Man müsste doch nur…

Ich habe in den vergangenen Monaten Beobachtungen aufgeschrieben, die ich beim Lesen von Zeitungsartikeln, beim Hören von Podcasts und Radiosendungen, beim Sehen von Talkshows machte. Meinungen von Freunden habe ich manchmal unautorisiert in einen Text eingebaut, auch solche, die in familiärer Umgebung geäußert worden sind. Mein Schreiben sollte mir helfen, eine eigene Meinung zu formulieren.

Das Jahr verging schnell, die Tage wurden kürzer, Weihnachten ist vorbei, und jetzt kommen die Jahresrückblicke mit immer den gleichen Themen: Schulen, die nicht funktionieren; Brücken, die nicht tragen; Pflegevorschriften, die die betreuten Menschen außer Acht lassen; Reformen und Regionalzüge mit ständiger Verspätung; Kriege, die nicht enden wollen; Preise, die steigen; Renten, die wackeln; Migration, die der AfD Wähler zuführt. Die Industrie im Sinkflug, Krankenhäuser, die geschlossen werden, und die Gewissheit: Das kommende Jahr wird nicht besser.

Beim Ausräumen der Spülmaschine gestern kam mir in den Sinn: Weil das Reden über all unsere Probleme so schwer auszuhalten ist, gibt es einen reflexhaft geäußerten Satz, der Zuversicht verströmt: die Lösung steht bereit. Dem Auftakt „Man müsste doch nur…“ folgt ein Vorschlag, der eine komplexe Wirklichkeit auf einen Punkt zusammenzieht, und, folgt man ihm, wird alles gut. Auch das Urteil, wer am Problem schuld ist, wird implizit gefällt. Mit „man“ sind die Schuldigen benannt: die jeweils Zuständigen, deren Trägheit, deren Unfähigkeit, deren Ideologie, deren fehlender „gesunder Menschenverstand“ verhindert, das Richtige zu tun.

Der jeweilige Lösungsvorschlag kommt wie ein Universalschlüssel daher, der für jede verschlossene Tür passt: für die Schule mit zu wenigen Tablets, ohne die Schüler nichts lernen können; für die Brücke, die gesperrt wird, weil der nächste Fußgänger sie zum Einsturz bringen könnte; für die Pflege, die nicht mehr pflegt, sondern verwaltet; für die Krankenhausreform, die seit Jahren nicht rechtzeitig kommt wie die verspäteten Züge der Bahn; für den Krieg in der Ukraine, der „doch längst beendet sein könnte“; für die Renten, die „bald alles auffressen“; für steigende Gaspreise; für Flüchtlinge an der Grenze.

„Man müsste doch nur…“

Ich höre das in Talkshows, in denen die Moderatorin auf die Uhr schaut und mahnt, die komplexe Wirklichkeit etwas zu komprimieren, weil die Zeit davonläuft. Ich höre es am Familientisch, wenn alle durcheinander reden. Ich lese es in Leserzuschriften, die mit dem Tonfall beginnen:„Ich bin ja kein Experte, aber…“– und dann scheint eine Expertise auf, die wahlweise ein Ministerium ersetzt oder gleich die Weltbank.

Nein: Ich bin nicht gegen Vorschläge. Ich mag Lösungen, einfache sogar sehr, und finde es großartig, wenn jemand eine Idee äußert, statt nur zu klagen. Was mich wundert, ist die Geschwindigkeit, mit der aus einer vagen Diagnose ein kompletter Therapieplan wird – und vor allem die Gewissheit, mit der die Sache erledigt wäre, wenn „die da oben“ nur endlich wollen würden. Dieser kleine Satz hat etwas Magisches: Er verwandelt eine komplexe Sachlage in einen Lichtschalter. Klick – und das Licht geht an. Und wenn das Licht nicht angeht, kann es nur am Charakter des Elektrikers liegen.

Es gab in meiner Schulzeit eine Lobeshymne auf Stalins Willensstärke, geschrieben von Kurt Barthel, genannt KuBa:1

Geht nicht, sagten kluge Leute,
Null mal Null macht niemals Zwei!.
Es muss und wird, es muss und wird, so sagte die Partei.

Und weiter:

Staudamm – lange Wasserschleppe;
Dnjeprostroi den Dnjepr fing,
knips, und hell war’s in der Steppe;
sieh mal an, wie fein das ging.

Das ist das Muster: Wille und Entschlossenheit reichen aus, um jede Komplexität zu besiegen. Knips – und hell war’s. Man muss nur wollen. Die Welt wird in die Hand genommen, wenigstens sprachlich. Daraus entsteht das Gefühl, die Dinge seien immer beherrschbar: Zuständigkeiten klar, Mittel vorhanden, Folgen überschaubar. Es ist ein Satz, der Ordnung stiftet – nicht in der Wirklichkeit, aber immerhin im Kopf.

Und dann ist da noch etwas: das „doch“ im Satz. „Man müsste doch nur…“ heißt: Eigentlich ist alles offensichtlich. Das „doch“ schiebt jeden Widerspruch beiseite, macht aus jedem Einwand eine Charakterfrage: Wer meine einfache Lösung nicht umsetzt, will eben nicht – oder traut sich nicht, oder ist gekauft, ideologisch verblendet, träge, vielleicht einfach unfähig.

