Beitragsbild: KI-generiert mit DALL-E
Ich setze mich an den PC. Ich öffne ihn, um die Nachrichten zu checken. Es ist fast ein Reflex, mit dem meine Tage beginnen, nachdem wir gefrühstückt haben, uns gegenseitig gefragt, wie die Nacht war, in der Hoffnung, das Alter möge in dieser Zeit keinen unerwarteten Schritt vorwärts gemacht haben.
Der Browser führt mich auf Microsofts Nachrichtendienst – MSN, eine Collage aus Bildern, die aussieht, als hätte jemand die Nachrichtenwelt in kleine Kacheln zerschnitten, dutzende Kacheln. Nachrichten neben Wetter neben Sportergebnissen neben Rezepten neben Börsentickern neben einer Meldung über einen Hund, der einen Säugling gerettet hat. Alles sehr dringend, das meiste völlig unwichtig.
„Bloß nicht Donald Trump verärgern“, steht gleich oben auf einer Überschrift. Ich scrolle und sehe TRUMP, Trump, Tru… Weiter nach unten. Die Kacheln werden nicht weniger. Immer wieder Trump! Trump droht Iran: „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben.“ dann: Trump setzt Deadline: Angriff auf iranische Kraftwerke und Brücken für 20 Uhr angekündigt. Ich klicke und lese, schließe den Tab. Eine neue Schlagzeile wartet bereits: Trump verschiebt Iran-Angriff – bereits zum dritten Mal. Darunter, kleiner: Börsen im freien Fall. Ölpreis bei 117 Dollar. Und gleich daneben, wie zur Beruhigung gemeint: Trump verkündet Waffenstillstand – 90 Minuten vor Ablauf seiner eigenen Frist.
Ich lehne mich zurück, versuche, das zu verstehen. Der US-Präsident setzt eine Frist. Droht mit der Auslöschung einer Zivilisation. Verschiebt. Droht erneut. Verkündet den Sieg. Alles an einem Tag.
Ich drehe das Mausrad weiter, weil ich aufgehört habe zu wissen, warum ich eigentlich aufgehört habe zu scrollen. Marjorie Taylor Greene fordert Amtsenthebung via 25. Zusatzartikel. Ich halte inne. Das ist neu. Die Seite ploppt auf. Ich lese weiter: „Evil and madness,“ hat sie ihn genannt. Dann scrolle ich darüber hinweg, weil unter diesem Satz bereits der nächste wartet: Trump: „Wir werden nie zulassen, dass der Iran eine Atomwaffe bekommt. Wenn wir dafür ein paar Monate mehr für Benzin zahlen – so what.“
Meine Augen werden schwerer, aus Erschöpfung. Die Schlagzeilen beginnen sich zu wiederholen, oder ich bilde es mir ein, oder beides stimmt gleichzeitig? Trump. Trump. Iran. Trump. Waffenstillstand. Trump. Brücken. Trump. Zivilisation. Trump.
Meine Augen fallen zu, mein Bewusstsein löst sich auf. Ich schlafe ein mit dem Gefühl, als würde ich in schmutziges Wasser fallen – rücklings, ohne Zeit zum Atemholen. Ich sehe Gold, nicht das Gold alter Ikonen, nicht das bescheidene Leuchten eines Ringes am Finger meiner Frau – Nein: dieses Gold schreit, auf Stuck aufgebracht, auf Wände, in Aufzügen, auf die Säulen hinter dem Schreibtisch, an dem ein Mann sitzt, dessen Name ich höre wie Tinnitus, ein unaufhörliches, metallisches Dröhnen. Trump. Trump. Trump.
Wieder die blechernen Töne: Trompeten oder Posaunen? Fanfaren der Engel, denen immer eine Katastrophe folgt? Sieben Engel, sieben Posaunen, sieben Schläge. Ich zähle die Schlagzeilen des Tages. Ich höre: Trump. Trump. Trump. Der erste Engel hebt die Trompete.
