörte und erst von Lenin erfunden wurde[12]V. Putin: Über die historische Einheit von Russen, Essay 12. Juli 2021 in den Machtbereich Russlands zurück. Die Baltischen Staaten können dann folgen. Der Beitritt der Baltischen Staaten zur NATO steht einer solchen Eingliederung aber im Wege. Darum waren die Verhandlungsbedingungen Putins zum Waffenstillstand mit der Ukraine die gleichen wie im Ultimatum an die NATO und die USA vom Dezember 2021:
“Zeitgleich mit dem Überfall verkündete die russische Seite ihre “Verhandlungs­bereitschaft”. Ihre Bedingungen für ein Ende des Krieges kamen jedoch einer tota­len Kapitulation und Selbstauflösung des ukrainischen Staates gleich: Die Ukraine müsse die Waffen nieder­legen, ihre Nato-Beitrittsambitionen aufgeben und einen dauerhaft neutralen Status akzeptieren, Russisch den offiziellen Status einer Staats­sprache verleihen, die Krim als russisch und die sogenannten Volks­republiken Donezk und Luhansk als unabhängig anerkennen, sich “entnazifizieren” und “entmilitarisieren” – mit anderen Worten, einen Regime­wechsel in Moskaus Sinne durchlaufen.”[13]Sabine Fischer : Friedensverhandlungen im Krieg zwischen Russland und der Ukraine: Mission impossible .

Wenn also Verhandlungen mit Putin Russland gefordert werden, darf man dessen wahren Ziele nicht übersehen, wie es die Verhandlungsfordernden in unserem Lande bewußt oder aus alter Verbundenheit mit dem “Lande Lenins” oder aus prinzipieller ideologischer Aversion gegenüber der NATO oder auch nur angesichts eines bevorstehenden Winters mit steigenden Preisen tun. Die Kreml-Erzählungen über die Ukraine und den Krieg in Deutschland sind relativ erfolgreich:
Es gehe in Wirklichkeit um eine Konfrontation zwischen den USA beziehungsweise dem „Westen“ und Russland. In Kyjiw seien fanatisierte Nationalisten am Werk und die Krim sei eigentlich schon immer russisch gewesen. “Der Altbundeskanzler Helmut Schmidt ging so weit, nach der russischen Annexion nicht nur Verständnis für das Vorgehen des Diktators Wladimir Putin zu äußern, sondern stellte in Frage, ob es die Ukraine überhaupt gebe. Dass die Ukraine eine „künstliche Nation“ sei, wurde auch von anderen Kommentator:innen vielfach gesagt, ein Diktum, das gerne mit der Behauptung einer angeblichen „Geschichtslosigkeit“ des Landes einhergeht.” Als wenn eine Nation „natürlich“ existiere und nicht vielmehr das Ergebnis eines historischen Prozesses ist. “Die Grenzen der Ukraine sind nicht mehr oder weniger „künstlich“ als die von Russland oder Deutschland. Zweitens hat die Ukraine selbstverständlich eine Geschichte, sie ist 1991 nicht etwa vom Himmel gefallen.[14] Franziska Davies: Schauplatz und Akteur europäischer Geschichte

Verhandlungen kann man führen, wenn…

Solange diese Kriegsziele Russlands bestehen, gibt es für die Ukraine nichts zu verhandeln, es sei denn sie stimmen ihrer „Inkorporation“ zu. Das sind bisher die Bedingungen, zu denen die russische Führung zur Einstellung von Kampfhandlungen bereit ist.
Russland muss also gezwungen werden, diese imperialistischen Pläne zu aufzugeben und muss Bereitschaft zeigen, sich aus der Ukraine zurückzuziehen. Dann kann man über den Zeitraum, die Durchführung, die Voraussetzungen des Rückzugs verhandeln, auch über Reparationen für das zerstörte Land. (Natürlich jetzt schon über Fluchtkorridore, Gefangenenaustausch, Getreideausfuhr und solche Dinge.)

Solange Putin und seine Clique die Macht hat, werden diese Verhandlungsvoraussetzungen kaum eintreten, es sei denn, Russland verliert die Fähigkeit zu weiterer Aggression. Das kann nur durch militärische und wirtschaftliche direkte Hilfe aus den westlichen Ländern und durch ökonomische Schwächung Russlands erreicht werden.

Ich hätte nie gedacht, Waffenlieferungen, Kriegsunterstützung, wirtschaftliche Boykottmaßnahmen, die natürlich die Bürger Russlands schädigen, gutzuheißen. Angesichts der imperialen Absichten, die dieser Aggression zugrunde liegen, sehe ich keinen anderen Weg.

Leider wird dieser Krieg neben allem unmittelbaren Leid, Tod und Zerstörung auch mentale Verwüstungen anrichten: den Nationalismus, den es in der Ukraine gewiss auch schon vor dem Krieg gegeben hat, enorm verstärken, den Völkerhass schüren, antidemokratische Strömungen auch in der Ukraine anwachsen lassen. Ob die baldige Mitgliedschaft eines solchen Landes der europäischen Idee und der EU nützen wird, wage ich zu bezweifeln.

Hilfe muss diesem Land in den kommenden Jahren aber uneingeschränkt gewährt werden!

