Das ZDF will das viel beklagte links-grüne Image korrigieren und hat den konservativen Journalisten Jan Fleischhauer gebeten, dabei zu helfen. „Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ heißt die neue Pilotsendung. Freitags, am Vormittag, wird gestreamt und später für alte, schlaflose Rentner in der Nacht linear gesendet.
Es soll kontrovers zugehen, zwei Meinungen sollen aufeinanderprallen, „die unterschiedlicher nicht sein könnten. Immer dabei: Jan Fleischhauer, Kolumnist, Autor und eine streitlustige Stimme im deutschen Journalismus.“ 1
Am 5. Dezember lautete die Überschrift: „Wehrpflicht: dienen oder verweigern?“2 In einem kargen Raum, der mit Bundeswehr-Requisiten als Kasernen-Kulisse erkennbar ist, sitzen Jan Fleischhauer und der Politik-Influencer Simon David Dressler einander gegenüber – „eingesperrt“, wie der Titel verspricht. Dressler lehnt die Wehrpflicht ab, Fleischhauer vermutet dahinter eine politische Agenda, die gegen jede Verteidigung ist und Russlands Aggression nichts entgegensetzen will. Darum soll nun gestritten werden.
Das Wortgefecht ist eröffnet, bevor überhaupt ein Argument fällt. Fleischhauer lud den Jüngeren nicht als Gesprächspartner ein, sondern als Anschauungsmaterial einer Jugend, die gut leben will, ohne etwas riskieren zu müssen. Dressler nimmt die Einladung offenbar als willkommene Bühne: hohe Reichweite, Zuspitzung, ein Auftritt in großem Studio. Er begriff die beabsichtigte Rollenverteilung nicht, als Fleischhauer ihn einlud. Er ist hier nicht derjenige, der dem Profi Paroli bieten soll, sondern dessen Requisite für das Beispiel einer „wohlstandsverwahrlosten“3 Linken, wie ein Kommentar dann auch schreibt. Und Fleischhauer bekommt, was er braucht: einen Satz als Belegstück: „Im absoluten Worst Case … dass der Russe morgen vor Berlin steht … wir werden weiter existieren. Nur der deutsche Staat wird vielleicht nicht weiter existieren. Aber ich bin ja nicht der deutsche Staat.“ Dieser Satz ist nicht nur provokant, sondern ein politisches Geschenk für den Gastgeber – weil er jede Differenz zwischen Wehrpflichtkritik und Verteidigungsverweigerung verwischt. Wer nach dieser Szene die Wehrpflicht kritisch sieht, muss sich plötzlich gegen ein Bild verteidigen, das er selbst nie gemalt hat: den Verweigerer als individualistischen, egoistischen Zuschauer im Ernstfall.
Und Fragen, warum man einen Teil seiner jungen Jahre in einer Kaserne verbringen soll, mit Vorgesetzten, die sagen, das Denken solle man ihnen überlassen, die gibt es. Politisch wache Jugendliche erinnern sich daran, dass ein SPD-Verteidigungsminister einst erklärte, unsere Freiheit werde „am Hindukusch verteidigt“ – und sie erleben jetzt, wie Menschen, die damals als Helferinnen und Helfer dieses Einsatzes galten, bis heute um Schutz und Aufnahme in Deutschland kämpfen müssen. Sie hören die Formel, die Ukraine verteidige auch Deutschlands Freiheit, und merken zugleich, wie sehr solche Sätze vereinfachen: Ja, Russland bedroht die östlichen NATO-Staaten – aber niemand muss sich einreden lassen, „der Russe stehe morgen vor Berlin“. Solche Alarmbilder wirken wie rhetorische Verkürzungen, die die Frage übertönen: Was genau sollen junge Menschen wofür riskieren?
