Beeilt euch!

Tusk setzt Merz bei Entschädigung für NS-Opfer unter Druck überschrieb die WELT ihren Bericht über die 17. deutsch-polnischen Regierungskonsultationen, zu denen der polnische Ministerpräsident nach Berlin gekommen war.1. Auf dem Bild zum Beitrag sieht man einen ernsten Donald Tusk die Arme ausbreitend sprechen, neben ihm steht der deutsche Kanzler. Tusk scheint zu sagen: Beeilt euch, ich fordere Respekt für die Opfer! und Merz daneben, süffisant lächelnd, als denke er: ‚Dann fordere mal…, alles schon abgegolten!‘ Später wird er in der Pressekonferenz2 sagen: Deutschland habe „den Überlebenden der nationalsozialistischen Herrschaft bereits rund zwei Milliarden Euro zur Verfügung gestellt“.3

Für die finanzielle Seite der Erinnerung an deutsches Unrecht in Polen ist die Stiftung des öffentlichen Rechts ‚Erinnerung, Verantwortung und Zukunft‘ eine der zentralen Akteurinnen. Sie untersteht der Fachaufsicht des Bundesfinanzministeriums. Ihr Erinnern wird organisiert durch Entschädigungsprogramme, Bildungsprojekte, Gedenkinitiativen. Dort werden Richtlinien beschlossenen, förderbare Projekte bestätigt und das Geld verwaltet. Aber kann sich die Institution an irgendetwas erinnern? Nein, ich denke, das können nur Menschen.

In einem Fotoalbum meiner Familie gibt es das Bild eines blonden Jungen, vielleicht vierjährig. Er sitzt in einer Schaukel. Ein anderes zeigt ihn in einem Sandkasten spielend. Die Bilder entstanden 1944 in Posen. So wurde die Stadt jetzt von den Deutschen genannt. Der kleine Junge ist mein älterer Bruder. Zwei polnische Nachbarmädchen waren manchmal mit ihm im Sandkasten. Einmal befahlen sie ihrem gutmütigen Hund Asja, meinen Bruder zu beißen. Überliefert ist seine Frage: „Warum du sagen, Asja sollen mir beißen?“. Mein kleiner Bruder hatte verstanden, dass die „Polenmädels“ seine Sprache nur gebrochenen sprachen und passte sich ihnen an. Doch vom berechtigten Hass unserer polnischen Nachbarn auf unsere deutsche Familie begriff er noch nichts, vom Hass auf unsere Eltern, auf alle Deutschen, die vier Jahre zuvor die rechtmäßigen polnischen Eigentümer von ihrem Eigentum verjagt hatten. Seine Schaukel und der Sandkasten, mein Kinderbett und die Gärtnerei meiner Eltern waren Eigentum einer polnischen Familie. Wo sie geblieben war, wusste niemand, vielleicht irgendwo in Kongresspolen, wie meine Mutter es noch nannte?

Die Gärtnerei hatte das Büro des Nazi-Gauleiter Greiser meinen Eltern 1940 zugewiesen, nachdem sie ihr Hab und Gut auf „Geheiß des Führers“ in Lettland aufgegeben hatten. Sie waren „Heim ins Reich“ gekommen4. Mein Vater wurde verpflichtet, die polnische Eigentümerfamilie persönlich zum Verlassen ihres Grund und Bodens aufzufordern. Er tat es widerwillig, denn er und meine christliche Mutter waren sich der schweren Straftat – meine Mutter nannte es Sünde – bewusst. Meine Mutter schrieb damals: „Wir kamen uns unendlich schlecht vor. Robby sagte Ich bin ein Hund, weil ich diese Menschen vertreibe!Nie vergesse ich die ersten Tage! Wortlos, sah man sich um, die Möbel waren fremd, nichts gehörte uns, die Tasse, der Teller, die man benutzte, nichts… Wie uns, ging es den anderen Balten, auch sie mussten aus ihnen übergebenem Besitz die Polen entfernen. Ist der Hass der Polen auf die Deutschen nicht verständlich!?“ Bis zu ihrem Tod war sie überzeugt, Gott habe sie und viele andere Deutsche zu Recht mit dem Verlust der Heimat und aller materieller Güter bestraft.

Ich fürchte, es waren nur wenige Deutschbalten, die ein schlechtes Gewissen hatten. Sie eigneten sich fremdes Gut an, waren aber oft unzufrieden, nicht etwas besseres bekommen zu haben. Polen zu berauben fanden sie jedenfalls nicht schlimm. In einem Brief schrieb eine Familienverwandte über das Haus in Posen: „Die „Polenvilla“ ist wirklich sehr nett, wir waren ganz überrascht. Oben sind zwei große Zimmer und ein kleines , in dem wir sehr behaglich hausen. … Im allgemeinen sind die Möbel wenig schön, wir haben die besten Sachen ins Wohnzimmer getragen und versucht, dasselbe gemütlich und nett einzurichten. Das Speisezimmer wird nicht benutzt und dahin sind die grauslichen polnischen Plüschmöbel verbannt worden. Auch die Schlafzimmermöbel gehen an, sehr geschmacklos sind dagegen die Beleuchtungskörper. Vieles ist natürlich recht abgenutzt, aber im Großen und Ganzen können wir durchaus zufrieden sein. Wir haben jetzt natürlich gar nicht mehr die Empfindung in ein Polenhaus zu kommen.“

