Die Uhr

Meine Mutter liebte es, uns Kindern Carl Loewes Lied Die Uhr vorzusingen: Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir… Ich sah dabei immer die Uhr meines Vaters vor mir, die er von seinem Vater geerbt hatte, wie auch der schon von dem seinen: ein Uhrwerk in goldenem Gehäuse mit römischen Ziffern und sehr feinen Zeigern aus dünnem Golddraht. An dieser Uhr hatte ich die Zeit abzulesen gelernt und die Worte viertel vor und viertel nach und halb. Das war vor acht Jahrzehnten.

Heute begegnet mir beim Scrollen durch die Pressewelt die Überschrift: Können junge Menschen nicht mehr die Uhr lesen? Ein kurzes Youtube-Video des SAT1-Frühstücksfernsehens wird mir angeboten, in dem eine Redakteurin auf dem Berliner Alexanderplatz junge Menschen bittet, ihr auf einer großen Pappuhr die eingestellte Uhrzeit zu nennen1. Einige Mädchen sehen etwas hilflos auf die Scheibe mit den Zeigern, die sieben Uhr einundvierzig anzeigen, können es aber nicht deuten. Ein Junge wird gezeigt. Er trage eine Zeigeruhr am Arm „ aber nur als Dekoration“, sagt er, und wenn er die Uhrzeit wissen will, mache er „diesen move“, zieht ein Handy aus der Tasche, nennt die Uhrzeit.

Ich soll davon offensichtlich geschockt sein und mich fragen, was aus solchen jungen Menschen eines Tages werden soll, wenn sie nicht einmal die Uhr ablesen können. Bin ich aber nicht. Stattdessen frage ich mich: Warum sollten sie das überhaupt können müssen?. Der Uhrenhersteller Swatch belehrt mich: „Das Lesen einer analogen Uhr spielt eine entscheidende Rolle für die kognitive und kulturelle Entwicklung und unterstützt viele Lebensbereiche.“ Ein gewisses Skillset gehe verloren, „was wir dringend brauchen und was eben auch räumlich-mathematisches Denken, zum Beispiel Bruchrechnung“, fördere, sagt der Bildungsexperte im Video. Das mag ja sein, denke ich. Vielleicht gibt es dazu auch viele Studien von Kognitionswissenschaftlern, die das alles gründlich erforscht haben.2

Dennoch beschleicht mich ein Verdacht: Ist das Erschrecken über fehlende Uhrenlesefähigkeit nicht ein Beispiel für die immerwährenden Klagen betagter Leute über die Jugend? Vielleicht ein bisschen, wie in der Muppetshow die beiden Alten Statler und Waldorf3:

Statler: Ich habe nachgedacht.
Waldorf: Worüber denn?
Statler: Über die junge Generation.
Waldorf: Und was ist mit der?
Statler: Die wissen doch gar nicht, wohin sie wollen!
Waldorf: Das kannst du laut sagen.
Statler: Die wissen doch gar nicht, wohin sie wollen!
Waldorf: Wusste der Kaiser übrigens auch nicht.

Und dann kommen die Kulturverluste dazu, die von Neuerungen ausgehen. Heute ist es die Digitaluhr4, die junge Menschen hindert, eine Zeigeruhr lesen zu können. Im 4. Jahrhundert vor Christus schrieb Platon seine Dialoge. Im „Phaidros“, lässt er Sokrates einen Mythos erzählen, in dem der ägyptische König Thamus den Gott Theuth tadelt, weil dieser die Schrift erfunden hat: „Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein dünken, da sie doch unwissend größtenteils sind und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden statt weise.“5 Wenn die Menschen alles aufschreiben, verlieren sie ihr Gedächtnis, können nur noch „meinen, etwas zu wissen“, weil sie alles jederzeit nachlesen können. Diese zentrale Kulturtechnik erscheint dem König als Gefahr für die geistige Beweglichkeit.. Wenn man „Schrift“ durch „Smartphone“ ersetzt, klingt das ziemlich modern.

Im 18. Jahrhundert sieht man eine andere Gefahr heraufziehen. Breite Schichten, besonders auch junge Frauen niederer Schichten, begannen Romane zu lesen. Die „Lesesucht“ wird zur Krankheit erklärt: „Die Lesesucht ist ein thörigter, schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder.“6 Geistliche, Pädagogen und Ärzte warnen, zu viel Lesen mache nervös, weichlich und weltfremd und die jungen Frauen würden durch sentimentale Romane sittlich und geistig ruiniert. Lehrer und manche Eltern wären heute froh, wenn Jugendliche überhaupt einmal lesend auf dem Sofa lägen.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert greift die technische Entwicklung das „Gute, Wahre, Schöne“ an. Das Fahrrad galt als besonders schädlich für Frauen. Sie bekämen ein Fahrradgesicht, das oft gerötet sei, dann aber wieder blass wäre, oft mit mehr oder weniger auffälligen Lippen und dunklen Schatten unter den Augen mit dem Ausdruck von Müdigkeit. Innere Entzündungen drohten den Damen und die Zunahme der Masturbation schädige sie.7 Nicht weniger gefährlich war das Fahren mit der Eisenbahn. Es würde das natürliche Raumgefühl zerstören. Die Eisenbahnkrankheit rufe Zittern, Ermüdung, Erschöpfung, nervöse Reizbarkeit und Verdauungsstörungen hervor, ausgelöst durch das Dröhnen und die Erschütterungen der Dampfmaschine.8 Hinzu kam die Warnung, die übertriebene Nutzung moderner Verkehrsmittel werde die Jugend verweichlichen.
Heute gilt eine Sonntagsfahrt mit dem Rad als gesund und eine Zugfahrt als entschleunigtes und umweltbewusstes Reisen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlieren die Schüler erneut eine wesentliche Kulturtechnik: die Schönschrift. Durch den Kugelschreiber sehen viele Lehrer und Kulturkritiker das Ende der Handschrift voraus und damit das Ende sorgfältigen Denkens. Der „billige Kuli“ mache die Kinder schlampig. Wer nicht mit Füllfederhalter schreibe, würde auch unsauber denken.9 Eine Generation später kommt der Taschenrechner und der Untergang des Kopfrechnens. Wenn Kinder so früh „diese Dinger“ benutzen, könnten sie Zahlen nicht mehr begreifen, sondern nur noch blind Tasten drücken.

