Warum ich keine Heimat habe …

Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.

Johann Gottfried Herder

Heimat ist in jüngerer Vergangenheit ein viel diskutierter Begriff. Ministerien in Deutschland führen ihn als Bezeichnung: im Bund das Ministerium des Inneren, im Bayern hielt man es für geboten, Heimat im Ministerium für Finanzen unterzubringen, Nordrhein-Westfalen hat ein Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung. In kontroversen Diskussionen über kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung, über Herkunft und Identität ist oft von Heimat die Rede – der Zentralbegriff in Wahlkampagnen der AfD1Georg Schuppener: Heimat-Lexik und Heimat-Diskurse in AfD-Wahlprogrammen, Revista de Filología Alemana, 29, 2021. 2017 hielt es der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Ansprache zum 3.Oktorber für geboten, dazu zu sagen:
Diese Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein “Wir gegen die”; als Blödsinn von Blut und Boden; die eine heile deutsche Vergangenheit beschwören, die es so nie gegeben hat. Die Sehnsucht nach Heimat – nach Sicherheit, nach Entschleunigung, nach Zusammenhalt und vor allen Dingen Anerkennung –, diese Sehnsucht dürfen wir nicht den Nationalisten überlassen. “
Auch wir von der Initiative Müritz hilft starteten eine Diskussionsreihe zu diesem Thema mit dem Titel Gesprächen im Café. Wie nicht anders zu erwarten, hatten die Beteiligten sehr verschiedene Auffassungen zum Heimatbegriff. Alle aber verbanden Heimat mit Orten und Räumen, die mit positiven emotionalen, sozialen und politischen Erfahrungen verknüpft sind, mit Vertrautheit, Zugehörigkeit, Wieder- und Anerkennung. Ich hielt diesen Begriff eher für den Ausdruck von Provinzialismus, Gefühlsduselei oder völkischem Geraune, wie Heidi mit dem Alpöhi, Peter Roseggers Waldbauernbub oder dem völkischen Geschwurbel Hermann Löns’: „Ich bin Teutone hoch vier. Wir haben genug mit Humanistik, National-Altruismus und Internationalismus uns kaputt gemacht, so sehr, daß ich eine ganz gehörige Portion Chauvinismus sogar für unbedingt nötig halte. Natürlich paßt das den Juden nicht und darum zetern sie über Teutonismus. Das aber ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.2WDR.

Nach den ersten Diskussionsrunden fragte ich mich, wo und wann ich mich meiner Lebensumgebung zugehörig und vertraut gefühlt hatte, mit welchen sozialen und politischen Gegebenheiten in meinem Leben ich mich identifiziere, welche Lebensorte und -umstände mich emotional so anzogen haben, dass ich sie Heimat nennen würde. Ich kam zum Schluss, solche Orte gab und gibt es für mich nicht.
Als Geflohener hörte ich als Kind – besonders von meiner Mutter – das Seufzen über eine verlorene Heimat, fühlte mich in der sozialistischen Schule fremd, fand mein Land – die DDR – als junger Mensch sehr verbesserungsbedürftig und musste einsehen, dass es nicht zu verbessern war.
In den euphorisierenden Monaten 1989/90 vor dem Beitritt zur Bundesrepublik hatte ich die Hoffnung auf ein Land mit einer sozialen Ordnung, das ich Heimat nennen könnte. Das erwies sich als Illusion, die ich mit einer Minderheit geteilt hatte. Ich wurde Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Land war und ist für mich bereichernd. Es hat mir selbständige Arbeit ermöglicht, mir Reisen erlaubt, die meine Neugier bedienten und meinen Horizont erweiterten, und es hat mir die Hilflosigkeit staatlicher Willkür gegenüber genommen,
Ich habe es aber auch als Land kennengelernt, in dem Ängste vor Überfremdung Fremdenfeindlichkeit produzieren und Hilfesuchende als Schmarotzer gesehen werden und in dem BILD die auflagenstärkste Tageszeitung ist, als Land der langen Diskussionen im Restaurant über die Höhe des Trinkgelds und der grün gewaschenen Werbespots mit aggressivem Aufruf zum Konsumieren. Dieses Land kann ich nicht Heimat nennen, und glaube, ein solches Land gibt es für mich in der Realität auch nicht.
Der Umzug nach Mecklenburg nach dem Ende meines Berufslebens gab mir aber sofort das Gefühl von Vertrautheit mit den mir aus der Kindheit bekannten Landschaften, Orten und der Sprache des Nordens. Meine erste Lektüre waren Fritz Reuters Ut mine Stromtid, Ut mine Festungstid und Ut de Franzosentid. Wir lernten hier Menschen kennen, mit denen wir gern zusammen sind. Ich fühlte ich mich hier zu Hause.