Erste Fanfare: Drumpf
Ich weiß nicht, wo ich bin. Es ist golden hier. Nicht hell – golden. Ein Name hängt im Raum wie ein Ton, der noch nicht verklungen ist: Trump. Ich versuche, ihn zu greifen, zu drehen, zu wenden, wie einen Stein, den ich aus dem Wasser ziehen will, der dann in meiner Hand mit einem Laut zerplatzt: Trump!
„Nein, Drumpf“, sagt eine Stimme neben mir. Ich erschrecke, sehe einen kleinen Mann in einem Notarfrack, von früher, aus alter Zeit und ich weiß sicher: ein Notar, der kommt direkt aus der Pfalz. „So hieß er einmal. Bevor Napoleon kam, nach Kallstadt in unsere schöne Pfalz. Trump – Drumpf. Hören Sie den Unterschied? Kein Schmettern. Kein Blech. Nur ein dumpfer Laut. Ein Geräusch, das man nicht weiter beachtet.“
Ich höre es. Drumpf – Trump. Der Abstand zwischen beiden ist die Geschichte einer Familie – und vielleicht mehr?
Zweite Fanfare: Der Traumpalast
Dann stehe ich vor einem Turm. Er ist so hoch, dass seine Spitze in einer Wolke aus Superlativen verschwindet: …the best, the greatest, the most tremendous – truly incredible, people are saying it, everyone agrees – believe me, nobody knows this better than me, nobody builds better, nobody, we’re winning, we’re always winning, remember that…. Die Fassade ist verspiegelt, schimmert golden zugleich – ein architektonisches Paradox, das nur im Traum möglich ist und in Midtown Manhattan. Auf dem Turm, in Lettern, die man vom Mond aus lesen könnte, steht: DRUMPF.
Ich erschrecke. Drumpf? Vom Turm geht ein tiefes Dröhnen aus, er spricht ohne Mund, dröhnt, als bestünde er nicht aus Glas, sondern aus Behauptungen. Die Lettern wechseln langsam: DRUMPF. TRUMP. TRUMPF. TRUMPERY.
Trumpery, sage ich laut.
Ja, sagt der Notar neben mir. Altfranzösisch. Tromperie. Täuschung. Betrug. Schimmerndes Nichts. Tand, der wie Gold aussieht, so makellos poliert, dass die Leere darin nicht verschwindet, sondern spiegelt.
Er zieht aus seiner Rocktasche eine kleine goldene Trompete und bläst einmal kurz hinein. Das Gebäude schwankt. Nur ein bisschen. Wie zur Warnung.
* * *
Dritte Fanfare: Der Kartenspieler
Ich bin in einem Saal, dessen Decke aus Kristallleuchtern besteht und dessen Boden aus lauter Spiegelglas. Männer in Anzügen spielen Karten. Ich trete näher. Es ist kein gewöhnliches Spiel. Jede Karte zeigt ein Gesicht – Merkel – nein Merz sehe ich, Macron, Xi, Putin, Rutte als Herz-Bube – und jedes Mal, wenn ein Spieler eine Karte ausspielt, ruft er: Trump! Sie rufen niemanden beim Namen. Es ist ein Spielzug.
Sie sprechen Englisch. Denn Trumpf –Trump, erklärt mir der Notar, jetzt neben mir sitzend und Erdnüsse knackend, ist die Karte, die sticht. Die Karte, die alle anderen schlägt, egal wie stark sie sind. Früher sagte man auf Englisch: triumph. Vom Lateinischen. Vom Siegeszug. Der Feldherr, der durch Rom reitet. Der Lorbeerkranz. Die Menge, die jubelt. Und irgendwann, irgendwo zwischen Paris und London, wurde daraus der Trumpf im Kartenspiel. Die überlegene Karte. Die Karte, die sagt: Ich gewinne, weil ich gewinne, immer gewinne, das ist der Deal.
