General-Karte der Russischen Ostsee-Provinzen Liv-Ehst und Kurland, nach den vollständigsten astronomisch-trigonometrischen Ortsbestimmungen u. den speciellen Landesvermessungen auf Grundlage der Specialkarten v. C. Neumann, C. G. Rücker (Public Domain Mark 1.0)
Wo einst die Eltern lebten
Bericht über eine Reise nach Lettland im Juni 2015
Klaus und Jörn Burmeister
2015
Vorbemerkungen
Lettland hatte zur Zeit der Geburt unserer Eltern zu Russland gehört, war später ein eigenständiger Staat geworden, dann wieder der Sowjetunion einverleibt worden und ist nun ein freies, selbstbestimmtes Land, EU-Mitglied mit Euro-Währung.
Wir waren darauf vorbereitet, als Deutsche auf besondere lettische Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen, denn die deutsche Minderheit im Land gehörte einst bis zum Ruf Hitlers 1939 „Heim ins Reich“, zur herrschenden Oberschicht, die im zaristischen Russland über erhebliche Sonderrechte verfügte und diese auch wie selbstverständlich wahrnahm. Wir, die Nachfahren, hatten das Bild damaliger Zeit hauptsächlich aus den verklärenden Erzählungen der Eltern und bestenfalls anderer Deutschbalten, nicht aber aus der Sicht der Letten. Wie also war das Zusammenleben damals tatsächlich? Lebten die Eltern in einem Miteinander mit der lettischen Bevölkerung oder waren sie als Deutsche tatsächlich abgehoben und mehrheitlich „unter sich“? Wie ist die heutige Atmosphäre? Wie stehen die jeweiligen Nachkommen zueinander? Wie sehen und verstehen die Einheimischen die damalige Zeit? Solche oder ähnliche Fragen warteten auf Antworten, soweit sie überhaupt in der Kürze der Zeit gegeben werden können. Wir hatten bereits vor dieser Reise einigen Kontakt nach Lettland und freuten uns, diesen Menschen begegnen zu können.
Fahrt nach Lettland
Am 20. Juni, es war ein Sonnabend, machten wir uns auf die Reise. Die eigentlichen Ziele waren Talsen (lett. Talsi) in der Provinz Kurland (lett. Kurzeme), der Geburtsort unserer Mutter. die Gärtnerei dort, die sie nach dem Tode ihres Vaters leitete, und Ligat (lett. Ligatne) in der Provinz Livland (lett. Vidzeme), der Geburtsort unseres Vaters mit der seinerzeit berühmten Papierfabrik, in der unser Großvater als Chemiker und Papiermacher zur engeren Leitung gehört hat. Dazu wollten wir auch anderen, noch eventuell sichtbaren Spuren unserer Ahnen nachgehen, Orte besuchen, in denen sie gelebt und gewirkt haben, Ortschaften, Güter, Kirchen.

Die Sonne schien und es versprach, ein schöner Tag zu werden. So fuhren wir von Dresden in direkter Route an Görlitz, Wroclaw und Lodz vorbei durch Warschau hindurch und kamen über gut ausgebaute Landstraßen am späteren Nachmittag bis nach Lomza (gelegen an der Narew). Diese polnische Stadt war im Kriege weitgehend zerstört, in ihrer Geschichte oftmals unter fremdländische Besetzungen geraten – mehrfach in deutschen, russischen und schließlich auch sowjetischem Machtbereich. Sie hat im Laufe der Jahrhunderte und in neuerer Zeit, viel Schrecken erlebt – Judenvernichtung im großen Maße.
Dem nächsten Tag fuhren wir von Lomza über Augustów und Suwalki durch Masuren, quer durch Litauen – bei Jurbarkas über die Nemunas (Memel) – , dann nach Lettland, dort über Saldus, Kuldiga (Goldingen) bis nach Talsi (Talsen). Die Straßen in Litauen sind oft recht gut, wenn auch nicht so gut wie in Polen. Man hat einen schönen weiten Blick über das flache Land mit saftigen und blumenreichen Wiesen, über die vielen, oft recht kleinteiligen Felder, durchmischt von etwas Wald. Die Dörfer wirken freundlich, in den Städten – man fährt allerdings selten durch größere Ortschaften, weil Umgehungsstraßen gebaut worden sind – trifft man oftmals auf hässliche Sowjetbauten. Wen wundert es nach all den Jahren unter der Sowjetherrschaft?
Der Grenzübergang nach Lettland ist ganz unauffällig auf einer Landstraße beim Dorf Ezere. Es ist stimmt froh, durch mehrere Länder reisen zu können, ohne jemals Grenzkontrollen ausgesetzt zu sein. Man fährt einfach über Grenzen und ist plötzlich am Ziel, 1400 km entfernt vom eigenen Zuhause. Talsi empfing uns nach reichlichen acht Stunden Fahrt im Regen.
Talsen

Wir fanden unser Hotel, es heißt wie der Ort „Talsi“, ist ein trister Sowjetbau, ein überdimensionierter Kasten, kaum renoviert, bis auf die Rezeption. Die Internetseite des Hotels verspricht, was der Realität nicht standhält. Die Zimmer sind sehr spartanisch mit IKEA-Möbeln (schöne feste Matratzen!) ausgestattet. Man hat einen wunderschönen Blick über einen der beiden Seen (Vilkmuižas ezers). Dieser Blick hat uns für manches entschädigt, was uns zutiefst unzufrieden machte mit dem Hotel. Der See wirkte bei jeder Tages-, auch Nachtbeleuchtung anders, ist mal sonnenbeschienen, mal neblig-trüb, dann wieder leuchtend um Mitternacht (wir waren schließlich zu der Sommersonnenwende und den langen Tagen dort) oder gar verschwommen, ein Zauber ohne gleichen ging von ihm aus.
Wir verabredeten uns telefonisch mit Miks, unserer Kontaktperson, für den nächsten Tag, machten uns trotz des stärker werdenden Regens schon mal auf den Weg zum Elternhaus unserer Mutter. Wir gingen zu ihrem Geburtshaus in der Zvaigžnu iela 1 (Sternenstraße). Dort hatte unser Urgroßvater, Carl August Rohde (1832-1893), um 1870 eine Gärtnerei gegründet. Sie existiert nun zwar nicht mehr, dafür aber das von ihm 1875/76 erbaute Hause. Miks hatte für den kommenden Tag eine Besichtigung dieses Hauses mit den jetzigen Nutzern verabredet, und wir waren gespannt, Räume betreten zu dürfen, in denen einst Vorfahren gelebt haben.

Zum Abendessen gingen wir ins „Martinelli“, ein Restaurant, quasi gegenüber des Rohdeschen Hauses in der Liela iela (Große Straße). Schon bei meiner ersten Reise nach Lettland hatte ich mich über den Namen gewundert. Dieser italienisch klingende Name gehörte schließlich zu unserem Onkel Oskar Martinelli, einst Pastor der lettischen Gemeinde in Talsi, und trat auch in der Gegend nicht weiter auf. Wir wissen nicht, ob irgendwelche Vorfahren eingewanderte Italiener waren, die vielleicht bei den Rastrelli-Bauwerken in Jelgava (Mitau) und Rundale (Ruhental) mitgeholfen haben könnten. Oskar hatte seinerzeit Herta Rohde geheiratet, eine ältere Schwester unserer Mutter. Er war ein späterer Amtsnachfolger von Carl Amenda, einst Jugendfreund Beethovens in Wien. Oskar lebte, wie sein Vorgänger, auf dem Pastorats-Gut (einige Kilometer östlich von Talsi liegend) und bewirtschaftete es mit seinem Hofpersonal. Wir erfuhren nun, dass dieser wohlklingende Name vom Restauranteigentümer lediglich „ausgeliehen“ war, obwohl es keine persönlichen Beziehungen zur Familie unseres Onkels gegeben hat.
Das Restaurant machte einen freundlichen Eindruck, wirkte gepflegt und liebevoll mit kleinen Accessoires ausgestattet. Man sprach selbstverständlich Englisch. Überhaupt konnte man junge Leute in Lettland auf der Straße einfach auf Englisch fragen und sie antworteten in flüssigem Englisch. Wir aßen gut, preiswert im Vergleich zu deutschen Gegebenheiten. “Martinelli” scheint in Talsi der einzige Ort zu sein, wo man wirklich gut essen kann, jedenfalls bestätigten uns dies später auch unsere neuen einheimischen Freunde, die wir noch kennenlernen sollten.
Talsi ist eine Kleinstadt in der Provinz Kurland, dem westlichen Teil Lettlands, eingebettet in eine hügelige, eiszeitgeprägte Landschaft, erbaut vor etlichen Jahrhunderten auf neun Hügeln, im Tal zwei kleine Seen, einst möglicherweise ein einziger größerer. Hier lebten zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert Kuren, ein zur indogermanischen Sprachfamilie gehörender Volksstamm. Ausgrabungen von 1936 bis 1938 brachten viel altes Kulturgut zutage.