Das wollte ich in einem Film ausrücken, den ich zu einem der Diskussionsnachmittage produzierte.


Ich gab ihm den Titel:
Warum ich keine Heimat habe, aber in Mecklenburg zu Hause bin, dessen Text hier folgt:

Download mit Klick auf das Bild (2,8 GB):

Es folgt der Filmtext:

Heimatlose Gesellen waren schon immer die Nichtsesshaften, die Aufrührer, die Unangepassten, die Fremden, die immer Schuld hatten, wenn sich Unzufriedenheit, Unruhe und Unsicherheit im Land breit machten oder wenn politische oder soziale Änderungen gefordert wurden. Das meinte schon Friedrich Wilhelm von Preußen im März 1848:

Frankfurt am Main : Univ.-Bibliothek, 2015

Bis heute und in verstärktem Maße wird der Begriff Heimat gebraucht, wenn Sicherheit, Geborgenheit und Aufgehobensein beschworen, aber auch Einordnung in die Gesellschaft und in nationale Gegebenheiten gefordert wird. Heimatlose sind eine Gefahr – so meinen viele Heimatverbundene, wie Björn Höcke: In Thüringen gibt es keine Willkommenskultur für illegale Einwanderer, sondern nur eine Verabschiedungskultur! Punkt!

Ich bin heimatlos aufgewachsen, obwohl meine Eltern alles taten, mir Geborgenheit und ein sicheres Zuhause zu geben. Sie sprachen ständig vom verlorenen Land ihrer Vorfahren, vom Baltikum, das sie immer nur Heimat nannten. Schon mit dem Sprechenlernen hatte ich aus den Seufzern meiner Mutter erfahren, dass es keine Heimat mehr gibt, diese für immer verloren ist. Später im Schulchor sang ich:

Unsere Heimat: Das sind nicht nur die Städte und Dörfer.
Unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsere Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld
und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde
und die Fische im Fluss sind die Heimat.

Das fand ich als Dorfkind schön. Weniger dann die Begründung, warum diese Heimat liebenswert sei:

Und wir lieben die Heimat, die Schöne und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört.

Ich dachte, wir lieben sie, weil ihre Natur schön ist, zum Spielen einlädt, weil es Interessantes zu entdecken gibt und es egal ist, wem sie gehört.
Dann lernte ich; Heimat muss man verteidigen. Als ich in der Schule das Sportabzeichen erwarb, forderte es mich auf, bereit zur Verteidigung der Heimat zu sein. Verteidigung war für mich Krieg, und vor dem hatte ich Angst. Wenn Panzer durch das Dorf rollten, erschreckte mich das Geräusch. Heimatverteidigung hieß in meinen Kinder- und Jugendtagen: für Frieden zu sein, sich in der Pionierorganisation oder in der FDJ zu engagieren. Für den Frieden sollten wir uns fremden Einflüssen, wie Bluejeans, Rock ’n’ Roll und der Kirche entziehen. Nicht für die Heimat und den Erhalt des Friedens war jeder, der aus der Reihe tanzte.

Aber auch die Sehnsucht meiner Eltern nach dem Land, aus dem sie gekommen waren und das sie für immer verloren hatten, verband sich mit dem Begriff Heimat. So wurde meine Vorstellung davon durch den Anpassungsdruck der umgebenden Gesellschaft auf der einen Seite und vom Bild eines paradiesischen Zustands in einem fernen Land auf der anderen geprägt.

Helene und Georg Burmeister – die Eltern meines Vaters

Meine Vorfahren waren Auswanderer, die meines Vaters, Mecklenburger Wirtschaftsflüchtlinge, die sich von Katharina II, der Großen, durch einen Ukas eingeladen fühlten, in Russland zu siedeln. Sie hatte 1763 auf Deutsch im Land verbreiten lassen:

Von Gottes Gnaden wir Katharina II., Zarin und selbst Herrscherin aller Reußen sie Moskau, Kiew, Wladimir und mehr …. , dass uns der weite Umfang der Länder unseres Reiches zur Genüge bekannt. So nahmen Wir unter anderem wahr, das keine geringe Zahl solcher Gegenden noch unbebaut liege, die mit vorteilhafter Bequemlichkeit zur Bevölkerung und zur Wohnung des menschlichen Geschlechts nutzbar ist, könnte angewendet werden. So verstatten wir allen Ausländern, in unser Reich zu kommen und sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen.

