Baltikum 2014

Umsiedlung der Deutschbalten


In den Lebenserinnerungen meines Vaters las ich über die  Situation 1939 : Für uns im Baltikum, die wir zwar alle Nachrichten aus Rundfunk und Presse empfangen konnten, aber nur wenig Einblick in die inneren Verhältnisse im „Reich“ hatten, sah dann auch alles (die Besetzung Polens) sehr glänzend und begeisternd aus. So wurden die Sondermeldungen begierig aufgenommen und jeder Sieg bejubelt. Von dem, was sich hinter den Kulissen abspielte, hatten wir keine Ahnung. Wir glaubten an die Lauterkeit von Hitler, waren wir doch meist durch Propaganda der Nationalsozialisten stark beeinflusst. Wir glaubten wirklich, der „nationalen Schmach“ des „Versailler Vertrages“, der das große Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg tief gedemütigt hatte, ein erstarktes Vaterland entgegensetzen zu können. Wir sahen im „Führer“ einen „nationalen Heilsbringer“, quasi einen „Erlöser“, waren beeindruckt von dem Gedanken, einer klassenübergreifenden „Volksgemeinschaft“ anzugehören, die gegen das „jüdisch-bolschewistische Untermenschentum“ auftritt und neuen „Lebensraum“ braucht. …Schon bald nach Kriegsbeginn erreichten uns Nachrichten, dass der Staat Lettland mit der Sowjetunion paktieren würde und der Roten Armee Stützpunkte überlassen wolle. In Talsen bemerkten wir, dass das lettische Militär in Libau seine Kasernen räumte und sich bei uns einzurichten begann. Auch in unserem Hause zog ein Offiziersehepaar ein. Nun verbreitete sich auch das Gerücht, dass die Deutschen im Baltikum bedroht seien. Sie waren verängstigt und fürchteten sich, wieder in russische Hand zu geraten. Sie hatten dies lange genug ertragen müssen, vor allem als die „Bolschewiken“ nach dem Ersten Weltkrieg das Land für einige Zeit okkupiert und unter der deutschen und auch lettischen Bevölkerung ziemlich gewütet hatten. Eines Tage wurden in Talsen alle deutschen Männer zusammengerufen, und man begann, allen Ernstes darüber zu beraten, wohin man sich notfalls in Sicherheit bringen könne, z.B. auszuwandern, eventuell sich durch Litauen nach Deutschland mit Pferd und Wagen durchzuschlagen, oder sich Verstecke im Walde einzurichten… Es wurde den Baltendeutschen allmählich klar, wirklichen Schutz nur auf reichsdeutschem Gebiet finden zu können. So fiel Hitlers Aufruf, seine Landsleute „heim ins Reich“ zu holen, auf fruchtbaren Boden. Wir glaubten, dies als einzige Möglichkeit zu erkennen, um uns aus einer immer feindlicher werdenden Umklammerung zu lösen. Man wolle uns im neu eroberten Land um Posen, das jetzt die Bezeichnung „Warthegau“ führte, ansiedeln – hieß es –, uns zurückgeben, was wir zurücklassen würden, auch stünden große neue Aufgaben vor den Balten. Wir würden Deutsche unter Deutschen sein, nicht mehr bedroht von einer feindlich gesinnten Umwelt. Natürlich konnten wir die Konsequenzen einer Umsiedlung nicht völlig übersehen, erkannten allerdings, dass wir unsere Heimat aufgeben müssen. Wie sollten wir auch wissen, welche große Kluft es geben würde zwischen den Reichsdeutschen und uns, die wir durch etliche Generationen von unserem Land geprägt worden sind, ja, dass wir uns im „Vaterland“ wie Fremde fühlen würden. Auch waren wir wirklich so blauäugig, nicht darüber nachzudenken, dass anderen Menschen genommen werden musste, womit unser verlorener Besitz ausgeglichen werden sollte. Nein, dies alles konnten wir uns damals nicht vorstellen. Aber wären wir sonst geblieben? Wohl kaum. Wir kannten die Russen. Denen wollten wir wirklich nicht wieder in die Hände fallen. Das wäre weitaus schlimmer gewesen!* Meine Mutter schreibt dazu nichts, aber meine Tante, verheiratet mit dem deutschen Pastor der lettischen Gemeinde in Talsen Oskar Martinelli:„Mein Mann erklärte gleich, er würde nicht fortgehen und seine Gemeinde nicht verlassen. …Aber der Telefonanruf eines lettischen Rechtsanwalts macht ihm klar, dass es für die Deutschen eine  Notwendigkeit sei, fortzugehen…Mein Vater hatte immer gesagt, man solle nie die Heimat verlassen, auch nicht bei politischen Veränderungen…“** Deutschbaltische Zeugnisse späterer Jahre sprechen immer von erzwungener Umsiedlung, selten von der eigenen Mitwirkung.

 


* Robert Burmeister: Meine Erinnerungen, 1969
** Herta Martinelli, Erinnerungen von Herta Martinelli, geb. Rohde, 1988