Unsere Mutter hatte als junges Mädchen selbst einmal einen sogenannten Kurenring gefunden, einen mehrfach gedrehten Messingstab, der an einem Ende dünner auslief und zu einem Fingerreif oder Ohrring gebogen worden ist. Er war unserer Familie erhalten geblieben und wir brachten ihn jetzt als Gastgeschenk mit an seinen Ursprungsort, denn wir wollten ihn jemand geben, der das Stück zu würdigen weiß, ihn sozusagen zurückgeben an die Nachkommen einstiger Eigentümer.

Talsi ist auch heute ein fotogener Ort mit vielen alten Häusern (einige sind restauriert, manche drohen einzustürzen oder sind grau und zugenagelt) und der weißen Kirche auf einem alles überragenden Hügel, mit den Spiegelungen im See, einem vielfältigen Grün der Bäume und den blumenbewachsenen Anlagen. Dieses Städtchen ist Zentrum der „kurländischen Schweiz“, wirklich idyllisch gelegen. Aus Gesprächen mit unseren Ortskundigen ging aber hervor, dass meist nur Tagesgäste den Ort besuchen, die abends ihr Bett in Riga oder in einigen der anderen größeren Orte gefunden haben. Dass das Hotel „Talsi“, unser Hotel, schlecht, manchmal gar nicht besucht zu sein scheint, können wir aus eigener Anschauung bestätigen, waren doch während unseres viertägigen Aufenthaltes höchstens sieben Gäste dort.

Unser Urgroßvater, Carl August Rohde war als Gärtner nach Talsi gekommen, um dort eine eigene Gärtnerei aufzubauen. Nachdem er einen größeren Obstgarten erst pachten, später kaufen und zu einer Gärtnerei ausbauen konnte, wurde auch ca. 1876 sein Haus fertig. Er war ein typischer Einwanderer, der versuchte hatte, sein Glück in einem fernen Land zu machen, ein Deutscher aus Wildberg bei Neuruppin, Sohn eines Schlachters, welcher sicherlich Mühe gehabt hatte, seine neun Kinder durchzubringen. Carl August war Gärtner geworden, hätte aber als Ältester auch das Geschäft des Vaters übernehmen können, wollte es wohl nicht. Er war in verschiedenen Gärtnereien tätig, meist in der Nähe von Berlin, bis er als ca. Dreißigjähriger dem Ruf eines Baron Korff folgte, der einen Gärtner auf seinem Gut Katharinenhof in Priekule (Preekuln/Kurland) benötigte. Dort heiratete er im November 1862 die Tochter eines Webers.
Unser Großvater, Boris Georg Wilhelm Rohde, wurde dort im August 1863 geboren, als Erster von weiteren sieben Geschwistern, von denen nur drei überlebten. Dessen Vater, unser Urgroßvater Carl August, aber ging schon bald nach Balgallen (Balgale), ungefähr 20 km in südöstlicher Richtung von Talsi entfernt, auf ein Gut, das zu den Besitzungen der Fürstenfamilie Lieven gehörte. Er arbeitet dort als Gutsgärtner. Hier wurde 1864 ein weiteres Kind, Karl Friedrich, geboren. Aber schon 1866 finden wir die Familie in Talsi, möglicherweise bereits als Pächter des ehemaligen Kupfferschen Gartenlandes. Dort wurde im Dezember 1866 die Tochter Wilhelmine Henriette geboren, unsere Tante Minchen, die ich noch 1956 in Lüneburg 1956 durfte als letzte Vertreterin der Großvatergeneration. Sie starb im hohen Alter von 102 Jahren 1968. Der Urgroßvater kaufte schließlich das bereits gepachtete Grundstück, baute sein Haus, das er 1876 beziehen konnte und bewirtschaftete mit Fleiß seine Gärtnerei:

„Unsere Gärtnerei lag auf einem Abhang in drei Abstufungen, sehr ungünstig, denn die Nord-Ost-Winde fegten darüber hin und es waren wenige gerade Flächen, die zum Anbau des Gemüses nötig waren. Mein Großvater CarlAugust Rohde mag wenig an diese Dinge gedacht haben, als er den alten Obstgarten in Talsen pachtete. Er war wohl froh, seinen Wunsch, eine eigene Gärtnerei zu gründen, erfüllt zu sehen.„
schreibt unsere Mutter in ihren Erinnerungen1Erinnerungen an Talsen, bjb, 2018.
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Es wurde Montag, und wir glaubten, auf arbeitende Menschen zu treffen und auf Betriebsamkeit in den Straßen. Doch nein, es herrschte feiertägliche Ruhe. Wir hörten bald, dass zwar der folgende und dann auch noch der nächstfolgende, also der 23. und 24. Juni, Feiertage seien. Auch in Lettland gibt es Brückentage. Am 23. wird das Johannifest begangen, gefeiert mit den dort allbekannten Ligo-Gesängen im Freien und beim Sonnenwendfeuer und mit viel, viel Alkohol bis zum Sonnenaufgang des nächsten Tages. Da kann dann natürlich an beiden Tagen nicht gearbeitet werden, ist doch ganz selbstverständlich. Also gab es im Hotel auch nur ein kleines Frühstückchen, vorbereitet von einer Frau, die eigens gegen halb neun angehetzt kam. Wir warteten schon und wurden vertröstet. Das kann man ja in Kauf nehmen, dass aber die Zimmer nicht gereinigt wurden an all den Tagen, grenzte schon an Zumutung. Wir wissen übrigens nicht, ob dies nur an den Feiertagen lag, oder doch allgemeingültig ist bei einer derartig geringen Hotelauslastung, sodass das Reinigungspersonal auch stark minimiert worden ist.
Wir machten uns auf, das Rohdesche Haus noch einmal näher zu betrachten, liegt es doch nur wenige hundert Meter entfernt vom Hotel. Wir wollten sehen, ob es vielleicht auch den Birnenbaum noch gibt, der in einer modernen Stadtwanderkarte als „Talsens Schöne“ bezeichnet wird, der Urbirnenbaum, der bis heute viele Ableger gefunden haben soll. Diese Birnensorte wurde auch von unserer Mutter in ihren Berichten aus der Jugendzeit mehrfach erwähnt, dass aber unser Großvater diese eigens gezüchtet haben sollte, ist wohl eher einer modernen Interpretation zuzuschreiben, um einer touristischen Attraktion willen. Es gibt in dem ehemaligen Anwesen einige Birnenbäume, aber alle sind nicht so alt, wie beispielsweise sich der auf einem in der Familie erhaltenen Bild zeigt.

Übrigens hörten wir am nächsten Tag von Liga – der Tochter einer ehemaligen Nachbarin der Rohdes – dass in deren Garten ein viel größerer und weitaus älterer Birnenbaum dieser Sorte steht. Wir haben ihn gesehen und können es bestätigen. Schön aber ist, dass der Name unseres Großvaters in Talsi lebendig bleibt, und sei es vor allem durch den Birnenbaum. Bei Eingeweihten, so bei unseren neuen Freunden der örtlichen Historikergruppe (Verein Aleksandra Peleca Lasitava), die wir in der Mittagszeit trafen, ist die Rohdesche Gärtnerei höchst lebendig und in einem schönen Aufsatz von Antra Grube festgehalten.
Das Rohdesche Haus aber steht nach wie vor an seinem Platz an einem Hang und beherbergt jetzt eine Bioenergie-Firma (Talsu Bio-Energija), die alles schön restauriert und innen recht umgebaut hat. Wir durften zusammen mit den drei lettischen Freunden hineingehen. Der Geschäftsführer dieser Firma war trotz Feiertag eigens gekommen, um uns den Zutritt zu ermöglichen, und führte uns herum.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, in Räume zu treten, die einst unseren Großeltern und Eltern gehört haben, aber seit über 75 Jahren von der Familie nicht betreten werden konnten. Wir versuchten, uns den Zuschnitt der großelterlichen Wohnung vorzustellen, glaubten auch den großen Raum – sozusagen „die gute Stube“ – zu erkennen, der jetzt allerdings durch eine Leichtbauwand aufgeteilt ist. Das Familienbild von 1916 könnte dort aufgenommen worden sein.

