Immer auf der Seite des Friedens

Mehrere Stunden am Tag scrolle ich über die Seiten von Onlinezeitungen, höre Podcasts und sehe mir politische Talkshows an. Wenn ich nachts aufwache und wach liege, hallen Sätze und Argumente daraus nach.
In der vergangenen Nacht kam mir eine eigenartige Erkenntnis: auf welcher Seite der politischen Blöcke ich auch lebte: es war immer die Seite des Friedens. „Ist das nicht wunderbar?“, fragte ich mich. Dann kam mein Verdacht: Vielleicht denken die auf der anderen Seite das Gleiche? Dann schlief ich mit dieser unbeantworteten Frage wieder ein.

Ich gehöre zu einer europäischen Generation, die achtzig Jahre lang in einem Nichtkrieg leben durfte – und der man dabei unablässig einredete, ein Angriff des Feindes, des kriegslüsternen Gegners, stehe bevor. Ich erinnere mich an einen Tag meiner Kindheit:
Ich bin vielleicht elf und stehe am Fenster unseres Wohnzimmers, blicke die Neue Straße entlang, auf der ich täglich zu meinem Freund Schütti laufe. Die Bäume am Straßenende werden von entfernt liegenden Funktürmen überragt. Sie stehen im Westen, auf der anderen Seite der Elbe, das weiß ich. Und plötzlich bilde ich mir ein: Von dort wird die Panzerkolonne kommen, am Haus meines Freundes vorbeirattern, die Rohre zu mir drehen und schießen. Ich nehme meinen Fußball, laufe auf den Hof und schieße ihn, so scharf ich kann, gegen die Hauswand, an der ich Torschüsse übe, werde wieder zu Helmut Rahn – und vergesse die Panzer.

Ein Jahr später – die Bundeswehr war gerade gegründet worden – hatte ich im Westen einen Onkel im Generalsrang, der schon jahrelang im Nachrichtendienst der Organisation Gehlen arbeitete. Niemand außerhalb der Familie durfte davon erfahren, war mir eingeschärft worden. Die große Holztafel mit der Losung „Deutsche an einen Tisch“ war mit einer neuen übermalt worden. Die Schrift war immer noch dieselbe, die unser Schildermaler im Dorf in seiner Lehrzeit gelernt hatte: „EVG – nee!“ stand jetzt da in Tannenberg-Lettern1. In der Schule stimmte man uns auf den Feind ein: auf Kriegstreiber, Bonner Ultras, auf die Notwendigkeit, den Frieden notfalls auch mit Waffen zu verteidigen. Ein Spielkamerad aus der Nachbarschaft, alle nannten ihn „Bübchen“, musste bei Schulfeiern Wilhelm Buschs „Bewaffneter Friede“ aufsagen. Und die Kasernierte Volkspolizei wurde zur „Friedensarmee“ umgewandelt – zur Nationalen Volksarmee.

Auf der anderen Seite, im Westen, sprach man nicht sehr viel anders: „Natürlich ist die Sowjetunion, rein militärisch gesehen, mit ihren gegenwärtigen Präsenzstärken im Gegensatz zum Westen zu einer überfallartigen Aggression in der Lage“, hätte ich Franz Josef Strauß am 23. Januar 1958 im Radio sagen hören können2, denn die Funkmasten am Horizont – drüben im Westen – bescherten uns einen Empfang, als säßen wir direkt neben dem Sender.

Einige Monate vor dem Abitur versuchten der Direktor und einige Herren, von denen ich nicht wusste, wer sie waren, mich in drei „persönlichen Gesprächen“ davon zu überzeugen, meiner Friedenspflicht in der Nationalen Volksarmee freiwillig nachzukommen. Ich sagte ihnen, in vorsichtig gewundenem Deutsch, was Joschka Fischer als Außenminister sehr viel später auf Englisch sagte: I’m not convinced.3 Die Folgen in meinem Fall: Mir blieb der freiwillige Dienst in der NVA erspart, verwehrt wurde mir aber, die Weltmeere zu bereisen4. Im Fall Fischers: Deutschland beteiligte sich nicht mit eigenen Kampftruppen am Irakkrieg; keine deutschen Soldaten mussten dort kämpfen und sterben – in einem Krieg, der sich als sinnlos erwies.

1961 nannte man in der DDR die Abriegelung der Grenze eine „Maßnahme zur Sicherung des Friedens“5, während sie im Westen als „Anschlag auf den Frieden der Welt“6 bezeichnet wurde. Die Worte ähnelten sich; die Megaphone, aus denen sie kamen, brüllten einander an. Die Menschen, die das hörten, glaubten dem einen Ton oder dem anderen. Alle wähnten sich auf der richtigen Seite: der des Friedens.