Elisabeth und Wilhelm Rohde – die Eltern meiner Mutter

Die Vorfahren meiner Mutter kamen irgendwann aus verschiedenen europäischen Gegenden nach Preußen. Die Einen waren als Hugenotten aus Frankreich vertrieben worden, die Anderen aus dem Süden Europas dorthin gekommen, dunkelhaarig, fremd, aussehend. Warum sie ihre angestammte Heimat verlassen hatten, weiß ich nicht. Chacun à son goût, hatte Brandenburgs Markgraf Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst vor 335 Jahren, im November 1685 gesagt und mit dem Edikt von Potsdam ausländische Flüchtlinge eingeladen, sich in seinem Land anzusiedeln, um den Reichtum des Landes zu mehreren, aber auch, um frei von Verfolgung zu sein. Frankreich hingegen sollte nach Ludwig XIV., des Sonnenkönigs Meinung, nur guten französischen Katholiken eine Heimat sein.

Auch mein Großvater mütterlicherseits zog aus Preußen in die russischen Ostseeprovinzen, Arbeit und Auskommen für eine Familie suchend.

Als meine unsteten Vorfahren nach Osten zogen, waren die Ostseeprovinzen Estland, Livland und Kurland Teil des Zarenreichs. Die zahlenmäßige Minderheit von Deutschen dort nannte es ihre Heimat, beanspruchte und verteidigte seit der Eroberung dieser Gebiete durch den Deutschritterorden den politischen und kulturellen Führungsanspruch. In deren Bewusstsein waren die Bewohner des Landes, die Letten, Esten, Russen und Juden kulturell und politisch unterlegene Mitbürger, auch wenn sie die Mehrheit waren.

Die russischen Provinzen Estland, Livland und Kurland

Der Landbesitz war ausschließlich deutschen Adligen vorbehalten. Der Handel und die aufkommende Industrie lagen in deutschen Händen. Riga und Reval waren deutsche Hansestädte, Dorpat, eine deutsche Universitätsstadt. Der Begriff Herr und Deutscher sind in diesem Lande so vollständig identifiziert, dass die Sprache des Esten nur einen Ausdruck für beide (Saxa) hat…,3Julius Eckardt. Die Baltischen Ostseeprovinzen Rußlands, Leipzig 1868, S 23 las ich in einem Buch über die Geschichte der Baltischen Provinzen Russlands aus dem Jahre 1868. Deutsche bestimmten die Leitkultur. Vom 13. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. ließen sich die angestammten Bewohner der Länder, die Esten, Letten, Kuren und Liven das gefallen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwachte ihr eigenes Nationalbewusstsein und Forderungen nach Mitsprache wurden laut.
1816/17 war die Leibeigenschaft aufgehoben und in den 30er Jahren eine geregelte Geldpacht eingeführt worden. Drei Jahrzehnte später entstand ein lettischer und estnischer Bauernstand mit Landeigentum. Zunehmende Bildung schuf eine eigene Mittelschicht. Intellektuelle entdeckten ihr Interesse für die nationalen Sprachen und die eigene Kultur. Diese neu gewonnene nationale Identität wurde von immer größeren Kreisen der Mehrheitsbevölkerung aufgenommen und die Forderung nach nationaler Eigenständigkeit wuchs.

Deutsche glaubten während des Ersten Weltkriegs an eine Angliederung an Reichsdeutschland und wurden stattdessen 1918 Bürger des lettischen oder estnischen Staates, verloren ihre Privilegien und damit ein Stück ihres Heimatgefühls. Deutscher Nationalismus wuchs, machte viele junge Deutsche zu Nazis. Und als Hitler und Stalin sich 1939 auf Einflussgebiete geeinigt hatten, folgten die Deutschbalten Hitlers Ruf Heim ins Reich.

