Vibe Shift – Stimmungswechsel durch Sprachklitterung

Beitragsbild KI: DALL-E nach einer Illustration aus dem Artikel “Personality Type, as well as Politics, Predicts Who Shares Fake News”, Scientific American, 12.11.2021

Vor ein paar Tagen las ich bei The Free Press einen Artikel des Historikers Niall Ferguson über den amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran1. Ferguson erzählt darin eine kleine Szene: Er habe einem hochrangigen Mitarbeiter der Trump-Regierung vorgeschlagen, das Geschehene in Venezuela nicht „regime change“ zu nennen – ein belastetes Wort. Regimewechsel beabsichtigte man 2003 im Irak. Das Wort klingt heute nach Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat und nach dem, was danach kam: Tausende Tote und ein zerstörtes Land2. Besser sei: „regime alteration“. Der Beamte habe das Wort aufgeschrieben und gesagt: „I might use that.

„Alteration“ statt „change“. Eine Anpassung statt eines Wechsels. Klingt kleiner, technischer und folgenloser, als es ist. Denn während Bush wenigstens vordergründig noch behauptete, er handle zugunsten der irakischen Bevölkerung, meint „alteration“ schlicht: Anpassung an amerikanische Interessen. Den Rest, sagte Trump in seiner ersten Ansprache nach Kriegsbeginn, müsse die iranische Bevölkerung selbst erledigen: „The hour of your freedom is at hand … It will be yours to take.3

So geht das: Ein Historiker steckt einem Regierungsbeamten ein neues Wort zu. Der Beamte schreibt es auf. Das neue Wort wird zur Strategie. Es ist nicht das erste Mal, dass Ferguson Begriffe prägt, die dann die Wirklichkeit umdefinieren. Nach Trumps Wiederwahl bot er „vibe shift“ an – Stimmungswechsel – als Erklärung für die Rechtsverschiebungen in der westlichen Politik – ein Wort, das absichtlich unscharf bleibt, das keinen Täter kennt und keine Ursache4. Die Stimmung hat sich halt verschoben. Von selbst. Wie Nebel. Niemand ist schuld, es ist einfach so geworden.

Die MAGA-Bewegung missbraucht Sprache. Begriffe werden umgebaut – systematisch, mit Absicht und Erfolg. Sehr oft von Männern, die es besser wissen. Das brachte mich auf die Idee, ein kleines Lexikon dieser Wörter von verschiedenen KI-Plattformen zusammenstellenzu lassen.

America First war seit 1940 der Schlachtruf amerikanischer Isolationisten, die den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg verhindern wollten. Heute ist das die Universalbegründung für alles, was die USA tun oder unterlassen. Dass Amerika gerade Krieg gegen den Iran führt, während Trump „America First“ ruft, bringt selbst manche MAGA-Anhänger zum Nachdenken. Den Präsidenten nicht, wie sollte er auch?

Dann haben wir The Swamp. Damit sind Washington D.C. und alle darin vorhandenen Institutionen, Traditionen und Personen gemeint – die von damals, vor Trump. Er und seine Vertrauten werden aufräumen, den Sumpf austrocknen. Ob die Erfinder des Begriffs Goethes „Faust“ kannten, ist ungewiss: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, verpestet alles schon Errungene; den faulen Pfuhl auch abzuzieh’n, das Letzte wär’ das Höchsterrungene.“ Trockengelegt wurde in D.C. nichts, nur neue Frösche haben jetzt dort das Quaken.

Fake News:Ursprünglich meinte der Begriff erfundene Nachrichten: Desinformation, als Journalismus verkleidet, verbreitet, um Aufmerksamkeit zu erzeugen oder Wahlen zu beeinflussen.
Dann kaperte ihn Donald Trump und drehte den Sinn um. Seitdem sind „Fake News“ nicht mehr falsche Nachrichten, sondern alle für ihn unangenehme Meldungen. Auch Presseberichte nennt er so, wenn sie ihm schaden. Wenn sie nützen, sind sie selbstverständlich wahr. Der Vorteil dieser Methode: Man muss nichts widerlegen. Ein Ausruf genügt – und die Wirklichkeit ist erledigt.

Alternative Facts gibt es seit Januar 2017. Kellyanne Conway, Beraterin des frisch vereidigten Präsidenten, erklärte im Fernsehen, es gebe neben überprüfbaren Fakten auch „alternative Fakten“. Der Journalist Chuck Todd, der nachfragte, wurde mit jenem für Menschen reservieren Blick bedacht, die „schwer von Begriff“ sind. Wenn die Fakten nicht passen, nimmt man andere: „Don’t be so overly dramatic about it, Chuck.“5
Die Idee dahinter ist alt. Schon immer gab es Versuche, Wirklichkeit durch Behauptung zu ersetzen. Neu war nur die Offenheit, mit der sie das aussprach. „Alternative Fakten“ sind seither keine Tatsachen mehr, sondern eine Methode.

