Vom Osten erzählen

Beitragsbild: Collage MPK-Ost-Familienfoto aus der Ostseezeitung und DALL-E-KI-Bild

Es war auch oft schwer, Leuten, die es nicht erlebt haben, meinen sozialistischen Alltag im Wendeherbst zu erklären. Sie sahen mich entweder auf Appellplätzen herumstehen oder in Kellerräumen von Widerstandskirchen Flugblätter drucken. Natürlich sollte man das eine nicht mit dem anderen vergleichen, aber der Kopf funktioniert so. Er will Opfer oder Täter. Ich verstehe das Bedürfnis, aber so einfach liegen die Dinge meistens nicht. Der Bruder meiner Ex-Freundin zum Beispiel saß, soweit ich mich erinnere, im Gefängnis Bautzen, weil er in einem volkseigenen Bekleidungslager Leder geklaut hatte, um daraus Jacken zu nähen, die man im Osten gut verkaufen konnte.
Wenn die Wörter Bautzen und Gefängnis fallen, denken alle nur an Unrechtsstaat, Regimegegner und stalinistische Willkür. Da kommt man gar nicht mehr dazu, irgendwas von Lederjacken zu erzählen. Und warum soll man das auch machen. Es war ja schlimm genug, alles. In den meisten Fällen waren die Lederjackennäher auch Regimegegner, allerdings Regimegegner, die das Regime brauchten, um ihre Lederjacken mit soviel Gewinn verkaufen zu können. Die schlauen Lederjackenverkäufer wussten das auch.“1

Mit Vergnügen lese ich Alexander Osangs Buch Fast hell noch einmal und denke zustimmend dabei: Ja, es ist schwer, Menschen, die ihn nicht erlebt haben, den sozialistischen Alltag in der DDR zu erklären. Nicht nur, weil so viel Zeit vergangen ist, sondern weil die Erzählmuster seitdem festgetreten worden sind, wie die Abkürzungswege in einem öffentlichen Park. Kaum fallen geeignete Stichwörter, verschwindet das gewöhnliche und widersprüchliche Leben hinter dem vorgefertigten Bild. Nichts bleibt von der Anpassung und dem Eigensinn einzelner. Vergessen werden Angst und Enge, der Witz und Improvisation, die kleinen Geschäfte, auch die großen Illusionen und sehr verschiedenen Weisen, mit den Verhältnissen zurechtzukommen.

Heute leben im Osten viele, die sich ostdeutsch nennen und von diesem Leben nichts mehr aus eigener Erfahrung wissen. Die einen können sich altersbedingt nicht mehr daran erinnern oder wollen es nicht. Andere waren damals noch nicht geboren oder sind erst später hinzugekommen. Sie alle sind Wähler, mögliche Abonnenten, Nutzer von Smartphones – Adressaten jener freundlichen Daueransprache, mit der man heute um Aufmerksamkeit, Zustimmung und Gefällt-mir-Klicks wirbt. Ihnen soll nicht erzählt werden, was war, sondern was zu ihrem Gefallen über sie erzählt werden kann.

In der Ostseezeitung fiel mir vor ein paar Tagen ein Foto auf, wie es nach bedeutenden Konferenzen immer gemacht wird: ein sogenanntes „Familienfoto“, obwohl niemand miteinander verwandt ist.2 Neun gut angezogene Menschen stehen vor einem blauen Banner, das verkündet, dass hier die Konferenz der Regierungschefinnen und Regierungschefs der ostdeutschen Länder stattfindet, in Berlin im Jahre 2026. In das Logo oben ist ein „OST“ in Versalien gedruckt, damit niemand übersieht, worum es geht.
Die Herren tragen dunkle Anzüge, die Damen Farbe – Blau, Rot, nochmals Blau. Alle lächeln. Alle wissen, wie man zu stehen hat: Schultern zurück, Kinn leicht gehoben, der Blick geradeaus in eine Zukunft, die gleich beginnen wird. Der Mann in der Mitte ist der Größte und Kanzler. Alle sehen aus, als hätten sie gerade gemeinsam etwas beschlossen oder als würden sie gleich damit anfangen.

Mir fällt hinter dem Kanzler ein rotes Revers auf, eine Schulter, darüber der Ansatz eines Lächelns. Die Ostbeauftragte – eigens dafür ernannt, den Osten sichtbar zu machen – verschwindet halb hinter dem hochgewachsenen Mann in der Mitte. Man könnte es als Metapher lesen — und das Amt wurde doch geschaffen, damit der Osten nicht übersehen wird. Immerhin: Das Rot ist deutlich zu erkennen und wer genau hinschaut, weiß, die Ostbeauftragte ist da. Sie steht dabei. Sie wird sich kümmern, auch wenn man nur eine ihrer tragenden Schultern sieht. Das Bild soll sagen, der Osten ist in guten Händen. In neun Paar Händen, um genau zu sein.