Filmausschnitt:
Außenminister Joachim Ribbentrop fliegt nach Moskau. Die Reise wird die Welt verändern. Der Hitler Stalin Pakt begründet eine bemerkenswerte Freundschaft. Das Dritte Reich wird Polen überfallen und die Sowjetunion die Deutschen dabei unterstützen. Russen und Deutsche teilen Ostmitteleuropa unter sich auf. Die Sowjets lassen die deutschen Minderheiten in die überfallenen Länder ziehen. Die gleichgeschaltete Deutsche Presse bejubelt den Friedensvertrag:

Rund 750 Jahre haben Deutsche im baltischen Nordosten vor den Grenzen des Reiches Wache gehalten. Sie schlugen Schlachten, die Deutsche Schlachten waren. Sie kämpften für eine Sendung, die eine deutsche Sendung war und sie lebten in der von ihnen geformten Heimat. Eine Aufgabe, die stets eine deutsche Aufgabe gewesen ist.4Erhard Kröger, Baltische Monatshefte 10/11 (1939)

Deutschbalten halfen, Polen aus ihrem Besitz im gerade eroberten sogenannten Warthegau zu vertreiben, manche von ihnen auch Juden zu vernichten.

Filmausschnitt:
“Die Besatzer ließen an ihren Plänen keine Zweifel aufkommen. Er ist jetzt Reichsstatthalter und Gauleiter des Warthegaus: Arthur Greiser, Nazi der ersten Stunde. Er entscheidet Überleben und Tod:
Helft mir, das polnische Volkstum zum arbeitenden Volkstum zu degradieren. Helft mir, unser Volkstum und unsere Jugend zum Herrentum zu erziehen, dann, meine Männer und Frauen, ist der Ostraum gesichert.
Zuerst werden die polnischen Eliten hingerichtet, manchmal an geheimen Orten, manchmal öffentlich zur Abschreckung. Massenhinrichtungen sind Alltag. Allein im Warthegau bringen in den ersten Kriegswochen Wehrmacht und Sicherheitspolizei über 10000 Menschen um: Politiker, Ärzte, Rechtsanwälte, Geistliche.”

Meine Mutter beim Kirchentag Berlin 1951

Meine Mutter lehnte Hitler ab, sie hielt ihn für den Antichristen. Sie litt unter dem Unrecht, zu dem auch sie in Polen beitrug und unter dem endgültigen Verlust dessen, was für sie Heimat gewesen war. Mein Vater brauchte die Erfahrung des Krieges in Russland, einer schweren Verwundung und der Gefangenschaft, um das Ausmaß der Verbrechen Nazideutschlands zu erkennen. Er wurde in der DDR Marxist und in einer Blockpartei beim Aufbau des Sozialismus aktiv. Er wollte helfen, eine neue, bessere Welt zu bauen. Meine Mutter blieb, was ich schon vorher war: eine bekennende lutherische Christin.

Im Januar 1945 war sie mit uns Kindern aus Posen vor der herannahenden Roten Armee nach Westen geflohen und völlig mittellos im kleinen mecklenburgischen Dorf Warlow gestrandet. Wir waren Flüchtlinge, Fremde, Heimatlose und man ließ uns spüren, nicht willkommen zu sein. Wir erbettelten materielle Hilfe, sprachen ein fremdes Deutsch mit einer eigentümlichen Sprachmelodie und speziellen Ausdrücken, die niemand dort verstand. Meine Eltern konnten mit den russischen Besatzungssoldaten in deren Sprache sprechen, was vielen auch suspekt war. Eine andere Dorffremde nahm sich unser an: Bauer Schult’s Frau, eine Klavierlehrerin aus Braunschweig, hatte sich einst in den jungen Dragoner des Ludwigsluster Regiments Nummer 17 verliebt und war ihm nach der Hochzeit nach Warlow auf seinen Hof gefolgt. Hier saß sie nun ohne gesellschaftliche Kontakte und freute sich, meiner Mutter in der Kirche begegnet zu sein. So gewann sie jemanden für das Klavierspiel zu vier Händen und für den Austausch über Gelesenes und über religiöse Fragen. Frau Schult unterstützte uns nach Kräften in christlicher Nächstenliebe, gab uns Teller und Tassen, Decken und Essen. Dennoch: Dass dieses Dorf uns nicht Heimat bedeuten konnte, liegt auf der Hand. Und doch sehnte ich mich nach einem Umzug in ein anderes Dorf im Kreis Ludwigslust dorthin zurück, nach den vertrauten Wegen und Feldern, nach Bäumen, auf die wir geklettert waren und nach dem Hof von Bauer Schult. Ich war sechs Jahre alt und wollte die sechzehn Kilometer zu Fuß dorthin zurückgehen, kam aber nicht weit.