Einer der Spieler – ich erkenne ihn nicht sofort, aber dann doch: diese Haartracht, Teint zwischen Ocker und Krebsrot, dieses Lächeln, das keines ist – legt eine Karte hin, die einfach nur golden ist. Keine Zahl, kein Symbol. Nur Gold. Er sagt nichts. Er muss nichts sagen.
Die anderen Spieler legen ihre Karten nieder. Er hat immer Trump, höre ich. Er ist eben Trump, sagt der Notar und knackt eine weitere Erdnuss und sieht jetzt aus wie Jimmy Carter.
* * *
Vierte Fanfare: Die Etymologie des Prahlens
Der Spielsaal wird zum Hörsaal. An der Tafel steht eine Eule als Professorin. Sie schreibt mit sauberer Schrift, immer noch mit Kreide, ich hätte ein Smartboard erwartet:
to trump (v.), early 14c.: eine Trompete blasen.
Figuratively: to boast. Seit dem späten 14. Jahrhundert.
to brag (v.): laut reden, prahlen. Ebenfalls 14. Jahrhundert.
Sie dreht sich um und sieht mich an. Fällt Ihnen etwas auf?
Ich überlege. Alle Wörter für Prahlen kommen von lauten Tönen, vom Lärm?
Sehr gut, sagt sie. Der Prahler braucht immer zuerst ein Geräusch bevor er eine Behauptung aufstellt. Er besetzt den Raum akustisch, dann politisch. Eine Trompete ohne Argument. Der Lärm ist die Botschaft, Schall und Rauch.
Sie schreibt weiter:
to blow one’s own trumpet: sich selbst loben. Englisches Idiom.
trumpery: Tand, Schein, Trug.
trumped up: erfunden, gefälscht, aus dem Nichts konstruiert.
Und dann, sagt sie und legt die Kreide hin, da gibt es das Verb in seiner reinsten mittelalterlichen Form: trumpen. Prahlen. Sich aufblasen wie ein Instrument, das gespielt werden will, obwohl niemand Musik bestellt hat.
Ein Student im Hörsaal – er trägt eine rote Kappe, deren Aufschrift ich nicht vollständig lesen kann: GREAT AGAIN – hebt die Hand. Ist das nicht alles ein bisschen unfair?
Die Professorin sieht ihn an. Etymologie ist nie unfair, sagt sie. Sie ist nur ehrlich. Sie erinnert sich … an alles.
* * *
Fünfte Fanfare: Das Gold
Warum komme ich in ein Badezimmer? Alles ist vergoldet, die Armaturen sind aus Gold, der Spiegel ist goldgerahmt. Die Seifenschale, selbst die Klobürste scheint aus Gold zu sein. Sogar das Wasser, das aus dem Hahn fließt, hat einen goldenen Schimmer – obwohl ich weiß, dass das nicht sein kann, und denke an Rost.
Warum das Gold?, frage ich in den Raum, sehe den Notar auf dem Rand der goldenen Badewanne sitzen, sein Gesicht – wieder verändert – kommt mir bekannt vor, aus Meißen. Ich erinnere mich: Johann Friedrich Böttger, der Gold zu machen versuchte und Porzellan erfand, zerbrechlich und weiß, ein Narr, der Großes erfand.
Gold, sagt der Notar, ist das älteste Mittel gegen die Angst vor der Vergänglichkeit. Pharaonen ließen sich vergolden und Götter wurden in Gold gegossen. Wer Gold besitzt, besitzt die Illusion der Unvergänglichkeit. Und wer sie nicht besitzt, wer aus Kallstadt stammt, wer Drumpf hieß, dann Trump, wer nichts war …
Er hält inne und fährt nach dem Zögern fort: lässt alles vergolden. Weil er es kann und voller Angst ist.
