Neodym? Ich dachte, wir reden über’s Klima!

Als die COP30 in Belém am Amazonas eröffnet wurde, hofften viele, jetzt könne endlich die Wende zur Energie ohne fossile Brennstoffe gelingen. Zehn Jahre nach Paris, mitten im Regenwald in der „Lunge des Planeten“, sollte die Welt noch einmal auf den 1,5-Grad-Kurs gebracht werden. Unser neuer Umweltminister besuchte den Regenwald, fuhr auf dem Fluss in flirrender Tropenhitze und verbreitete die Botschaft: Wir kriegen das hin.

Seine kurze Rede während der Konferenz war voller Zuversicht1. Dank dreißig Jahren Klimaverhandlungen seien wir nicht bei über 4 Grad Erderwärmung, sondern „unter 3 Grad unterwegs“ – ein Erfolg, auch wenn er nicht ausreicht. Hoffnung mache ihm die Energiewirtschaft. Die Erneuerbaren überholen weltweit die Kohle, in Deutschland kommen fast 60 Prozent des Stroms aus Wind, Sonne und anderen nichtfossilen Quellen. Kohlekraftwerke gehen vom Netz, der Gasverbrauch sinkt. Elektrifizierung statt Verbrennung werde Industrie und Wettbewerbsfähigkeit stärken. Deutschland gehe mit Milliarden für Klimafinanzierung voran, unterstütze Südafrika, Indonesien, Inselstaaten, lege noch 60 Millionen Euro oben drauf. Der Multilateralismus funktioniere noch, die Welt sei auf dem richtigen Weg, wenn wir nur noch ein bisschen schneller werden könnten.

So klangen auch viele der anderen Reden: Wir werden die Emissionen drastisch senken, die Erneuerbaren massiv ausbauen, die Finanzströme umlenken und niemanden zurücklassen – it’s just transition“ für alle, saubere Luft für die Städte, Klimaschutz als Jobmotor. Mehr Windräder, mehr Solaranlagen, mehr Elektromobilität. Die Energiewende als globale Erfolgsgeschichte, wenn man sich nur ernsthaft genug vornimmt, sie umzusetzen.

Der Abschlusstext war dann zwar etwas mager, aber die Hoffnung bleibt: Die Städte werden leiser, die Luft klarer, Dieselruß verschwindet hinter Elektro­bussen, Wärmepumpen ersetzen Ölkessel, Windräder drehen sich über gelb blühendem Raps und Solarfelder blinken wie helle Seen. Keine Einbußen an Lebensqualität, saubere Energie für alle, ohne Nebenwirkungen. Vielleicht ein bisschen Streit ums Landschaftsbild. Bürgerbeteiligung wird den beenden. Vorbei sind alle ernsthaften ökologischen Schäden.

Dann sah ich Professor Bau in der Sendung von Markus Lanz am vergangenen Mittwoch2. Er goss Wasser in den Wein dieser Erzählung. Damit Windräder sich drehen, E-Autos rollen und Netze, Speicher und Elektronik funktionieren, braucht man Seltene Erden wie Neodym, Dysprosium und Praseodym für Hochleistungs-Permanentmagnete in Generatoren und Motoren, dazu Lithium, Kobalt, Nickel, Mangan und Graphit für Batterien, große Mengen Kupfer, Aluminium, Silizium, Silber für Leitungen, Spulen und PV-Module und eine ganze Reihe von „Nebendarstellern“ wie Cer, Lanthan, Europium oder Terbium für Katalysatoren, Leuchtstoffe, Spezialgläser und Elektronik. „Also meinen Studierenden sage ich zum Beispiel immer: Erneuerbare Energie braucht nichterneuerbare Metalle“, sagte er während der Sendung.
All diese Elemente kommen nicht aus dem Bioladen-Regal, sondern aus Bergwerken, meist aus Tagebauen. Sie werden in Prozessen gewonnen, in denen „reichlich unfreundliche Chemikalien eingesetzt werden“, und sie stammen aus Gegenden, die die meisten Politiker eher meiden. Erz für Seltene Erden etwa wird in gigantischen Minen wie Bayan Obo3 in der Inneren Mongolei abgebaut, die Rückstände landen im Schlammsee von Baotou4. Lithium wird in Salzseen Südamerikas in riesigen Verdunstungsbecken gewonnen, in ohnehin trockenen Regionen, in denen Wasser auch ohne grüne Zukunftsprojekte ein Problem ist. Kobalt kommt zu einem erheblichen Teil aus dem Kongo, auch aus Kleinminen, in denen Menschen ohne Schutz arbeiten, darunter Kinder, in Stollen, die garantiert keiner deutschen Bergbaunorm entsprechen.

