2014 war ich zum ersten Mal hier, an diesem besonderen Ort in Kurland.
Das Pastorat lag in einer reizvollen hügeligen Landschaft ungefähr drei Kilometer von der Stadt Talsen entfernt. In unmittelbarer Nähe, auf dem Pastoratsgelände, lag ein kleiner See. Man ging morgens an warmen Sommertagen nur leicht bekleidet durchs taufrische Gras einer Wiese den Abhang hinunter und stürzte sich in die erfrischenden Fluten. Oder man machte eine Kahnfahrt rings um den kleinen See.
Eine riesige Linde umschattete die Einfahrt zu unserer, von Pfeifenkraut umsponnenen Veranda. Von dort aus ging es geradeaus in den Blumengarten, zur kleinen Brücke über einen Graben und die Wiese hinunter zum See.
So beschrieb meine Tante Herta Martinelli das Pastorat in der Nähe von Talsi. Sie lebte in diesem Haus zwölf Jahre lang als Ehefrau des Pastors Oskar Martinelli .
Als ich zum ersten Mal dort war, verstand ich, warum dieser Ort in ihren Erinnerungen eine so große Rolle spielte. Es ist ein unbeschreiblich schöner Ort.
Für mich verbindet sich mit ihm die Geschichte meiner Familie. Meine Mutter wuchs in Talsi auf. Mein Onkel Oskar Martinelli war bis zur Umsiedlung der Deutschbalten 1939 Pastor der lettischen lutherischen Gemeinde.
Ein Ort der europäischen Kulturgeschichte
Das Pastorat ist aber weit mehr als ein Ort meiner Familiengeschichte.
Sein heutiges Hauptgebäude wurde 1809 unter Karl Ferdinand Amenda errichtet. Amenda war von 1802 bis zu seinem Tod 1836 Pastor in Talsi.
Bevor er nach Kurland zurückkehrte, hatte er in Wien Ludwig van Beethoven kennengelernt. Beide musizierten miteinander und wurden Freunde. Als Amenda Wien 1799 verließ, schenkte Beethoven ihm eine frühe Fassung seines Streichquartetts op. 18 Nr. 1 und versah sie mit einer persönlichen Widmung.
Zwei Jahre später, am 1. Juli 1801, schrieb Beethoven seinem Freund nach Kurland einen bemerkenswert offenen Brief. Darin vertraute er ihm sein fortschreitendes Gehörleiden an. Das Original dieses Briefes befindet sich heute im Beethoven-Haus in Bonn.
Das Pastorat in Talsi ist damit ein noch vorhandener Lebens- und Wirkungsort eines Menschen, der Beethoven persönlich sehr nahestand.
Hier lebte Amenda mehr als drei Jahrzehnte. Hier versah er sein Pfarramt. Und hier, in der Landschaft um das Pastorat und den kleinen See, verbrachte er den größten Teil seines späteren Lebens.
Mehr über die Geschichte des Pastorats
Ein Haus, das wieder lebt
Seit 2024 bemüht sich eine kleine Gruppe engagierter Mitglieder und Freunde der evangelisch-lutherischen Gemeinde darum, das lange vernachlässigte Pastorat wieder mit Leben zu erfüllen.
Einige Räume konnten bereits instand gesetzt werden. Es entstanden Dauerausstellungen zur Geschichte des Hauses und seiner Bewohner. Im Pastorat finden Veranstaltungen statt, Künstler treffen sich hier zu Pleinairs, Besuchergruppen werden empfangen, und es gibt eine Zusammenarbeit mit der Kunstschule in Talsi. Auch die schöne Umgebung des Hauses wird wieder gepflegt und steht Besuchern und Spaziergängern offen.
Das Pastorat soll dabei nicht nur ein Museum werden. Es soll wieder das sein, was ein Pastorat über Jahrhunderte auch gewesen ist: ein Ort der Begegnung, des Gesprächs und des geistlichen Lebens.
Dieser Ort braucht Hilfe
Doch die Aufgabe ist groß.
Die jahrelange Vernachlässigung des Gebäudes hat erhebliche Spuren hinterlassen. Die kleine Kirchengemeinde und die wenigen Menschen, die sich ehrenamtlich für das Pastorat einsetzen, können die notwendigen Arbeiten aus eigener Kraft nicht finanzieren.
Das schwere Unwetter, das Lettland am 22. und 23. August 2026 getroffen hat, hat die Situation noch verschärft und weitere Schäden verursacht.
Deshalb versuche ich jetzt, auch in Deutschland Unterstützung für das Pastorat zu gewinnen.
Ich habe mich an deutsch-baltische Organisationen, kirchliche Einrichtungen und Institutionen gewandt, die sich mit dem Erhalt historischen Kulturerbes beschäftigen – auch das Beethoven-Haus in Bonn und die BÜRGER FÜR BEETHOVEN.
Zunächst geht es darum, Partner zu finden, die helfen können, das Gebäude zu sichern und eine längerfristige Restaurierung vorzubereiten. Erst wenn der tatsächliche Finanzbedarf feststeht und ein verlässlicher organisatorischer Rahmen geschaffen ist, soll auch in Deutschland öffentlich um Spenden geworben werden.
Ich hoffe sehr, dass es gelingt.
Denn das Pastorat ist mehr als ein historisches Gebäude. Es ist ein Ort geistlicher Tradition, ein Zeugnis der Geschichte Kurlands und der jahrhundertelangen Verbindungen zwischen Letten und Deutschen. Durch Karl Ferdinand Amenda gehört es zugleich zur europäischen Musikgeschichte. Einen solchen Ort zu erhalten bedeutet, ein Stück gemeinsamen kulturellen Erbes für die Zukunft zu bewahren.