Brigitte Burmeisters letzter Roman „Wieder Anders“ erschien im Selbstverlag – und ist ein stilles Meisterwerk
Hinweis in eigener Sache: Der Verfasser dieses Textes ist der Ehemann Brigitte Burmeisters und Herausgeber des Buches.
Diese Rezension hätte jemand anderes schreiben sollen. Ein Kritiker, der Brigitte Burmeisters Werk kennt, ihr literarisches Werk einordnen kann, der keinen persönlichen Grund hat, das Buch zu loben. Aber solche Kritiker haben das Buch nicht gelesen – weil es bis vor kurzem keinen Verlag hatte, weil es keine Verlagsvorschau gab, keine Pressemitteilung, kein Vorabexemplar. Also schreibe ich, ihr Mann, der das Buch als Herausgeber für den Selbstverlag vorbereitet hat, weil ein anderer Weg nicht offen war. Man mag das für befangen halten. Ich halte es für notwendig.
David Anders kehrt zurück. Vierzig Jahre nach Brigitte Burmeisters Debüt taucht ihr Protagonist wieder auf – älter, aber wieder im Aufbruch. Dreiunddreißig Jahre hat er in Berlin gearbeitet, nun wechselt er den Ort: eine neue Stelle, ein Provinzstädtchen, das er bisher nur dem Namen nach kannte. „Die Arbeit hat mich hergeführt, sie wird mich mit dem Ort verbinden“, sagt er. Es ist dasselbe Motiv wie im ersten Roman – Ankunft in der Fremde –, nur dass das Land sich gründlich verändert hat und Anders selbst auch.
In „Anders oder Vom Aufenthalt in der Fremde“, 1987 gleichzeitig in Ost und West erschienen1, 2, 3, schrieb er Briefe aus einer fremden Großstadt an die „Lieben daheim“ – protokollarisch, nüchtern, ein Mann, der sich vorgenommen hatte, „ins Wesen der Dinge einzudringen“. Burmeister hatte sich in ihrer Arbeit als Romanistin eingehend mit dem französischen Nouveau Roman befasst. Dieser Einfluss prägte den ersten Roman. Wie bei Robbe-Grillet tritt auch in Anders das Erzählen hinter das Beschreiben zurück: inventarisierend, objektbezogen, ohne symbolische Aufladung. Vorhänge, Lichtreflexe, die Anordnung von Dingen im Schaufenster – alles erscheint in mikroanalytischer Genauigkeit. Nichts wird vorschnell symbolisch aufgeladen oder psychologisch ausgelegt. Die Figuren bleiben fremd, auch sich selbst. Der Ich-Erzähler hält fest, was er sieht, aber was festzuhalten wäre, bleibt ungewiss. Das Schreiben erscheint nicht als unmittelbarer Ausdruck innerer Wahrheit, sondern als Versuch, Ordnung in eine fragmentierte Welt zu bringen – und zugleich Zeugnis des Scheiterns dieses Versuchs. So entsteht ein Roman, der mehr tastet als behauptet. Dass ein solcher Text 1987 in der DDR geschrieben wurde, ist kein Zufall: Er gehört in eine Welt des Geregelten, des Verwalteten, des Lebens unter Verhältnissen, die man nicht gewählt hat und dennoch bewohnt.
Jetzt, vierzig Jahre später, zieht Anders in eine kleine Mietwohnung mit Flussblick, nimmt einen neuen Arbeitsalltag auf und notiert wieder, was er sieht. Sein Blick fällt auf das Deutschland am Ende eines Jahrzehnts – vor Corona und neuen historischen Erschütterungen.
Burmeister lässt das Land in kleinen Episoden entstehen, im Spiegel einer kleinen Stadt – ohne je so zu tun, als ließe sich das Ganze von hier aus überblicken. Da ist der Mann am anderen Ende des Marktplatzes, der seine Papiertüte nach dem Imbiss zur Kugel zusammenballt und sie dann doch in den Abfallkorb wirft – Anders beobachtet diese kleine Geste mit derselben Genauigkeit, die sonst den größeren Verhältnissen gilt. Da ist der Flachbau in der Baulücke, „eines dieser Provisorien, deren aufgeschobener Abriss mit den Jahren Dauerhaftigkeit erlangt, hier noch bekräftigt durch einen frischen orangeroten Anstrich“. Da ist das Stimmengewirr in der Kneipe, wo Männer über Investoren sprechen, die Hoffnungen weckten und sich als Betrüger erwiesen, über Konkurs, Vollstreckung, Verfall und Abriss. Hier verdichtet sich die Geschichte der Nachwendejahrzehnte in einer Tischrunde. Und da ist, am Rand einer Lesung in der Stadtbibliothek, ein Mann mit Jägerhut, der eine Reichsbürgerrede hält.
