Vor ein paar Jahren galt der Satz „… das stand aber in der Zeitung“ noch als Beweis für Wichtigkeit und Wahrheit einer Meldung. Heute sagt man ihn eher, wenn von Fake News die Rede ist oder von „der Presse“, der man angeblich nicht mehr trauen kann.
Trotzdem wissen wir alle von fast allem, was außerhalb unserer eigenen Wahrnehmung liegt, nur, weil es irgendwo „steht“: weil jemand uns etwas Erzähltes oder Vorgelesenes, Gehörtes oder Gesehenes weitererzählt – oder weil wir selbst etwas lesen, hören oder sehen, das andere uns als Meldung anbieten. Ich als verwunderter Zeitungsleser nenne dieses gesamte Angebot der Einfachheit halber „Zeitung“.
„Van Aken nennt Diskussion um russische Gaslieferungen ‚verlogen‘.“ bot mir heute die Nachrichtenagentur dts1 als Meldung. Dazu einen kurzen Text, dass der Linken-Chef Jan van Aken Michael Kretschmer dafür kritisiert, dass er mögliche künftige russische Gaslieferungen annahmt, wenn die Waffen in der Ukraine schweigen würden. Das sei „verlogen“, weil das bundeseigene Unternehmen Sefe jetzt schon große Mengen russisches Flüssiggas einkauft, und fordert deshalb den sofortigen Ausstieg aus den Russland-Verträgen. Ich fragte mich, warum das überhaupt eine „Meldung“ ist.
Dass ein Politiker der Linken einen CDU-Ministerpräsidenten „verlogen“ nennt, gehört nicht eben zu den Sensationen, ist nichts, was man nicht auch ohne Nachrichtenagentur erraten könnte. Doch hier wird es mir als aktuelle Nachricht serviert, eine die über Agentur-Ticker durch Deutschland läuft. Wozu das alles?
Die Antwort ist einfach, weil damit Menschen Geld verdienen wollen. Wie geht das?
Ich setze mich an den Computer. Der Browser öffnet eine Startseite, eine News-Leiste, Pushmeldungen erscheinen. Die kosten nichts, nicht sichtbar, aber kostbar ist unsere Aufmerksamkeit. Jede Meldung, so klein sie auch sein mag, füllt den Raum zwischen Werbeflächen. Direkt über oder neben der Van-Aken-Schlagzeile laufen Banner und Video-Werbung, irgendwo blinkt der Hinweis auf „empfohlene Inhalte“. Die sind hier in aber nur Füllstoff, Rechtfertigung dafür, dass unser Blick sich für ein paar Sekunden auf dieser Seite aufhält. Diese wenigen Sekunden sind die verkaufte Ware.
Nachrichtenportale verdienen nichts mit Nachrichten, sondern nur mit dem Strom von Meldungen, die zum Vorbeischauen anregen, zum Klicken auf einen Text, vielleicht auf ein ein eingebettetes Video. Die Meldungen sollen Seitenaufrufe erzeugen und darum muss ihr Inhalt drei Kriterien erfüllen: kurz, konfliktträchtig und rechtlich unproblematisch. Darum müssen sie produziert werden, dafür gibt es die Nachrichtenagenturen.
Sie sind die nächst höhere Stufe der Nachrichtenverwertungskette. Die Van-Aken-Meldung kam von dts aus der Mansfelder Straße in Halle. Sie beliefert Portale, Zeitungen, Radiosender deren Redaktionen mit einem ständigen Strom kleiner Textbausteine. Bezahlt wird über Abos und Pauschalen. Dafür darf alles benutzt werden, was im Laufe des Tages aus dem Ticker kommt. Also muss Masse produziert werden. Nur, wenn der Ticker dicht gefüllt ist mit Politik, Wirtschaft, Vermischtem und Sport lohnt es sich, am besten im Minutentakt. Jede einzelne Meldung bringt kein Geld in die Kasse,, nur den ununterbrochene Nachrichtenstrom.
Die Meldung zu Van Aken ist das ideale Produkt. Sie braucht wenig Aufwand. Es reicht, die bereits vorliegenden Quellen zu verdichten, und das zugespitzte Wort „verlogen“ verspricht viele Klicks. Es passt zum Dauerthema: Gas, Russland, Ukrainekrieg, deutsche Energiepreise.