Beitragsbild: Von armyinform.com.ua – https://armyinform.com.ua/2022/03/26/francziya-vymagatyme-vid-rf-znyaty-oblogu-mariupolya/, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=116431122

References

References
1 EMMA, 29.04.2022: Der Offene Brief an Kanzler Scholz
2 ZEIT online, 29.06.2022
3 3 NDR, Offener Brief zum Ukraine-Krieg: “Es geht darum, fatale Schäden zu vermeiden“, Interview mit Juli Zeh
4 Podcast „Geyer & Niesmann“ des RedaktionsNetzwerks Deutschland – RND
5 Berliner Zeitung, 11.10.2022: Vom Wirbel des Krieges gepackt: Daniela Dahn zu Waffenlieferungen
6 ZEIT online 6. 7. 22
7 DEKODER: RIA Nowosti: Programm zur „Entukrainisierung“?
8 Was Russland mit der Ukraine tun sollte
9 Medwedjew: Über Fälschungen und echte Geschichte
10 Ende des Russiche-Türkischen Krieges 1768-1774: Sieg Russlands. Das Krim-Khanat wird formell vom Osmanischen Reich unabhängig, gerät aber unter den Einfluss Russlands. Es wird 1783 annektiert und als Oblast Taurien ein Teil Neurusslands.
Der Beginn der politischen Inkorporation der Ukraine durch das Zarenreich wird in der Regel auf das Jahr 1654 datiert, als der Kosakenführer Bohdan Chmelnyzkyj in Perejaslaw einen Treueschwur auf den russischen Zaren leistete. Dies geschah im Kontext des Kosakenaufstands gegen Polen-Litauen, den Chmelnyzkyj 1648 mit dem Ziel losgetreten hatte, die eigenen Privilegien zu verteidigen. Der Schwur von Perejaslaw gehört bis heute zu den zwischen der Ukraine und Russland umstrittensten historischen Episoden. Es gibt einen zentralen russisch-imperialen Mythos, demzufolge dieser Schwur die „Wiedervereinigung“ zweier Völker markierte. Aus ukrainischer Sicht gab es zum Zeitpunkt des Schwures nicht die Vorstellung einer „Wiedervereinigung“ eines Volkes von Russländern und ukrainischen Kosaken. Beide Seiten hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Beziehung sie mit der Vereinbarung eingingen.
Aus Moskauer Perspektive handelte es sich um die Unterwerfung der Kosaken unter die Herrschaft des Zaren, aus ukrainisch-kosakischer Perspektive war es der Beginn einer jederzeit kündbaren Allianz zwischen zwei gleichberechtigen Partnern.
11 V. Putin: Rede an die Nation vom 21.2.2022
12 V. Putin: Über die historische Einheit von Russen, Essay 12. Juli 2021
13 Sabine Fischer : Friedensverhandlungen im Krieg zwischen Russland und der Ukraine: Mission impossible
14 Franziska Davies: Schauplatz und Akteur europäischer Geschichte

Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Ich habe nicht geglaubt, Zeuge eines Eroberungskrieges in Europa werden zu müssen. In der vergangenen Nacht hat die russische Führung unter Putin – vielleicht ist diese Führung auch Putin allein – erneut das souveräne Nachbarland Ukraine überfallen. Nein, das hatte ich nicht geglaubt, nicht wahrhaben wollen, nun ist es geschehen und ich bin entsetzt. Jewgeni Jewtuschenko fragte 1961 Хотят ли русские войны? – Meinst du, die Russen wollen Krieg? Jahrzehntelang hätte ich mit NEIN geantwortet, sechzig Jahre später muss ich JA sagen – wer auch immer in diesem Falle Die Russen sein mögen.

Was können wir tun in dieser Situation außer hilflos dieses Verbrechen zu verurteilen? Wenig nur. Sicherlich aber müssen wir klar sagen, wer die Schuldigen sind: die Regierenden der Russischen Föderation mit ihrem Führer Putin, der offensichtlich seit langem diesen Krieg gegen das Nachbarland vorbereitet hat. Während wir – ich eingeschlossen – noch darüber diskutierten, wie man mit Verständnis für russische Ängste enge diplomatische Beziehungen, ja eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur in Europa herstellen kann, hat Putin seinem historischen Verständnis entsprechend systematische Vorbereitungen für den Überfall getroffen. Das Ziel ist “die Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine“ und „… diejenigen vor Gericht (zu) stellen, die zahlreiche blutige Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung, einschließlich der Bürger der Russischen Föderation, begangen haben“, so Putin in seiner Rede heute in aller Frühe. Was soll das heißen? Ein Regime von seinen Gnaden zu errichten, eines das agiert wie das in Belarus? Frei gewählte Abgeordnete und Regierungsmitglieder eines souveränen Landes in Straflager wegzusperren? Wir werden es entsetzt erleben.

Noch einmal: Was können wir tun?

Sollten Ukrainische Bürger hier Zuflucht suchen, werden wir ihnen beistehen!

Meinungsfreiheit

Ich bin entsetzt über die Morde im Namen Allahs und seines Propheten, Morde, begangen von Islamisten in Europa, jüngst erst in Deutschland, Frankreich und Österreich.

