Das Ossi

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In der taz las ich kürzlich, der neue Chefredakteur sei der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung schon nach kurzer Zeit wieder abhanden gekommen1. Ich dachte: „Gut, Menschen passen nicht immer zusammen, Redaktionen sind keine Ehen auf Lebenszeit, und überhaupt muss nicht jede publizistische Neugründung gleich zu einer Familie werden.“
Der frisch gekürte Geschäftsführer der OAZ – Dirk Jehmlich – erklärte: Viele Leserinnen und Leser hätten sich wohl eher jemanden mit ostdeutscher Biografie gewünscht. Als man dem Mühlheimer von der Ruhr2 Dorian Baganz seinen Chefposten übertrug, hatte es noch geheißen, ostdeutsch sei keine Frage der Herkunft, sondern eine Haltung: fleißig, loyal, bescheiden.

Ich fragte mich wieder einmal: Wer hat wann und wo diese Besonderheiten des „Ossis“ beobachtet? Schon viele Experten lagen in den vergangenen Jahren auf der Lauer, um es genauer zu beschreiben, zu vermessen und zu kategorisieren.
Es gab mal den einheimischen Psychologen Hans-Joachim Maaz aus Halle. Der fand heraus, Kränkungen, Entwertungen, verdrängte Gefühle, seelischer Druck und narzisstische Verletzungen würden „Das Ossi“ zu spezifischen Handlungen zwingen.
Der Kriminologe Christian Pfeiffer ergründete dessen Fremdenfeindlichkeit und stieß auf die autoritäre DDR-Krippenerziehung. Ich sehe es noch bildlich vor mir: Kinder auf dem Töpfchen in Reih und Glied und daraus leitete er die zerstörte Seele des Ossis ab.
Nach längerem Nachdenken fiel mir Arnulf Baring wieder ein. Schon Anfang der neunziger Jahre verkündete er, das SED-Regime habe die Menschen im Osten „verzwergt, ihre Erziehung, ihre Ausbildung verhunzt“. Viele seien dadurch zu „hirnlosen Rädchen im Getriebe“ oder „willenlosen Gehilfen“ erzogen worden3.

Die Menschen im Osten sahen sich vollkommen falsch dargestellt. Gottlob kauften die wirtschaftlich erfolgreichen Ossis Silke und Holger Friedrich 2019 den Berliner Verlag und damit die Berliner Zeitung. Seitdem arbeitet die Zeitung an einer neuen Beschreibung des Lebensraums des Ostdeutschen und dessen Wesen, jetzt objektiv, der Wahrheit verpflichtet, die Vielfältigkeit in Rechnung stellend. Auch hier kommt der Osten als Erfahrungsraum besonderer Kränkungen vor, aber besonders als Zone großer Wirklichkeitsnähe, als Ort von Pragmatismus, wo der Mut zur Veränderung, die Skepsis gegenüber Autoritäten und staatsferne Vernunft zu finden sind. Das klingt sehr viel freundlicher, man könnte es auch schmeichelhaft nennen. Als Unternehmer, auch in der Medienwelt, braucht man den Markt und der besteht zunächst aus Ostmenschen.

Ich hatte und habe mit jeder solcher Generalisierungen meine Schwierigkeiten. Nicht, weil es keine ostdeutschen Erfahrungen gibt. Natürlich gibt es sie. DDR, Wende, Umbruch, Entwertung von Lebensläufen, neue Freiheiten, neue Unsicherheiten, Abwanderung, Verluste, Aufstieg, Kränkung, Improvisation – das alles ist wirklich. Aber aus geteilten Erfahrungen folgt noch kein einheitlicher Menschentyp. Wer aus Geschichte Charakterkunde macht, vereinfacht die Welt stark.

Wozu braucht die politische Publizistik das Bild von Millionen Menschen als einzelne Sammelfigur: „Die Ostdeutschen“, „Das Ossi“, „Der Osten“? Dabei gab und gibt es auch im Osten sehr verschiedene Leute: Lehrer und Schlosser, Ärztinnen und Trinker, Parteigängerinnen und Zweifler, Angepasste und Starrköpfe, Witzbolde, Denunzianten, Großzügige, Ängstliche, Hysterische, Nüchterne, Liebenswürdige und Typen aller Art, die überall die Welt bevölkern. Doch immer wieder wird so getan, als habe man es mit einer Art seelischer Großfamilie zu tun, deren Mitglieder zwar individuelle Namen tragen, im Grunde aber von einem gemeinsamen inneren Takt bewegt werden, vorgegeben von soziologischen Merkmalen, besonders von lokaler Herkunft. Mir kommt das wie publizistische Küchenmassenpsychologie vor. Ja warum braucht die Publizistik das? Ich denke, es erspart das genaue Hinsehen und „Beobachtungskosten“, klingt aber nach Analyse. Wer „der Osten“ sagt, braucht nicht mehr lange zwischen Leipzig und Vorpommern, Jena und der Lausitz, Plattenbau und Dorfstraße, Rentnerin und Start-up-Gründer, resigniertem Arbeiter und ehrgeiziger Oberärztin zu unterscheiden.