Deep State sei eine geheime Parallelregierung aus Beamten, Richtern und Geheimdienstlern, die angeblich seit Jahrzehnten im Verborgenen die eigentliche Macht ausübt. Sie lenkt die Politik, manipuliert Institutionen und sabotiert gewählte Präsidenten.
Merkwürdig ist nur: Trotz dieser allumfassenden Macht ist es ihr nie gelungen, auch nur eine einzige Wahl zu verhindern. Außer der vorletzten natürlich. Die wurde – wie bekannt – gestohlen.

Witch Hunt: Hexenjagden gab es wirklich: 1692 in Salem, Massachusetts, wo unschuldige Menschen als Hexen gehängt wurden, und in den fünfziger Jahren, als Senator McCarthy politische Gegner als Kommunisten verfolgte. Die Geschichte bewahrt dieses Wort und Donald Trump benutzt es seit 2017 im Dauerbetrieb für jede Strafverfolgung gegen ihn. Dass Geschworene aus der Bevölkerung, unabhängige Richter und demokratisch gewählte Staatsanwälte beteiligt sind, macht die Sache in dieser Logik nur schlimmer – denn es zeigt, wie weit die Verschwörung angeblich reicht.

RINO bedeutet Republican In Name Only das heißt: Wer innerhalb der Partei widerspricht, ist kein echter Republikaner mehr, sondern jemand, der das richtige Trikot trägt, aber für die gegnerische Mannschaft spielt. Nur Loyalität zählt, Argumente nicht. Die Partei der Prinzipien hat ihre Prinzipien durch ein einziges ersetzt: Treue zum Leader.

Weaponization of Government Wenn der Staat Gesetze auf Trump anwendet, wird aus der Durchsetzung des Rechts ein „Waffeneinsatz“ gegen ihn. Ermittlungen sind dann keine Verfahren mehr, sondern Angriffe.
Dass Geschworene, Richter und Beweise beteiligt sind, widerlegt diese Behauptung keineswegs – im Gegenteil: Es bestätigt sie. Denn in dieser Logik ist schon der Vorgang selbst der Missbrauch. Oder etwa nicht?

Stolen Election nennt Trump das Wahlergebnis, das ihm sehr missfiel. Beweise sind für das Verständnis dieses Begriffs nicht erforderlich – sie würden die Sache nur verkomplizieren.
Sechzig Gerichte haben nachgeschaut und nichts gefunden, was auf systematische Unregelmäßigkeiten hindeutet. Doch überstand der Begriff alle sechzig Urteile unbeschadet. Und es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht zu hören oder zu lesen ist.

J6 Hostages / Political Prisoners: So nennt Trump Personen, die wegen ihrer Beteiligung am Sturm auf das Kapitol verurteilt wurden. Da das Kapitol ein Regierungsgebäude ist und er die damalige Regierung für korrupt erklärte, müssen auch die Urteile politisch motiviert sein.
Die Logik ist bemerkenswert einfach – und vollkommen wasserdicht, solange man nicht fragt, wer ihr folgt.

Invasion nennt Trump den Grenzübertritt von Asylsuchenden. Das Wort ruft Bilder hervor. Da sind Angreifer, Heere, Kriegszustand – und das macht Kriegsmaßnahmen plausibel.
Dass viele Asylsuchende an offiziellen Grenzstellen erscheinen und um Schutz bitten, gilt in dieser Logik nur als besonders raffinierte Kriegslist.

Woke: Ein Begriff aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Er meinte ursprünglich Wachheit gegenüber Rassismus und Diskriminierung. Heute ist „woke“ ein Sammelbegriff für alles, was missfällt: Universitäten, Konzerne, Bücher, Filme, Lehrpläne, Gendersprache.
Der Vorteil des Wortes liegt in seiner Unschärfe. Man kann es auf fast alles anwenden – und muss nichts mehr erklären.