Unser Verein – Initiative Müritz hilft – hat Geflohenen in den vergangenen Jahren nach Kräften zu helfen versucht, hier im Land ein sicheres Zuhause zu finden. Sie kamen mehrheitlich aus Syrien oder Afghanistan. Von vielen der Alteingesessenen unserer Stadt wurden sie – oft abschätzig gemeint – Asylanten genannt, als geschlossene Gruppe fremdartiger Menschen fremden Glaubens angesehen.Wenn über die Geflohenen gesprochen wurde, dann oft in der Form “das sind Moslems”, “die fordern und bekommen alles …”. Wir lernten aber einzelne Menschen kennen, verschieden im Verhalten, freundlich und verschlossen, unterschiedlich wie wir. Aus Unterhaltungen erfuhren wir von einigen den religiösen Hintergrund. Die meisten sind sunnitische Muslime, unter ihnen gibt es aber auch Christen und Gläubige anderer Konfessionen Als Gruppe einte sie einzig die Flucht vor dem eigene Tod und dem ihrer Kinder, die Sorge um zurückgebliebene Verwandte in ihren Heimatländern und die Erfahrung des gefährlichen Fluchtwegs.
In Gesprächen mit einigen der neuen muslimischen MitbürgerInnen lernte ich, wie unterschiedlich der Islam ausgelegt und aufgefasst wird. Der eine nimmt den Koran wörtlich als Gottes Wort mit allgemeingültigen Aussage (“ Nehmen sie denn nicht zur Kenntnis wie die Kamele erschaffen sind und den Himmel, wie er erhöht ist und die Berge, wie sie aufgerichtet sind und die Erde, wie sie flach gemacht worden ist? Sure 88, 17 – 20) und meint, die Erde sei – entgegen jeder neuzeitlichen Auffassung – eine Scheibe. Die andere glaubt, nur die fünf Säulen des Islam (das Glaubensbekenntnis, das tägliche Gebet, die Armensteuer, das Fasten und die Pilgerreise nach Mekka) ernst nehme zu müssen im übrigen aber das Leben einer aufgeklärten jungen Frau führen zu können.

Weitgehend einig scheinen mir jedoch viele darin zu sein, dass Männer die Familie ernähren müssen, Frauen ins Haus und zu den Kindern gehören, Kinder ohne Schläge und Furcht vor den Strafen Allahs nicht erzogen werden können. Einig ist man sich auch darüber, dass beleidigende Äußerungen über den Propheten – auch schon das Herstellen eines Bildes von ihm – Tonsünden sind, wohingegen karikierende Darstellungen des Westens oder von Juden eher lustig gefunden werden.

Sicherlich würden (fast ?) alle unserer ehemaligen Schutzbefohlenen die islamistischen Morde in Frankreich und Österreich im direkten Gespräch verurteilen, nicht aber ohne zu betonen, dass diese eben eine Reaktion auf die Islamfeindlichkeit der Karikaturen seien.

Nein! müssen wir ihnen sagen.

“Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten…”

Die fehlende Akzeptanz des Artikels 5 unseres Grundgesetzes ist die Grundlage solcher Taten, verbunden mit der ungeheuren Anmaßung der Islamisten, sich zum Richter über Leben und Tod aufzuschwingen.

Diese Selbstermächtigung, (über) andere zu richten,

schreibt Kevin Kühnert

stellt nicht nur einen ungeheuerlichen Eingriff in die erstrittenen Regeln menschlichen Miteinanders dar. Es handelt sich auch um durch und durch autoritäre Taten, die sich nicht nur gegen Recht, Gesetz und gesellschaftliche Normen, sondern insbesondere auch gegen die von links proklamierte Gesellschaft der Freien und Gleichen mit mörderischer Brutalität wendet.

Ich sehe es als unsere Aufgabe, klar und deutlich diese Taten Verbrechen zu nennen und die Täter als Islamisten zu bezeichnen, die im Namen des Islam Menschen töten. Ich sage das auch auf die Gefahr hin, als islamophob zu gelten und rechtsradikale Ansichten zu vertreten.

Wir sollten nicht aufhören, uns selbst und den neuen muslimischen MitbürgerInnen den Wert der Grundrechte unserer Verfassung vor Augen zu führen. Dazu gehört nicht nur der Artikel 16a, der Geflohenen Aufenthalt und Schutz hier ermöglicht, oder der Artikel 4, der jedem die freie Religionsausübung garantiert, sondern auch der Artikel 3, der Männern keine besonderen Rechte gegenüber Frauen einräumt und der Artikel 5, der jedem und jeder das Recht auf freie Meinungsäußerungen zusichert, auch das Recht, Bilder des Propheten zu veröffentlichen.

Natürlich werden wir im Verein unsere Hilfe für Geflohene fortsetzen ohne zu fragen, woher Hilfsbedürftige kommen und welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Entschiedener aber sollten wir reagieren, wenn – wie geschehen – sich ein muslimischer Jugendlicher bei der Erwähnung von Juden oder Israels mit den Finger über den Hals streicht und seine Buddies dazu lachen.

lesenswert: Hamed Abdel-Samad: Bitte gefühlsmäßig abrüsten!

Beitragsbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Art_5_GG.jpg;
Klaaschwotzer, CC0, via Wikimedia Commons

Fremdenfeindlichkeit

Ja, ich möchte ein Mensch mit Moral sein, auch in einer Zeit, in der dieses Wort zum Schimpfwort wird.  Ich  bin dafür, den Hilflosen zu helfen, in Not Geratene zu unterstützen, die Artikel 1 und 16 a des Grundgesetzes  und die Genfer Flüchtlingskonvention zu verteidigen und meine  damit nicht die Forderung nach no border.
Ich weiß nicht, ob das  eine linke Haltung ist.  Ich weiß aber, dass diese anständig ist, wie meine Eltern es vor unendlich langer Zeit  genannt hätten.  Wenn dieses altmodische Wort  aus dem Sprachgebrauch verschwindet, ist das nicht wirklich schlimm, wenn es aber in kollektivem Verhalten nicht mehr zu finden ist, nenne ich das eine Katastrophe.

