ein Rezept von Thomas Fasbender
Die Berliner Zeitung schenkte mir gestern kostenlos einen Kommentar zur aktuellen Lage Europas, den der Autor Thomas Fasbender in der Unterzeile als „Einordnung“ deklarierte. Der Titel lautete:
Europa vor der Wahl: Weiterjammern oder mitspielen in der multipolaren Welt.
Europa ist zu schwach, um seinen Traum von der regelbasierten Ordnung durchzusetzen. Es ist Zeit, Kröten zu schlucken.“1
Deutlich ist die Absicht, Wirkung zu erzielen. Das soll mit Hilfe des bewährten Werkzeugs des Feuilleton-Handwerkers – der Polemik – gelingen. Solche Kommentare, zumal wenn sie kostenlos über Microsoft Network – msn.com/de – unter das Volk gebracht werden, sollen zuerst einmal dafür sorgen, dass jemand hinschaut, den Stamm der Leserschaft bei der Stange zu halten und neue Augenpaare anzulocken. Dazu darf der Text dann auch schärfer, frecher, zugespitzter sein als eine Nachricht; er braucht klare Pointen, Sätze, die im Gedächtnis bleiben. Die dürfen sogar ungerecht sein – wenn daraus ein Erkenntnisgewinn entsteht. Zustimmende Leser mögen das Gefühl, dass da jemand ausspricht, was andere nur raunen: endlich räumt einer auf, statt drum herum zu reden. Das verstehe sogar ich, als häufig verwunderter Zeitungsleser.
Beim Lesen fragte ich mich allerdings, was der Autor eigentlich „eingeordnet“ hat. Ich finde nichts. Fasbenders Text wirkt auf mich vielmehr wie die Beschreibung einer Sprechstunde eines Arztes, der seinen weißen Kittel als Autoritätsbeweis für seine schnellen Diagnosen nutzt, den Stift zückt und ein Rezept ausstellt: Der Patient Europa sei zu schwach, um eine regelbasierte Ordnung durchzusetzen. Da helfe nur Krötenschlucken. Ich hätte gern gewusst, welche Befunde zu dieser Diagnose führen, bevor das Rezept eingelöst und das Medikament eingenommen wird.
Von zwei Breitseiten auf Europa lese ich: Russland überfällt im Februar 2022 die Ukraine, die USA 2026 Venezuela. Fasbender schreibt, Europa habe ‚Plan A‘ verfolgt: Russlands Niederlage. Aber was heißt das? Europa plante nichts, es reagierte auf einen russischen Angriffskrieg. Die eigentliche Planung ging von Moskau aus. Russland rechtfertigte das mit wechselnden Begründungen: mit der Entnazifizierung der Ukraine dann mit der Bedrohung durch die NATO, auch mit beidem.
„Alle Ordnungen sind vergänglich“ steht am Anfang eines neuen Absatzes. Diese geschichtsdeterministische Binsenweisheit erinnert mich an das Karnevalslied: „Alles hat einmal ein Ende, nur die Wurst hat zwei“. Nichts bleibt, wie es ist, meint der Autor, nur die Europäer, besonders die Deutschen verstünden das einfach nicht -, denn: „Irgendwann verliert dann das Recht der alten Ordnung seine Stärke, und bis zum Aufgang einer neuen kehrt das Recht des Stärkeren zurück.“
Nach einer erneuten Überschrift prophezeit Thomas Fasbender der EU, niemals ein schlagkräftiger geopolitischer Block zu werden. Dann folgt der Satz: „Großmächte verstehen einander, instinktiv“. Jetzt sinne ich darüber nach, was dieses Sich-Verstehen von Großmächten heißen soll: eher das Verstehen von 1914, als man sich im gemeinsamen Code von Ehre, Ultimatum und Mobilmachung bestens verstand – und gerade so in den Krieg gegeneinander zog; oder jenes höfische „Verstehen“, als Peter der Große 1717 in Versailles empfangen wurde – mit allen diplomatischen Höflichkeiten, um den gegenseitigen Rang der Imperien anzuerkennen und Bündnisse zu sondieren. Doch dann kommt noch eine Begründung: Wegen des Anbruchs der Epoche multipolarer Weltunordnung „werden die drei Großen, USA, China und Russland, keine gegenseitigen Kriege riskieren, nicht auf absehbare Zeit.“ Eine erstaunliche Prophezeiung eines Mannes, der Realismus anmahnt. Woher weiß Fasbender das? 1913 hätte man dasselbe über die europäischen Großmächte sagen können – wirtschaftlich verflochten, dynastisch verbunden. Ein Jahr später: Weltkrieg.
Europa hat in diesem Text eine erstaunlich kompakte Gestalt, die das Wir einschließt. Es plant, hadert, jammert, stellt sich an und muss eine Wahl treffen. Ich stelle mir das bildlich vor: da sitzt der Kontinent im Therapiesessel des Analytikers, hat siebenundzwanzig Stimmen im Kopf, die sich zusammentun sollen, doch sie sprechen durcheinander: „Das Völkerrecht! Der Gewaltverzicht! Das Verbot von Angriffskriegen! Die Unverletzbarkeit der Grenzen! Die territoriale Integrität! plus Menschenrechte, Minderheitenschutz“. Der Analytiker sagt: „Alles nur Gadgets der guten und heilen Welt“, die das kranke Europa fühlt und rät zum tiefen Ein- und Ausatmen und zum Schlau-sein. Das bedeutet, anzuerkennen, dass die Stimmen im Kopf, keine Schimpansen sind, die zu einem Gorilla werden und dann kommt dem Therapeuten noch – wo er gerade bei den Schimpansen ist – eine Assoziation: „Die Vereinigten Staaten von Afrika haben auch null Chance.“ Wird man ja mal sagen dürfen, muss ja nicht immer alles so bierernst sein. Mancher deutsche Fußballfan kann darüber bestimmt lachen.
In weiteren Sitzungen sollte das verwirrte Europa noch lernen: „Interessen diktieren die Politik, keine Werte und erst recht keine Nibelungentreue. Und: Verbündete agieren nicht notwendig miteinander, aber nie gegeneinander.“ Europa muss vergessen, dass Politik nach vereinbarten Regeln ablaufen sollte und dass es universelle menschliche Werte gibt.
In meinem kleinen Kopfkino von der Therapiesitzung Europas lehnt sich der Therapeut ein wenig vor und sagt mit diesem Ton, der keinen Widerspruch mehr erwartet: „Wir könnten natürlich auch weiter jammern über die böse Wirklichkeit und die schlechte Welt – die Wahl liege ja bei uns.“ Diesen Wir-Pluralis-majestatis von Medizinern habe ich noch nie leiden können. Gemeint ist nicht wirklich das gemeinsame Ringen um Lösungen, sondern die freundlich verpackte Drohung, eine Verordnung gefälligst zu befolgen – andernfalls gilt man als unverbesserlicher Patient, der die eigene Genesung sabotiert.