Der Dachboden jedenfalls ist durchgängig offen, die ehemalige Kammern bzw. Stübchen (auch das Stübchen mit der Dachgaube), sind verschwunden. Im Keller konnten wir uns lebhaft vorstellen, wie die Familie im Revolutionsjahr 1905 angsterfüllt dort saß, als Kanonen aus dem Stadtpark (Mühlenberg) heraus auf den gegenüberliegenden Hang schossen und besagter Birnenbaum einen großen Ast verlor, was das Haus gerettet haben mag:
„Das erste große Ereignis meines Lebens war die russische Revolution 1905, allerdings kann ich davon nur nach Berichten anderer Menschen erzählen, da ich als Einjährige nichts davon begriffen habe. Die Geschwister erzählten viel davon, auch mein Vater. Durch unser Dienstmädchen, die Freunde unter den lettischen Revolutionären hatte, waren in unserem Garten allerlei bewaffnete Männer, die durch die Zwischenräume der Zäune auf die russischen Soldaten schossen. Diese Dragoner hatten sich auf der Höhe des Stadtparks mit ihren Kanonen aufgebaut und schossen auf die Stadt und die Revolutionäre. So natürlich auch auf unseren Garten, und es wäre wohl mit unserem Hause vorbei gewesen, wenn nicht ein Birnbaum den Hauptteil am Schrapnellschuss abgefangen hätte und nur Splitter das Haus und die kleine Friedhofshalle neben unserem Grundstück trafen.“
Miks und seine beiden Begleiterinnen, Antra und Dace, führten uns durch die Stadt, erst einmal aber zu Miks Vater Zigurds, ein älterer Mann, der als Rentner einem ausgefallenen Hobby frönt, einen kleinen privaten Verlag allein betreut und sich begeistert mit Heimat- und Brauchtumliteratur beschäftigt und eine große Sammlung von Fotografien besitzt, die teilweise über die Lettische Nationalbibliothek im Internet verfügbar sind. Er ist zwar nicht selbst der Autor solcher Bände, Heftchen und Bilder, doch neben eigenen Herausgaben layoutet, druckt und bindet er alle Druckwerke allein – ein fröhlicher Mensch, dem die Begeisterung aus den Augen leuchtet. Ihm haben wir den Kurenring übergeben. Ob er ihn behält oder später ins Museum bringt, soll ihm überlassen bleiben. Auch hierüber wurde von Antra Grube berichtet.

Wir gingen den Kirchenberg hinauf, an der evangelisch-lutherischen Kirche vorbei, die wir am Folgetage besuchen wollten, bogen dann links hinter dem der Kirche gegenüberliegenden neuen Gemeindehaus zur alten deutschen Elementarschule ab, wo auch unsere Mutter den ersten Unterricht empfangen hatte.
Wir spazierten weiter zum Heykingschen Haus, eine großzügige Anlage voller vergangener Pracht, einer Familie gehörend, von der unsere Mutter immer mit respektvollem Unterton sprach und von kleinen Begebenheiten aus dem damaligen freundschaftlichen Miteinander berichtete. Unser Weg führte weiter über einen grasbewachsenen Platz, wo einst eine alte Holländermühle gestanden hat (deshalb Mühlenberg) und über einen schmalen Weg (Padweg, wie unsere Eltern so etwas nannten) hinunter zum einstigen Rohdeschen Anwesen.
Wir hatten zum Mittagsessen ins „Martinelli“ geladen und wurden köstlich bewirtet. Unsere lettischen Freunde hatten uns einen Bildband über Talsen in den 20ern des vergangenen Jahrhunderts mit Bildern des einheimischen Fotografen Ansis Druvinš und ein Fotobuch über die heutige Umgebung Talsens überreicht. Die persönliche Widmung des örtlichen Bürgermeisters im Buch war eine hübsche Geste des Willkommens.

Diese Zeit am Mittagstisch nutzten wir für ernstere Gespräche, stellten unsere Fragen und bemerkten sehr schnell, dass die allgemeine Stimmung sehr deutschfreundlich ist, auch die damalige Zeit im Zusammenleben zwischen Deutschen und Letten im Rückblick positiv angesehen wird. Es hatte nicht den Anschein, als wolle man uns Freundlichkeiten erweisen und uns vielleicht gar zum Munde reden. Aber aus allem konnte auch herausgehört werden, dass man allein schon deshalb die deutsche Zeit freundlich bewertet, als man eine tiefe Abneigung, wenn nicht gar einen Hass auf die „Russenzeit“ verspürt. Die Zeit der Zugehörigkeit Lettlands zur Sowjetunion wird „Okkupationszeit“ genannt. Wir hörten von der Verschleppung und Verbannung sehr vieler Letten in den Jahren, nachdem das freie Lettland infolge des Hitler-Stalin-Pakts in sowjetische Hände geraten war. Eine erste praktische Umsetzung des deutsch-sowjetischen Paktes war die Aussiedlung der in Lettland und Estland lebenden Deutschen gewesen. Nach dem Ende der deutschen Okkupation kamen die sowjetischen Truppen zurück. Wieder folgten Verhaftung, Verbannung und oftmals Tod vieler lettischer Bürger. Fast jede lettische Familie war von dieser Willkür betroffen.
Man berichtete auch von den täglichen Ärgernissen, von Frust und Abhängigkeit während der Sowjetzeit. Heute ist man stolz, sich mit Gesang und guter Stimmung („Singende Revolution“) aus den fremden Banden gelöst zu haben.
Wir haben später noch andere Anzeichen gefunden, die auf Russenhass hinweisen. Im Gauja-Nationalpark fanden wir Bild-Texttafeln mit dort vorzufindenden Gewächsen in lettischer, englischer und russischer Sprache; russisch war mit scharfem Gegenstand zerkratzt worden. Überhaupt wird von älteren Letten ungern Russisch gesprochen, die Sprache des „Feindes“; Deutsch, so noch bekannt oder wieder als Fremdsprache erlernt, ganz selbstverständlich und von jungen Leuten englisch immer. So gesehen, schneiden die ehemaligen deutschen „Herrenmenschen“ im lettischen Gedächtnis immer noch besser ab, obwohl, wir wissen es aus kritischer Literatur älterer Zeit, die Herren Grundbesitzer nicht gerade feinfühlig mit der Landbevölkerung umgegangen waren und auch die „Literaten“ (so nannte man die deutsche Intelligenz) auf die sich entwickelnde geistige Elite aus der lettischen Bevölkerung, gelegentlich wohlwollend, wenn auch meist sehr herablassend geblickt haben.
In den Gesprächen wurde immer wieder betont, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben, die bewertet werden muss und schwierige Erkenntnisse dabei zutage kommen, dass es nicht nur auf deutscher Seite Verfehlungen gegeben habe, sondern auch seitens der Letten (s. auch: Krieg der Erinnerung). Alle waren sich einig, dass die jüngste Geschichte den heutigen Menschen nahe gebracht werden muss, um zu begreifen, worauf die gegenwärtige Gesellschaft fußt. In den Sowjetschulen Lettlands wurde wenig bis nichts über die lettisch-deutsche Geschichte berichtet. Die aber gehört zum Leben unserer Völker.
Unsere drei lettischen Begleiter sehen heute ihre Aufgabe als Ortshistoriker auch darin, die erzählte Vergangenheit auszugraben und sie weiterzugeben. So sind sie sehr daran interessiert, die Aufzeichnungen unserer Tante Herta Martinelli zu bekommen, um Einzelheiten aus dem damaligen Leben authentisch zu erfahren, wie z.B. Einzelheiten des Schulalltags in Talsen während der Zarenzeit.
Wir fanden in unseren Gesprächspartnern aufgeschlossene Menschen, mit denen wir viele Stunden über alte und neue Themen reden konnten, so auch über die Flüchtlinge, die von der EU aufgenommen werden sollen und vor denen sich die Einwohner Lettlands fürchten oder über die Ängste vor dem russischen Nachbarn und einer erneuten Okkupation, seit die Krim von Russland besetzt wurde. Es scheint, als habe die lettische Bevölkerung wenig Zutrauen zum Engagement Europas für die baltischen Länder. Traurig, aber durchaus verständlich, denn wer sollte Putin direkt in den Arm fallen?
Wir hörten Erklärungen, warum Lettland keine Flüchtlinge aufnehmen darf: Weitere Überfremdung, denn das Land habe durch die Bewohner russischer Nationalität schon genug Fremde. Ein kleines Land mit sehr wenigen Einwohnern würde Probleme mit andersstämmigen und Menschen fremden Glaubens bekommen. Unser Einwand, dass auch unsere Vorfahren als Fremde mit der Absicht, ein besseres Leben zu erreichen, einst in dieses Land kamen und zu dessen positiver Entwicklung beigetragen hätten, wurde nicht akzeptiert. Wir nahmen die Erklärungen und die Ängste, die daraus sprachen, ernst, auch wenn wir mit ihnen nicht übereinstimmten.
Jāņi – Johanni
Unsere Tante schreibt in ihren „Erinnerungen“ über das Logo-Fest im Pastorat Talsen:
„Den Höhepunkt des Jahres bedeutete für die lettische Bevölkerung das Johannifest, die Sonnenwende. Das war ein richtiges Volksfest, das sich gewiß noch aus der heidnischen Zeit herübergerettet hatte. Auch bei uns im Pastorat wurde der 23. Juni, der Johanniabend für die Angestellten groß gefeiert. Es wurde vorher ein Kalb geschlachtet, Bier gebraut u. alles befand sich in großer Geschäftigkeit. Am Johanniabend wurde in der Küche der Tisch mit einem weißen Tischtuch schön gedeckt, in allen Stuben waren Birken aufgestellt, es roch festlich nach Kalbsbraten, frischgebackenem Weißbrot u. Speckkuchen. Am taghellen Abend erklangen dann die lettischen Ligolieder in der ganzen Umgebung. Mein Mann u. ich gingen auf die Veranda hinaus u. hörten schon die aus der Ferne sich nähernden Gesänge unserer Leute, die dann zur Veranda kamen u. uns unter Gesang schöne Kränze aus Eichenlaub u. Wiesenblumen umhängten, die unser Hütemädchen ,Anning‘ beim Kühehüten geflochten hatte. Darauf wurden alle zum Abendessen in die Küche gebeten. Nachher ging es dann auf eine Anhöhe, wo schon vorher auf die Spitze einer Tanne eine Teertonne gesetzt war, die nun angezündet weithin als Johannifeuer leuchtete. Von allen Seiten flammten nun in der Ferne u. Nähe Feuer auf, dazu erschallten die Gesänge mit frm ,Ligo, ligo‘ bis in die warme Sommernacht hinein. Ligo ist die Göttin der Liebe.“
Wir hatten eigentlich vor, an diesem Abend dieses Fest zu erleben, um alles selbst einmal kennenzulernen. Doch es regnete stark an diesem Abend (Volksweisheit: „Es regnet wie zu Ligo“). An solchen Regentagen wird das Fest auch mehr und mehr im Familienkreise gefeiert, wie wir hörten. So blieben wir auch am Abend im Hotel und sahen auf youtube ein kleines Filmchen über ein solches Fest. Später erlebten wir vor unserem Hotelfester einige stark Betrunkene mit Ligo-Ligo-Geschrei, weniger schön als der Gesang im Film.
* Literatur zur lettischen Historikersicht der Okkupation: THE HIDDEN ÄND FORBIDDEN HISTORY OF LATVIA UNDER SOVIET AND NAZI OCCUPATIONS 1940-1991; Selected Research of the Commission of the Historians of Latvia; Institute of the History of Latvia, Riga 2005
Fahrt nach Kap Kolka
Den Nachmittag nutzten wir bei aufgeklartem Wetter trotz aller Kühle zu einer wunderbaren Fahrt durch das schöne Kurland in Richtung Norden über Dundaga (Dondangen) zur kurischen Nordspitze (Kap Kolka), wo sich einige Livendörfer befinden und eine finno-ugrische Sprachgruppe lebt, die versucht, ihre eigenständige Kultur zu erhalten. In den dichten Wäldern sollen auch Elche, Wölfe und Luchse leben. Wir haben keine gesehen. Doch erinnert die Küste selbst stark an uns bekannte Küstenabschnitte an der mecklenburgischen Ostsee. Das ist aber auch nicht verwunderlich, verdankt das Landschaftsbild sein Aussehen hier wie dort doch der gleichen eiszeitlichen Ausformung.
Die Rückfahrt führte uns am Westufer des Rigaer Meerbusens entlang, eine herrliche Fahrt durch das schöne Land mit kleinen Orten, Wald- und Küstenabschnitten, den gelegentlich freien Blicken auf das Meer. Und immer wieder sahen wir die hohen Masten mit Storchennestern, in jedem Dorf, manchmal auch inmitten der Felder. Das gesamte Land ist von einem nahezu feinmaschigen Netz von Flüsschen und kleinen Bächen durchzogen, die meist verbunden sind mit kleinen Seen, Teichen, Mooren und Sumpfwiesen, für Störche ein wahres Paradies.
Wir hatten uns bei der Heimfahrt verspätet, so dass wir im „Martinelli“ nichts mehr zum Abendessen bekamen, und bei einem zweiten Restaurant, das uns empfohlen war, mussten wir auch wieder unverrichteter Dinge abziehen. Obwohl der Magen knurrte, glaubten wir fest daran, nicht verhungern zu müssen, denn an diesem Tage hatten wir bereits ein köstliches Mittagsmahl eingenommen. So fiel uns der Verzicht am Abend nicht schwer.
Das Geburtshaus unserer Mutter