Ich sehe mir den Youtube-Beitrag an: Dort stehen keine E-Autos an der Ladesäule vor dem hippen Café, sonder es gibt Rohre, die den Schlamm in ein riesiges Becken pumpen, kontaminierte Böden – und Menschen, die mit den Folgen leben müssen. Und es gilt: Je erfolgreicher unsere Energiewende, desto stärker drehen wir an genau diesen Stellschrauben. Mehr Windkraft heißt mehr Generatoren mit starken Magneten, also mehr Neodym und Dysprosium. Mehr Elektroautos bedeuten mehr Elektromotoren und mehr Batterien, also mehr Seltene Erden, mehr Lithium, mehr Kobalt, mehr Nickel. Mehr Photovoltaik und Speicher bedeuten mehr Elektronik, mehr Kupfer, mehr Spezialmaterialien.

Wir kritisieren China, weil wir von dort nur eingeschränkt die notwendigen Produkte für unsere grüne Zukunft bekommen. Doch wir sind zufrieden, wenn sie dort hergestellt werden, denn sie in Europa zu produzieren, ist für uns undenkbar, auch wenn es hier Lagerstätten gibt. Es ist bequem, die schmutzigsten Effekte der grünen Transformation weit weg zu übersehen. Unsere Luft wird sauberer, während Anwohnerinnen und Anwohner von Minen und Chemieanlagen anderswo mit Emissionen, verschmutztem Grundwasser und Gesundheitsrisiken leben. Wir rühmen uns, aus Kohle und Atom auszusteigen, während anderswo Menschen an radioaktiver Strahlung leiden und sterben.5 Wir bauen gleichzeitig die Abhängigkeit von kritischen Metallen aus Regionen aus, in denen Umwelt- und Arbeitsrecht flexibel ausgelegt werden. Wir reden von Dekarbonisierung, tatsächlich verlagern wir einen Teil der Umweltlast. Das heißt, weniger CO₂ aus dem Auspuff dafür aber mehr ökologische und soziale Kosten in der Lieferkette.

Ist die Energiewende deshalb pure Heuchelei? Nein! Aber das Bild einer „sauberen“ Energiewende ohne Nachteile für die Natur ist eine sehr freundliche Vereinfachung. Sie geht nicht ohne Bergbau. Wer Strom, Metall, Glas und Elektronik nutzen will, braucht Rohstoffe. Erneuerbare Energien ändern die Art des Energiebezugs, aber die Materialfrage verschwindet nicht. „Erneuerbar“ bezieht sich auf die Energiequelle, nicht auf die Stoffe, aus denen wir die nötige Technik bauen. Licht und Wind schenkt uns die Energie der Sonne, die Magnetlegierung im Generator nicht, das Lithium im Akku ebenso wenig wie die Kupferleitungen. Man kann und muss recyceln, doch Recycling ist keineswegs eine kostenlose magische Rückverwandlung von alt in neu.

Eine ehrliche Erzählung der Energiewende muss deshalb anders klingen – auch auf Parteitagen einer Grünen Partei. Nicht: „Wir retten das Klima mit den Erneuerbaren“, sondern: Wir versuchen, die notwendige Energie ohne das Verbrennen fossiler Rohstoffe herzustellen und bezahlen den Preis, der sich aus hohen Standards bei der Produktion der dafür benötigten Materialien ergibt6.

