In meinem Blog „Das Ossi“ habe ich mich gegen das Alle-über-einen-Kamm-Scheren derer gewandt, die aus dem östlichen Teil hinter dem 1989 geschleiften „antifaschistischen Schutzwall“ stammen oder ihm zugerechnet werden – aus welcher Absicht auch immer das geschieht.
Hier soll von der ostdeutschen Erzählung über „die Wessis“ die Rede sein, denn auch im Osten wurden seit der geöffneten Grenze über die anderen Deutschen pauschale Urteile gefällt.
Der Wessi, wie er im Osten gern erzählt wird, sieht so aus: Er kam in Nadelstreifen als Kolonisator, kaufte den Osten auf, landete als mittelmäßiger Wissenschaftler auf einem der Ostlehrstühle, redet laut, weiß alles besser, auch dass Ostler alles falsch machen, zeigt, wie man richtig arbeitet und fordert, selbst die Ärmel hochzukrempeln, ohne dauernd nach dem Staat zu rufen.
Ursprünglich war die Ost-Vorstellung vom Menschen im Westen eine völlig andere. Mehrheitlich bewunderte man ihn. Der Westen war in den Tagen vor dem Mauerfall ein Sehnsuchtsort, von Menschen geschaffen, denen nichts unmöglich war. Man kannte sie aus dem Fernsehen: Menschen, die alles im Überfluss hatten, von Baumaterial bis Reisefreiheit. Sie schwangen den Hammer des Glücks, denn jeder war dort drüben seines Glückes Schmied. Keine Politik hinderte sie, alles zu erreichen. Parteiparolen, FDJ-Lehrjahre und sozialistische Schulerziehung konnten niemanden vom Traum abhalten, eines Tages zu sein wie sie.
Dann kamen die realen Begegnungen Ostdeutscher mit dem Westen. Alexander Osang beschreibt im Buch „Fast hell“ sein erstes Westerlebnis von 19901. Er kam als Reporter der Berliner Zeitung wegen einer Reportage über den Karneval nach Köln und wohnte aus Kostengründen in einer WG. Er fand die Bude unfassbar kalt. Verstand das nicht, weil es überall Heizungen gab. Die Bewohner hatten sie auf siebzehn, achtzehn Grad heruntergeregelt – Energiesparen. Dort sah er verwundert das strenge Trennen von Müll. Jahre später, so schreibt er, saß er in einem Petersburger Restaurant zusammen mit zwei anderen Ostberlinern und einer Westdeutschen zum Abendessen. Er kannte das anschließende Bezahlen nur so: man teilt die Rechnungssumme durch die Anzahl der Beteiligten. Rita aus dem Westen wehrte sich dagegen. Sie hatte schließlich weniger bestellt als die anderen. Für Osang sah die westdeutsche Lebensweise so aus: Kalte Wohnungen, Mülltrennung und jeder zahlt nur für sich.
Während der ersten Ost-West-Kontakte erlebten Ostdeutsche, wie Westdeutsche mit Bananen winkten und sächsische Laute nachahmten: „Plaste und Elaste aus Schkopau“, „Gaufholle“. Ihre Antwort darauf war ein kleiner Reim, der schnell die Runde machte: „Der Fuchs ist schlau, er stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum.“ Dennoch jubelten sehr viele Helmut Kohl zu und noch mehr stimmten für seine „Allianz für Deutschland“ – glaubten an seine blühenden Landschaften, die aus der West-Portokasse bezahlt werden würden.
Dann kam der Einigungsvertrag, die Treuhandanstalt zog am Alexanderplatz in Berlin in das „Haus der Elektroindustrie“, der Rausch mit den „Wahnsinn“– Rufen verflog, die ökonomische Realität verstärkte den Kater. Ilko-Sascha Kowalczuk erzählt in seinem Buch „Die Übernahme“2 die Begegnungsgeschichte eines Ostdeutschen mit dem Westen: Sein Schwiegervater Dieter war in Ostzeiten Leiter eines kleinen Baubetriebs in der Magdeburger Börde und hatte vierzig Jahre lang im Sozialismus gebaut, improvisiert, geflucht, Baustoffe besorgt, auch solche, die es eigentlich nicht gab. Als die Mauer fiel, war er sechsundfünfzig, gründete eine GmbH und war sicher, jetzt endlich so bauen zu können, wie er es immer gewollt hatte. Ein Westdeutscher kaufte einen benachbarten Betrieb mitsamt Grundstück für eine symbolische Mark und altschuldenfrei. Der wurde sein Konkurrent. Der DDR-Dieter dagegen musste Pseudoaltschulden aus der Planwirtschaft als reale Verbindlichkeiten tragen, bekam von Banken keine Kredite und wurde so trotz voller Auftragsbücher in den Ruin getrieben, der ihm eine Strafverfolgung einbrachte und eine Krankheit. Am Tag des ersten Gerichtstermins starb er. Jeder Ostdeutsche kennt solche Geschichten, zumindest glaubt jeder, solche Geschichten gehört zu haben.