Warum glaube ich nicht mehr, Linke würden solche Forderungen gut finden? Ich lese bei Linken, wer flüchtenden Menschen anderer Herkunft in ihrer Not beisteht, verschärft  die sozialen Probleme, sofern man mit sozial Abgehängten nicht vorher verhandelt, ob sie solche Hilfe für Fremde akzeptieren würden.  Diese Hilfe führe “zu einer Position, deren Kern eine absolute moralische Forderung ist:  Kein Mensch ist illegal, die Grenzen müssen offen für alle sein, die kommen wollen, und jeder, der kommt, hat Anspruch auf die landesüblichen Sozialleistungen, solange er keine Arbeit findet“, wissen Sarah Wagenknecht und Bernd Stegemann.  Ja woher wissen sie das? Weiter erklären sie: Diese “Weltsicht fühlt sich gut an, und sie (die Helfenden) sind darüber mit sich selbst im Reinen …  In jedem Fall blendet diese Moral offensichtliche Zusammenhänge aus, wenn sie ihr eigenes gutes Gefühl in einer Willkommenskultur pflegt, um dann die realen Verteilungskämpfe in ein Milieu zu verbannen, das sich weit weg vom eigenen Leben befindet. Es handelt sich also eher um einen Fall von Doppelmoral.”   Ich weiß nicht, warum diese linken Autoren meinen, nur Besserverdienende würden sich den Luxus von Empathie wegen des guten Gefühls  gönnen. Vielleicht, weil Sarah W. und Bernd S. andere Menschen nicht kennen?

Ich komme aus einem Elternhaus mit  sehr beschränkten Mitteln. Hilfe für Menschen, die solche brauchten, wurde – soweit möglich – geleistet, auch ohne zu fragen, welcher Herkunft der Bedürftige sei. Nun gut, es ging meinen Eltern auch nicht um die Befreiung des ganzen deutschen Proletariats . 

  Ich denke, aus Xenophobie – wohl mit Angst vor Fremden zu übersetzen – folgt Fremdenfeindlichkeit. Ein anderer Linker  (Wolfgang Streeck) fragt allen Ernstes in der ZEIT, was das sei:  “Ist Fremdenfeind, wer … für seine Kinder funktionsfähige öffentliche Schulen braucht, weil er nicht umziehen oder auf private Schulen ausweichen will oder kann? Wer um seine traditionelle, regional geerdete Lebensweise fürchtet? Wer zwischen erwünschten und unerwünschten Neuankömmlingen unterscheiden will?”   

Ja, wer aus den oben genannten Gründen an Leib und Leben bedrohten Menschen, Verfolgten wegen ihres puren Seins , wegen ihres Glaubens oder Herkunft Hilfe verweigert, ist ein Fremdenfeind!  Gründe dafür mag es viele geben: weil er/sie  es nicht besser gelernt hat,  weil seine/ihre Freunde so denken, aus Egoismus und vielen anderen menschlichen Regungen.  
Gründe für Fremdenfeindlichkeit gibt es, aber keine Entschuldigungen, wie den Verlust des Arbeitsplatzes  vor fast 30 Jahren nach dem Exitus der DDR, die Übernahme der Firma durch einen westdeutschen Kapitalisten, die Bedrohung durch die Globalisierung oder den Ausverkauf der Wahrheit durch angebliche “Lügenpresse”.

Ich glaube nicht, dass Fremdenfeindlichkeit ein Merkmal im Rechts-Links-Schema  ist. Es ist ein Zeichen  mangelnder Empathie und ich wiederhole es noch einmal: mangelnder Anständigkeit.




Zum neuen Jahr

Der Verein Initiative Müritz hilft e.V. hat das Jahr 2017 mit einem Konzert des wunderbaren Duo Nachtigall abgeschlossen. Förderer und Mitglieder waren zur Musik und dem anschließenden kleinen Empfang eingeladen.
Beim Zusammentragen der Adressen für die Einladungsschreiben fiel mir auf, wie viele Bürger unserer Stadt sich für die Hilfe- und Schutzsuchenden in den vergangenen beiden Jahren eingesetzt haben: durch aktive zeitaufwändige Unterstützung oder durch finanzielle und materielle Spenden. Das finde ich ermutigend.

Jetzt stellt sich die Frage, wie es 2018 hier, im Land und in der Welt weitergehen wird. Werden die Bewegungen gegen eine liberale und tolerante Haltung, die viele Bürger unseres Bundeslandes erst nach 1989 erlernten, stärker werden? Die Bundestagswahl hat in diese Richtung gedeutet.
Werden die Menschen, die seit der Wende nur wenig über die Akzeptanz von Andersartigkeit gelernt haben, in ihrer Ablehnung alles Fremden erneut bestärkt werden? Durch die Haltung der östlichen Nachbarländer zu Asylfragen, durch die neue Regierung in Österreich, durch AfD-Abgeordnete?
In einer ersten Regelung will die neue Regierung Österreichs dafür sogen, dass Asylbewerber Geld und Handys abzugeben haben, zentral untergebracht werden und dort nur Sachleistungen erhalten.