Wir verabredeten uns telefonisch für späten Vormittag des nächsten Tages, dem eigentlichen Jāņi-Tag, mit Līga, einer deutschsprechende Lettin, Angestellte der Talsenschen evangelisch-lutherischen Kirche, mit der Jörn bereits vorher wegen des Schicksals von Oskar Martinellis Nachfolger Janis Saulitis korrespondiert hatte. Dabei stellte sich heraus, dass ihre Mutter (Jahrgang 1933) Nachbarin des Rohdeschen Grundstücks ist. Wir waren auf die Begegnung gespannt.
Bevor wir mit Līga zusammentreffen wollten, gingen wir einer anderen Spur nach und zwar zum alten deutschen Friedhof, wo es noch den Grabstein unseres Großvaters Wilhelm Rohde geben sollte. Fotos davon hatte Līga uns bereits geschickt. Wir mussten zwar bei scheußlichem Regenwetter etwas herumsuchen, fanden den Friedhof aber bald und hatten sogar Glück, da wir geradewegs auf besagten Grabstein zugesteuert sind.

Daneben lag auch noch ein Teil vom Grabkreuz unseres Urgroßvaters Carl August Rohde, dem Begründer der Gärtnerei. Unglaublich, dass dieser, wenn auch recht kleine deutsche Friedhof, die Sowjetzeit beinahe unbeschadet überstanden hat und dort nur wenige Grabmale beschädigt oder zerstört waren, viele aber noch an ihrem Platz standen, so z. B. auch Vorfahren aus der Familie des Barons von Stromberg, in dessen Haus unsere Mutter als junges Mädchen ein- und ausgegangen war, befreundet mit Anne-Marie von Stromberg, später unsere liebe „Tante“ aus frühen Kindertagen. Da stehen nun zwei Nachfahren mit Blumen in der Hand vor zwei alten Grabstellen ihrer Großväter und können durchaus nacherleben, wie die eigene Mutter als junge Frau hier 1932 ihren Vater begraben und vorher schon die Grabstelle ihres eigenen Großvaters gepflegt hat, der schon 1893 vor ihrer Geburt gestorben war. Schön, dass es diesen Ort noch gibt.
Wilhelm Rohde galt nicht nur in seiner Familie als ein aufrichtiger und herzensguter Mensch und als eine geachtete Persönlichkeit seiner Stadt, sondern wird auch in der Talsenschen Historie anerkennend erwähnt. Er wurde in der Zeitung z. B. als „ein allgemeine Sympathie gewinnender Herr“ bezeichnet, wurde sogar noch nach Gründung des Lettischen Staats in den Stadtrat gewählt, obwohl in dieser Zeit die Deutschen nicht gerade hoch angesehen waren, und selbst gegnerische Blätter fanden in einem Nachruf positive Worte, wie solche, er sei „von Natur aus friedlich und tolerant gegenüber anderen Menschen, ohne Unterschied der ethnischen Herkunft, obwohl er selbst ein Deutscher“ sei. Auch würde er „die Bedürfnisse der Arbeitnehmer und deren Sorgen“ verstehen, würde deshalb von ihnen hoch angesehen. Hervorgehoben wurde sein großer Sinn für Gerechtigkeit und Fairness. Und so lebte die Familie Rohde auch in bestem Einvernehmen mit der lettischen Bevölkerung, ohne sich hervorzutun, als sei sie etwas Besseres. Das war in deutschen Kreisen nicht so selbstverständlich.
Līga kam zu uns ins Hotel und hatte ein Buch zur Stadtgeschichte mitgebracht, in dem auch Wilhelm Rohde mehrfach genannt wird. Wir unterhielten uns sogleich sehr angeregt. Ihr Großvater war, etwas später zwar, aber ebenso wie Wilhelm Rohde, im Stadtvorstand tätig gewesen. Da er auch in direkter Nachbarschaft zu Rohdes gelebt hatte, werden sich die Familien ohnehin gekannt haben.