Neben dem Sprechenlernen bei meiner Mutter hatte ich auf der Straße und beim Bauern Plattdeutsch zu sprechen gelernt. Das war in den Dörfern noch die gebräuchliche Alltagssprache. Ich hatte Mecklenburger Schwarzbrot und den Geschmack von Milch nach dem Melken lieben gelernt, auch die damals noch selbstgemachten Schinken und Mettwurst. Die breite Aussprache der Mecklenburger gibt mir noch heute ein Gefühl von Zuhause sein, ebenso die Landschaft, die mich hier umgibt und die ich in einem langen Leben in der Großstadt zunehmend vermisst hatte.

In der Schule versuchte man uns zu lehren, die sozialistische Heimat zu lieben und sie gegen den “allgegenwärtigen Klassenfeind” zu verteidigen, ihre Feinde zu erkennen und deren “Machenschafte” zu verhindern. Nachdem das Konzept Deutsche einen Tisch 1952 gescheitert war, sollte nur noch die DDR unsere Heimat sein. Feinde waren Menschen in Westdeutschland oder auch die Junge Gemeinde der DDR. Nach dem “konterrevolutionären” Aufstand am 17. Juni 1953 sah man dann die Feinde überall.

In meinem Elternhaus verlief die politisch-ideologische Grenze über den Familientisch. Meine Eltern versuchten dennoch, uns Kinder gemeinsam liebevoll zu erziehen. Sie trafen die Abmachung, ihre unterschiedlichen weltanschaulichen Sichtweisen nicht vor uns Kindern zu diskutieren. Meine Mutter hatte uns auf ihrer Seite, mein Vater nur seine Partei, außer er machte mit uns lange Spaziergänge, erzählte von seiner Kindheit oder machte uns auf Naturschönheiten aufmerksam. Als ich schon in die Oberschule ging, paddelte er mit mir eine Woche lang die Elde nach Norden bis zur Müritz – eine wunderbare kleine Reise mit ihm. An Wochenenden oder in den Sommerferien fuhr mein Bruder mit mir per Rad durch Mecklenburg, an die Ostsee, in die Uckermark, einmal nach Sachsen und Thüringen. Die langen Anstiege der Straßen an den Hügeln und die Kopfsteinpflaster waren für Radfahrer mit Fahrrädern ohne komfortable Gangschaltung beschwerlich. Die Gestalt der Landschaft, die Natur, die alten Städte Norddeutschlands machten es mir leicht, dieses Land zu lieben, die Politik hingegen machte mir das schwer:

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten…

Der Bau der Mauer unmittelbar nach dem Abitur zog mir den Boden unter den Füßen fort. Ich hatte nicht geglaubt, was man im Frühsommer 1961 über einen Mauerbau munkelte:
Pressefrage PK mit Walter Ulbricht: Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer Freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?
Walter Ulbricht antwortet: Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass die Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft dafür voll ausgenutzt wird – voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!

Ohnmächtige Wut kam auf, als die Grenzen dann doch geschlossen worden. Im Winter 1963 lief ein Schulkamerad über das Eis bei Lenzen in den Westen, ein anderer wurde auf dem gleichen Wege erwischt, landete für fast zwei Jahre im Knast und durfte nicht mehr studieren. Da ich mich geweigert hatte, freiwillig in der NVA zu dienen, bekam ich kein Seefahrtbuch, das ich für ein Studium an der Seefahrtschule Wustrow gebraucht hätte. Mein Traum, die Welt zu sehen bei einem Leben auf See, war zu Ende. Ich begann nach einer Schiffbauerlehre in Stralsund und Arbeit auf der Werft in Warnemünde ein Maschinenbaustudium in Magdeburg.

Das Studium mochte ich, die Vorlesungen zum Marxismus-Leninismus ermüdeten mich. Meine Diskussionsfreude bei der Exegese von Lenins Werken in Seminaren führten zum ernsthaften Verweis des Seminarleiters, der mir mit Exmatrikulation drohte, wenn ich weiter mit bürgerlich-feindlichen Argumenten stören würde. Eine Vorlesungsreihe und Seminare zu philosophischen Problemen in Naturwissenschaft und Technik besuchte ich mit großem Interesse. Zum ersten Mal bemerkte ich, dass marxistische Philosophie sehr spannend sein kann.

In einem Sommer an der Ostsee lernte ich Brigitte kennen. Sie las am Strand Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates von Friedrich Engels. Ich konnte nicht fassen, so etwas freiwillig im Urlaub lesen zu wollen. Dennoch verliebten wir uns und Brigitte überzeugte mich in vielen Diskussionen, dass man sozialistische Ideen auch positiv denken konnte. Die Diskrepanz zwischen der Idee und den realen Erlebnissen im Land aber blieb.