Holger Friedrich scheint eine gewisse Vorliebe für solche Typenbildung zu haben. In seinen Äußerungen und in der Programmatik seiner neuen OAZ tritt der Osten als Träger besonderer Fähigkeiten auf: transformationsgeübt, pragmatisch, ideologieresistent, veränderungsfest, von westdeutschen Diskursmoden weniger benebelt als andere Teile der Republik4. Wer immer nur als Problemfall besprochen wurde, hört es sicherlich gern, wenn ihm nun einmal Kompetenz, Würde und Erfahrungsvorsprung zugeschrieben werden. Das hat den Charme, sich gegen jahrzehntelange westdeutsche Herablassung zu richten und ostdeutsche LeserInnen zum Kauf zu animieren.

Ich verstehe das sogar, aber frage mich, ob das Gegenklischee klüger ist als das alte. Wer „den Ostdeutschen“ nun als besonders pragmatisch, widerständig oder staatsfern adelt, bleibt am Ende derselben Denkfigur treu, die kritisiert wird. Aus Fremdherabsetzung wird Selbstaufwertung, aus Defizitbeschreibung ein Tugendkatalog. Aber beide Verfahren haben dieselbe Voraussetzung: dass es „den Ostdeutschen“ als erkennbaren Charakter gibt.

Nein, für mich steht fest, es gibt „Das Ossi“ nicht und ich denke an die Bewohner unseres Aufgangs im Neubau am Spittelmarkt in Berlin-Mitte. Wir waren alle Ostdeutsche mit derselben Adresse, sahen auf den Mauerstreifen, benutzten gemeinsam das Treppenhaus und den Lift. An den Briefkästen standen aber verschiedene Namen.
Unter uns wohnte eine ältere, freundliche Frau und gab uns den guten Rat, „immer nach Unten“ zu sehen, wenn ein Missgeschick passierte. Es gebe immer Menschen, denen es noch schlechter gehe.
Uns im Treppenflur gegenüber wohnte die Verwalterin des Hausbuchs5, Mitarbeiterin der Volkspolizei und ihr Mann, dem die Angestellten unterstanden, die im ZK-Gebäude6 putzten, pflegten und reparierten. Ich grüßte ihn, wenn ich ihn am frühen Morgen im Fahrstuhl traf – ich mit Bart und langem Haar, er mit Anzug und Parteiabzeichen.
Unter uns wohnte ein älteres Ehepaar, von denen wir wenig sahen, über uns ein junges. Wir freundeten uns an, luden uns gegenseitig ein, waren uns im letzten Jahr vor dem Ende der DDR bei Diskussionen in der nahegelegenen Kneipe sicher, es könne politisch nichts so bleiben wie es war. Ich nahm das ernst und trat aus der SED aus, unser benachbarter Freund wartete damit bis die Mauer weg war, wählte dann CDU, während wir bei den Verlierern der Wahl – dem Neuen Forum – unser Kreuz gemacht hatten. Ja, wir waren alle aus dem Osten, aus dem gleichen Haus, konnten in der Nacht auf den erleuchteten Grenzstreifen sehen und dabei sehr verschieden sein. Auch, als wir mit gleicher Währung bezahlten, wurden wir uns nicht ähnlicher.

Die Berliner Zeitung und ihr Verleger verbreiten jetzt die schmeichelhafte Erzählung von den Menschen im Osten. Da fand ich es bemerkenswert, dass ausgerechnet jüngst dort ein Interview mit Lukas Rietzschel7 zu lesen war, der von der Beschreibung über das ostdeutsche Sammelwesen wenig hält8. Er sprach von Opfermythen, davon, dass es entlaste, „dem bösen Westen“ die Schuld zu geben, und dass die Ostdeutschen eben keine homogene Masse seien. Hier sprach ein Autor, der sich seinen Mitmenschen in Ostdeutschland nicht durch die Konstruktion eines Kollektivcharakters nähert und vor dem Schreiben genauer hinsieht. Bei ihm findet man nichts von den vereinheitlichenden Mythen.