Für uns wurde es sehr interessant, als Līga uns die Lage der damaligen Gärtnerei auf dem heutigen Gelände im Detail zeigte, wir auch Fundamentreste einiger ehemaliger Glashäuser und entsprechende Erdaushebungen in dem Hang fanden. Dies verglichen mit dem Foto, das unsere Mutter als junge Frau vor den Glashäusern zeigt. Jetzt konnten wir uns ein recht gutes Bild davon machen, wie der Rohdesche Garten zur Zeit unserer Mutter ausgesehen hatte.
Wir sahen plötzlich, dank der Ortskenntnis unserer Führerin, auch große Lebensbäume und alte -hecken (zum Schutz gegen die störenden Nordwinde, wie unsere Mutter in ihren „Erinnerungen“ schreibt). An denen waren wir bisher mehr oder weniger achtlos vorbeigegangen. Wir bedachten die vom Hang herabführenden Wege plötzlich mit wissenden Augen und konnten uns vorstellen, wo die Zäune als Begrenzung des Gartens gestanden haben dürften. Aus der Wiese unterhalb des jetzigen Weges zeichnete sich im Geiste die alte Gartenanlage quasi ab, ein merkwürdiges Gefühl, kann man wohl sagen. Diese Gartenanlage hatte noch eine ganze Weile nach dem Kriege existiert, wurde dann aber doch wohl endgültig in städtisches Eigentum überführt und schließlich aufgelöst. Die Rohdesche Gärtnerei war die erste in Talsen und blieb es auch lange Zeit, wie Ortskundige zu erzählen wussten.
Die Kupffersche Kapelle oben neben dem Haus hat wohl, wie Līga meinte, einst zum Grundstück gehört und wurde, das wissen wir aus einer anderen Quelle, einer Erzählung von Mia Munier-Wroblewski, von Rohdes gepflegt. In einem anderen Bändchen (Elisabeth Goercke: Heimat in uns) fand ich eine handschriftliche Notiz von der Hand unserer Tante Herta: „Der Friedhof an unserem Grundstück in Talsen gehörte der Familie Heintz. Die Großmama Heintz (von der E. Goercke in einer ihrer Erzählungen berichtet) ist dort beigesetzt.“
Wir hatten uns, trotz des Regens, ziemlich lange auf dem alten Grundstück aufgehalten, und nun war noch der Besuch der Kirche vorgesehen. Wir alle mussten uns vorher jedoch umziehen, da völlig durchnässt. Das war schnell geschehen.
Diese Kirche hat für uns insofern einen besondere Bedeutung, als unsere Mutter dort getauft worden ist, konfirmiert wurde und die Eltern dort auch heirateten. Außerdem war unser Onkel Oskar Martinelli, der Mann ihrer Schwester Herta, dort zwischen 1910 und 1939 Pastor der lettischen Gemeinde.
Diese Kirche wurde bereits 1567 gebaut. Bis zur Mitte des 18. Jh. hatte sich um die Kirche herum ein Friedhof befunden, der nun längst eingeebnet ist, und auf dem Platz neben der Kirche stand der so genannte Schandpfahl, ein Ort, wo Strafen ausgeführt wurden. Bis zu den 1930er Jahren fand hier freitags auch der Fischmarkt statt. Sagen berichten, dass die Keller der Kirche durch unterirdische Gängen mit dem Burgberg (Pilskalns) und dem Mühlenberg (Dzirnavkalns) verbunden waren. In dieser Kirche hat von 1802 bis 1836 Carl Ferdinand Amenda (1771-1836), der Jugendfreund Ludwig van Beethovens, als Pfarrer für die lettische Gemeinde gedient. Und unser Onkel Oskar war einer seiner Nachfolger und lebte in dessen Pastorat außerhalb der Stadt. Dorthin wollten wir später auch noch fahren.
Bevor wir die Kirche betraten, wurden wir eingeladen, das gegenüberliegende neue Gemeindehaus anzusehen, ein großes Haus mit mehreren Gemeinderäumen, Büros und einfach ausgestatteten Gästezimmern. Uns interessierte besonders eine gestaltete Wand in einem langen Flur mit den Bildern der dort einst tätigen Pastoren. Hier fanden wir auch Fotos von unserem Onkel Oskar. Līga äußerte sehr nachdrücklich die Bitte, ob wir Material beschaffen könnten über das weitere Leben und Wirken von O. Martinelli. Man sei sehr daran sehr interessiert, die neuere Kirchengeschichte aufzuarbeiten und die ältere zu vervollständigen. Auch gab es eine Tafel mit Bildern und Lebensdaten von Oskar Martinellis Nachfolger Janis Saulitis, der von den Sowjets 1946 verhaftet wurde und 1947 im Lager umgekommen war. Er war der erste Lette, der das Amt in dieser Gemeinde übernommen hat, davor waren dort nur deutsche Pastoren tätig gewesen. Unser Onkel hatte den jungen Vikar seinerzeit in seinem Haus aufgenommen und ihn noch einarbeiten können, bevor die Deutschbalten ihr Heimatland 1939 verlassen mussten.
Mācītājmuiža – Das Pastorat
Obwohl es immer noch regnete, fuhren wir zum „Pastorat“, reichliche drei Kilometer außerhalb von Talsi in östlicher Richtung liegend. Es handelt sich um einen kleinen Gutshof in kirchlichem Besitz, der früher von dem dort eingesetzten Pastor bewirtschaftet werden musste. Der Ertrag war das Salär für dessen Dienste in der lettischen Gemeinde. Seit aber der direkte Nachfolger von unserem Onkel, Janis Saulitis, von den Russen verschleppt und ermordet worden war, war das kleine Gut anderweitig genutzt worden, zuletzt als eine Art Fortbildungsheim.
Das Anwesen besteht aus dem Wohnhaus und mehreren Nebengebäuden, wie Ställen und Unterkünfte für das Hofpersonal. Manches ist erneuerungsbedürftig, anders war baufällig und wurde schon abgerissen. Das große Wohngebäude aber steht noch und ist teilweise restauriert „ein gemütlicher alter Holzbau mit 9 Zimmern, außer den Räumen für das Personal“, wie unsere Tante Herta einst berichtet hat. Sie konnte dort seit ihrer Heirat 1928 noch elf glückliche Jahre verleben. Hier haben unsere Eltern ihre Hochzeit gefeiert, hier haben sie getanzt, so manchen kurischen Schnaps getrunken und auf eine glückliche Zukunft angestoßen und wussten zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht, dass es ihr letztes großes Fest in der alten Heimat gewesen sein sollte, bevor der große Auszug, veranlasst durch Hitlers Wort, die Deutschen „heimzuholen“, beginnen sollte.
Wir kamen in das Haus nicht hinein, weil niemand da war, um aufzuschließen. Es war eben Feiertag und wie wir ganz nebenbei erfuhren, auch Līgas Geburtstag, deshalb dieser Name, da sie zum Ligo-Fest geboren wurde. Wir waren ihr dankbar, hatte sie doch „ihren“ Tag uns geopfert und sich mit uns zusammen tüchtig nass regnen lassen. Das Gelände wollten wir dann aber doch noch gemeinsam durchstreifen, Līga vorneweg durch hohes nasses Gras zum kleinen See, den unsere Tante Herta so geliebt hatte. Herta Martinelli in ihren „Erinnerungen: “: „Das Pastorat lag in einer reizvollen hügeligen Landschaft, in unmittelbarer Nähe eines kleinen Sees. Man ging morgens an warmen Sommertagen nur leicht bekleidet durchs taufrische Gras einer Wiese den Abhang hinunter u. stürzte sich in die erfrischenden Fluten. Oder man machte eine Kahnfahrt rings um den kleinen See… Eine riesige Linde umschattete die Einfahrt zu unserer, von Pfeifenkraut umspannenden Veranda. Von dort aus ging es geradeaus in den Blumengarten zur kleinen Brücke über einen Graben und die Wiese hinunter zum See.“
Und dann gingen wir zu Amendas Grab, über den Fahrweg hinweg, einen kleinen Hügel hinan. Amenda habe sich diesen Platz selbst ausgesucht, erzählte Līga, um von dort sein schönes Land übersehen zu können. Dieser Pastorenfriedhof ist ein umzäunter Platz mit dem Grab, von Bäumen und Gebüsch umgeben, zugewachsen, kaum noch Sicht auf die unterhalb liegende Landschaft. Ein großes metallenes Kreuz wacht über dem Grab, daran angelehnt eine weiße Steinplatte mit einer lettischen Inschrift (Tante Herta berichtete, dass es früher dort eine deutsche Inschrift gab): „Die Freundschaft ist der Schatten gegen die Sonnenstrahlen und der Schutz gegen Regengüsse. Ludw. van Beethoven, 1953 15.6. Beethovens Freunde in Lettland“ Die Stelle wirkt gepflegt und ist wohl ein touristischer Anziehungspunkt.
Wir waren nass von unten und von oben, doch fröhlich. Līga wollte uns noch die hinter dem Pastorengut liegende ehemalige Leprastation (Leprosorium) zeigen, erbaut 1896, als sich diese Geißel der Menschheit noch stark ausbreitete, einst eine traurige Stätte, heute erinnert vieles an die schreckliche Krankheit in einem kleinen Museum. Bewohnt wird das Gelände von einigen längst geheilten Kranken, die sich aber weiterhin hier aufhalten dürfen und versorgt werden. Nun fuhren wir weiter, ließen uns einen kleinen Ausschnitt von Līgas engerer Heimat zeigen, die schöne Landschaft um Talsi herum. Da sich auch der Regen inzwischen verzogen hatte, konnten wir sogar an einigen Stellen aussteigen und schöne Aus- und Durchblicke genießen.
Da wir den Eindruck hatten, dass Līga für ihren Geburtstag nichts weiter geplant habe, luden wir sie zum Abendessen ins „Martinelli“. Sie nahm an und wir hatten noch interessante gemeinsame Stunden mit ihr, sprachen unter anderem auch von der Sowjetzeit. Līga erzählte von dem erschüternden Dokumentarfilm “Soviet Story” des lettischen Regiseurs Edvīns Šnore, der die Verbrechen der Sowjetführung thematisiert. Wir bemerkten auch bei ihr die berechtigte Angst vor Lettlands russischem Nachbarn und die Ablehnung der in Lettland lebenden Russen, die sich nicht in das Land und die lettische Gesellschaft einfügen wollten.
Wir verabschiedeten uns dankbar für den interessanten Tag, den Geburtstag unserer Begleiterin.
Rundfahrt
Für den Mittwoch (24. Juni) hatten wir keinerlei Verabredungen und wollten uns selbst etwas in Kurland umsehen und an der Westküste entlang fahren. Wir kamen am Bahnhof in Stende (Stenden) vorbei, wo für unsere Familie 1939 die Ausreise nach Deutschland mit der Eisenbahnfahrt nach Ventspils (Windau) begann.
Über Kuldīga (Goldingen), auch ein Ort, den unsere Mutter oftmals erwähnt hat, fuhren wir nach Priekule, unweit von Liepāja (Libau) entfernt, in den Ort, der unserem Urgroßvater Carl August Rohde eine neue Heimat werden sollte und von wo aus er seinen Weg als Gärtner nach Talsi genommen hat (Katharinenhof).
Der Ort wirkt ziemlich leer, etwas trist. Die Kirche, in der vermutlich unser Urgroßvater geheiratet hat, steht auf einem Hügel. Reingehen konnten wir nicht. Es gibt noch einen schlossähnlichen Bau, der zumindest von weitem grau und trüb anmutet, einst Sitz der Barone Korff. Auffallend ist das sogenannte Schwedentor, eines der wenigen Gebäude, die nach der Kurlandschlacht im 2. Weltkrieg erhalten geblieben sind und restauriert werden konnten. Sonst soll das Städtchen recht zerstört gewesen sein. In uns kamen keinerlei Gefühle auf, die uns mit unserem Ahnherrn hätten verbinden können.
Dann erreichten wir Liepāja, eine Stadt, in der auch einige unserer Vorfahren, so die Eltern unserer Großmutter, die Familie des Tischlermeister Ferdinand Gottfried Reichardt (1828-1906), gelebt haben. Dessen Vater, Carl Samuel Rohde (1798-1874) war auch im ersten Drittel des 19. Jhs. aus Deutschland (Berlin) eingewandert, sicherlich ebenso wie andere, die die Not ins Ausland getrieben hatte. Liepāja war einst eine florierende Hafenstadt und ist auch jetzt noch als solche für das Land von einiger Bedeutung. Wir konnten ihr nicht viel abgewinnen, vielleicht, weil aus Feiertagsgründen kein Café geöffnet war, wir auch kein Restaurant trotz intensiver Suche und Erkundigung bei einem Taxifahrer finden konnten. Der Feiertag lässt vermutlich alles still halten. Eigenartige Sitte! Wir aber haben die Dreifaltigkeitskirche besuchen können, ein schöner großer Bau, Barock und schön hell, mit einer riesigen Orgel, einst die größte im Lande, heute bekannt (Baedecker) als die „größte nicht umgebaute mechanische Orgel der Welt“ (auch ein Rekord!). Unsere Großmutter Rohde (geb. Reichardt) wurde in dieser Kirche getauft.
Wir fuhren weiter nach Ventspils (Windau), der wichtigste Hafen Lettlands. Dort legen die großen Fährschiffe an. Im November 1939 bestiegen hier viele baltischen Familien ihr Schiff, das sie „heim ins Reich“ holte. Meine Eltern, dazu Großmutter Rohde und die Martinellis reisten zusammen mit Bekannten und Freunden auf dem Bananendampfer „Orotava“ am 14. November aus, einer ungewissen Zukunft entgegen, die, wie sich bald schon zeigen sollte, jeder in seiner Weise meistern musste.
Auf unserer Fahrt nach Ventspils machten wir eine kleine Rast direkt am Meer. Trotz Sonnenschein wehte ein recht stürmischer Wind, so dass der schöne weiße Strand menschenleer geblieben war und nur ein verwegener Kitesurfer sein Glück versuchte. Der Strand wirkte so, wie wir es beispielsweise von Rügen oder Ahrenshoop her kennen, abbröckelndes Steilufer, zerzauste Kiefern und am schönen Sand angeschwemmtes Strandgut. In Ventspils gingen wir um die alte Ordensburg herum, ein beeindruckendes Bauwerk, aber für uns nicht angetan, hineinzugehen. Wir suchen ein Café. Alles geschlossen, selbst der Pilskrog am Schloss. Es war eben Ligo-Feiertag. Das wussten wir nun.
Wir suchten nicht weiter und machten uns auf die Rückfahrt. Es ist doch immer wieder schön, so ohne größeren Verkehr in ruhigem Tempo durch das Land zu fahren. Wir haben dies sehr genossen. Kurz vor Talsi ereilte uns dann Regenwetter, das uns nicht hinderte, noch bei „Martinelli“ zu Abend zu essen. Dort kannte man uns bereits.
Im Hotel erhielten wir einen Anruf von Līga. Sie lud uns ein, sie am nächsten Vormittag zu einem gemeinsamen Morgenkaffe mit selbstgebackenem Kuchen in ihrer Wohnung zu besuchen, vielleicht eine kleine Geburtstagsnachfeier? Wir sagten gern zu.

