Ich wünschte uns allen für 2026 die Zuversicht, dass sich die Welt zum Besseren bewegen lässt. Das wollte ich kurz vor dem Jahreswechsel einfach hoffen und beschrieb diese Zuversichtlichkeit als guten Vorsatz für das neue Jahr. Danach wollte ich mich nicht immer nur mit der täglichen Berichterstattung befassen, sondern etwas Neues lernen, wieder etwas mit längerer Halbwertszeit lesen. Ich kaufte mir Michael Hampes Buch „Krise der Aufklärung“1, hatte es mir gemütlich gemacht und mich von der Einleitung an Kippfiguren 2 erinnern lassen, diese harmlosen Zeichnungen – mal Hase, mal Ente, mal eine Vase, die plötzlich zwei Gesichter ist, mal eine junge Frau, die im nächsten Moment zur alten wird. Es faszinierte mich schon immer, wie rasch dieselben Linien auf dem Papier im Kopf eine andere Bedeutung bekommen, ohne dass man sie wirklich steuern kann. Ich begann zu lesen: „In diesem Text geht es um Wahrheit, Vernunft, den Fortschritt, das Selbst und seine Freiheit. Das sind in der Philosophie große Worte. Sie haben in der Aufklärung eine wichtige Rolle gespielt.“3 und sah auf dem Display des PC eine Eilmeldung: „Donald Trump: Venezuelas Präsident Maduro festgenommen und aus dem Land geflogen“.4
Erst Stunden später findet die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas ihre sonst schnelle, bewertende Sprache wieder, noch später der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Bei Russlands Überfall auf die Ukraine war und ist alles klar: Aggression, Angriffskrieg, Bruch der Ordnung. Jetzt liest man, die USA hätten in Venezuela mit großer Präzision den Präsidenten Maduro und seine Frau festgenommen, und ausgerechnet jetzt wird es… schwierig. Der Bundeskanzler sagt, die „rechtliche Einordnung“ sei „komplex“, man nehme sich dafür Zeit. Ich frage mich: Zeit wofür eigentlich? Für die Suche nach der richtigen Bewertung des Kippbilds? Für die Frage, ob Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta nur dann unmissverständlich ist, wenn ein Soldatenstiefel aus dem Osten unbefugt ein Nachbarland betritt?
Ich sitze also da als verwunderter und entsetzter Zeitungsleser: Hase – Ente. Prinzip – Pragmatismus. Völkerrecht – Kontext ? Und ich merke, wie verzweifelt mich nicht die Heuchelei macht – die ist alt – , sondern die Professionalität, mit der sie als Vernunft, als pragmatische Politik auftritt. Als wäre „sich Zeit zum Bewerten nehmen“ schon ein moralischer Akt. Als wäre das Zögern selbst ein Wert.
Ich kann es ja sogar verstehen. Außenpolitik ist kein Seminar „Einführung in die Moralphilosophie“, sondern das Verfolgen von Interessen, im positiven Fall: alles zu unternehmen, damit am Ende nicht die Welt in Brand steht. Aber hier beginnt Zumutung für mich: Ähnliche Fakten, die selben Regeln sollen gelten, doch die Deutung kippt – je nachdem, wer handelt. Eben noch war alles so klar, so dass man die Worte ohne Zögern fand: Aggression, Angriffskrieg, Bruch der Ordnung. Kaum aber sind es die USA, soll plötzlich nicht mehr das Urteil zählen, sondern die „Komplexität“ eine Einordnung erschweren. Als müsste man bei einem Kippbild nicht nur die Interpretation der gezeichneten Linien wechseln, sondern ein paar Striche hinzufügen, auch den Maßstab ändern.
Es wird nicht mit gleichem Gewicht abgewogen: bei Russland, wie hart man reagieren muss; bei den USA, wie hart man die Handlung überhaupt benennen darf. Der Unterschied liegt nicht in der Weltlage, sondern im Bündnissystem. Und „Komplexität“ ist die diskrete Chiffre dafür, dass man diese Bündnisabhängigkeit nicht erwähnen will.
So werden im Kanzleramt Etiketten auf Sachverhalte geklebt: ein rotes auf alles, was mit russischem Angriffskrieg zu tun hat, ein gelbes für alles, was nicht Freund ist, aber Gewinne beim Handel verspricht, das grüne ist für NATO-Bündnispartner da, und irgendwo dazwischen liegt das Graue. Das klebt man auf Vorgänge, bei denen man ahnt, dass die geltenden Normen nicht mit der Bündnistreue harmonieren. Dann braucht man Zeit – nicht für die Analyse des Völkerrechts, sondern für die Wahl der Tonlage.
Und weil man nicht gern dabei ertappt wird, dass man Maßstäbe mischt, nennt man das Ganze pragmatisch, vernünftig, den Gegebenheiten Rechnung tragen. Das heißt: Wir glauben an Regeln, solange sie unsere Handlungsspielräume nicht sprengen; und wenn sie es doch tun, verweisen wir auf die Komplexität der Lage, nicht aus Bosheit, sondern aus professioneller Routine. Das macht mich sauer: Die Unaufrichtigkeit tritt nicht mehr wie ein Skandal auf, sondern wie diplomatische Kompetenz.
Vielleicht ist das die eigentliche Krise des aufgeklärten Westens: Nicht dass die großen Worte verloren gegangen wären – Menschenwürde, Wahrheit, Vernunft, Fortschritt und Meinungsfreiheit – sondern dass sie dazu verwendet werden, jedem beliebigen Zweck zu dienen. Alles ein Kippbild: Man sieht immer das, was man gerade braucht.
Ich werde mich wieder Michael Hampes Buch zuwenden. Gründe für Zuversicht wird es wohl kaum liefern, aber Aufklärung über das Verständnis der Aufklärung heute. Den Epilog habe ich schon gelesen. Der Autor spricht von den Sorgen, die Menschen vorausplanen, absichern und kontrollieren lassen, dabei aber vielleicht gerade deshalb neue Unsicherheiten erzeugen, vor denen sie uns schützen wollen. Auch das Bewerten einer politischen Situation als „komplex“ ist eine Form solcher Sorge: die Angst, das falsche Wort könnte Bündnisse gefährden, Sicherheit untergraben und Positionen schwächen. Besser wäre klar, auszusprechen, wie eine Situation zu bewerten ist, nicht einen völkerrechtliche Verstoß einmal Aggression zu nennen und einmal Zeit zur Einordnung zu fordern. Nicht weil das die Welt sofort ändern würde, sondern weil das Schweigen darüber, das professionelle Verwalten von Widersprüchen, am Ende mehr Unsicherheit schafft als jede unbequeme Wahrheit. Vielleicht liegt darin, wenn nicht Trost, so doch ein Ausweg: Die Kippbilder zu benennen, statt so zu tun, als sähen wir sie nicht.
- Michael Hampe: Krise der Aufklärung, Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025 ↩︎
- Wikipedia Kippfigur ↩︎
- Michael Hampe, ebda., S. 25 ↩︎
- t-online, 3.1.2026 ↩︎