Mir scheint, das Erkennen eines Problems wird mit dem Wissen verwechselt, wie man es löst. Das ist ungefähr so, als würde ich in der Autowerkstatt zum Meister sagen: „Mein Auto macht komische Geräusche, man müsste doch nur…“ Allein sein Blick ließe mich verstummen. Warum akzeptieren fast alle in der Autowerkstatt, beim Zahnarzt, sogar beim Backen eines Baumkuchens, dass Dinge kompliziert sind – und bei Schule, Infrastruktur, Pflege, Krieg, Migration, Klima, Renten plötzlich nicht mehr?

Es könnte auch sein, der Satz „Man müsste doch nur…“ entlastet die Sprechenden. Wer so spricht, muss das Problem nicht selbst lösen, sondern kann denken: Ich weiß, wie man es machen sollte, bin nicht Teil der Misere und sage ja nur, wie man aus ihr herauskommt. „Die Zuständigen“ sind das Hindernis. Das tröstet. Denn wenn die Ursache „die da oben“ sind, muss ich nicht überlegen, was mein eigener Anteil ist: mein Konsum, meine Ansprüche, meine Ungeduld, meine Wahlentscheidungen, mein Wunsch nach einfachen Antworten.

Viel zu viel Bürokratie ist, wenn ich mich umhöre, die Ursache vieler Probleme in der Wirtschaft, bei den Verwaltungen und Sozialdiensten: „Man müsste doch nur die Bürokratie abbauen.“ Ja – welche Regel genau, und wer trägt das Risiko, das diese Regel bislang absichert? Wer ändert die Regeln, welche anderen Gesetze sind dadurch betroffen, welche Gruppen werden plötzlich benachteiligt? Jede dieser Fragen muss nicht einmal moralisch gemeint sein, sondern nur technisch, technokratisch. Antworten auf sie überspringt der Satz leichtfüßig.

Einfachheit in der Formulierung wird mit Einfachheit in der Realität verwechselt, scheint mir. Ein kurzer Satz verkürzt den Sachverhalt nicht. „Man müsste doch nur“ ist sprachlich elegant wie ein sauber gezogener Strich. Aber Probleme folgen selten dem Modell der geraden Linie. Sie sind eher verknotet, mit Fäden von Knoten zu Knoten. Zieht man an einem Ende, zieht man an vielen. Wer das ausspricht, gilt dann schnell als „Ausredenerfinder“ oder „Bedenkenträger“. Ja, das könnte auch sein. Denn es gibt die Ausreden von VerantwortlichMan müsste doch nur…en, die alles kompliziert nennen. Es gibt Trägheit, Kompetenzmangel, Ideologie, Interessen. Es gibt Lobbyismus, Fehlanreize, Machtspiele. Das alles gibt es. Aber der Satz „man müsste doch nur“ tut so, als wäre jeder Einwand Schmutz auf einer eigentlich glänzenden Oberfläche, der nur weggewischt werden müsste. Dabei sind Interessen nicht nur zufällige Oberflächenfehler der Gesellschaft, sondern fest in ihr verankert; Zuständigkeiten sind nicht bloß Verwaltungsvorschriften, sondern gewachsen aus historischen Erfahrungen.

Ich ertappe mich dabei, wie ich selbst manchmal „man müsste doch nur“ denke. Es ist ja verführerisch. Es gibt Tage, da möchte ich alle Probleme wie den Kram in einer schlecht geordneten Schublade behandeln: raus damit, manches wegwerfen, neu hineinlegen, fertig. Aber dann sehe ich mir die Schublade genauer an und merke: Da liegen nicht nur Dinge durcheinander, da liegen Leben drin, Biografien, Abhängigkeiten, Rechte, Erwartungen, Ängste. Und irgendwo zwischen dem, was ich für wünschenswert halte, und dem, was andere wollen oder was machbar ist, liegen Dinge, die nicht einem einzelnen gesunden Menschenverstand folgen, sondern nach Aushandlung, Streit, Kompromiss und Zeit verlangen. Gut wäre, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass viele Probleme nicht deshalb schwer zu lösen sind, weil niemand es will, sondern weil viele gleichzeitig Verschiedenes wollen, und weil eine „Lösung“ kein Punkt ist, sondern ein Prozess.

Wenn mir im kommenden Jahr in einem Gespräch der Satz „Man müsste doch nur…“ wieder begegnet, sollte ich mir vielleicht sagen: „Ich müsste mich doch nur an den Gedanken gewöhnen, dass andere andere Lösungswege für Probleme haben als ich“.

Ich wünsche uns allen für 2026 die Geduld, komplizierte Dinge kompliziert sein zu lassen – und die Zuversicht, dass sich in der Welt trotzdem etwas zum Besseren bewegen lässt. Lasst uns der Versuchung widerstehen, denen mit den schnellen Lösungsvorschlägen nachzueifern.

  1. KuBa (Kurt Barthel): Kantate auf Stalin, Musik v. Jean Kurt Forest, Leipzig 1949 ↩︎