Kurz zuvor hatten wir erfahren, in welchem Haus sich die alte Stadtverwaltung befunden hatte, in der unser Großvater sowohl als Bürgermeister während der deutschen Besetzung des Landes als auch später als Stadtverordneter tätig gewesen war, als es nach einigen politischen Turbulenzen eine wirkliche lettische Regierung gab. Wir wollten das Haus sehen und fanden es in der Lielā iela Nr. 33. Hier residierte bis 1955 auch die Tscheka, der Vorläufer des NKWD.
Danach genossen wir bei Līga den selbstgebackenen Kuchen und weitere interessante Gespräche. Anschließend begleitete sie uns zu einem Besuch im Büro der Kirchgemeinde. Auch dem Pfarrer konnten wir die Hand drücken, obwohl der gerade eifrig beschäftigt war, eine Hochzeit vorzubereiten. Er erinnerte sich aber an Jörn, der ihn bereits im vorigen Jahr angesprochen hatte. Līga bat beim herzlichen Abschied nochmals sehr nachdrücklich um Hertas Aufzeichnungen und Informationen zu Oskars Leben.
Fahrt nach Livland
Gegen Mittag konnten wir losfahren und machten bald schon Halt bei dem Schloss Jaunmoku pils kurz vor Tukums (Tuckum), eine hübsche, heute als Hotel genutzte Anlage, die sich der einstige Rigaer Bürgermeister George Armitstead nach 1900 hatte bauen lassen. In herrlichem Sonnenschein spazierten wir durch den Park, hielten uns jedoch nicht sehr lange auf.
Dann fuhren wir nach Jelgava (Mitau), eine der größeren lettischen Städte mit einem schönen Barockschloss, gebaut vom Hofarchitekten des Zarenreiches Bartolomeo Francesco Rastrelli, heute Sitz der Landwirtschaftlichen Universität. Wir umrundeten diesen Bau, fotografierten natürlich, waren aber nicht hineingegangen, auch nicht, um die Gruft der Herzöge von Kurland zu sehen.
Viel interessanter war für uns in der Nähe von Bauska (Bauske) das Schloss Rundāle (Ruhental), auch ein Rastrelli-Bau, eine sehr große und imposante Anlage, ein Anziehungspunkt für Touristen, wie man unschwer feststellen konnte.
Wir fuhren an Riga vorbei, mussten bei dieser Reise die schöne Stadt, die uns früher bereits sehr beeindruckt hatte, aus Zeitgründen aussparen. So kamen wir an die Daugava (Düna) nordöstlich von Riga und überquerten den dort aufgestauten Fluss auf einer Staumauer. Der Fluss hat mehrere Staustufen, und seine Kraftwerke gelten als größte Stromerzeuger des Landes. In Sigulda suchten wir unser vorbestelltes Hotel. Das Navigerät hatte die Hausnummer nicht angenommen, so irrten wir eine Weile umher, fanden aber schließlich unser hübsches kleines Hotel unter den vielen Bäumen der freundlich wirkenden Innenstadt. Von hier aus wollten wir unsere Ausflüge machen, vor allem aber Līgatne (Ligat), den nahegelegenen Geburtsort unseres Vaters, erkunden.
Tartu
Wir warteten am nächsten Tag auf besseres Wetter, das zwar angekündigt war, aber sich noch als sehr durchwachsen darstellte. So fuhren wir nicht gleich nach Līgatne, sondern taten, was wir uns ohnehin vorgenommen hatten. Wir beschlossen, nach Tartu (Dorpat) in Estland zu fahren. Reichliche 400 km für Hin- und Rückfahrt mussten bewältigt werden, doch wir hatten Zeit, den ganzen Tag vor uns, und auch das Wetter zeigte sich schließlich sehr günstig, Sonne und schöne Wolkenspiele, herrlich klare Sicht und gute Straßen. Wieder stellten wir fest, wie schön es ist, so ruhig durch das Land zu fahren. Unserem Vater hätte das auch sehr gefallen, vor allem das herrliche Stück durch den Gauja-Nationalpark, seinen vielbesungenen Heimatfluss, die Gauja (Aa), zu sehen. Wir kamen an der hübschen Burg und Kirche Lielstraube vorbei und fuhren durch Valmiera (Wolmar), eine alte Hansestadt im nördlichen Teil des Gauja-Nationalparks gelegen. Hier hatte unser Vater in den Sommerferien 1926 im Hause des Propstes Pavasar [Pawassar] Nachhilfestunden in der Landessprache erhalten, um anschließend die Kokurrenzprüfung zur Aufnahme an die lettische Universität bestehen zu können:
„Durch deutsche Kommilitonen hatte ich erfahren, es sei günstig, während der Sommerferien (im nächsten Jahr versteht sich) im Hause des Propstes Pavasar, ein lettischer Geistlicher in Wolmar, Nachhilfestunden in der Landessprache zu nehmen. Das wollte ich tun. Vorerst aber mußte das Studienjahr 1925/26 irgendwie bewältigt werden, da ja derzeit ein geordnetes Studium in dem von mir erwählten Fach nicht möglich war.“
Bald hinter Valmiera bogen wir nach links ab und wollten, weil nicht weit, Evele (Wohlfahrt) besuchen. Hier lebten einst einige Pastorengenerationen aus der Bosse-Familie. Mit Vetter Peter Bosse und Vetter Klaus Hoheisel zusammen hatte ich 2010 diesen Ort bereits besucht, und doch konnte ich mich nicht gleich daran erinnern, dass der Friedhof mit den Bosse-Gräbern nicht direkt an der Kirche, sondern ein Stück entfernt, liegt. Hier gibt es noch das Grab des Pastors Heinrich Bosse, der 1919 von Bolschwiki hingerichtet wurde.
Die Grenze zu Estland geht mitten durch den Ort Valka/Valga (Walk). Man bemerkt recht schnell, dass man wieder in einem anderen Land ist, vor allem an anderssprachigen Schildern und Werbeträgern, auch an den Straßenverhältnissen, die, zumindest an unserer Fernverkehrsstraße Nr. 3, meist durchaus gut ausgebaut zu sein scheinen.
In Tartu parkten wir am Rathausplatz und machten eine größere Runde durch die Altstadt, vorbei an der Universität, in der in alter Zeit viele Deutschbalten, auch unser Onkel Oskar, studiert hatten, an der an der Johanniskirche vorbei. Vor der Universität hatten sich große Gruppen festlich gekleideter Menschen versammelt, vermutlich Abiturienten oder Studenten mit ihren Eltern, die ihre Zeugnisse ausgehändigt bekamen.
Zurück führte uns der Weg entlang des Flusses Emajõgi (Embach), hier groß und breit, befahrbar für ansehnliche Schiffe, die über den Peipussee auch die Ostsee erreichen können. Jörn hat eine hübsches estnisches Märchen über die Entstehung des Embachs im Internet gefunden.
Auf der Rückfahrt suchten wir das Storchendorf in der Nähe von Valmiera, fanden es aber nicht, doch sahen wir, wie auf allen unseren Fahrten immer wieder Storchennester und erfreuten uns daran, mit welcher hoheitsvoller Haltung einzelne Störche über Felder und durch Wiesen stolzieren, oft hinter Landmaschinen einher, die fressbares Getier aufscheuchen.
Līgatne – Ligat
Der 27. Juni war der Siebenschläfertag, für uns aber ein herrlicher Sonnentag und recht warm. Wir fuhren nach Līgatne. Da wir beide aus den „Erinnerungen“ des Vaters die Wegbeschreibung von der alten (ehemaligen) Bahnstation bis zum Burmeisterschen Haus kannten, aber nicht so recht sicher waren, ob wir einst tatsächlich den beschriebenen Weg abgefahren waren, hatten wir uns entschieden, die zweite Zufahrt nach Līgatne zu nehmen, die Straße über Kempji (Kempenhof).
Dieser andere Weg schlängelte sich ebenso wie beschrieben, talwärts. Wir kamen auch an einem alten Friedhof vorbei, besuchten ihn, sahen Felsen und einen Bach, dazu ein Stauwehr, von der Baron W. Schilling in seinen „Erinnerungen“ schrieb, es sei „die so genannte Oberschleuse an der Kempenhofschen Grenze“, von wo sich ein Kanal abzweigt. Dies alles hätte nach der Wegbeschreibung auch stimmen können, doch kamen uns Zweifel, denn die „Stauung“, der alte Mühlenteich, lag links, nicht rechts, so dass die „Pferde“ in im Bericht unseres Vaters rechts herum hätten laufen müssen. Und schließlich fehlte mir der Hohlweg, der von rechts hätte herunterführen müssen. Dass die beiden alten Bäume nicht mehr existierten, könnte man ja verstehen, waren doch viele Jahre verstrichen, in denen wer weiß, was alles passiert sein wird, doch reimte sich eben nicht alles zusammen.