Die einen begreifen Solidarität als Verpflichtung, die anderen fragen nüchtern, was sie dabei gewinnen oder verlieren – nicht zwingend aus Zynismus, sondern weil sie die Volatilität politischer Entscheidungen sehen. Nach Russlands Angriff 2014 folgte nicht die große Solidaritätswende, sondern in Deutschland der weitere Ausbau von Nord Stream II. Und heute heißt es wieder: „Zeitenwende“. Wer so redet, muss mehr liefern als Schlagworte. Nur ehrliche Gespräche über das Verhältnis zur „Gesellschaft“, über Schuld und Gegenschuld, über Lastenverteilung und Grenzen des Zumutbaren können verhindern, dass alle am Ende alle mit Finch4 singen: „Kein Bock auf Krieg“, weil sie ablehnen „wie selbstverständlich über Pflicht, Opfer und Einsatz geredet wird, ohne über die Menschen zu sprechen, die am Ende den Preis zahlen.“5
Ich glaube nicht, dass es Jan Fleischhauer wirklich darum geht, mit Jugendlichen zu diskutieren, die aus nachvollziehbaren Gründen zögern, die Wehrpflicht zu begrüßen, Jugendliche, die große Worte hören und zugleich sehen, wie selten Politiker die Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidungen tragen, die Pathos vor Kameras erleben und später bürokratische Kälte, wenn etwas schiefgegangen ist, und die genau daraus ihre Skepsis ableiten. Wenn Fleischhauer ein solches Gespräch gewollt hätte, hätte er sie problemlos gefunden. Er hätte Jugendliche einladen können, die mit ihm kontrovers über das Gelöbnis sprechen – „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ – und über die Frage, was es im Ernstfall bedeutet, wenn „Verteidigung“ nicht an der Landesgrenze endet, sondern im Bündnisfall auch den Einsatz in einem anderen NATO-Land meint. Warum soll man, wenn man Deutschland verteidigen soll, auch Menschen in einem anderen Land schützen, nicht nur den Freund aus Mannheim, sondern auch das Kind aus Riga?
Das beantwortet sich selbst dann nicht, wenn man weiß, dass Putin den Anspruch erhebt, eine „russische Welt“ mit Gewalt wieder zusammenzufügen, der schon in seiner Krimrede 2014 anklang, als er von „historischem Russland“ sprach und davon, die russische „Einheit wiederherzustellen“.6
Ich habe vor Jahrzehnten den Dienst bei der Nationalen Volksarmee gehasst und noch jahrelang von Vorgesetzten geträumt, die ihre Macht missbrauchten. Auch ohne eigene Erfahrung bin ich sicher: Der wehrpflichtige „Staatsbürger in Uniform“ unter demokratischer „Innerer Führung“ wird später nicht ausschließlich heitere Anekdoten vom Kasernenalltag erzählen. Kasernen sind Orte verdichteter Macht – und Macht bleibt missbrauchsanfällig, auch im besten System.
Unter den gegebenen politischen Bedingungen jedoch würde ich mich heute, als junger Mann, freiwillig zum Dienst in der Bundeswehr melden – einer zwangsweisen Einberufung würde ich mich jedoch immer zu entziehen versuchen. Kein Staat hat das Recht, von Bürgern und Bürgerinnen zu verlangen, für das Gemeinwesen zu sterben. Doch jeder Staat sollte so beschaffen sein, dass Menschen es freiwillig wollen: ihn, die eigene Freiheit und die seiner Nachbarn notfalls auch militärisch zu verteidigen.
- ZDF Presseinformation ↩︎
- ZDF vom 5. Dezember 2025 ↩︎
- Instagram, Kommentar kristamarja: ↩︎
- FiNCH (bürgerlich Nils Wehowsky, 13. April 1990 in Frankfurt (Oder)) ist ein deutscher Rapper; bekannt wurde er u. a. über das Battle-Rap-Format „Rap am Mittwoch“ und seinen YouTube-Kanal. Bis 2021 trat er unter dem Künstlernamen „FiNCH ASOZiAL“ auf, seither überwiegend als „FiNCH“. Wikipedia ↩︎
- Instagram Finch ↩︎
- Ich bin zuversichtlich, dass Sie dies nicht vergessen haben, und ich gehe davon aus, dass auch die Bürger Deutschlands das Bestreben der Russen, des historischen Russlands, nach Wiederherstellung der Einheit unterstützen werden.“ Putin am 18.3.2014 Dekoder ↩︎