Arbeitsplätze verschwanden, eine neue Arbeit musste fast jeder finden. Ich machte mich nach mehreren Umwegen selbstständig, eine Akademiekollegin aus dem Nachbarinstitut in Berlin-Adlershof3, Angela, fand eine Stelle als stellvertretende Regierungssprecherin bei Lothar de Maizière. Auch DDR-staatsnahe Menschen konnten eine neue Arbeit finden: NVA-Offiziere beim ehemaligen Feind – der Bundeswehr – und Matthias Warnig, ehemaliger Stasi-Major, der Putin noch aus der Dresdner Zeit von Stasi und KGB kannte, wurde Geschäftsführer von Nord Stream 2.4 Sehr viele Werktätige der ehemaligen DDR gingen leer aus und blieben ohne Arbeitsplatz, auch ohne staatsnah beschäftigt gewesen zu sein. Alles war möglich – oder eben unmöglich.
Jeder hatte mit ihr zu tun, der institutionellen, ökonomischen und kulturellen Übermacht von drüben, die neue Spiel- und Verhaltensregeln festlegte. Westdeutsche Lebensläufe galten als Qualifikation, ostdeutsche dagegen als Makel oder höchstens als Sonderfall. Das prägte mit sich mehrenden ostdeutschen Erlebnissen das Bild vom Westdeutschen.
Daniela Dahn machte es sich frühzeitig zur Aufgabe, Abwicklung, Entwertung von Biographien und Siegermentalität eindringlich zu beschreiben.5 Sie erfand nichts und war durch pointierte Wertung wirksam: Sie gab dem, was viele fühlten, aber noch nicht benennen konnten, einen Namen und eine Stimme.6 Sie lud die Tatsachen moralisch auf. Der Westen war nicht mehr das Gemenge sehr unterschiedlicher Menschen, Interessen und Mentalitäten, sondern eine strukturell schuldige Macht. Ihre Kritik an den Verhältnissen war vom Blick auf den verhinderten wahren Sozialismus mitgeformt, den der Aufruf „Für unser Land“ noch erträumte.7
Mit der Zeit kamen neue Reizpunkte: das westdeutsch geprägte Milieu, das seine eigene Lebensweise dem Osten aufzwingen wollte. Das wurde das Fundament von Sahra Wagenknechts Beschreibung vom selbstgewissen Wessi, seiner sozialen Kälte und kulturellen Übergriffigkeit. Nun war er nicht mehr nur der Kolonisator der Nachwendezeit, sondern der „Besserdenkende“ von heute, dem auch Ostdeutsche glichen, wie der Altbundespräsident Joachim Gauck. Selbst in der DDR aufgewachsen, erklärte er, Ostdeutsche seien „im Grunde genommen altdeutsch“, weil ihnen die 68er-Erfahrung mit Zuwanderung fehle. Die Zivilgesellschaft sei im Osten „nicht so weit“ wie im Westen.8 Das diente vielen Ostdeutschen als Beweis: Gauck, der Bürgerrechtler – und damit für viele im Osten schon immer suspekt – spricht mit westlichem Blick, westlichem Vokabular, westlicher Selbstgewissheit. Ein Westknecht also.9
Dirk Oschmann, eine viel beachtete und häufig zitierte ostdeutsche Stimme, beschreibt den Westen als normsetzende Instanz, die bestimmt, was in Deutschland als normal, modern und sagbar gilt und wer dort zu Funktionen und Macht kommt. Ostdeutsche werden bei ihm zu Objekten westdeutscher Verfügung – was einen empirischen Kern hat. Doch Oschmanns Verallgemeinerung bleibt keine statistische Aussage, sondern wird zur Beschreibungsmethode. Als Mitglied eines ostdeutschen Kollektivs legt er fest, wie das andere sich angeblich verhält. Und so erfindet er den Westen – genauso wie der Westen für ihn den Osten erfand.
Für Monika Maron und Uwe Tellkamp ist der Westen nicht mehr nur arrogant oder normativ, sondern moralisch verlogen: eine Gesellschaft, die Meinungsfreiheit predigt und Konformität erzwingt, die Haltung fordert und Debatte verhindert. Maron, die in der DDR nicht publizieren durfte und deren Bücher im Westen erschienen, kannte Zensur aus eigener Erfahrung – und glaubt nun, sie in anderer Form wiederzuerkennen.10 Tellkamp – der in „Der Turm“ die Dresdner DDR-Bürgerlichkeit beschrieben und dafür literarisches Lob erhalten hat, spricht von „Gesinnungskorridoren“ und einer drohenden „Gesinnungsdiktatur“, sieht die Medien auf Linie gebracht auch ohne Anrufe aus der Politik.11 Uwe Steimle, ein anderer Dresdner und anderes Publikum unterhaltend, kommt zu ähnlichen Befunden. Als der MDR seine Sendung 2019 absetzte, nannte er das „Zensur ersten Grades“ – es erinnere ihn an „finsterste DDR-Zeiten“.12 Für diese Ostdeutschen dominiert der Westen nicht nur, sondern lügt – und der Osten weiß das, weil er Staatslüge sofort erkennt.