Bevor die Mauer wieder verschwand, stand ich eines Tages doch als „Genosse Soldat“ auf einem NVA-Kasernenhof. Ein verpflichtender Reservistendienst hatte mich dorthin gebracht. Ich protestierte gegen die nach dem Wehrgesetz unzulässige Länge des mir befohlenen Dienstes, schrieb eine Eingabe an die Volkskammer7, erinnerte die Mitglieder des „Ausschusses für Eingaben“ daran, dass Gesetze, die im Parlament der DDR verabschiedet wurden, auch einzuhalten seien. Sie schickten daraufhin einen stellvertretenden Minister für Nationale Verteidigung mit einem „Tschaika“8 zu mir. Der stellte klar, wer nicht für den Frieden ist, ist als Feind des Volkes zu behandeln. Er erinnerte mich daran, dass für solche in „Schwedt“9 immer ein Platz frei sei. Darauf unterschrieb ich ihm das gewünschte Papier, in dem ich erklärte, meine Eingabe sei „in meinem Interesse“ behandelt worden. Nach einem halben Jahr war ich wieder zu Hause, konnte eine Kalaschnikov mit verbundenen Augen auseinander nehmen und zusammensetzen und war für den Friedensdienst tauglich.

Sehr viel später brachten wir DDR-Bürger durch Rufe „Wir sind das Volk“, dann „Wir sind ein Volk“ die Mauer zu Fall. Aus zwei Seiten, die den Frieden bis dahin durch aufeinander gerichtete Pershing- und SS-20-Raketen aufrecht erhielten, wurde eine. Man sprach vom „Gemeinsamen Haus Europa von Lissabon bis Wladiwostok“, vom Weltfrieden, Glück und dem „Ende der Geschichte.“

Im Spätsommer 1994 gab es eine militärische Abschiedsparade der Sieger über Nazideutschland. Die westlichen brothers in arms wollten unter sich bleiben. Für die anderen hielt Kohl im Schauspielhaus eine gesonderte Rede, auch den „lieben Boris“ begrüßte er: „Fast fünfzig Jahre, nachdem die sowjetische Armee das Gebiet des damaligen Deutschen Reiches erreichte, verlassen russische Soldaten10 heute unser Land. Sie gehen nicht als Besatzer, sie gehen als Partner, sie gehen als Freunde.“ So sprach der Kanzler aller Deutschen und wird gedacht haben: „Jetzt sind wir die Russen endlich los“. Im Juni hatte ich mit Brigitte vor der Bühne des Alexandrow-Ensembles gestanden. Der Chor der Sowjetarmee machte sich vor deutschen Publikum zusammen mit der finnischen Rockband Leningrad Cowboys unter anderem mit amerikanischen Schlagern zum Gespött. Der KGB-Genosse Wladimir Putin kennt gewiss die Geschichte dieses Chores, der 1948 als „Botschafter der Friedens“ vor der Kulisse des zerstörten Gendarmenmarktes einem begeisterten deutschen Publikum mit dem Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ den Willen zur Freundschaft mit dem deutschen Volk bekundet hatte. Und jetzt das: eine Total Balalaika Show dekadenter Westler, die den ruhmreichen Chor der Sowjetarmee missbrauchen. Das wird er immer vor Augen haben, wenn er an westliche Kultur denkt, an den Spott über den „unübertrefflichen skurrilen Coup: Die Rote Armee rock ’n‘ rollte. Das „Red Army Orchester“ des Alexandrow-Ensembles begleitete die finnische Kult-Rockgruppe Leningrad Cowboys.11So etwas vergibt man als Russe nie, der mit der Sowjethymne aufwuchs, die den unzerstörbaren Bund der freien Republiken verkündet, der für alle Zeiten durch das Große Russland zusammengeschmiedet worden war12.

Es vergingen weitere zehn Jahre. Längst gab es wieder zwei Seiten im Kampf um den Frieden Europas. Die eine sah sich umzingelt von immer näher heranrückenden Feinden aus dem Westen und zusätzlich verhöhnt durch einen amerikanischen Präsidenten, der Russland seine Größe absprach.13 Die andere Seite meinte einen zunehmend autoritären Staat wachsen zu sehen, der aggressiv die gerade gewonnene Freiheit der östlichen Länder bedrohte. Die Raketen – auch atomar bestückte – wurden wieder aufeinander gerichtet und russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen besetzten die Ostukraine und die Krim.

Alles diplomatische Verhandeln führte zu nichts weiter als zum Einmarsch der Russischen Armee in die Ukraine acht Jahre später. Aus einer schnellen Eroberung des Landes wurde nichts und seit vier Jahren sterben Menschen an der Front, und Raketen aus Russland machen der ukrainischen Bevölkerung das Leben zur Hölle. Wieder glaubt jede Seite im Recht zu sein. Die eine will die Nazis aus der Ukraine vertreiben, Russland wieder groß machen und dem woken Westen die Stirn bieten, die andere glaubt, die eigene Freiheit, Unabhängigkeit und Würde zu verteidigen.