Wir fuhren zwar erst noch zum Elternhaus unseres Vaters, weiter zur Fähre und danach noch ein schönes Stück durch den Wald zur Amata wegen der Felsen an der Gauja (davon später), suchten dann aber noch einmal nach einer Stelle, jenseits der Fernverkehrsstraße, wo der alte Bahnhof in Augšlīgatne hätte sein können. Dort aber lagen die Bahngleise in einer Senke, so dass ein Bahnhof und eine Zufahrt für die Pferdewagen gar nicht hingepasst hätten. Also beschlossen wir, als Ausgangspunkt wieder die Stelle anzufahren, wo wir schon bei einer früheren Reise den Bahnhof in Gedanken hin versetzt hatten, linksseitig der Fernverkehrsstraße von Sigulda aus gesehen, also bevor die Schienen die Straße kreuzend unterführen. Es gibt einen schrägen Weg an alten Häusern vorbei Richtung Līgatne, der auch am ehemaligen Gut Paltemal vorbeiführt und dann auf die größere Fahrstraße trifft. Dort begegnete uns ein jüngerer Mann, der als Anhalter nach Līgatne gebracht werden wollte. Wir nahmen ihn mit. Jörn sprach mit ihm russisch, was ganz gut funktionierte und erzählte von unserem Großvater. Der Lette freute sich, mitgenommen zu werden und berichtete von einem sehr alten Friedhof in der Nähe unserer Fahrstrecke, auf dem ein Gedenkstein für einen Direktor der Papierfabrik steht. Wir fuhren dorthin und besuchten gemeinsam den Friedhof. Hier gab es tatsächlich eine kleine Pyramide für einen ehemaligen Direktor der Papierfabrik, vermutlich einen der Gründungsväter, die Tafel war nicht mehr lesbar. Nun bekam alles einen Sinn. Allerdings haben wir ebenso hier wie auf dem anderen Friedhof kein Grab unseres Großvaters, Georg Adolph Burmeister (1866-1936), gefunden. Jedoch wird er sicherlich in Līgatne begraben worden sein, nicht bei der Kirche in Kempji, wie ich einst dachte. Weiter hinunter nach Līgatne glaubte ich, den Hohlweg von rechts kommend zu erkennen. Wir fanden auch den „Kaprivifelsen“ und die „Stauung“ rechts, dazu die Abbiegung links, die die Pferde hätten nehmen müssen. Plötzlich stimmte alles, und wir waren es zufrieden.
Bevor wir also dieses zweite Mal den richtigen Weg gesucht haben, besuchten wir das Elternhaus unseres Vaters. Unabhängig voneinander waren wir schon einmal bei einer früheren Reise dort gewesen. Dieses Mal trafen wir einen freundlichen alten Mann auf dem Hof an, der, wie sich schnell herausstellte, gut deutsch verstand und sprechen konnte. Er lebt seit 1945 in dem Haus, das er inzwischen gekauft hat. Dieser Herr nun, inzwischen 84 Jahre alt, war als Junge mit seinen Eltern vor der Roten Armee nach Dresden geflüchtet und hat dort den Krieg überlebt, und als die Sowjets auch dort einrückten, haben sie ihn nach Lettland zurückgeschickt. Er hat dann in Riga Chemie studiert und ist ausgerechnet Papierchemiker in der Ligater Papierfabrik geworden. Wir haben uns lange unterhalten. Er interessierte sich auch für unsere Geschichte und natürlich für die unseres Vaters in dem Hause. Wir gingen mit ihm durch den recht gepflegten Garten und schließlich lud er uns sogar ein, einen kleinen Blick in seine Wohnung zu werfen. Wir gingen die Stufen hoch und in die „Paradetür“ hinein, wie der Vater den Eingang genannt hatte und kamen durch den kleinen Vorraum in das erste Zimmer, einen nicht sehr großen Raum. Möglicherweise hatte es hier einen Umbau gegeben, denn der Vater schreibt, dass hier die Gäste begrüßt worden seien, so hatte ich mir einen größeren Wohnraum vorgestellt. Wie dem auch sei, wir konnten einen kleinen Einblick nehmen und an unsere Vorfahren denken, ihnen sozusagen nahe sein.
Wir fuhren über den „Remdenberg“ zur Gauja, verweilten etwas an der Fähre (Prahm), die immer noch, wie eh und je, ohne eigenen Antrieb funktioniert, bewegt durch die Strömung an einem dicken Seil, das über den Fluss gespannt ist. Meinen langhegten Wusch, den roten Zvārtes-Felsen an der Amata, ein Nebenfluss der Gauja, zu sehen, konnten wir uns erfüllen. Diesen Felsen hatte ich als Kind einmal nach einem alten Schwarz-weiß-Foto mit Aquarell gemalt und ihn grau dargestellt. Dieses „Wai, Jungchen, der Felsen ist doch rot“ meines Vaters klingt mir noch heute in den Ohren. Wir fuhren entlang der Gauja bis zur der entsprechenden Abzweigung, waren vorher auch bei einem kurzen Halt zur Gauja hinunter gegangen. Überall sahen wir am gegenüberliegenden Ufer rote Felsen. Beeindruckend! Der Zvārtes-Felsen, ca. 35 m hoch, baumbewachsen und in der Amata sich spiegelnd, sticht aber alle anderen aus.