Diese Gleichzeitigkeit ist das Prinzip des Romans: DDR-Erinnerung und Nachwendegegenwart, Ankunft und Rückkehr, das Private und das Historische. Die neue Stadt, in die Anders kommt, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich – Textilindustrie und Blütezeit, volkseigene Betriebe und Enteignung, Wiedervereinigung, Werksschließung, Vollstreckung und Abriss. All das ist an den Gebäuden, in den Gesichtern und in den Gesprächen ablesbar, und Anders liest es wie ein aufmerksamer Fremdling, der weiß, dass auch sein Blick nicht unschuldig ist, dass er nicht neutral ist. Er hat diese Geschichte selbst durchlebt, in Berlin, an anderen Orten, auf anderen Posten. Sein Blick ist informiert, nie überheblich. Das unterscheidet seinen Blick von dem der westdeutschen Reisegruppe, die durchs Städtchen zieht und anmerkt, so schmuck sehe es in ihrer Gemeinde nicht aus, da könne man direkt neidisch werden – „wie es schon in der Bibel heißt: die Letzten werden die Ersten sein, aber mal sei dann auch Dankbarkeit am Platze und Schluss mit dem Gejammer.“
Anders ist kein Held der Geschichte, er ist ihr geduldiger Zeuge. Das war er schon im ersten Roman, und es ist keine Schwäche, sondern eine Haltung, die Burmeister als ethische Grundentscheidung versteht. Wer nur beobachtet, urteilt nicht vorschnell. Wer protokolliert, lässt die Dinge sprechen. Und doch ist dieser Anders kein kalter Protokollant. Als im Sommer ein Neonazi-Konzert einige Bürger der Stadt in Aufruhr versetzt, zieht auch er los, sieht die jungen Männer mit ihren Glatzen, den Shirts mit Zahlenbotschaften und Frakturlettern, den mit Pflastern abgeklebten Hautstellen, unter denen verbotene Zeichen verborgen sind. Und will „Flagge zeigen“. Der stille Beobachter wird für einen Moment zum Bekennenden – nicht laut, aber unmissverständlich. Burmeister zeigt das ohne Pathos und ohne moralischen Hochmut. Es ist eine der wenigen Szenen, in denen Anders aus seiner protokollarischen Haltung heraustritt, und gerade deshalb gewinnt sie besonderes Gewicht.
Wenn Anders an den rätselhaften D. denkt, seinen früheren Freund, den er auf einem Foto als Feuerwehrausbilder wiedererkennt und der am Ende auf einem fernen Friedhof in Portugal liegt, verdichtet sich darin ein zentrales Motiv des Romans: Menschen verschwinden, tauchen wieder auf, verwandeln sich, und ihre Lebensspuren verlieren sich doch nie ganz in der Geschichte. D. war einer, der Anders in Unruhe versetzte, ihn herausforderte, die Ordnung der Dinge nicht als gegeben hinzunehmen. „Immer wenn wir zusammen waren, geschah Unerwartetes, etwas, das nicht in die bekannte Ordnung passte … Genau das, du wirst sonst diesem Land zu ähnlich, hatte er einmal gesagt“ Die Erinnerung an D. zieht sich durch den Roman als eine Art Prüfstein: ob Anders ihm ähnlich geworden ist oder dem Land zu ähnlich, bleibt eine offene Frage.
Daneben gewinnt im Roman ein gegenwärtiges Leben Kontur. Anders lernt Andrea kennen, eine Frau, die in einem Straßencafé schreibt und ihm aus einer Geschichte vorliest, die sie über ihren Bruder verfasst – einen einsamen jungen Mann, der niemanden in seine Pläne einweiht und schließlich nach Portugal aufbricht, wo er sein Glück findet. Die Begegnung entwickelt sich langsam, fast beiläufig, und doch wird sie zu einer der tragenden Gegenwartslinien des Romans. In ihr spiegelt sich das Thema der Veränderung noch einmal: Auch Andrea hat die Wendezeit durchlebt, aber sie ist nicht ihr eigentliches Thema. „Alles lief wie am Schnürchen“, sagt sie rückblickend, „doch im Rückblick frage sie sich, wann sie jemals zum Luftholen gekommen sei.“ Zwei Menschen, die dasselbe Land auf sehr verschiedene Weise bewohnt haben, finden zueinander. Das ist, ohne jede Sentimentalität, bewegend.