Auch dort, wo keine Front oder „Kontaktlinie“ die Seiten trennt, wird gekämpft, zwischen politischen Parteien, ehemaligen Freunden und Kollegen, in Familien. Menschen schwenken Banner mit weißen Tauben, und die sie tragen, nennen Unterstützer und Unterstützerinnen des ukrainischen Widerstands Kriegstreiber. Sie fordern, endlich diplomatische Gespräche zu beginnen, die zum gerechten Frieden führen werden.14 Sie meinen zu wissen, hätte der Ukrainische Präsident nicht nach eigenen Atomwaffen gerufen, hätte das bedrohte Russland nie eine militärische Spezialoperation geführt15. Sie kennen die einzig richtige Antwort auf Jewgeni Jewtuschenkos rhetorische Frage: „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“16: „Nein, niemals!“ Sie wähnen sich auf der Seite des Friedens, einfach, weil sie dort schon immer waren.

Ich habe andere Auffassungen zu den Kriegsursachen, will aber auch den Frieden. Er ist einfach zu erreichen, denke ich. Es braucht keine diplomatische Verhandlungen, keine Verträge mit Sicherheitsgarantien und Soldaten auf fremden Territorien, sondern nur die Einhaltung des unterschriebenen Abkommens zwischen Russland und der Ukraine von 1990, in dem die Russische Föderation und die Ukraine sich verpflichteten, gegenseitig die territoriale Integrität des jeweils anderen innerhalb der vorherigen Grenzen der UdSSR anzuerkennen und zu achten.17 Putin aber meinte am 21. Februar 2022, eine Ukraine existiere nicht, habe nie exisiert: „Es ist auch wichtig zu verstehen, dass die Ukraine im Grunde genommen nie eine gefestigte Tradition echter Staatlichkeit hatte.“18

Es ist nicht unmöglich zu erkennen, auf welcher Seite der Wille zum Frieden fehlt, denke ich.

  1. Tannenberg Schriftart ↩︎
  2. F.-J. Strauß in der Bundestagsdebatte vom 23. Januar 1958 ↩︎
  3. Der Satz fiel am 8. Februar 2003 auf der 39. Münchner Sicherheitskonferenz, als Außenminister Joschka Fischer US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in der Irakkriegsfrage öffentlich widersprach: „You have to make the case … Excuse me, I’m not convinced.“ ↩︎
  4. Ich hatte mein ganzes Jugendlichenleben von der christlichen Seefahrt geträumt. Das notwendige Seefahrtbuch bekam ich nicht, wurde nicht Kapitän, hatte aber später ein gutes Leben an Land. ↩︎
  5. Ministerratsbeschluss der DDR vom 13. August 1961,Gesetzblatt der DDR, Teil II, Nr. 51; vgl. auch Neues Deutschland, 14. 8. 1961, Titelseite. ↩︎
  6. Willy Brandt, Rede auf dem Schöneberger Rathausbalkon am 16. August 1961: „Die Sowjets sind klug genug zu wissen, dass ein Angriff auf das Gebiet von WestBerlin und seine Verbindungswege der unmittelbare Anschlag auf den Frieden der Welt ist.“ (Archiv der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung). ↩︎
  7. Eine Eingabe war das in der DDR-Verfassung verbriefte Recht der Bürger, sich mit Beschwerden, Hinweisen oder Anträgen an staatliche Stellen zu wenden. Der „Ausschuss für Eingaben“ der Volkskammer prüfte, ob die Eingabe durch die zuständige Behörde bearbeitet wurde, was in der Praxis dennoch nicht zu Gunsten des Einsenders ausging, wie mein Fall zeigt. ↩︎
  8. Das war der Dienst-PKW hoher Regierungsvertreter in der DDR ↩︎
  9. „Schwedt“ war im Sprachgebrauch der NVA vor allem ein Droh- und Schreckwort: Gemeint war der Militärstrafvollzug der DDR, das Militärgefängnis in Schwedt (Oder). Wer in der Truppe „Schwedt“ hörte, verstand: es wartet ein Arrest mit harter Disziplin und Drill. ↩︎
  10. Karl Schlögel: „Die Deutschen wissen viel über die Verbrechen der Deutschen in der Sowjetunion, aber Schuld empfinden sie lediglich gegenüber ‚Russen‘ – so als gäbe es nicht Millionen von ukrainischen Rotarmisten, Millionen ukrainischer Ostarbeiter, ganz zu schweigen von der Shoah auf ukrainischem Territorium.“ Der Russland-Reflex, Hamburg 2015 ↩︎
  11. taz vom 20.6.1994 ↩︎
  12. Союз нерушимый республик свободных
    Сплотила навеки Великая Русь.
    Да здравствует созданный волей народов
    Единый, могучий Советский Союз! ↩︎
  13. Barack Obamas Aussage vom 25. März 2014: Russland sei eine „regional power“ und handle in der Ukraine „not out of strength, but out of weakness“. ↩︎
  14. Waffenstillstand jetzt! ↩︎
  15. Richard David Precht bei Maybrit Illner am 18.12.2025 ↩︎
  16. Meinst du, die Russen wollen Krieg? ↩︎
  17. TREATY between the Ukrainian Soviet Socialist Republic and The Russian Soviet Federative Socialist Republic 19. November 1990 ↩︎
  18. Fernsehansprache Putin vom 21. Februar 2022:
    Важно понимать и то, что Украина, по сути, никогда не имела устойчивой традиции своей подлинной государственности ↩︎