Ab den 1980er- und 1990er-Jahren wandern Sorgen ins Wohnzimmer: Videospiele und Privatfernsehen machen dick, dumm und gewalttätig. Dann kommt das Internet: „Wer alles googelt, kann sich nichts mehr merken,“, dann das Smartphone: „Wer ständig aufs Display starrt, verlernt das echte Leben“, und jetzt schließlich die Künstliche Intelligenz: „Wer Texte von Chatbots schreiben lässt, verlernt das eigene Denken.“ Ständig verkümmern die „eigentlichen“ menschlichen Fähigkeiten.10

Die fehlende Fähigkeit von Jugendlichen, analoge Uhren zu lesen, bringt sie nicht auf die schiefe Bahn. Jede Generation lernt die Beherrschung der nötigen Werkzeuge, entwickelt sie weiter und glaubt – selbst alt geworden -, die nächste werde die Zukunft nicht mehr gestalten können. Meine Eltern rechneten mit dem Abakus, ich in meiner Jugend mit dem Rechenschieber und der Logarithmentafel, lernte im Laufe meines Lebens den Taschenrechner, Computer und das Smartphone bedienen. Jugendliche werden mit der Künstlichen Intelligenz umgehen und lernen, was ihre Lebenswirklichkeit von ihnen verlangt. Die einen mehr und die anderen weniger.

Die Zeigeruhr ist eine schöne, vielleicht sogar pädagogisch nützliche Kulturtechnik, so wie es das Briefeschreiben mit dem Füllfederhalter, der Abakus oder der Rechenschieber einst waren. Ihr Verschwinden aus dem Alltag ist für Liebhaber bedauerlich, aber kein Untergang der Zivilisation.

Gefährlich ist es, wenn Kinder nicht mehr sprechen, lesen, schreiben und rechnen lernen, weil Schulen durch Kriege zerstört werden, Eltern um das nackte Überleben und Lehrer an einer Front kämpfen.

  1. Augsburger Allgemeine vom 27. November 2025 ↩︎
  2. z.B.: Elise Burny, Martin Valcke und Annemie Desoete, „Clock Reading: An Underestimated Topic in Children with Mathematics Difficulties“, Journal of Learning Disabilities 45,4 (2012), S. 351–360. Die Autorinnen vergleichen 154 Kinder mit Rechenschwierigkeiten mit 571 unauffälligen Kindern und zeigen, dass erstere systematisch schlechter im Ablesen analoger Uhren sind, insbesondere bei komplexen 5-Minuten- und 1-Minuten-Zeiten; Uhrlesen erscheint hier als anspruchsvolle Anwendung numerischer und visuell-räumlicher Kompetenzen. ↩︎
  3. The Muppet Show: Sex and Violence – Statler and Waldorf #1 (1975) ↩︎
  4. So neu ist die Digitalanzeige auf Armbanduhren nicht: Zu den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ost-Berlin kam im Sommer 1973 die „Ruhla digi 73“ für 70 Mark in die Läden. ↩︎
  5. Platon: Phaidros ↩︎
  6. Philippe Wampfler: Was man von der Lesesucht-Debatte im 18. Jahrhundert lernen kann ↩︎
  7. Wikipedia: Bicycling and feminism, Health ↩︎
  8. Wikipedia: Eisenbahnkrankheit ↩︎
  9. Gramm, D. Vom Verfall der Handschrift in unserer Zeit. Pädagogische Arbeitsblätter, 1962, Nr. 6. ↩︎
  10. Ich denke aber auch, falsch wäre es, aus all diesen vielleicht verfehlten historischen Beispielen nur die Botschaft abzuleiten: „Die Warnerer liegen immer falsch.“ Neue Techniken bergen auch Risiken. Exzessives Videospiel kann süchtig machen und soziale Beziehungen beschädigen. Das stundenlange, unkontrollierte Scrollen durch Feeds auf dem Smartphone lenkt die Aufmerksamkeit vom realen Leben ab. Soziale Medien sind nicht einfach neutrale Plauderwerkzeuge und Informationsquellen, sondern Teil gesteuerter Aufmerksamkeitsökonomie, die davon lebt, jede Nutzer:in möglichst lange auf einen Bildschirm starren zu lassen, mit der Aufforderung zur Empörung durch Falschmeldungen und Vereinfachungen, Bestärkung von Vorurteilen und falschen Versprechen. ↩︎