Ich schaue in den goldenen Spiegel. Meine goldene Totenmaske sieht mich an, verwandelt sich langsam in mein eigenes, grämliches, heute wieder unrasiertes Gesicht. Ich bin erleichtert und irgendwie auch ein bisschen enttäuscht, weil ich nicht mehr aus Gold bin.
* * *
Sechste Fanfare: Der Triumphbogen
Ich scheine aufzuwachen. Mein Knie schmerzt oder mein linkes Bein, das ich mir auf der Straße verletzt habe. Ich erkenne sie, die Fifth Avenue, oder die Champs-Élysées, oder bin ich Unter den Linden? Am Ende der Straße: ein Triumphbogen, glänzend, ganz aus Gold.
Auf dem Bogen steht in großen Lettern: Triumph oder lese ich dort doch: Triomphe oder Trumpf, nicht Trump?
Unter dem Bogen marschiert eine Parade. Die Gesichter der Männer – es sind nur Männer – verschwimmen, nur eine Haartracht kommt mir bekannt vor. Eine Kapelle von Trompeten spielt, nur Trompeten, nichts als Trompeten. – Und alle spielen dasselbe: sich selbst.
Das ist der Triumph, sagt der Notar neben mir, jetzt mit rotem Trucker Cap und einem gleichfarbigen Luftballon in der Hand. Der Feldherr, der durch die Hauptstadt reitet. Dem alle zujubeln müssen. Vor allem, der sich selbst zujubelt, weil der Jubel der anderen nie laut genug ist, nicht laut genug sein kann! Keine Trompete ist laut genug, kein Turm von selbst hoch genug und kein Gold golden genug ohne sein Zutun.
Er lässt den Luftballon los. Der Ballon steigt auf, der wird golden, immer größer und zerplatzt in der Sonne.
* * *
Siebte Fanfare: Jericho
Trump! – das Geräusch des Zerplatzens. Eine Mauer wächst auf. Sie ist sehr alt, eine Stadtmauer, die Jahrhunderte überlebte, Kriege, Seuchen und Revolutionen, In ihren Rissen wächst, hartnäckig, europäisches Unkraut: Aufklärung, Vernunft, Minderheitenschutz. All men are created equal.
Dagegen soll das Tröten helfen. Die Trompeten, die nie aufhören, Trump. Trump. Trump zu erzeugen. Im Rhythmus eines Herzschlags, der zu schnell ist, laut und lauter wird, Mauern zu Einsturz bringen kann. Ich höre sie. Die Trompeten und das Volk mit roten Kappen, das schreit und sich um die Mauer bewegt, immer wieder, Tag für Tag, Runde für Runde. Ich lege meine Hand auf den Stein der Mauer. Er ist kühl. Er zittert. Ich fürchte diese Geschichte, ihr Ende, dass die Mauer fällt, nicht durch Gewalt, nicht durch Belagerungsmaschinen. Durch Lärm. Durch anhaltenden, unaufhörlichen, selbstbezüglichen Lärm.
Wie lange wird das so gehen?, frage ich.
Sieben Tage, sagt der Notar. Oder vier Jahre. Oder acht. Im Traum ist das schwer zu unterscheiden. DieTrompeten werden lauter.
Muss ich etwas tun, kann ich?, frage ich.
Der Notar sieht mich an. Er hat keine Antwort. Oder er hat sie und sagt sie nicht, weil er ein Notar ist – und Notare beglaubigen nur, was geschrieben steht, was geschehen soll nach dem verlesenen Schriftsatz. Sie verhindern es nicht.
Die Mauer zittert erneut. Ich wache auf, sehe auf dem Bildschirm: Trump, dahinter goldene Ornamente, und darunter eine Schlagzeile, die ich zum ersten Mal seit Wochen gern zu Ende lese: „Erdrutschartiger Sieg bei ungarischer Wahl ist ein größerer Verlust für Trump, als Sie vielleicht denken“
Ich muss den Traum aufschreiben, bevor ich ihn vergesse.