Einen Tag zuvor veranstalteten die Ostsee- und die Sächsische Zeitung einen Live-Talk mit Manuela Schwesig und Michael Kretschmer.3 Sie waren ohnehin schon in Berlin angereist. Jetzt präsentierten sie sich in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommerns. Der Titel war schön: „Ostdeutschland zum Mitreden“. Das klingt, als sei Ostdeutschland bislang nur im Vorraum der Republik anwesend gewesen, noch nicht ganz fähig, für sich selbst zu sprechen. Nun durfte es mitreden, eigentlich aber mehr zuhören als Publikum im Saal.
Die Chefredakteurin der SZ und der Chef der OZ fragten die MP nach Mindestlohn, Benzinpreisen, Energiekosten, Iran-Krieg und wollten wissen, was der Osten jetzt brauche. Manuela Schwesig bekannte, stolz auf ihre ostdeutsche Herkunft zu sein, weil das eine Prägung sei, die mit Heimat zu tun habe und weil sie die Wende erlebt habe. Sind das Gründe für Stolz?, frage ich mich. Michael Kretschmer stimmte ihr zu, der Osten sei der Seismograph, der verspüre, was im Westen später auch kommen würde – die AfD. Beide gaben sich kämpferisch, glaubten zu wissen, was die Menschen in ihren Bundesländern wirklich wollten und waren bereit, ihnen das Nötige zu liefern. Beide erklärten sich bereit für einen ‚Pakt für Deutschland‘ zwischen Politik, Unternehmen und Gewerkschaften. Das Land soll wieder auf den Weg des Erfolgs geführt werden. Was auf diesem Weg zu geschehen habe, blieb offen.

Die MADSACK Mediengruppe4 hatte an diesem Tag mit den Ministerpräsidenten die Nase vorn. Kein guter Tag für den Berliner Verlag von Holger und Silke Friedrich, der mit seiner Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung Ostdeutschlands Stimme in ganz Deutschland „endlich hörbar“ machen will. MADSACK ist auf diesem Feld längst präsent; von einer publizistischen Lücke kann kaum die Rede sein. Und es gibt weitere Mitbewerber, die um Aufmerksamkeit, Zustimmung und das Gefühl des Ostens werben. Der Osten ist zu einem hart umkämpften Gegenstand von Politikbetrieb, Medienvermarktung und Infotainment geworden. Comedy, Live-Talks und Podcasts zehren von ihm. Mal erscheint er als wirtschaftspolitischer Sonderraum, mal als seelische Kränkungsgemeinschaft, mal als Hort rebellischer Eingeborener, stets aber auch als publizistische Gelegenheit.

Natürlich gibt es ostdeutsche Besonderheiten: andere Lebensgeschichten, andere politische und wirtschaftliche Erwartungen und Erfahrungen. Darüber sollte gesprochen werden, von Ostdeutschen zu Nachgeborenen und Westdeutschen, die darüber wirklich etwas wissen wollen. Von Ostdeutschen zu Ostdeutschen, um sich über die Verschiedenheit der Erfahrungen zu verständigen, sofern Verständigung überhaupt gewollt ist.

Schön wäre es gewesen, wenn Wolfgag Thierse mehr Erfolg gehabt hätte mit seiner Bitte: „Ihr Westdeutschen und ihr Ostdeutschen, erzählt euch wechselseitig eure Lebensgeschichten!“5 Er schreibt, mit dieser Aufforderung sei er seit 1990 wie ein Wanderprediger durchs Land gezogen:
„Dann werdet ihr wahrnehmen und begreifen, dass die einen nicht nur strahlende Helden- und Siegergeschichten hinter sich gebracht haben und die anderen nicht nur traurige Schurken- und Verlierergeschichten. Dann werdet ihr sehen, dass Schwarz und Weiß, Grau und Bunt nicht nach der Systemgrenze aufgeteilt sind. Dann werdet ihr Westdeutschen etwas für das künftige Zusammenleben Entscheidendes lernen, nämlich zu unterscheiden. Zu unterscheiden zwischen dem Urteil über das System namens DDR – realer Sozialismus, Kommunismus (wie immer) – das zusammengebrochen, das gescheitert ist, einerseits, und andererseits dem Urteil über die Menschen, die in diesem System gelebt haben, die Biografien, die darin gelebt worden sind und die nicht, jedenfalls nicht alle, gescheitert sind, gescheitert sein dürfen.“ 


Ich habe das Gefühl, jetzt wird das Erzählen über den Osten denen überlassen, die daraus Profit schlagen — politischen, wirtschaftlichen oder den schlichten Gewinn persönlicher Freude an Destruktion.

  1. Alexander Osang: Fast hell. Aufbau Verlag Berlin, 2021 ↩︎
  2. Steigende Spritpreise: Ostdeutsche Länder drängen auf stärkere Entlastungen, Ostseezeitung vom 26.03.2026 ↩︎
  3. youtube: Der große Ost-Talk mit Michael Kretschmer und Manuela Schwesig ↩︎
  4. Die MADSACK Mediengruppe ist ein Medienkonzern mit Sitz in Hannover. Zu ihren ostdeutschen Regionalzeitungen gehören die Leipziger Volkszeitung (LVZ), die Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN), die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) und die Ostsee-Zeitung (OZ); darüber hinaus betreibt MADSACK das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und zahlreiche Digitalangebote. ↩︎
  5. Wolfgang Thierse: Künste im geteilten Deutschland. Eine Erinnerung, Denkströme 10, 2013 ↩︎