Üb’ immer Treu und Redlichkeit – das war einmal…, dass Kindern in konservativen deutschen Haushalten das beigebracht wurde, in manchen dann sicher auch das vollständige sogenannte Lied der Deutschen, in dem es heißt: Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang sollen in der Welt behalten ihren alten schönen Klang…
„Treu und Redlichkeit“, wenn ich das heute höre, rieche ich Fußboden in der Wohnung meiner Kindheit – Bohnerwachs – und ich denke an die Sonntagskleidung, in der man sich nicht schmutzig machen durfte. „Treue ist etwas für Hunde und Ehen, Redlichkeit für Menschen, die keine anstößigen Witze erzählen wollen“, habe ich irgendwo gelesen. Natürlich meinten die Erwachsenen es nur gut: Sie wollten uns zur Zuverlässigkeit erziehen und Anstand beibringen. Praktisch lief es aber darauf hinaus, dass wir tun sollten, was die Großen sagten – die Eltern, die Lehrer, die Pionierleiter. Es bedeutete aber auch, zu seinem Wort zu stehen und gegebene Versprechen einzuhalten.
In Hamburg, so erzählt man, galt der Handschlag des Ehrbaren Kaufmanns soviel, wie jedes Siegel, und er hatte in Kalkutta, Kapstadt oder Kopenhagen die gleiche Bedeutung. Wer versprach, hielt Wort. Ein solcher hanseatischer Handschlag machte mich vor Jahren zum Geschäftsführer eines Hamburger Tochterunternehmens. Das war also fast schon in der Jetztzeit.
Wie es in Bayern früher war, weiß ich nicht. Aber dort, wo heute christlich-soziale Politiker herkommen, scheint die Tugend der Vertragstreue etwas aus der Mode gekommen zu sein, wenn sie je dort in gleicher Weise wie im Norden gegolten haben sollte. Doch das Lied von Treu und Redlichkeit kannte man auch dort, da bin ich sicher und die Mütter haben es vorgesungen, auch die Zeile: … und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab. Das gilt wohl nur für die Sonntagsmesse, nicht aber in der bayrischen Realpolitik?
Seit gestern wird in internationaler Presse über deutsche Vertragstreue berichtet, „Afghanen sollen ihren Plan aufgeben, nach Deutschland zu kommen“. Das wäre zwar zugesichert worden, aber gelte jetzt nicht mehr für die Regierung in Deutschland. Die afghanischen Helfer:innen, die bei der Verteidigung deutscher Sicherheit am Hindukusch geholfen haben, sollten lieber doch nicht kommen: „Die Maßnahme ist Teil des Bestrebens der konservativen Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz, zu zeigen, dass sie das Thema Migration anpackt – ein zentrales Anliegen vieler deutscher Wähler, zu einer Zeit, in der die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) in mehreren Umfragen an der Spitze liegt.“1, schrieb eine Zeitung aus Singapur. Nach einer Recherche fand ich zahlreiche Berichte über Deutschlands Versprechen, den jetzt Verfolgten zu helfen, und den Versuch des deutschen Innenministeriums, sich „aus rechtlichen Verpflichtungen herauszukaufen“. Trotz der Beschlüsse deutscher Gerichte, dass die Verträge mit ehemaligen Helfer:innen aus Afghanistan einzuhalten seien, würde man sich anders entschieden haben.2 Der Grundtenor aller Meldungen: Erst verspricht Deutschland Hilfe und Schutz und legt dann den Betroffenen einen Scheck auf dem Tisch: „Okay, du verzichtest auf den Schutzvertrag, und wir geben dir ein paar tausend Euro.“ Die eine oder anderen Zeitung fügt als Grund hinzu, die AfD sitze Friedrich Merz und Alexander Dobrindt im Nacken.
Wenn die Regierung schon dem Kinderspruch: „Was man verspricht, muss man auch halten“ nichts abgewinnen kann, sollte sie wenigstens auf ihren internationalen Ruf achten, dachte ich, war aber in Wirklichkeit moralisch entrüstet. Ich weiß, ich mach mich lächerlich, wenn ich mit moralischer Entrüstung komme, je „konservativer“ die Welt um mich herum wird, umso mehr mache ich mich damit zum Gespött aller Realisten.
Erfreulicher Weise aber scheuen sich auch andere nicht, moralisch zu argumentieren, sogar eine Zeitung aus dem katholischen Rheinland. Im Kölner Stadt-Anzeiger kommentierte jemand heute: „Es ist ein vergiftetes Angebot, und unmoralisch ist es noch dazu. Die Bundesregierung nutzt die Verzweiflung dieser Menschen schamlos aus. Dass noch immer Hunderte Afghanen in Pakistan auf ihre Ausreise warten, liegt vor allem daran, dass Berlin die Aufnahmeverfahren über Monate verschleppt hat. Zynisch ist vor allem die Behauptung, diese Verfahren müssten nun bis Jahresende abgeschlossen sein. Die Bundesregierung missbraucht die Frist, um ein ungeliebtes Programm radikal zu beenden. CDU und CSU mögen damit ein Wahlversprechen einlösen. Sie tun das auf Kosten der Menschlichkeit. Die Betroffenen haben allesamt aufwendige Prüfverfahren durchlaufen, an deren Ende sie als besonders gefährdet eingestuft wurden. Die Bundesregierung stellt das nicht infrage – will diese Menschen aber trotzdem zurück in die Hände der militant-islamistischen Taliban schicken.“3Das las heute die Sprecherin des Deutschlandfunks in der Presseschau3 vor und erfreute mich damit beim Frühstück, wie es auch die Sonne, der blaue Himmel und die gelben Blätter der Eichen vor dem Küchenfenster taten.
Eine Stunde später, bei meinem Scrollen durch die Presse-Nachrichten auf meinem Computer, gewann wieder mein Eindruck die Oberhand: Vertragstreue mit Handschlag, mit gegebenem Wort, sogar mit rechtsverbindlichen Verträgen sind einer neuen Mentalität des Dealmaking gewichen: „Wir bieten dir Geld – wenn du den Vertrag, den wir unterschrieben haben,vergisst.“ Und wenn auch bei uns erst die Regeln des amerikanischen Präsidenten durchgängig gelten, wird es heißen: „Wir bekommen Geld von dir, wenn du nicht machst, was wir verlangen!“
Ich weigere mich zu sagen: „Früher war es besser“ und denke es dann doch… jedenfalls in Bezug auf diesen Fall!
- StraitsTimes vom 5.11.2025: ↩︎
- The Express Tribune, 5.11.2025: Germany offers money to Afghans to forgo refugee scheme ↩︎
- Deutschlandfunk Die Presseschau aus deutschen Zeitungen vom 6.11.2025 ↩︎
