Friedrich Merz steht auf dem Handelskongress 2025 am Pult und erzählt eine kleine Anekdote:
„Meine Damen und Herren, wir leben in einem der schönsten Länder der Welt. Und ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben. Die waren alle froh, dass wir vor allen Dingen aus diesem Ort, wo wir da waren, wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind in der Nacht von Freitag auf Samstag.“1
Der Saal lacht. Es ist das selbstzufriedene Lachen derjenigen, die sicher sein können, dass Orte, „wo man nicht bleiben möchte“, immer woanders liegen – weit weg vom eigenen Alltag.
Während ich das lese, sehe ich eine andere Szene vor mir:
Eine Jungenclique, Söhne reicher Eltern, trifft sich in einer teuren Bar. Lederbänke, Designerlampe, Cocktails mit Eiswürfeln, die mehr kosten als anderswo ein ganzes Abendessen. Es gibt einen, der das große Wort führt. Nennen wir ihn Fritz M., Gymnasiast einer Provinzstadt im Sauerland, leicht angetrunken, bestens gelaunt. Heute nervt sein Vater ihn ausnahmsweise nicht wegen seiner Noten, die er unbedingt für das Jurastudium in Heidelberg braucht. Der ist auf dem Flugplatz in Arnsberg, um nach seiner Pilatus PC-12 zu sehen.
Fritz erzählt von einer Geburtstagsfeier, „zu der ich leider gehen musste“, wie er betont. Ein Mitschüler hatte geladen. Einer aus der Klasse, der nicht im Einfamilienhaus mit Doppelgarage wohnt, sondern mit seinen Eltern in einer kleinen Sozialwohnung.
Der Junge – Luis S. – hatte sich Mühe gegeben, hatte ein paar bunte Girlanden aufgehängt, und metallisch glänzende Luftballons, die eine „18“ ergaben, schwebten unter der Decke des Wohnzimmers. Auf dem engen Balkon stand der Grill des Vaters. Luis hatte bei Aldi gejobbt und Geld für die Feier gespart. Es gab Fleisch, Salate, Limo und Bier, nichts Besonderes, aber genug für alle. Die Clique war satt, angetrunken und halbwegs zufrieden, als sie sich in der Nacht auf den Heimweg machte.
Und jetzt sitzt Fritz in der Bar und erzählt:
„Ey, ihr glaubt gar nicht, wie die leben. Als wir von dieser sogenannten Feier nach Hause gegangen sind, hab ich die anderen gefragt, ob sie so leben wollen wie die da. Da hat keiner die Hand gehoben. Die waren alle froh, dass wir vor allen Dingen aus dieser Wohnung wieder verschwinden konnten, in der Nacht von Freitag auf Samstag. Da kann man nur sagen: lieber gesund und reich als krank und arm!“
Die Clique lacht und lacht, zutiefst amüsiert, nicht bösartig. So lacht man, wenn man das Leben noch vor sich und nie daran gezweifelt hat, dass die eigene Lebensweise die Regel und nicht die Ausnahme ist.
Blendet man die jeweilige Kulisse aus, was macht den Unterschied beider Szenen: Friedrich Merz vor den Handelsmanagern und Fritz M. vor seinen Buddies? Wenig, denke ich. Es bliebe nur ein Grundmuster übrig: Wir da oben betrachten kurz das Leben der anderen, lachen ein bisschen, erzählen es als Anekdote weiter und bestätigen uns gegenseitig, wie gut wir es getroffen haben.
Was also unterscheidet Friedrich Merz, 70 Jahre alt, Kanzler eines reichen Landes und Vorsitzender einer großen Volkspartei, der auf einem Kongress in Berlin über „diesen Ort in Brasilien“ spricht und Fritz M., den Gymnasiasten aus dem Sauerland, der in der Bar über die Sozialwohnung von Luis S. herzieht?
Der eine trägt Anzug und Krawatte, der andere teure Sneaker und Hoodie. Der eine redet ins Mikrofon vor Funktionären, der andere in der Runde von Kumpels. Der eine spricht von „einem Ort in Brasilien“, der andere von „dieser Wohnung“. Beide verlassen den Ort, den sie nur kurz gesehen haben, um anschließend zu versichern, wie froh sie sind, dort nicht bleiben zu müssen.
Vielleicht liegt der eigentliche Unterschied nur darin, dass man dem Gymnasiasten zugestehen würde, dass er noch etwas dazulernen kann. Beim 70-jährigen Staatsmann kann man es bestenfalls hoffen.
Und wenn man seine Anekdote vor den deutschen Wirtschaftsvertretern anhört, ahnt man, wie hohl die großen Worte in den Ohren des Weltpublikums klingen müssen, vor dem er in Brasilien von Deutschlands „bedeutendem Beitrag zur Rettung des Weltklimas“ sprach.2,3
P.S.:
Die KI Perplexity hat den Text oben so zusammengefasst:
„Wer immer nur von der großen Bühne aus spricht, merkt irgendwann nicht mehr, wie klein sein Horizont eigentlich ist.“