Wir heirateten und zogen 1967 nach Berlin. Auf der anderen Seite der Mauer hatte der linke studentische Protest begonnen. In diesen Aufbruch wurden auch wir durch verschiedene Westberliner Studenten emotional hineingezogen, lernten die Begriffe Sit-in und Teach-in, ohne eine rechte Vorstellung davon zu haben, was das sei, geschweige denn, an solchen teilnehmen zu können. Wir erfuhren von der “Notwendigkeit, die faschistoide Bundesrepublik zu bekämpfen” und “eine neue Welt ohne Ausbeutung aufzubauen.” Uns dagegen war es wichtig, das System der DDR zu verändern, den realen in einen wirklichen Sozialismus zu wandeln. Eine kurze Zeit hofften wir auf die Veränderungen im Land. Diese Hoffnung in einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz wurde 1968 mit Militärgewalt zerstört.

Wir machten das Leid der Menschen in Vietnam zu unserem persönlichen Leid und glaubt an den Sieg des Vietkong. Der Begriff Movimiento de Liberación Nacional-Tupamaros klang in unseren Ohren, wie die Riffs von Jimi Hendrix’ Gitarre. Die Jugend der Welt war auf der Straße. Auch wir waren jung und wollten dabei sein, wollten eine bessere Welt und glaubten, sie zusammen mit allen anderen aufgeschlossenen jungen Menschen auf der Welt erreichen zu können. Einige lernten wir in unserer Hinterhofwohnung kennen. Manche kamen nur einmal, andere oft und wurden zu unseren Freunden. Einer von ihnen wollte uns den chinesischen Weg als den einzig richtigen in eine lichte Zukunft anpreisen, was auf unsere entschiedene Ablehnung stieß. Realen Sozialismus hatten wir selbst genug, da brauchten wir den chinesischen nicht auch noch.
Ein gemeinsames Ost-West-Seminar in unserer Wohnung sollte das theoretische Rüstzeug für die nötigen Umwälzungen bereitstellen. Die Stasi war immer dabei.

Wir hatten Freunde in Leipzig kennengelernt, von denen einige den Protest gegen die Sprengung der Universitätskirche 1968 in Leipzig organisiert hatten:
Während des Abschlusskonzerts des Leipziger Bachwettbewerbs hatten sie durch einen Weckermechanismus ein Plakat mit einer Abbildung der Kirche entrollen lassen. Das Westfernsehen hatte die Aktion in die Welt gesendet. Die Stasi rotierte. Zwei der Aktivisten waren im Faltboot kurz danach über das Schwarze Meer in die Türkei geflohen. Andere wollten in den Westen, da sie die Rache des “Schwerts der Partei” zu Recht fürchteten. In unserer Wohnung trafen sich von nun an uns fremde Menschen. Botschaften wurden mit den Fluchtorganisatoren getauscht. Wir wurden aus Sicherheitsgründen nicht informiert, aber die Stasi durch einen Freund der Leipziger aus Westberlin. Er berichtet ihr unaufgefordert alles. Verhaftungen und Verurteilungen zu langen Haftstrafen folgten in Leipzig. Wir bemerkten, dass wir observiert wurden. Es gab Anzeichen, dass Fremde in der Wohnung gewesen waren.
In den Stasiakten lasen wir, wie aufwendig die Vorbereitung für die Durchsuchung der Wohnung waren. Wir erwarteten auch unsere Verhaftung und hatten für lange Zeit einen unruhigen Schlaf. Wir brachten Papiere unserer Seminare in die Wohnung einer Bekannten. Ihr geschiedener Mann war Stasi-Spitzel, lebte zwar in einer eigenen Wohnung, aber im gleichen Haus mit ihr und beide hatten noch Kontakt zueinander. So erfuhr die Stasi auch das. Den Akten entnahmen wir später die Vorbereitung von Brigittes Verhaftung. 1971. Sie war bereits auf einen Tag festgelegt und blieb aber aus uns bis heute unerklärlichen Gründen aus.