Begriffe wie “Verschwinden der Leitkultur”, “abnehmende Identität”, ja auch: “Verlust der angestammten Heimat” werden zunehmend auch an gutbürgerlichen Abendbrottischen gesellschaftsfähig. Sogar SPD-Politiker bestärken das: Sigmar Gabriel  hält es in einem Spiegelbeitrag für wichtig, “eine offene Debatte über Begriffe wie ‘Heimat’ und ‘Leitkultur’ zu führen” und: “Als Sozialdemokraten und Progressive haben wir uns kulturell oft wohlgefühlt in postmodernen liberalen Debatten. Umwelt- und Klimaschutz waren uns manchmal wichtiger als der Erhalt unserer Industriearbeitsplätze, Datenschutz war wichtiger als innere Sicherheit.” Das klingt, als sei die Zukunft der Welt eine Angelegenheit postmoderner liberaler Debatten in Salons intellektueller “Spinner” und der Datenschutz ein überflüssiges Anhängsel der Demokratie. Gabriel wendet sich gegen eine ” durch Diversität, Inklusion, Gleichstellung, Political Correctness gekennzeichnete “Postmoderne” und erklärt das Jahr 2015 als “Jahr der offenen Grenzen” zu einem “Sinnbild für die Extremform von Multikulti, Diversität und den Verlust jeglicher Ordnung.” ((s. dazu auch: Margarete Stokowski)). Er sollte sich um das Amt des Außenministers in der neuen Österreichischen Regierung bewerben, statt weltoffene SPD-Mitglieder zu verunsichern.

Ich habe die beiden letzten Jahre  als immer bessere Bewältigung der Probleme durch zivilgesellschaftliches Engagement erlebt – im Gegensatz  zum Genossen Gabriel und vielen anderen Mitbürgern, die wahrscheinlich Fliehende nur aus dem Fernsehen als anstürmende Flut kennen. Ich habe sehr viele Syrer in meiner Stadt kennen gelernt.
Die meisten von ihnen können sich heute auf Deutsch verständigen und finden sich selbständig in der neuen Umgebung zurecht. Nach erfolgreichen Praktika und Aus- und Weiterbildung nehmen sie in zunehmendem Maße Arbeit auf, unbegleitete Jugendliche lernen in den Schulen – einige auf dem Gymnasium.
Das trifft natürlich nicht für alle zu, und mancher Problemfall wird uns auch künftig beschäftigen.
Diese Arbeit wollen wir fortführen im Interesse derjenigen, die unsere Hilfe brauchen, aber erst recht im eigenen Interesse: uns eine freie, liberale, tolerante Lebensweise nicht durch Ansichten der Kaczyńskis, Orbáns, Straches und Höckes zerstören zu lassen.

Ich wünsche uns allen ein gutes 2018!

Ratschläge von Rafik Schami an Geflüchtete

Im Kölner Stadtanzeiger waren im Frühjahr des vergangenen Jahres zehn Ratschläge des bekannten syrischen Autors Rafik Schami an seine 2015 nach Deutschland geflohenen Landsleute zu lesen.

Ich fürchte, nur wenige der eigentlichen Adressaten nahmen sie bisher zur Kenntnis, obwohl sie auch auf Arabisch veröffentlicht worden sind. Im ersten Jahr hatten die meisten von ihnen sicherlich auch andere Sorgen und Aufgaben: sich in neuer Umgebung und abhängiger Situation zurecht zu finden, zu lernen, sich in der neuen Sprache verständlich zu machen, das tägliche Leben zu meistern. Nun sind sie zwei Jahre im Land und es wäre gut, wenn sie sich mit diesen Ratschlägen vertraut machen würden, denn

1. Die Zeit ist hier in Deutschland reif für sie, um in Freiheit nachzudenken, selbstkritisch und ohne Angst und Tabu, was sie zu dieser Misere geführt hat. Ich gebe ein paar Stichpunkte: die Sippe, das Erdöl, die Diktatur, die Vermischung von Religion und Politik.

In Gesprächen mit gesprächsbereiten geflüchteten Syrern höre ich immer, bis zum Jahr 2011 hätten alle Menschen in Syrien friedlich zusammengelebt, Sunniten mit Christen und Alawiten, Kirchen aller Glaubensrichtungen hätten in Syrien neben einander gestanden. Erst der Bürgerkrieg habe alles verändert und niemand kann sich das erklären.
Wenn ich aber im vergangenen Jahr mit einzelnen  sprach, fielen Sätze wie: “Ich habe keine schlechte Meinung von anderen Menschen, aber die Schiiten sind keine Moslems, sie sind Ungläubig und lügen”, “Alawiten sind die Diener von Bashar (al Assad)”, oder “Jeder kennt bei uns das Buch Protokolle der Weisen von Zion , da steht die Wahrheit über Juden, wie sie wirklich sind und was sie wollen”, “die Frau ist nicht gut, so wie sie sich anzieht”. Vorurteile, Abwertung anderer, Ablehnung kultureller Haltungen, Hass auf andere nicht erst seit 2011, denke ich. Sich darüber ein selbstkritisches, tabufreies Bild zu machen, wäre gut.

2. Die Flüchtlinge sollten zur Kenntnis nehmen, dass sie  im christlichen Abendland aufgenommen worden sind. Und sie werden dieses weder kurz- noch langfristig verändern. Wollen aber sie sich verändern und damit  am zivilisatorischen Prozess teilnehmen, dann müssen sie die Sprache dieses Landes ernsthaft lernen.