So wurde der Wessi in einem langen Prozess zur Erfindung: geformt durch tatsächliche Ungleichheitserfahrungen, soziale Erschütterungen und erzählte Zuspitzungen, die sich mehr und mehr zu kulturkämpferischen Verhärtungen verdichteten. Wohin geht dieser Weg? Ich weiß es nicht. Wir wählen in unserem Bundesland im September den Landtag. Ich fürchte die Antwort auf meine Frage und sage erneut: „Carpe diem, quam minimum credula postero“.13
- Alexander Osang, Fast hell. Nachrichten aus der Mitte meines Lebens, Berlin: Aufbau Verlag, 2022. ↩︎
- Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde, München: C.H. Beck, 2019. ↩︎
- Mein Blog Der verwunderte Zeitungsleser: „Carpe diem, quam minimum credula postero“, 2025 ↩︎
- Matthias Warnig, geb. 1955, ehemaliger Stasi-Hauptmann und später Major, arbeitete als Agent der Hauptverwaltung Aufklärung. Seine Verbindung zu Putin geht auf das gemeinsame Geheimdienstmilieu der späten 1980er Jahre zurück, als Putin KGB-Resident in Dresden war. Von 2006 bis 2016 leitete Warnig die Nord Stream AG, von 2015 bis 2023 war er Geschäftsführer der Nord Stream 2 AG. Seine Stasi-Vergangenheit wurde 2005 öffentlich bekannt, ausführlich dokumentiert von Die Welt am 14. Juni 2008. ↩︎
- Westwärts und nicht vergessen. Vom Unbehagen in der Einheit (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt1996) und Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen (Rowohlt 2009) ↩︎
- Daniela Dahn verwendet den Begriff der „Kolonisierung“ als Leitbegriff für den Vereinigungsprozess ↩︎
- „Für unser Land“ war ein Aufruf, von 31 DDR-Bürgern erstunterzeichnet, verfasst am 26. November 1989 und verlesen von Stefan Heym auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin. Die Endfassung stammte von Christa Wolf. Der Text plädierte für den Erhalt einer eigenständigen DDR als „sozialistische Alternative zur Bundesrepublik“ und warnte vor dem „Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte“. Bis Januar 1990 unterzeichneten rund 1,17 Millionen DDR-Bürger den Aufruf – bei 9.273 Ablehnungen. Zu den Erstunterzeichnern gehörten u. a. Volker Braun, Friedrich Schorlemmer und Christa Wolf. Die Geschichte ging über den Aufruf hinweg: Im März 1990 stimmte die DDR-Bevölkerung mehrheitlich für die schnelle Einheit.
Ich gehörte zu den über einer Million, die unterschrieben, und bin heute froh, dass es anders kam. ↩︎ - Caren Miosga: „Sorgen Sie sich um unsere Demokratie, Herr Gauck?“, ARD, 15. März 2026. Gaucks Äußerungen wurden u.a. dokumentiert in der Berliner Zeitung vom 16. März 2026: „Sie sind im Grunde genommen altdeutsch: Gauck über Ostdeutsche bei Caren Miosga.“ ↩︎
- Den Bürgerrechtlern hat „das Volk“ nie ganz getraut – und das Wahlergebnis vom März 1990 machte das unmissverständlich deutlich: Das Bündnis aus Neuem Forum, Demokratie Jetzt und Bürgerrechtsgruppen erhielt 2,9 Prozent der Stimmen. ↩︎
- Monika Maron schrieb zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in der NZZ, die schwindende Meinungsfreiheit erinnere sie an einstige Repressionen. 2020 trennte sich der S.-Fischer-Verlag nach 40 Jahren von ihr, u.a. wegen ihrer Essays in einer Reihe, die mit dem neurechten Antaios-Verlag kooperierte. Wikipedia, Eintrag „Monika Maron“, abgerufen April 2026. ↩︎
- 3sat-Dokumentation „Der Fall Tellkamp – Streit um die Meinungsfreiheit“ (2022, Regie: Andreas Gräfenstein) sowie in zahlreichen Presseberichten, u.a. Tagesspiegel, 17. Mai 2022. ↩︎
- SuperIllu, Juni 2020; Tagesspiegel, 4. Dezember 2019. ↩︎
- „Nutze den Tag, vertraue so wenig wie möglich dem Morgen.“ Horaz, Oden I, 11 ↩︎