1973 war ich im Glauben an die Veränderbarkeit des real-sozialistischen Systems aus dem Inneren heraus der SED beigetreten. Die Anfänge der Honeckerära deutete ich als Willen der Führung zu Änderungen. Die KSZE-Verhandlungen schienen eine Bereitschaft dazu anzudeuten. Der Putsch in Chile war für mich ein Signal, mich aktiv in die Politik einzumischen: Wenn schon nicht dort in Chile, dann musste hier endlich ein menschlicher Sozialismus geschaffen und mit Mut Rudi Dutschkes Aufforderung zum “Marsch durch die Institutionen” nachgekommen werden. So weit, so dumm!
Das Einzige, was sich in der Partei erreichte, waren eigene Erfahrungen mit ihr, mit ihrer Rigidität und Brutalität, sobald man etwas infrage stellte. Der Kampf gegen meine gesetzeswidrige Einberufung 1975 zum halbjährigen Reservistendienst hatte mir noch einmal den zynischen Umgang des Systems mit den eigenen Gesetzen gezeigt. Biermanns Ausbürgerung und deren politische Folgen sprachen eine deutliche Sprache.
Die Bekämpfung der Thesen des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums als feindlich-negativ empörten mich, und ich hatte eingesehen, in der Partei völlig fehl am Platz zu sein, und war gleichzeitig zu ängstlich und feige wieder auszutreten. Seit 1976 wäre ein Austritt nach dem Parteistatut theoretisch möglich – vorher nur durch den eigenen Tod. Das Ansinnen eines Austritts wurde aber weiterhin in der Realität als feindlicher Akt mit dem Ausschluss aus der SED beantwortet, was unkalkulierbare persönliche Folgen hatte, zum Beispiel die sogenannte Bewährung in der Produktion – ein sehr wirksames Instrument der Verhaltenskontrolle. Der Betroffene musste für einen jeweils individuell festgelegten Zeitraum in einen Produktionsbetrieb, um dort zu arbeiten und sich vor der Arbeiterklasse zu bewähren – wie es hieß. Für mich wäre das ein zeitweiliges Berufsverbot gewesen.
Im Herbst 1988 wagte ich es endlich, das Parteibuch zurückzugeben. Viel hatte sich während des verflossenen Jahres in der DDR verändert – nicht zum Besseren. Meinem Gefühl nach aber war das System schwächer geworden. So hatten im Januar nach den Protesten während der offiziellen Demonstrationen zum Gedenken an die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Verhaftungen stattgefunden, aber trotz Androhung langer Gefängnisstrafen führten sie nur zu Ausweisungen aus der DDR – nicht zu Verurteilungen. Ein paar Jahre früher hätte die Partei noch anders reagiert. Meine Angst vor den Konsequenzen eines Parteiaustritts hatte sich verringert.

Das Jahr 1989 war turbulent. Im Kollegenkreis, auf wissenschaftlichen Konferenzen – auch in den sozialistischen Ländern – diskutierten wir mehr über die politische Situation als über fachliche Themen. An vielen Abenden saßen Brigitte und ich mit Freunden und Nachbarn, debattierend im Spitteleck oder im Fernfahrer beim Bier. Und wir waren uns einig: Ein Weiterso im Lande ist nicht vorstellbar.
Im Mai waren die Kommunalwahlen offenkundig gefälscht worden, der neue Staatsratsvorsitzende Egon Krenz verkündete die willkürlich festgelegten Zahlen im Fernsehen:
Egon Krenz: Für die Wahlvorschläge der Nationalen Front der Deutschen Demokratischen Republik wurden 12182050 gültige Stimmen abgegeben? Das sind 98,5 % und 80% Wahlbeteiligung.
Er sagte später vor der Kommission, die ihn und andere führende Funktionäre aus der SED ausschloss, über die Abstimmung:
Diese Zettelfalterei war keine Wahl. Wenn wir schon zum Kern der Sache vorstoßen wollen – aber bis zu diesem Kern sind damals wahrscheinlich die wenigsten vorgestoßen – dann hätten wir am Abend sagen müssen: Die politische Lage in der DDR ist eine ganz andere. Da stimmt weder das Ergebnis, jetzt würde ich mal eins herausnehmen von 92% noch eins von 95% noch eins von 99%. Diese Zettelfalterei war keine Wahl.

Im Juni nach dem Massaker auf dem Tiananmen in Peking lasen wir im neuen Deutschland: Volksbefreiungsarmee Chinas schlug konterrevolutionären Aufruhr nieder.
Im Sommer öffnete Ungarn die Grenze nach Österreich. Die bundesdeutschen Botschaften von Prag und Warschau füllten sich mit unzähligen DDR-Fluchtwilligen. Ab September demonstrierten Bürger ständig wachsender Zahl, die Implosion der DDR beschleunigte sich.
Jens Reich vom Neuen Forum wurde gefragt, ob er mit der Gründung einer Oppositionspartei rechne:
Das würde ich nicht erwarten, wir haben kein festes Programm. Das kann man auch nicht, wenn man aus dem Schweigen heraustritt, dass man gleich ein festes Programm hat, hinter dem sich alle versammeln.
Wir wollen nicht die politische Macht, sondern was wir wollen, ist ein ein vernünftiger Dialog der Bevölkerung miteinander und mit den Regierenden.