Nun, ich habe mit dem Begriff “Christliches Abendland” meine Schwierigkeiten. Das klingt, als wären wir  im (West-) Europa von heute mehrheitlich gläubige Christen, wie die zu uns Geflohenen aus dem Nahen Osten größtenteils Muslime sind. Fast niemand teilt hier noch die  antike oder mittelalterliche Vorstellung von Europa als dem westlichsten, der untergehenden Abendsonne am nächsten gelegenen christlichen Erdteil, es sei denn man gehört zur AfD oder einer anderen nationalistischen Gruppierung, die plötzlich Abendland und Christentum wieder entdeckt haben und Anpassung an die deutsche Leitkultur fordern.
Bei allem Unbehagen an diesen Termini bemerke ich jedoch immer deutlicher die kulturellen Unterschiede zwischen mir (sowie den meisten meiner Bekannten und Freunde) und den muslimisch Erzogenen. Das Befolgen von Regeln steht bei ihnen deutlich über der individuellen Entscheidung. Sie verstehen nicht, wie Kindererziehung  ohne körperliche Bestrafung bei Regelverletzung gehen soll. Die Vorstellung der Gleichheit von Mann und Frau ist fast allen fremd. Dass HIV-Infizierte nicht weggeschlossen werden, halten die meisten für ein massives Staatsversagen. Die Beispiele lassen sich fortsetzen.
In solchen Haltungen  sehe ich keine kulturelle Bereicherung, sondern hoffe vielmehr auf Anpassung an … ich sag nicht Leitkultur, aber meine doch irgendetwas ähnliches.
Ich lese bei Ulrich Greiner  in der ZEIT (35, 2017, “ Das Eigene und das Fremde – Warum sich der multikulturalistische Traum vom Weltbürger, der überall zuhause ist, so schwer erfüllen lässt”)  zur Entwicklung der Idee vom Recht des Individuums in westlichen Ländern:
“Der englische Ideenhistoriker Larry Siedentop hat es »die Erfindung des Individuums« genannt. Sie entstand aus der christlichen Überzeugung, dass alle Menschen von Gott geschaffen seien und daher die gleichen Rechte hätten. Das waren moralische, »natürliche« Rechte, im Unterschied zu jenen, die sich aus Herkommen und Stand ergaben. Siedentop schildert, wie die Entwicklung des Kirchenrechts, das seinerseits eine Umformung des römischen Rechts war, den Gleichheitsgedanken begründete, auch wenn er zunächst noch nicht »demokratisch« war, denn als oberster Richter in moralischen Dingen verstand sich der Papst in seiner Rolle als Stellvertreter Christi. Zu den Konsequenzen
dieser Entwicklung zählte der Liberalismus, der die Freiheit des Individuums in den Mittelpunkt stellte, die Trennung von privatem Glauben und öffentlicher
Angelegenheit auf die Tagesordnung setzte und damit die Trennung von Staat und Kirche. Der Säkularismus war die unbeabsichtigte Konsequenz, die aus der
Idee der moralischen Gleichheit aller Menschen folgte. Sie bildet bis heute den unterschied zwischen Orient und Okzident.”

Ohne die Sprache zu beherrschen, haben Geflohene keine wirkliche Chance eines selbstbestimmtes Lebens in Deutschland. Das haben die meisten verstanden. Schwer fällt aber zu akzeptieren, dass eingelernte Verhaltensweisen und Kleiderordnungen sie hindern werden, bestimmte Berufe auszuüben, auch bei Berufung auf die Religionsfreiheit hierzulande. Beispielsweise ist Kurzarmkleidung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Vorschrift für Pflegekräfte, und eine Sprechstundenhilfe mit muslimischem Kopftuch wird im ländlichen Mecklenburg eher die Ausnahme bleiben.

3. In diesem Land sind Frauen und Männer gleichberechtigt.

Mein muslimischer Freund A.:
Im ersten Jahr seines Hierseins hatte ich von ihm den Eindruck eines aufgeschlossenen modernen jungen Mannes. Er erklärte, er würde Menschen jeden Glaubens akzeptieren (nur keine Schiiten), seine Religion  sei tolerant und würde sich den Veränderungen der Welt anpassen. Er begegnet meiner Frau mit großem Respekt. Wenn er mit uns bei uns zu Hause Kaffee trank, wusch er das Geschirr ab und räumte es fort.

Nun hat er seine Familie wieder bei sich, die Freude war überwältigend.

Vor ein paar Tagen war ich bei ihm zu Hause. Seine Frau brachte auf einen Hinweis von ihm den Kaffee, fragte ihn, ob er Zucker wolle. Er bejahte und sie tat den Zucker in seinen Kaffee. Anschließend bedeutete er ihr, sie möge auch noch umrühren. Auf meine erstaunte Nachfrage meinte er, dass es die Aufgabe der Frau ist, im Hause für den Mann da zu sein. Er muss nicht nur Deutsch lernen, sondern auch den Inhalt und die Bedeutung des Artikels 3, Grundgesetz.

4. Die reichen arabischen Länder haben sie im Stich gelassen. Diese Länder spielen sich auf als Hüter des Islams und handeln gegen den Koran und seinen Propheten.

Gemeint sind hier vor allem Saudi Arabien und die Emirate.
 "Warum lasst ihr sie nicht herein, ihr unfreundlichen Menschen?" 

Die Saudis haben zwar eine halbe Million Syrer ins Land gelassen aber ohne jede staatliche Unterstützung. Die Flüchtlinge sind staatlicher Willkür ausgesetzt (Spiegel). Heute müssen Geflohene für jedes Familienmitglied eine Art Steuer an den Staat abführen, so dass viele gezwungen sind, das Land aus Not wieder zu verlassen, wie mein Freund A. mir erzählte. Sein Bruder und seine Mutter lebten dort und sind nun  in den Krieg nach Syrien zurückgekehrt.