DEI ist Diversity, Equity, Inclusion – drei Wörter, die einzeln noch diskutiert werden müssten. Die Abkürzung benutzt MAGA als Kampfbegriff: Man muss den Inhalt nicht mehr diskutieren, man muss nur die drei Buchstaben aussprechen im richtigen Tonfall, dann weiß jeder Bescheid: Hier sind Enemy of the People am Werk.
Mit diesem Ausdruck bezeichneten im 20. Jahrhundert autoritäre Regime ihre Gegner: Stalin ließ „Volksfeinde“ verhaften, verurteilen, verschwinden. Das Wort wanderte durch die Geschichte – und landete in Trumps Twitter-Account.
Heute wird der Begriff von ihm für Journalisten oder Medien gebraucht, die berichten, was er keinesfalls hören möchte.
Der Vorteil dieser Formulierung liegt auf der Hand: Wer ein Feind des Volkes ist, mit dem muss man sich nicht mehr auseinandersetzen – jedenfalls nicht mit Argumenten. Das Volk steht auf Trumps und damit immer auf der richtigen Seite.

Lawfare: Das Wort existierte bereits – in militärischen und juristischen Debatten der 2000er Jahre. Es bedeutete den strategischen Missbrauch von Rechtssystemen im internationalen Konflikt. Eine legitime Beobachtung.
MAGA hat den Begriff übernommen und nach innen gewendet: Jetzt ist die Anwendung des Rechts selbst Kriegsführung. Ein Verfahren ist dann nicht mehr ein juristischer Prozess, sondern eine Kriegsfront. Praktischer Nebeneffekt: Wer das Wort benutzt, muss sich mit dem Inhalt der Anklage nicht befassen.

Regime Alteration: Frisch geprägt und schon in Gebrauch. Das Wort klingt wie eine technische Beschreibung. Währenddessen fallen Bomben und ein Volk muss sehen, wo es bleibt, sei es in Venezuela oder im Iran.

„La langue travaille“ – die Sprache arbeitet. Sie tut das unermüdlich, still und sehr effektiv. Neue Wörter werden geprägt, alte umgebaut, Bedeutungen verschoben. Doch sie arbeitet nicht von selbst. Menschen verändern sie – oft zur besseren Verständigung, zur Anpassung an neue Wirklichkeiten, zur Präzisierung. Das ist der normale Gang der Sprachentwicklung.
Der vorliegende Fall ist anders: Hier wird Sprache zur Konfusion eingesetzt, zur Verschleierung, zur Unterdrückung von Widerspruch. Das ist überall im Gang, nicht nur in den USA. Wohin dieser Vorgang führt? Ich weiß es nicht. Ich lese weiter Zeitung – seit Jahrzehnten, in unterschiedlichen politischen Systemen. Es wird nicht einfacher.

  1. Niall Ferguson: Khamenei Joins Saddam in Hell, but Iran 2026 Is Not Iraq 2003. The Free Press, 28. Februar 2026. ↩︎
  2. Colin Powell, Rede vor dem UN-Sicherheitsrat, 5. Februar 2003.
    Powell behauptete, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen – eine Behauptung, die sich als falsch erwies. Powell selbst bezeichnete die Rede später als den größten Fehler seiner Karriere. „It has blotted my record, but you know, there’s nothing I can do to change that blot.“ ↩︎
  3. Donald Trump, Videoansprache auf Truth Social, 1. März 2026. Der vollständige Passus lautete: „Stay sheltered. Don’t leave your home. It’s very dangerous outside. Bombs will be dropping everywhere. When we are finished, take over your government. It will be yours to take.“ Zitiert nach: TIME Magazine, 1. März 2026. ↩︎
  4. „Vibe shift kommt ursprünglich aus der Kulturjournalistik, geprägt 2022 von der Autorin Allison P. Davis für das Magazin The Cut – sie meinte damit einen schwer fassbaren, aber spürbaren Stimmungswechsel in der Popkultur. Kein Argument, keine Analyse, kein Datum – einfach: die Luft hat sich verändert.
    Ferguson hat den Begriff nach Trumps Wiederwahl auf die Politik übertragen. Und das ist bezeichnend – denn „vibe shift“ ist selbst schon eine semantische Kapitulation. Er sagt: Was hier passiert, ist zu diffus für präzise Sprache. Es ist ein Gefühl. Eine Stimmung. Man kann es nicht festhalten.“

    Das habe ich mir von der KI-Claude aufschreiben lassen. ↩︎
  5. Kellyanne Conway, Interview mit Chuck Todd, NBC Meet the Press, 22. Januar 2017. Anlass war die Frage, warum Pressesprecher Sean Spicer behauptet hatte, Trumps Inauguration habe die größte Zuschauermenge aller Zeiten gehabt – eine nachweislich falsche Aussage. Todd fragte, warum der Präsident seinen Sprecher losschickte, um eine Unwahrheit zu verbreiten. Conway antwortete: „Don’t be so overly dramatic about it, Chuck“ – und prägte kurz darauf den Begriff „alternative facts“. Transkript ↩︎