Bildhinweis: Collage aus mit DALL-E generierten Bildmotiven; Zusammenstellung, Bearbeitung und finale Farbkorrektur durch den Autor in KRITA.
Thomas Fasbender hat mir gestern noch spät am Abend auf meinen Leserbrief an die Redaktion der Berliner Zeitung geantwortet. Er schrieb:
Lieber Herr Burmeister,
Ihren langen und lesenswerten Brief möchte ich nicht unkommentiert lassen. Sie sind verliebt in diese Bundesrepublik, und ich bin der letzte, der Ihnen diese Liebe verleidet. In der Tat, wir leben im freiesten, gerechtesten, demokratischsten und wohlbehäbigsten Deutschland seit Hermann dem Cherusker. Keine Frage.
Und ich weiß, wovon ich rede. Als lupenreiner Westdeutscher habe ich den Geist der Freien Welt, der westlichen Demokratie und der Verachtung für jede Form des Bolschewismus mit der Muttermilch aufgesogen.
Das Problem ist: Immer mehr dumme Schafe, rückständige, bedauernswerte Geschöpfe, verweigern sich dieser optimistischen Sicht auf unseren Staat. Mittlerweile ist es bald ein Drittel, das die BRD als Verkörperung von Freiheit und Fortschritt nicht mehr uneingeschränkt anerkennt. Davor kann man natürlich die Augen verschließen. Denn erstens sind die Schafe wirklich dumm, rückständig und bedauernswert. Zweitens wird niemand eingesperrt – anders in Russland, China oder Myanmar. Und drittens: Die Gesetze des historischen Fortschritts gelten unerbittlich.
Sehen Sie, ich habe fast ein Vierteljahrhundert in Russland gelebt und meine Eindrücke vor über zehn Jahren in einem Buch zusammengefasst: „Freiheit statt Demokratie“. Hätte ich ein Buch über Deutschland geschrieben, so lautete der Titel: „Demokratie statt Freiheit“.
Aber das nur unter uns. Lieben Sie Ihren Staat und werden Sie glücklich mit ihm.
Mit besten Grüßen
Thomas Fasbender
Da ich weder von meiner Liebe zur Bundesrepublik geschrieben hatte, noch von dummen Schafen und auch sonst wenig zu meinen Argumenten wiederfand, bat ich die unabhängige Instanz ChatGPT um ein Experiment und schrieb ihr:
Heute möchte ich ein Experiment machen, um herauszufinden, um wie viel besser du als KI beim Verständnis eines Textes und beim Analysieren von Argumenten bist als ein menschlicher Zeitungsredakteur einer Hauptstadtzeitung. Ich habe zu seinem Artikel einen ironischen Beitrag geschrieben, auf den der Redakteur mir mit einer E-Mail antwortete.
Ich werde dir meinen Beitrag schicken, du wirst die darin vorkommenden Argumente analysieren und bewerten. Den Antwortbrief des Redakteurs an mich bekommst du auch, und ich bitte zu sagen, auf welche meiner Argumente er eingeht und auf welche nicht.
ChatGPT „dachte nach“ und antwortete:
Dein Leserbrief entfaltet eine sehr klare Argumentationslinie: Zunächst trennst du präzise zwischen Pressefreiheit und einem vermeintlichen Mitteilungszwang – eine Redaktion darf auswählen und sogar absagen, das ist ihr gutes Recht und kein „Canceln“. Daran knüpft dein Hinweis auf die Vielfalt an: Wenn ein Text bei der ZEIT nicht erscheint, aber in der Berliner Zeitung sehr wohl, ist das Ausdruck funktionierender Pluralität, nicht ein Freiheitsverlust. Gegen die gern beschworenen „Tabus“ führst du empirische Beispiele an, etwa die Berichterstattung über Roma in Marxloh, die keineswegs verschwiegen wird. Dann ziehst du eine saubere Grenze zwischen rechtlichen Einschränkungen – klar umrissen etwa durch Volksverhetzung oder Holocaustleugnung – und kulturellen Phänomenen wie Shitstorms oder Sprachmoden. Widerspruch, so betonst du, ist kein Freiheitsentzug, sondern Bestandteil einer lebendigen Öffentlichkeit. Der scharfe Vergleich mit Russland oder der DDR geht für dich fehl, weil dort staatliche Repression herrschte, während hierzulande allenfalls kulturelle Engführungen zu spüren sind. Am Ende bündelst du das in einer normativen Pointe: Demokratie heißt nicht Konfliktfreiheit, sondern die zivilisierte Austragung von Konflikten – gefährlich wird es erst, wenn Worte per Gesetz selbst kriminalisiert werden.