5. Sie sollten wissen, ein Gast in der arabisch-islamischen Welt ist ein edler Gefangener seines Gastgebers. Die bürgerliche Gesellschaft achtet die Würde, auch die des Fremden, daher sind sie keine Gefangenen, sondern Gäste mit beschränkten Rechten. Ein Weiser wirft keinen Stein in den Brunnen, aus dem er trank.
Ich kann den Status des Gastes in der arabisch-islamischen Welt nicht beurteilen, der Autor Rafik Shami wird es wissen, wenn er vom Gast als edlem efangenen spricht. (Was man wissen sollte, wenn man Gast einer arabischen Familie ist oder Gastgeber, kann man hier erfahren).
Dass  Geflohene aus Syrien und dem Irak in Deutschland generell als Gäste behandelt werden, kann ich nicht erkennen. Sie sind Bittsteller mit durch Gesetz und das Verhalten der jeweiligen verantwortlichen Bürokraten eingeschränkten Rechten.Einige Menschen in meiner Umgebung nehmen sie jedoch als Gäste war oder wurden gute Freunde.
Unter den zu uns Gekommenen gibt es durchaus auch Menschen, die ihren Status als Flüchtling in Europa nicht verstehen wollen oder können, die glauben, was ihnen dubiose “Helfer” in Syrien oder auf dem Weg hierher erzählten: Hier gäbe es alles, was man braucht,Häuser, Autos, gut bezahlte Arbeit, ein Leben im Überfluss. Vielleicht wendet Rafik Schami sich an diese Gruppe.

Helfer

Kürzlich bekam ich eine e-Mail unbekannter Herkunft, die mich auf eine mir bisher fremde Website schickte. Dort wurde unser Verein in einem polemischen Beitrag kritisiert, der die Arbeit für die Geflohenen deutlich zu stören, den Verein gegen andere Helfer auszuspielen suchte.

Beim Lesen dachte ich zuerst an eine AfD-Quelle, dann aber glaubte ich, den Stil des mir sehr wohl bekannten ehemaligen Mitglieds W. zu erkennen. Er hatte den Verein verlassen, weil es ihm dort an Basisdemokratie mangelte, weil Treffen zu Terminen stattfanden, die ihm nicht passten, weil  man die von ihm vorgenommene Veröffentlichung von Namen Geflohener im Internet kritisiert hatte und seine Arbeit  – ihm zufolge – nicht genügend gewürdigt wurde. Jetzt erscheint es ihm offenbar wichtiger zu stören, als Hilfe durch andere zuzulassen. Diese Ichbezogenheit von Helfern ist jedoch keine Ausnahme, wie ich in den vergangenen beiden Jahren  lernen musste.

Anfangs gab es große Hilfsbereitschaft in der Stadt wie im ganzen Land, scheinbar eine starke Empathie. Inzwischen habe ich meine Zweifel. “Ich glaube, dass viele Menschen damals im September 2015 und auch in den Folgemonaten von einer sonderbaren Begeisterung erfasst waren. Das wurde häufig als Empathie bezeichnet. Was aber möglicherweise in vielen Fällen stattgefunden hat ist, dass die Menschen sich mit den Helfern identifiziert haben. Sie haben sich gar nicht so sehr auf die Flüchtlinge direkt eingelassen, haben keine langfristigen Beziehungen und Freundschaften aufgebaut, sondern wollten sich als die Helfer sehen, als die Guten. Und das ist etwas anderes als Empathie. ... Wer Anerkennung will, erwartet auch Dank“, sagt der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt , aber: “Falsche Empathie ist nicht von langer Dauer“. Bis zum Unmut über die Flüchtlinge sei es nur ein kurzer Weg. Ich habe den Eindruck, auch viele Helfer der Anfangszeit bei uns suchten vor allem  die dankbaren Blicke und Gesten der Hilfesuchenden, das gute Gefühl, Gutes zu tun, Punkte zu sammeln vor Gott und dem eigenen Gewissen. Fordernder Alltag und dessen Aufgaben, ungenügende Dankesbezeugungen und befremdliches Verhalten von Geflohenen führten zu abnehmender Lust an regelmäßiger Hilfestellung. Mit Entschuldigungen wie: man brauche Zeit für die eigenen Aufgaben, der Urlaub warte, die Situation komme unpassend usw. verabschiedete  sich manch einer aus dem Kreis der Helfer oder verschwand ganz ohne Erklärung.
Anderen gefiel die Vereinsgründung nicht, entweder aus Prinzip oder wegen angeblich mangelnder Demokratie oder weil da kein bezahlter Job zu haben war und  das Engagement  kontinuierliche Arbeit ohne Dank erfordert.
Glücklicherweise gibt es auch Menschen, die inzwischen liebgewordenen Familien zur Seite stehen, ohne Organisation und ohne  Öffentlichkeit. Andere wiederum  unterstützen den Verein durch ihre Mitgliedschaft und aktive Mitarbeit und motivieren zum Weitermachen.

Sommerfest

Vor zwei Wochen gab es zum zweiten Mal ein interkulturelles Sommerfest. Wir nennen es so, weil wir – der Hilfeverein – alle Menschen unserer Stadt dazu einladen. Hier und in den umliegenden Gemeinden leben fast 800 Menschen aus 62 Nationen. Es kamen aber außer vielen unserer neuen syrischen Mitbürger nur Deutsche. Wir hätten auch gern einige andere begrüßt.