Ja, es war Raub, staatlich organisiert und von tausenden bürgerlich erzogenen Deutschbalten durchgeführt. Viele von ihnen applaudierten dem Gauleiter während seiner Rede am 5. November 1939, andere hörten ihn nur im Radio: „Helft mir, das polnische Volkstum zum arbeitenden Volkstum zu degradieren, helft mir, unser Volkstum und unsere Jugend zum Herrentum zu erziehen. Dann, meine Männer und Frauen, ist unser Ostraum gesichert.“ 5 Sechs Jahre später waren Millionen polnischer Bürger tot, die Hälfte von ihnen Juden.

Achtzig Jahre sind seit Kriegsende vergangen. Seit Juni steht in Berlin ein unbehauener Stein, „der wie ein Meteorit im Berliner Tiergarten eingeschlagen ist“, an die „polnischen Opfer des Nationalsozialismus und die Opfer der deutschen Gewaltherrschaft in Polen 1939–1945“ erinnern soll. In polnischer und deutscher Sprache verkündet das eine Bronzeplatte6. Sieben Jahre ließ sich der Bundestag Zeit, in einem Beschluss die Forderung des einstigen polnische Auschwitz-Häftlings, Widerstandskämpfers und früheren Außenminister Władysław Bartoszewski aufzunehmen, eine würdige Gedenkstätte zu errichten. Noch einmal gingen fünf Jahre bis zur Aufstellung dieses Provisoriums ins Land7.
Das müssen viele Polen als sehr ungenügend empfinden und glauben dem deutschen Kanzler nicht, wenn er sagt: „Gehen Sie davon aus, dass die von mir geführte Bundesregierung sich ihrer historischen Verantwortung gegenüber unserem Nachbarn Polen sehr bewusst ist und wir diese Gespräche weiter führen werden“8. Mit diesen Gesprächen meint er Verhandlungen über das Versprechen seines Kanzler-Vorgängers von 2024, eine Summe im dreistelligen Millionenbereich für „Hilfen für überlebende Opfer der deutschen Besatzung in Polen“ bereitzustellen9

Verhandlungen zu führen bedeutet heute in der Politikersprache Dealmaking. Das Ziel dabei ist, auf keinen Fall Geld zu verlieren und in diesem, den berechtigten Empfindlichkeiten der Nachkommen polnischer Opfer emotional nicht nachzugeben. So scheint mir.

Wenn Deutschland den immer weniger werdenden Opfern das versprochene Geld nicht bald gibt, wird der polnische Staat es bereitstellen, sagte Donald Tusk während der Pressekonferenz. Das meinte wohl die WELT mit der Überschrift „Tusk setzt Merz bei Entschädigung für NS-Opfer unter Druck.“

  1. Die WELTonline vom 01.12.2025 ↩︎
  2. Phoenix vor Ort vom 1.12.2015 ↩︎
  3. Bis 1991sollen polnische Opfer umgerechnet etwa 225 Mio. Euro aus Reparations- und Entschädigungsleistungen bekommen haben; hinzu kamen Zahlungen von insgesamt fast einer halben Milliarde Euro an KZ-Häftlinge und Opfer pseudomedizinischer Experimente der SS. Ein erheblicher Teil der Begünstigten war polnisch, auch wenn diese Programme nicht exklusiv auf Polen begrenzt waren.
    Für die polnische Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“ stellte Deutschland Anfang der 1990er Jahre 500 Mio. DM (gut 250 Mio. Euro) als Startkapital zur Verfügung, um humanitäre Hilfe für polnische NS-Opfer zu organisieren. Bis 2004 wurden daraus über 584 000 Anspruchsberechtigte unterstützt
    Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) wurde 2000 mit insgesamt 10 Mrd. DM (je zur Hälfte vom Bund und deutschen Unternehmen) ausgestattet und zahlte bis 2007 weltweit etwa 4,4 Mrd. Euro an 1,6 Mio. ehemalige Zwangsarbeiter und andere Verfolgte aus. ↩︎
  4. Die blonde Provinz Polen und der Rassenwahn ↩︎
  5. 5.11.1939 – Gauleiter Arthur Greiser in Posen-Schroda ↩︎
  6. In großer Nähe so fern. SZ vom 30.11.2025 ↩︎
  7. Deutschlandfunk vom 14.4.2013: Deutsche wüssten zu wenig über die ermordeten polnischen Priester und Intellektuellen, die verwüsteten Städte und Kulturgüter. Das kritisierte Bartoszewski und forderte die Würdigung der polnischen Opfer: „Also ich glaube: polnisches Signal, polnisches Zeichen, polnische Geschichte sollte gewürdigt werden, aber ohne solche aktuelle Jubiläumshektik. Jubiläen gibt es überall.“ ↩︎
  8. Phoenix vor Ort vom 1.12.2025 ↩︎
  9. Süddeutsche Zeitung vom 2.7.2024 ↩︎