Wahlen kann man damit aber wohl nicht gewinnen, fürchte ich.

  1. UN Climate Conference (COP 30): National statement by Federal Minister Carsten Schneiderrtsen Schneider ↩︎
  2. Markus Lanz vom 19.11.2025 ↩︎
  3. Julie Michelle Klinger: Rare Earth Frontiers, Cornell University Press 2017 ↩︎
  4. Baotou toxic lake, Youtube ↩︎
  5. Die wichtigsten Erze der Seltenen Erden enthalten fast immer Thorium und oft auch Uran als natürliche Begleiter. Deren spezifische Aktivität ist zwar relativ gering, die Mengen an Abraum und Rückständen in den Aufbereitungsanlagen sind jedoch so groß, dass in Absetzbecken und Schlammseen beträchtliche radioaktive Belastungen auftreten können. Problematisch sind dabei weniger einzelne „strahlende Klumpen“, sondern der über große Flächen verteilte Schlamm, aus dem Radon-Gas, Zerfallsprodukte und kontaminierter Staub freigesetzt werden können und der über Sickerwasser Böden und Grundwasser belastet. Moderne Anlagen unterliegen deshalb in vielen Ländern dem Strahlenschutz- und Nuklearrecht, während in klassischen Förderregionen – etwa in Teilen Chinas – jahrzehntelang mit deutlich geringeren Umwelt- und Sicherheitsstandards gearbeitet wurde. Die „Strahlung der Seltenen Erden“ ist also kein mysteriöses Eigenphänomen der Elemente selbst, sondern eine Folge ihrer geologischen Gemeinschaft mit thorium- und uranhaltigen Mineralen und der Art, wie wir diese Erze industriell aufschließen. (Diese Fußnote hat ChatGPT geschrieben, stimmt mit den Aussagen von Prof. Bau bei Markus Lanz überein.) ↩︎
  6. Weltweit wird daran gearbeitet, Seltene Erden mit geringeren Umweltfolgen zu gewinnen. Neue Projekte in Australien und in den USA setzen auf geschlossene Wasser- und Säurekreisläufe, trockene Tailings (feinkörnigen Rückstände, die nach dem Zerkleinern und Auslaugen eines Erzes übrig bleiben) und systematische Grundwasser- und Vegetationsüberwachung. Das reduziert das Risiko von Leckagen und schlammigen Giftseen deutlich, bedeutet aber höhere Investitions- und Betriebskosten: zusätzliche Aufbereitungsstufen, Wasser­rückführung, Filterpressen und Strahlenschutzanlagen sind teuer. Diese Kosten verteuern die Rohstoffpreise deutlich.
    In Europa wurde detailliert durchgerechnet, wie eine „Best Available Technique“-Förderung von Seltene-Erden-Lagerstätten unter EU-Umwelt- und Strahlenschutzrecht aussehen müsste. Das ist technisch machbar, ökologisch deutlich besser, aber nur wirtschaftlich, wenn man politische Planungssicherheit und einen Preis für Umweltstandards zu zahlen bereit ist.
    Entwickelt werden muss eine Kreislaufwirtschaft. Im Pilotmaßstab wurde gezeigt, dass sich aus Alt-Magneten und Produktionsabfällen neue Magnetlegierungen herstellen lassen, deren Kosten pro Kilogramm mit konventionellen Magneten konkurrenzfähig sind, sofern man von heutigen chinesischen Marktpreisen ausgeht.
    In Entwicklung ist eine „grünere“ Chemie der Aufbereitung. All das ist teurer als der klassische „Säure drauf, Schlamm weg“-Ansatz.
    Umweltfreundlichere Gewinnung Seltener Erden ist möglich, wenn man sich bewusst für höhere direkte Produktionskosten entscheidet und die Umwelt- und Gesundheitskosten nicht länger billig an andere Weltregionen delegiert. ↩︎