Am 4. November standen wir wie im Traum mit tausenden anderen auf dem Alexanderplatz, applaudierten den Rednern, lachten, brachten Missfallen laut zum Ausdruck.
Christa Wolf:
Ein Vorschlag für 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei.
Die meisten dort auf dem Platz wollten ein verändertes Land. Nicht nur für Jens Reich war dieser 4. November der schönste Tag in der DDR. Ich glaubte, zum ersten Mal eine Heimat finden zu können.
Dann fiel am 9. November die Mauer. Günter Schabowski während einer Pressekonferenz:
die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.
Wann tritt das in Kraft?
– Das Tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort! Unverzüglich.

Die von Egon Krenz ausgerufene Wende wuchs zur Revolution, alte Sicherheiten zerbrachen, gänzlich Neues schien möglich und wurde oftmals sofort wieder zerschlagen. Aus Wir sind das Volk wurde Wir sind ein Volk. Forderungen nach Selbstermächtigung, Perestroika, Meinungsfreiheit und Demokratie mischten sich mit denen nach Einheit und Westgeld.
Im folgenden Jahr bekam die gewendete Ost-CDU bei der Wahl am 18. März über 40 % der Stimmen, Bündnis 90 mit dem Neuen Forum keine drei. Jetzt sahen wir klar: Unsere Wünsche und Hoffnungen waren Wachträume, Illusionen.

Im September beteiligen wir uns an der Mahnwache vor der Stasizentrale Die Akten gehören uns! Beide deutsche Regierungen wollten entgegen einem Beschluss der frei gewählten Volkskammer die Akten in einem Archiv dauerhaft verschließen. Das dürften wir nicht zulassen!
Der Einigungsvertrag bekam tatsächlich einen Zusatz, der den dauerhaften freien Zugang zu den Akten garantierte.

In mein Institut kamen aus Aachen, Stuttgart und München West-Kollegen zur Bewertung der Brauchbarkeit unserer Arbeit. Sie würdigten die Arbeiten des Bereiches:
… besitzen nicht nur eine große, wissenschaftlich technische Aktualität, sie zeichnen sich zudem durch eine gute fachliche Qualität aus.
Das verhalf mir nicht zu einer weiteren Arbeitsperspektive in der Forschung, denn auf die Frage, woher die Mittel für diese kommen sollten, konnten wir nicht antworten. Wir hatten als potenzielle Konkurrenten unserer Evaluierer keine Chance, an Geld zu kommen.

Ich kündigte und begann ein Leben als Unternehmer, immer auf der Suche nach liquiden Mitteln, oft am Rande der Insolvenz. Diese neue Welt konnte mir nicht Heimat werden.
Doch ich war froh, keinem Staatsdiener mehr erklären zu müssen, was ich denke oder woran ich glaube, und ich war glücklich am 1. Mai nie mehr ein Transparent mit einer idiotischen Losung an Politikern vorbeitragen zu müssen, in Buchhandlungen jedes Buch der Welt, das mich interessierte zu finden und mit meinem Pass zu reisen, wohin ich wollte, sofern Zeit und Geld dafür reichten.
Ich lernte, meinen Lebensunterhalt als Unternehmer zu verdienen, Fördergelder zu akquirieren und als Verkäufer der eigenen Produkte Kunden zu gewinnen. Auf häufigen und langen Geschäftsreisen sah ich, wie schön Deutschland ist.
Auch begegnete ich vielen freundlichen Menschen und netten Kollegen. Ich war froh, Freunde und Verwandte im Westen besuchen und durch die Welt reisen zu können.

Mit dem Ende meines Berufslebens stand die Frage, wo wir – Brigitte und ich – den Lebensabend verbringen wollen. In Berlin der Baustellen mit verstopften Straßen und eiligen Menschen wollte ich nicht bleiben. Wir suchten einen neuen Lebensmittelpunkt außerhalb der Stadt. Obwohl wir in einer komfortablen Wohnung vom beeinträchtigen Stadttreiben nur den leisen, nie verstummen Sound mitbekamen, entschieden wir uns für Waren, und ich bin froh, nach Mecklenburg zurückgekommen zu sein.

Wir haben hier, wenn auch keine Heimat, so doch neue Freunde und ein Zuhause gefunden.