Woraus bedienen sich die hart arbeitenden Tagelöhner in der Agentur? Sie schreiben nicht den ganzen Tag eigene Exklusivstorys, sondern sichten im Akkord Pressemitteilungen, Pressekonferenzen und das, was andere Redaktionen bereits mühsam produziert haben – und pressen daraus Kurzmeldungen. Im gegebenen Fall ist dieses „Andere“ die Funke-Mediengruppe: Berliner Morgenpost, WAZ, Thüringer Allgemeine und eine ganze Reihe weiterer Regionalzeitungen.
Dort ist aufwändig journalistische Arbeit nötig. Vielleicht hat in der Politikredaktion jemand entschieden: Wir wollen zum Thema Russland und Gas etwas Größeres machen. Man bittet in der sächsischen Staatskanzlei um ein Interview mit dem Ministerpräsidenten, verhandelt Termine, bereitet Fragen vor, liest sich ein. Mit Redakteurinnen und Redakteuren, vielleicht auch mit einem Fotografen bricht man zum Gespräch auf. Dann wird aufgenommen, transkribiert, selektiert. Im Ergebnis haben sie ein längeres Stück, in dem Kretschmer erklärt, warum er es für falsch hält, sich dauerhaft von russischer Energie ab verabschieden, warum er nach einem Waffenstillstand wieder Geschäftsbeziehungen will, warum er um Arbeitsplätze und Industrie bangt.
Mit diesem Interview will Funke unmittelbar Geld verdienen, mit der Print-Story in den Montagsausgaben, als Plus-Artikel hinter einer Online-Paywall, als Zugpferd für Digitalabos, als Inhalt, um Anzeigenplätze im Blatt und auf der Website zu füllen. Aber, ein Interview mit einem CDU-Ministerpräsidenten, der russisches Gas irgendwie doch wieder will, ist politisch vielleicht interessant, aber kein richtiger Streit. Dafür braucht man die Gegenstimme.
Jetzt denkt man an Jan van Aken. Die Redaktion fragt in der Linkspartei an, ob die Parteispitze eine Stellungnahme abgeben möchte, vielleicht meldet sich sogar die Pressestelle der Linken von sich aus mit einer der eigenen Meldung: „Van Aken: Diskussion um russische Gaslieferungen ist verlogen.“ Die Formulierung ist kein Ausrutscher, sondern das „krachende Zitat“ der Pressestelle. Es soll hängen bleiben, es soll wiederholt werden, es muss als Überschrift taugen.
Das hat Funke als Gegenstimme gebraucht und baut es in seinen eigenen Auftritt ein, als Newsblog, im Fließtext eines weiteren Artikels, vielleicht auch als separaten Kasten. Das Produkt ist durch den Schlagabtausch aufgewertet: Hier der ostdeutsche CDU-Regierungschef, der für preiswerte Energie wirbt, dort der Linken-Vorsitzende, der die ganze Debatte als Täuschung anprangert und auf bundeseigene Gasimporte aus Russland verweist. Das rechnet sich politisch und ökonomisch. Der Artikel ist pointierter und klickträchtiger.
Die Nachrichtenagentur hängt an den Presseverteilern, hat Zugänge zu den Online-Auftritten der beteiligten Medien, bekommt womöglich sogar vorab Hinweise auf „Montagsinterviews“. Für dts ist dabei nicht das Interview interessant, sondern nur, was sich in wenigen Zeilen zusammenpressen lässt. Übrig bleibt das Konzentrat: ein Satz Kontext, ein Satz, der Kretschmers Linie anreißt, und zwei Sätze Zitat von Van Aken, in denen „verlogen“ vorkommt und „russisches LNG“ und „bundeseigene Firma“. Fertig ist die Meldung, die dann in hunderten Newsrooms in Deutschland aufploppt.
So stelle ich mir die Verwertungskette politischer Informationen vor: Eine Zeitung will exklusive Inhalte und Reichweite, die Parteien wollen ihre Botschaften platzieren, die Agenturen wollen ihre Ticker füllen, die Portale wollen Werbeplätze verkaufen. Am Ende bleibt nur eine kleine, sauber aufbereitete Zeile hängen, die den Anschein erweckt, sie sei „die Nachricht“.
Das heißt nicht, dass der Satz von Jan van Aken falsch wäre oder dass die Sorge von Michael Kretschmer um Industriearbeitsplätze erfunden ist. Aber bevor wir entscheiden, wem wir in dieser Gasgeschichte glauben, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: Wer profitiert eigentlich davon, dass aus dem jeweiligen Blickwinkel eines Politikers auf seine Wahrheit eine Meldung wird, die unsere Aufmerksamkeit zu Geld macht? Genau dort beginnt die eigentliche Debatte – und nicht erst bei der Frage, wer jetzt „verlogen“ ist.