Der Weg zurück zur Fernverkehrsstraße A2 (Riga-Pskov) führte uns durch herrliches hügeliges Gelände, einst wohl Wandergebiet unseres Vaters. Von dort aus fuhren wir dann nochmal, wie oben beschrieben, nach Līgatne zurück, um den Weg, den der Unternehmer Spink einstmals gebaut hatte, zu erkunden.
Wir hätten nun noch nach Cēsis (Wenden) fahren können, waren aber doch rechtschaffen müde, hatten auch viel erforscht, was uns am Herzen lag. Cēsis kannten wir von den früheren Besuchen und der Ort war für uns dieses Mal nicht wichtig genug, nochmals dorthin zu fahren. Wir zogen es vor, unser Hotel in Sigulda aufzusuchen und einen ruhigen Abend zu genießen, war es doch auch unser letzter Abend in Lettland.
Abschied
Am kommenden Tag, dem Sonntag, sollte unsere Rückreise beginnen. Wir nahmen die Route quer durchs Land über Ķegums (Keggum; Staumauer über die Daugava), um nach Valle (Wallhof) zu fahren. Dort hatte unser Urahn, Johann Christian Georg Burmeister (1758-1817), ein „Wirtschaftsflüchtling“, der aus dem mecklenburgischen Pinnow bei Crivitz stammte, 1801 das Gut Schmieden erworben und bis 1817 gelebt.

Wir fanden die Kirche, das Dorf natürlich und einige abseits gelegene Gehöfte. Welches davon das Gut Schmieden gewesen sein mag, haben wir nicht herausbekommen, es erst später auf einer alten Karte gefunden. Wir wollten die Landschaft sehen, in der dieser Burmeister gelebt hat und wo der Sohn, unser Urgroßvater Adolph Julius Burmeister (1815-1884), der Flachshändler und Mitbegründer der Spinnerei und Weberei der „Baltischen Leinenmanufaktur“ in Kengeragge (Ķengarags) und Ältester der Großen Gilde in Riga, 1815 geboren wurde.
Doch dann hatten wir alles „abgearbeitet“ und konnten uns völlig auf die Fahrt konzentrieren. Schon bald erreichten wir die litauische Grenze, wieder völlig ohne Hindernis und durchquerten das Land über Kaunas. Wir machten eine kleine Rast, um einen Kaffee zu trinken, konnten wir doch hier noch in unserer Währung bezahlen, in Polen später nicht mehr, denn wir wollten kein Geld wechseln. Wir genossen die Fahrt durchs flache Land bei schönem Wetter. Es war auch wärmer geworden, und der Wetterbericht hatte auch weiterhin gute Aussichten versprochen.
Bei Budzisko erreichten wir am Nachmittag die polnische Grenze und waren dem Tagesziel nahe, nur noch ein kleines Stück bis Suwałki und dann noch ein paar Kilometer bis zu dem ausgewählten Hotel „Folwark Hutta“, direkt an einem idyllischen See gelegen. Hier wollten wir noch etwas bleiben und verlängerten spontan unseren Aufenthalt um einen Tag. Denn ursprünglichen Gedanken, in Litauen einen Abstecher nach Kleipeda und auf die Kurische Nehrung (mit Nidda) zu machen, hatten wir ohnehin aufgegeben und hätten uns bestenfalls in Toruń zwei Tage aufhalten können, da wir beabsichtigt hatten, diese schöne alte Stadt zu besuchen. Wir bleiben also dort, gingen spazieren, aßen gut, saßen lesend im Schatten, schrieben einige Reiseeindrücke auf und fuhren abends nach Suwałki, die Stadt ein wenig zu erkunden. Am See kam rechte Urlaubsstimmung auf, wir hätten auch noch länger bleiben können. Aber dann ging es doch weiter, quer durch das schöne Masuren nach Toruń. Die Stadt liegt an der Weichsel, rund 180 km nordwestlich von Warschau, ist recht groß und eine Universitätsstadt. Bekannt aber ist Toruń vor allem für seine hübsche Altstadt mit vielen Gebäuden im Stil norddeutscher Backsteingotik, noch mehr aber für seinen bedeutendsten einstigen Bewohner, den Astronomen Nikolaus Kopernikus. Wir suchten recht lange nach unserem vorbestellten Hotel etwas außerhalb liegend, fanden es schließlich und waren es zufrieden. Da wir ohnehin in die Stadt fahren wollten, konnten wir verschmerzen, dass es im Hotel nichts zu essen gab. So fanden wir den schönen Marktplatz und eines der vielen Freiluftrestaurants, die vor den Hotels aufgebaut sind Es war warm, wir waren vergnügt, aßen Barszcz mit Krokette, eine gefüllte Fleischpastete, Jörn Lamm, ich Stroganoff. Vorzüglich. Und so ging der schöne Abend zu Ende. Wir gingen noch etwas durch die Altstadt, kauften unser Dosenbier für einen Nachttrunk, fanden das Auto wieder und fuhren zurück.
Die Fahrt nach Dresden bei ziemlicher Hitze, nochmals eine Strecke über 500 km, war, wenn auch recht lang so doch angenehm. Wir nahmen den Weg vorbei an Poznań, Zielona Gorá und Görlitz. Das Auto war besser temperiert als die Außenwelt, wie wir bei einer Mittagspause feststellen konnten. Aber dann war es geschafft, obwohl uns die letzten Kilometer etwas schwer gefallen sind, denn wir wurden mehrfach wegen Umleitungen und heftigem Verkehr in der Stadt aufgehalten.
Es waren schöne Tage zusammen. Diese Reise von ungefähr 5000 km hatte sich für uns gelohnt und eine uralte Sehnsucht gestillt.