Was Burmeister gelingt, hat mit sprachlicher Präzision zu tun, aber nicht mit demonstrativer Kunstfertigkeit. Ihr Stil ist beobachtend, protokollarisch, nie kalt. In einem Tagebucheintrag grübelt Anders über seine jüngeren Kollegen: „Und diese Vergangenheit trennt mich häufig von der Sicht der anderen, die, so glaube ich, viel stärker im Jetzt zu Hause sind.“ Das ist keine Klage, nur eine Feststellung. Anders weiß, dass seine Vergangenheit ihn formte und von anderen trennt. Er besteht nicht darauf, dass andere die Welt so sehen wie er.
Der Roman handelt auch von Literatur selbst. In einem Antiquariat erinnert sich Anders an einen Autor aus dem ersten Roman und an ein Gespräch über das Schreiben: warum er schreibe und für wen, wie es ihm gelinge, Geschichten zu erfinden, die wahr seien. Und Anders denkt: „Obwohl ich an keine dieser Fragen gedacht hatte, schien es mir auf einmal, als wären sie es, die mir am Herzen lagen, wenn ich dies und das vom Tage aufschrieb, ohne recht zu wissen, was ich tat.“ Hier denkt die Autorin unverkennbar auch über das eigene Schreiben nach: über das stille, beharrliche Festhalten an der Wirklichkeit als literarische Form. Später fragt die Buchhändlerin Anders, ob er sich selbst als Romanhelden vorstellen könne. „Vielleicht wären Sie ein stiller Anti-Held“, beantwortet sie sich selbst die Frage, „einer, dem man lieber im Leben als in der Literatur begegnen möchte.“ Man möchte darüber lächeln – und erkennt darin eine der genauesten Selbstbeschreibungen dieses Romans.
Der Roman endet zu Silvester, an der Schwelle zu einem neuen Jahrzehnt. Anders telefoniert mit seinem Sohn Daniel in Australien, sie verabreden eine Skiwanderung in den Dolomiten für Februar. „Es sei denn“, unterbricht ihn Daniel lachend, „wie du immer gesagt hast, um ganz sicher zu gehen: Es sei denn, etwas Ungeahntes kommt dazwischen. In diesem Sinne, see you!“ Anders denkt, das neue Jahrzehnt könne gar nicht besser anfangen. Wir Leser wissen, was kommt. Er nicht. Dieser letzte Satz trägt das ganze Gewicht des Romans: die Zerbrechlichkeit jeder Normalität, die Würde des Alltags im Angesicht des Unvorhersehbaren. Burmeister hat den Schluss mit einer Sicherheit gesetzt, die nur aus langer literarischer Erfahrung kommt. Nichts ist hier zuviel. Nichts fehlt.
„Wieder Anders“ ist kein lauter Roman. Er drängt sich nicht auf. Er folgt dem Leitsatz, dem sein Protagonist seit vierzig Jahren treu geblieben ist: „Sich von Gleichförmigkeit nicht täuschen lassen, den Blick offen halten!“ Wer diesen Blick teilt, wird das Buch nicht mehr vergessen.
Dass dieser Roman keinen Verlag fand, gehört zur Vorgeschichte der Veröffentlichung. Klett-Cotta und Wallstein lehnten das Manuskript ab – höflich, mit Lob für die literarische Qualität, aber ohne Idee, wie man es „im Programm erfolgreich machen“ könne. Burmeister entschloss sich zur Selbstpublikation. „So bewarb ich mich, inzwischen Mitte achtzig, wie jemand mit einem Erstling“, schreibt sie. Der Satz ist so trocken wie treffend. Der Literaturbetrieb scheint für ein Buch dieser Art keinen Platz mehr zu haben – für eine Prosa, die nicht auf Ereignis setzt, sondern auf Genauigkeit, nicht auf den Plot, sondern auf Haltung. Leser und Leserinnen sollte es neugierig machen.
Brigitte Burmeister:
Wieder Anders oder Vom Ankommen in neuen Zeiten.
epubli 2026.
ISBN 978-3-565319-54-1
https://www.epubli.com/shop/wieder-anders-oder-vom-ankommen-in-neuen-zeiten-9783565319541
- Brigitte Burmeister
Anders oder vom Aufenthalt in der Fremde : Roman
1. Aufl.
Darmstadt: Luchterhand-Literaturverl., 1988 ↩︎ - Brigitte Burmeister
Anders oder vom Aufenthalt in der Fremde : e. kleiner Roman
1. Aufl.
Berlin: Verl. d. Nation, 1987 ↩︎ - Brigitte Burmeister
Anders oder vom Aufenthalt in der Fremde
1. Auflage
Berlin: epubli, 2025
ISBN: 978-3-8190-8134-7 ↩︎