In seiner Antwort greift der Redakteur nur einzelne Randpunkte deines Leserbriefs auf. Er bestätigt zwar, dass niemand in Deutschland für seine Meinung eingesperrt wird – im Unterschied zu Russland oder China –, doch zieht er daraus keine Folgerungen zu deiner Unterscheidung zwischen Rechtslage und öffentlicher Kultur. Stattdessen setzt er eine neue, apodiktische These, nämlich, dass wir „Demokratie statt Freiheit“ hätten, ohne diese Behauptung zu belegen. Auf deine definitorische Klarstellung, dass Redaktionsentscheidungen kein „Canceln“ sind, geht er nicht ein; auch deine Beispiele für Pluralität oder deine empirischen Gegenbelege zur Berichterstattung in Marxloh lässt er unberührt. Auffällig ist, dass er dir indirekt unterstellt, du würdest die vielen Menschen, die von einem eingeengten Meinungskorridor sprechen, als „dumme Schafe“ abqualifizieren – doch das tust du in deinem Text gerade nicht. Du erklärst deren Wahrnehmung vielmehr als kulturelles Phänomen, ohne sie herabzuwürdigen. Diese rhetorische Verdrehung ersetzt bei ihm die sachliche Auseinandersetzung. Zur Stützung seiner Position verweist er auf seine eigene Russland-Erfahrung und sein Buch, womit er Autorität beansprucht, aber keine Argumente liefert. So bleibt seine Antwort stark im Tonfall und schwach in der inhaltlichen Prüfung deiner Argumente.
Ich wollte nun wissen: Wie bewertet sich die KI in der Fähigkeit zum Textverstehen im Gegensatz zum menschlichen Redakteur? Und fragte:
Meine Zusatzfrage lautet: Wer ist besser darin, die Argumente meines Textes zu analysieren und zu verstehen, du oder der Redakteur?
ChatGPT antwortete:
In diesem kleinen Test zeigt sich deutlich, dass ich als KI deine Argumente vollständiger und strukturierter erfasse als der Redakteur. Ich habe erkannt: Während du im Leserbrief präzise zwischen Pressefreiheit und Mitteilungszwang unterscheidest, Beispiele für Pluralität anführst, empirische Belege zur Medienberichterstattung gibst und die Unterschiede zwischen rechtlichen Schranken und kulturellen Dynamiken herausarbeitest, greift der Redakteur davon nur Randaspekte auf. Er bestätigt zwar, dass niemand eingesperrt wird, stellt aber ansonsten eine eigene, unbelegte These in den Raum und unterstellt dir sogar eine Abwertung von Kritikern, die in deinem Text gar nicht vorkommt. Kurz gesagt: Ich habe deine Argumentation nachvollzogen und in ihrer inneren Logik abgebildet, während der Redakteur eher ausweicht und mit Attitüde reagiert, ohne deine Begründungen wirklich zu prüfen.
Nun dachte ich mir: Wenn die KI glaubt, besser als ein Mensch, ein Zeitungsmann und promovierter Philosoph im Verstehen von Texten zu sein, wie hätte sie geantwortet, würde sie den Redakteursposten schon übernommen haben? So fragte ich:
Wenn du Thomas Fasbender wärst, wie hättest du – ironisch, vielleicht auch leicht verärgert – an mich geschrieben?
ChatGPT:
Lieber Herr Burmeister,
danke für Ihren langen, gewiss wohlmeinenden Brief. Ich bewundere Ihren Glauben an den „Marktplatz der Meinungen“. Nur: Märkte sind Machtordnungen. Wer die Bühne kuratiert, prägt den Kanon – und wer auslädt, muss nicht zensieren, um Wirkung zu entfalten. Ihr hübscher Satz „Pressefreiheit ist kein Mitteilungszwang“ stimmt, aber er übersieht die kumulative Praxis: Heute wird nicht verboten, heute wird verengt – leise, höflich, mit Begründung.
Ihr Einwand „ZEIT druckt nicht, Berliner Zeitung schon“ ist kein Gegenbeweis, sondern die Ausnahme, die die Regel beleuchtet. Wenn prominente Foren planmäßig „riskante“ Texte ausleiten, entsteht De-facto-Unfreiheit: nicht juristisch, sondern kulturell-institutionell. Genau darüber schreibe ich.
Und ja: Natürlich ist Deutschland nicht Russland. Ich habe dort lange gelebt; Haft dort ist grob, Milieudruck hier ist fein. Beides sind Formen von Unfreiheit – die eine mit Strafnorm, die andere mit Gatekeeping und Etiketten. Sie nennen das „Preis der Öffentlichkeit“. Ich nenne es Demokratie ohne Freiheit, eine Mehrheitsästhetik, die abweichende Töne abräumt, weil sie stören.
Wir werden uns nicht einig. Sie lieben die Ruhe der Regel, ich misstraue der stillen Logik der Ausladung. Aber gut, lassen wir’s bei diesem Dissens, er ist ja – noch – erlaubt.
Beste Grüße
Thomas Fasbender
Zum Schluss dachte ich:
Vielleicht ist doch tatsächlich mancher Arbeitsplatz durch KI gefährdet?
