An der Wand hing das Porträt von Wilhelm Pieck, ein Stück bedrucktes Papier, und doch saß der Präsident der Deutschen Demokratischen Republik in effigie mit am Tisch, dachte mein ehemaliger Mitschüler1, als er, schon etwas angetrunken, das Bild vom Haken nahm, es umdrehte und auf den Tisch legte. „Was glotzt der, wenn wir mal ’n Bier trinken“, soll er dabei gesagt haben. So war es dem Direktor der Schule hinterbracht worden, und das besiegelte das Ende der Schulzeit meines Freundes, des „Langen Schulz“, an der Erweiterten Goethe-Oberschule kurz vor dem Abitur 1961.
Das fiel mir heute beim Lesen der Überschrift „Anweisung aus dem Auswärtigen Amt: Wadephuls Porträt soll offenbar künftig in allen Auslandsvertretungen hängen“ wieder ein2. „Es ist schon eigenartig, woran alte Leute sich manchmal erinnern“, dachte ich. Nach kurzer Recherche erfuhr ich, dass in den Dienststellen der Bundeswehr seit Jahrzehnten das Porträt des Bundesministers für Verteidigung hängt. Das sei kein Personenkult, erklärte der SPD-Staatssekretär Dr. Andreas von Bülow 1978 im Bundestag. Man wolle, dass vor allem junge Soldaten „mit dem Aussehen des Inhabers der Befehls- und Kommandogewalt vertraut“ seien, erklärte er auf die Frage eines CSU-Abgeordneten.3 Auch wenn bürgerlich aufgewachsen, wird Herr von Bülow als Abkömmling alten mecklenburgischen Adels Ahnenbilder an der Wand für völlig normal gehalten haben.
Johann Wadephul stammt aus einem evangelischen Elternhaus von der Nordseeküste, aus Husum. Seine Eltern waren Lehrer – „Schoolmester“ sagte man in seinen Kindertagen in Husum wohl schon nicht mehr. Im Zimmer von Jo dürften eher Schulwandbilder mit Getreidezyklus und Fischarten gehangen haben, später vielleicht Poster der Fureys, im Wohnzimmer vielleicht ein guter Druck des Storm-Porträts von Marie von Wartenberg. Ich glaube nicht, dass er von Zuhause ein Faible für Bilder von Staatsmännern mitgenommen hat.
Vielleicht ist es ja so: Wer ohne eigenes Konterfei in einer Familiengalerie aufwächst, entwickelt irgendwann den verständlichen Wunsch, sich selbst wenigstens in der Weltpolitik zu verewigen. Er könnte dafür ein Buch schreiben. Das muss aber noch auf die Zeit nach der Politikerkarriere warten. Jetzt ist einfach zu viel zu tun, heute in China, morgen schon anderswo. Auf den langen Flügen muss er zwar Journalisten Rede und Antwort stehen, schlafen, um wach den nächsten Termin zu absolvieren. Doch, da bleibt auch Zeit zum Nachdenken. Im evangelischen Elternhaus lernte er sicherlich die Sätze aus Schillers „Wilhelm Tell“: „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt, vertrau auf Gott und rette den Bedrängten.“ Er will sich daran halten, doch er weiß aus praktischer Erfahrung als Politiker: Er muss auch an sich selbst denken. Und dann kommt ihm die Idee mit seinem Porträt in den Botschaften der Welt. Es soll das Bild des bescheidenen Jo sein, nicht eines, das ihm irgendein liebedienerischer Botschaftsangestellter ausgesucht hätte, um ihm zu schmeicheln. Darum gibt er alles genau vor: Format, Rahmen und das Bild selbst, ein Farbfoto mit freundlich-entschlossenem Blick des kühlen Norddeutschen.
Es geht überhaupt nicht um Personenkult. Genau wie bei der Bundeswehr soll lediglich die „Funktion“ sichtbar werden, damit die Menschen in Ouagadougou, Oslo und Ottawa, in Abuja, Antananarivo und Aschgabat wissen, wer in Berlin für alles Auswärtige zuständig ist. Denn niemand kann sich mit bloßen Amtsbezeichnungen auf einem gelben Schild mit Bundesadler wirklich etwas vorstellen. Ja, man könnte auch zusätzlich ein Messingschild mit der Aufschrift „Diese Botschaft untersteht dem jeweils amtierenden Bundesminister bzw. der amtierenden Bundesministerin des Auswärtigen“ an die Wand der Empfangssäle hängen. Wie sähe das bitte aus?
Das Bild des Außenministers wird die menschliche Seite des Landes zeigen. Er selbst wird demnächst in effigie an Deutschlands Tischen in der Welt sitzen, in den Botschafterresidenzen, beim Wirtschaftsempfang der Auslandshandelskammer, beim stillen Feierabendbier des Botschaftspersonals, während im Aufenthaltsraum an der Wand sein Porträt hängt und ihnen in die Augen blickt. Niemand von ihnen wird es wagen, laut zu fragen „Was glotzt der, wenn wir nur mal ’n Bier trinken“. Die Geschichte vom Langen Schulz aus der Goethe-Oberschule wird sich in keiner Botschaft der Berliner Republik wiederholen, denn es gehört sich einfach nicht, das Bild eines Politikers vom Haken zu nehmen und umgedreht auf den Tisch zu legen.
- Diesen lateinischen Ausdruck hatten wir in unserer Kleinstadtoberschule im Zusammenhang mit der Französischen Revolution gelernt: Auf dem Place Dauphine in Paris waren Figuren, die die Minister Calonne, Breteuil und die Herzogin de Polignac darstellten, verbrannt wurden. Es wurde sogar vorgeschlagen, auch die Königin „in effigie“ zu verbrennen.
Effigies, effigiei (lat., f.) bedeutet „Bild, Abbild, Gestalt, Statue“. In effigiem heißt wörtlich „in die Gestalt/Form (von …)“. Daraus entwickelte sich die feste Wendung „in effigie“ im Sinn von „nur im Bild, nur symbolisch“. ↩︎ - Tagesspiegel vom 9. Dezember 2025 ↩︎
- 85. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 19. April 1978 ↩︎