Vielleicht liegt hier der Unterschied zwischen dem Schriftsteller und dem Verleger. Der Schriftsteller misstraut der Sammelfigur. Er zeigt die Ostmenschen in ihren Widersprüchen und Eigenheiten, spricht über Scham, Trotz, Selbstbetrug, Erinnerungen und Lächerlichkeiten. Der Verleger dagegen hat ein erkennbares Interesse daran, aus kollektiven Erfahrungen eine ansprechbare Figur zu machen. Er braucht ein beschriebenes Subjekt, einen wiedererkennbaren Raum gemeinsamer Empfindungen, eine Tonlage. Man könnte auch boshaft sagen: Der Verleger braucht den Osten in einer Form, in der man ihn abonnieren kann, der Schriftsteller begegnet ihm lieber dort, wo er sich der Typisierung entzieht.

Das ist vielleicht nicht einmal verwerflich. Zeitungen leben von Milieus und den Erwartungshorizonten der geneigten Leser. Als verwunderter Zeitungsleser will ich daran erinnern, dass auch geneigte Leser keine Stammesangehörigen sind. Sie sind nicht „der Osten“, sondern Menschen, die aus sehr verschiedenen Gründen ihre Zeitung aufschlagen oder sie auf dem Smartphone während der Fahrt zur Arbeit lesen. Einer von ihnen sucht Bestätigung, ein anderer Widerspruch, der dritte bloß ein gutes Feuilleton und der vierte einen Anlass, sich zu ärgern.

Dass Menschen durch Herkunft, Sozialisation und historische Erfahrung geprägt werden, bestreitet niemand. Ärgerlich ist es für mich, wenn solche Prägungen zu seelischen Kollektiven geformt werden.

Seit mehr als dreißig Jahren wird in Deutschland über „den Osten“ gesprochen, als handle es sich um eine Art anthropologischen Sonderfall. Mal ist dieser Osten das Sorgenkind der Republik, mal ihr ungehobelter Wahrheitszeuge, mal das missverstandene Opfer, mal der eigentliche Träger von Zukunftskompetenz. Es wird gedeutet, gebündelt, psychologisiert. Vielleicht wäre das Land längst weiter, wenn diese Redeweise sich irgendwann erschöpft hätte.

Sicher ist, wir sind im Osten wie im Westen, in Berlin-Mitte und in Kreuzberg noch immer verschieden. Erfreulich verschieden.

  1. taz vom 13.3.2026 „Chefredakteur sucht das Weite“ ↩︎
  2. Jörg Wagner: Die Medienhölle # 7
    Darauf legte Dorian Baganz wert:
    „Ich bin kein klassischer Wessi würde ich sagen. Ich würde widersprechen in den Themen, wenn Sie sich mit den Themen beschäftigen, die ich in den letzten Jahren publizistisch verantwortet habe und für die ich publizistisch stand, habe ich keine klassischen Westthemen bespielt. Ich glaube, ich habe einen Journalismus gemacht, der im Osten mehrheitsfähig ist, viel eher als im Westen. Und von daher glaube ich, es geht eher darum, es geht viel eher um publizistische, vielleicht auch um politische Identität und um die Themen, die man bespielt und weniger jetzt nur um die Herkunft.“ ↩︎
  3. Bundeszentrale für Politische Bildung: Die Konstruktion der Ostdeutschen ↩︎
  4. Vgl. Silke Friedrich/Holger Friedrich, Über die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung, Berliner Zeitung, 19./20.2.2026 ↩︎
  5. Das Hausbuch war in der DDR ein amtliches Heft, das in jedem Wohnhaus geführt werden musste. Eingetragen wurden alle Bewohner mit Name, Beruf und Personalausweisnummer. Die Verwalterin – eine verlässliche Person des Hauses – dokumentierte An- und Abmeldungen und meldete Veränderungen pflichtgemäß der zuständigen Behörde. Ein Amt zum Wohle der sozialistischen Gemeinschaft und der Staatsmacht, das half, den Überblick zu behalten. ↩︎
  6. Das „ZK-Gebäude“ war das Haus des Zentralkomitees der SED, also jenes Apparats, in dem ein erheblicher Teil der politischen Wirklichkeit der DDR verwaltet und beschlossen wurde. Es lag gleich um die Ecke unseres Wohnblocks, am Werderschen Markt 1 ↩︎
  7. Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz (Sachsen), Schriftsteller und Dramatiker, lebt in Görlitz. Bekannt wurde er 2018 mit seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“, der rechte Gewalt in der ostdeutschen Provinz zum Thema hat. Seither gilt er als eine der markanten literarischen Stimmen zu Ostdeutschland und Nachwendegesellschaft. Zuletzt erschien der Roman „Sanditz“ (2026). ↩︎
  8. Lukas Rietzschel: „Die Ostdeutschen sind keine homogene Masse“. Berliner Zeitung, 14. März 2026. ↩︎