So war es ein syrisch-deutsches Fest mit syrischen Salaten, gegrillten Hähnchen und Kabāb. Das Fleisch war wegen moslemischer Speisevorschriften extra herbeigeschafft worden. Auf einem anderen Grill lagen auch Würstchen vom Schwein. Die Kuchen waren mehrheitlich deutscher Herkunft, der Kaffee kam aus einer deutschen Kaffeemaschine. Interkulturelle Essensvielfalt.

Gemischte Gruppen aus Deutschen und Syrern hatten gemeinsam alle Vorbereitungen getroffen. In einer langen und heftigen Diskussion – meist auf Arabisch – war beschlossen worden, das Halalfleisch in Berlin besorgen zu lassen. Wichtig war auch die Menge und Beschaffenheit von Petersilie für Tabouleh (wenn ein Deutscher den Begriff mit Endbetonung ausspricht, erntet er fröhliches Gelächter ). Wir lernten auch, welche Wichtigkeit  die Zubereitung dieses schmackhaften Salates besitzt, jede Stadt in Syrien scheint ein spezielles Rezept zu haben, das unbedingt eingehalten werden muss. Unerlässlich auch das Fladenbrot, deutsches Brot wird nicht gegessen – so wie auch fast alle anderen Gerichte aus europäischer Küche mehr oder weniger klar abgelehnt werden. Gründe dafür sind nicht zu erfahren, in arabisch freundlicher Art wird beteuert, das Essen sei köstlich, aber es bleibt unberührt auf dem Tisch zurück. Das Interesse an neuen kulturellen Erfahrungen im neuen Land ist bisher anscheinend gering. Auch der Auftritt einer deutschen Sängerin wurde von lebhaftem arabischen Gespräch begleitet. Sie war bewundernswert professionell und brachte ihr Programm unter begeistertem Applaus einiger Deutscher und dem fröhlichen Tanz kleiner Syrer zu Ende.

Ein Film von Eberhard Albinski

Plötzlich Chaos: Menschen laufen, ein syrischer Halbwüchsiger mit irrem Blick ist kaum aufzuhalten, Geschrei… Ein  anderer Junge blutet, auch ein älterer Syrer.  Krankenwagen und Polizei stehen nach kurzer Zeit vor der Tür. Ich verstehe nichts.

Angeblich ist der blutende Junge einer jungen Frau körperlich zu nahe gekommen, diese hat ihm zwei Teller auf den Kopf geschlagen. Eine Platzwunde ist das Resultat. Ebenso Anzeigen wegen Körperverletzung. Offenkundig gibt es Differenzen zwischen den Familien, die handgreiflich ausgetragen werden. Fremd für mich, wenn auch auf Volksfesten hierzulande körperliche Auseinandersetzungen nicht ungewöhnlich sind.

In der Fremde

Seit fast zwei Jahren helfe ich aus dem Krieg in Syrien Geflohenen, in unserer kleinen Stadt leben zu können. Es sind Menschen anderen Aussehens, Frauen oft mit Kopftüchern. Sie sprechen eine uns bisher unbekannte Sprache, schreiben eine Schrift, die an Spuren merkwürdiger kleiner Tiere im Sand erinnert. Die Menschen erscheinen uns fremd, werden von vielen hier mit abwertender Distanz gesehen, von einigen mit Ängstlichkeit, von wenigen mit offener Ablehnung.
Ich werde versuchen, Erfahrungen mit diesen Menschen zu schildern, mir über mein eigenes Bild von ihnen klar zu werden, meine Erwartungen an sie zu formulieren, werde Erlebnisse schildern und Fragen stellen.

Die neuen Nachbarn  aus Syrien, dem Irak und aus Afghanistan sind nicht die ersten Flüchtlinge in Mecklenburg.  Auch ich war einer von denen, die 1945 aus dem Osten kamen und hier ohne Hab und Gut strandeten.
Meine Mutter war mit uns Kindern vor dem heranrückenden Krieg geflohen, ohne Dach über dem Kopf, ohne zu wissen, was ihre Familie erwartet.  Wir fanden ein Quartier zusammen mit zwei anderen Familien in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem kleinen Dorf Westmecklenburgs. Eine Wäscheleine mit darüber hängender Pferdedecke markierte den Familienraum. Wir wurden als Fremde angesehen. Wenn wir auch Deutsch sprachen, klangen wir doch fremd mit der Mundart aus dem Osten und willkommen waren wir nicht.
Die Frau eines benachbarten Bauern nahm sich unser an. Sie brachte Teller und Tassen, wärmende Decken für die Nacht, das Nötigste zum Leben und das Wichtigste: menschliche Zuwendung. Wir verdanken ihr sehr viel – vielleicht das Überleben.

Siebzig Jahre später kamen wieder Kriegsflüchtlinge nach Mecklenburg, auch sie ohne materielle Habe und auf Hilfe angewiesen. Sie brauchten Dinge des täglichen Lebens, Wohnraum und menschliche Nähe. Das Nötigste bekamen sie vom Staat: eine Unterkunft, ebenso erste Hilfestellungen durch Sozialarbeiter und staatliche Institutionen, etwas Geld zum Leben. Hilfe gab es auch durch Freiwillige, die aus unterschiedlichsten Motiven den neuen Nachbarn beistehen wollten.
Ich machte mit, weil die Zeit unserer Ankunft in der Fremde mich geprägt hatte. Ich helfe in der Hoffnung, die Kinder der hierher Gekommenen werden sich eines Tages an mich erinnern, wenn Menschen aus Not fliehen müssen und Hilfe brauchen. Sie werden weitergeben, was sie bekamen, so wie ich weitergebe, was meine Familie vor siebzig Jahren von unserer Nachbarin bekam.