Söder umarmt keine Bäume mehr

KI-Beitragsbild: Motivvorschlag und Prompt von ChatGPT, Ausführung DALL-E

Ja, manchmal klick ich auch auf einen Link zur Bild-Zeitung. Im gegebenen Fall: Markus Söder hat wieder einmal die neue Zukunft für Bayern entdeckt1. 2020 stand sie für ihn noch als Baum im Hofgarten. Söder umarmte ihn damals mit jener ihm eigenen Entschlossenheit. Dazu summten die gerade geretteten Bienen, Bayern wurde grün, und es schien, der Ministerpräsident wolle der Photosynthese einen Platz im Kabinett reservieren.2 3

Das ist vorbei, jetzt wieder ein Wandel. Der Mann, der vor ein paar Jahren noch den Baum umarmte, flüstert jetzt kleinen Reaktorbehältern seine Zuneigung zu. Das Grün von damals war nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zum Mini-Meiler: Laptop und Lederhose, Laubbaum, dann Laufzeitverlängerung und jetzt der Schritt zum Small Modular Reactor, kurz SMR4.

Ich kann ihn verstehen. Bäume sind ihm zu wenig, wachsen zu langsam, rauschen mit anderen als deutscher Wald schon seit ewigen Zeiten vor sich hin. Wie soll man das als „neue Epoche“ verkaufen? Ein Small Modular Reactor ist da schon etwas anderes. Das klingt nach Zukunft, nach Hightech, nach sauberer Energie in beinahe unbegrenzter Menge. Das ist die politische Verheißung für Bayern und gedeiht besonders gut als Versprechen, solange sie nicht – physisch realisiert – ans Netz gehen muss. Bis dahin reicht Söders Wort von der „Kernenergie 2.0“ und vom Standort einer neuen atomaren Zeitrechnung in seinem schönen Bundesland.5

Leider hat die Sache einen Haken. Außerhalb der Bekundungen des Ministerpräsidenten hat die bayerische Staatsregierung eingeräumt, dass es bislang weder konkrete Vorhaben noch belastbare Aussagen zu Kosten und Wirtschaftlichkeit solcher Mini-AKW gibt und man sich in einer „ergebnisoffenen Diskussion“ befinde.6 Das schöne Wort „ergebnisoffen“ bedeutet ungefähr: Wir haben noch keinen Plan, aber wir möchten schon einmal so reden, als sei der Durchbruch nur noch eine Frage des nächsten Pressetermins.

Natürlich existieren die kleinen Reaktoren nicht nur in Söders Kopf, sondern auch die EU-Kommission spricht von ihnen. Die ersten europäischen SMR-Projekte sollen in den frühen 2030er Jahren Energie ins Netz bringen.7 In China – ganz vorn dabei – hat ein solcher Reaktor schon Kaltfunktionstests absolviert8. Doch das Grundproblem bleibt unerfreulich altmodisch: Es reicht nicht, dass etwas klein, modular und englisch benannt ist. Es muss am Ende auch funktionieren, bezahlbar sein und Strom liefern, ohne als Denkmal einer politischen Sehnsucht nach sehr teurem Bau stillgelegt zu werden, wie in den USA geschehen: Dort wurde das Vorzeigeprojekt von NuScale 2023 aus wirtschaftlichen Gründen beendet.9

Söder wäre aber nicht Söder, wenn er nicht doch noch einen Schritt weiter dächte: Da gibt es ja auch noch die Kernfusion. Keine alte Kernenergie mehr, sondern, die Sonne kommt in sein Bundesland. Es ist ein Menschheitsaufbruch mit Sternenfeuer entfacht durch Proxima Fusion vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik mit dem geplanten Demonstrator „Alpha“ .10,11

Nur, das ist auch das noch kein Kraftwerk, das morgen die Steckdosen in Augsburg, Aschaffenburg und Ansbach glücklich macht. Es ist Forschung, ehrgeizig, für die Beteiligten spannend, wissenschaftlich seriös – und gerade deshalb das Gegenteil Söderscher Sprüche, die so klingen, als müsse nur noch jemand den Schalter umlegen. „Alpha“ soll erst in den 2030er Jahren zeigen, dass überhaupt ein Nettoenergiegewinn aus der Anlage kommen kann. Das ist für die Wissenschaft ein realer Zeithorizont. Für die Tagespolitik ist es ungefähr so nah wie der Eröffnungstermin des Berliner Flughafens zu dessen Baubeginn.

Inzwischen hat Friedrich Merz, der den deutschen Atomausstieg für einen Fehler hält, erklärt, der sei „irreversibel“12. Gleichzeitig erklärt er die Windkraft für überflüssig und verspricht Deutschland an deren Stelle den ersten Fusionsreaktor der Welt. Und bleibt dabei verbal im Ungefähren13. Er liebt wie Söder die Versprechen. Merz trägt sie vor mit der festen, nachdrücklichen Stimme des nüchternen Politikers, Markus Söder mehr als politischer Wetterhahn, der sich immer in die Richtung dreht, aus der die Wählerstimmen kommen, spürend welches Thema gerade in der Luft liegt. Dann steht er da, die Arme ausgebreitet, um die Zukunft zu umarmen, mal einen Baum, mal ein SMR, mal einen Fusionsmagneten, selbst, wenn alles nur aus Wörtern und viel staatsmännisch verklausuliertem Vielleicht besteht.

Der Baum von damals existiert wirklich. Er steht noch immer da im Hofgarten mit Rinde, Wurzeln und Blättern. Doch Söder umarmt ihn nicht mehr. Bäume sind ihm zu wenig Science-Fiction.

  1. Bild, „Söder: Kann Bayern einfach kleine AKWs bauen?“ ↩︎
  2. Deutschlandfunk Kultur, „Bäume umarmen reicht nicht – Symbolpolitik im bayerischen Wald“ ↩︎
  3. ZEIT, „Umweltschutz: Von Söder lernen“ ↩︎
  4. Small Modular Reactors (SMR) sind kleine, modular gebaute Atomreaktoren, die physikalisch nichts Neues tun – sie spalten weiterhin Uran wie ihre großen Vorgänger. Neu ist vor allem das Versprechen: Serienfertigung, geringere Baukosten und schnellere Errichtung. Ob dieses Versprechen trägt, ist offen; zumindest hat sich bisher gezeigt, dass sich auch kleine Reaktoren nicht automatisch klein rechnen lassen. ↩︎
  5. Tagesspiegel, „Bereit für ein Pilotprojekt: Söder plant Mini-Atomkraftwerke in Bayern“ ↩︎
  6. Bayerische Staatszeitung, „Staatsregierung zweifelt an Söders Mini-AKW-Plänen“ ↩︎
  7. Europäische Kommission, „Commission unveils strategy to bring Europe’s first SMRs online in the early 2030s ↩︎
  8. Linglong One completes cold functional test ↩︎
  9. Utah Associated Municipal Power Systems (UAMPS) and NuScale Power Agree to Terminate the Carbon Free Power Project (CFPP) ↩︎
  10. Building stellarators to power the future ↩︎
  11. IPP, Bayerische Staatsregierung, Proxima Fusion und RWE unterzeichnen Memorandum of Understanding ↩︎
  12. Germany’s Merz says state election will not impact his coalition ↩︎
  13. Telepolis: Windkraft in Deutschland am Ende? ↩︎