Volja ./. Svoboda

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Ich habe lange über den kryptischen letzten Satz in Thomas Fasbenders Erwiderung auf meine Leserzuschrift an die Berliner Zeitung nachgedacht:
„Sehen Sie,“ schrieb er „ich habe fast ein Vierteljahrhundert in Russland gelebt und meine Eindrücke vor über zehn Jahren in einem Buch zusammengefasst: »Freiheit statt Demokratie«. Hätte ich ein Buch über Deutschland geschrieben, so lautete der Titel: »Demokratie statt Freiheit«“.
Was sollte er mir damit sagen?
Als gewesener DDR-Bürger hatte ich eine dumpfe Ahnung, was Freiheit in Russland meint, nämlich: „Fünfe gerade sein lassen.“ Im Prinzip so, wie in einem Jerewan-Witz1, der dazu so lauten könnte:

Frage an den Sender Moskau:
„Gibt es in Russland Freiheit?“
Antwort:
Im Prinzip sogar zwei: Svoboda (свобода) – daran können Sie denken, wenn Sie durch ein Knastgitter draußen die Bäume betrachten, und Volja (воля) – wenn Sie schlau genug sind, gar nicht erst dorthin zu geraten.
2

Volja hat die Oligarchen reich gemacht, den „Großen Gopnik“3 zum Präsidenten, seinen „Koch“ Prigoschin zum Warlord – und fehlende Svoboda viele Intellektuelle, Künstler und Journalisten ins Exil, in Gefängnisse oder ins Schweigen getrieben.
So verließ die Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja – prominente Stimme der literarischen Opposition – Moskau wenige Tage nach der Ukraineinvasion und lebt seither überwiegend in Berlin4. Der Autor Dmitri Gluchowski wurde 2023 in Abwesenheit zu acht Jahren Haft verurteilt und lebt im Exil5. Boris Akunin, einer der meistgelesenen russischen Schriftsteller, steht seit Ende 2023/Anfang 2024 auf der „Extremisten-/Terroristen“-Liste und arbeitet aus dem Ausland weiter6.
Auch Organisationen mussten ins Exil gehen: Memorial, Memorial wurde Ende 2021 in Russland per Gerichtsbeschluss aufgelöst und ihre Tätigkeit verboten. Archive und Büros wurden enteignet, die Weiterarbeit im Land untersagt; inzwischen setzt Memorial die Dokumentation aus dem Ausland fort.7. Das Nachrichtenportal Meduza sitzt in Riga und gilt in Russland als „unerwünschte Organisation“8.
Zu den bekanntesten Exil-Medien gehören die englischsprachige The Moscow Times und der unabhängige Sender Dožd/TV Rain. The Moscow Times verlegte ihre Redaktion 2022 nach Amsterdam und wurde 2024 von den russischen Behörden als „unerwünschte Organisation“ eingestuft. TV Rain wurde kurz nach Kriegsbeginn blockiert, arbeitete zeitweise von Riga aus, verlor dort die Sendelizenz und sendet jetzt mit einer niederländischen Lizenz aus Amsterdam – ebenfalls von Moskau zur „unerwünschten Organisation“ erklärt.

Also viel Volja in Russland mit wenig Svoboda, und es gibt Menschen, die das gut finden. Warum nicht? Volja gab es auch schon in der Sowjetunion, in die junge, unternehmungslustige DDR-Jugendliche unerkannt 9 reisten. Einer von ihnen war Carlo Jordan10, von dem ich weiß: Er hat als Jugendlicher mit vielen anderen „Für ein freies Land mit freien Menschen“ gekämpft11 und der sowjetischen Freiheitsvariante nicht nachgetrauert.

Herr Fasbender schrieb mir: „Sie sind verliebt in diese Bundesrepublik, und ich bin der Letzte, der Ihnen diese Liebe verleidet“ und am Ende: „Lieben Sie Ihren Staat und werden Sie glücklich mit ihm“. Man muss die Bundesrepublik nicht lieben oder gar in sie verliebt sein, um die Freiheiten zu schätzen, die das Grundgesetz und die Institutionen des Rechtsstaats garantieren – hoffentlich noch lange. Vieles in diesem Land ließe sich gewiss besser machen als es heute ist. Doch ohne diese Freiheit wäre auch das Bessermachen nicht möglich.


  1. Für die, die sich nicht mehr erinnern:
    „Frage an den Sender Jerewan“ waren im ganzen Ostblock, auch in der DDR, erzählte kurze politisch-satirische Witze. Das Muster: Jemand stellt eine scheinbar naive Frage, und die Antwort beginnt oft mit „Im Prinzip ja; aber …“ – danach wird die Realität der Mangelwirtschaft, der Zensur oder der Propaganda entlarvt.
    Beispiel:
    Frage an den Sender Jerewan: Stimmt es, dass die Partei auf das Volk hört?
    Antwort: Im Prinzip ja; aber nicht die Partei hört, sondern die Stasi – und sie hört nicht, sie zeichnet auf.
    ↩︎
  2. ChatGPT erklärt mir den Unterschied:
    In Russland bezeichnet volja eher die Freiheit trotz der Regeln und Gesetze – das Ausweichen, das Improvisieren. Svoboda dagegen wäre die Freiheit durch Regeln und Rechte, die garantieren, dass man nicht nur auf Schlupflöcher angewiesen ist. Die fehlende politische Mitbestimmung wird im Alltag durch volja kompensiert, die das Gefühl vermittelt, freier zu sein als im hochregulierten Westen, in dem zwar svoboda gesichert ist, man aber wenig an den Gesetzen vorbeimachen kann. ↩︎
  3. „Der Große Gopnik“ wurde 2023 von Viktor Jerofejew geschrieben (geb. 1947 in Moskau). Er kombiniert in seinem Roman politische Satire, persönliche Memoiren und fiktionale Abrechnung mit dem Putin-Regime: Der Protagonist „Großer Gopnik“ ist eine literarische Verkörperung des Hinterhof-Prolls, der bis ins Machtzentrum gelangt. Nach dem Krieg gegen die Ukraine floh Jerofejew mit seiner Familie ins deutsche Exil – er lebt heute in Berlin. ↩︎
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Ljudmila_Jewgenjewna_Ulizkaja ↩︎
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Dmitri_Alexejewitsch_Gluchowski ↩︎
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Akunin ↩︎
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Memorial_(Menschenrechtsorganisation) ↩︎
  8. https://de.wikipedia.org/wiki/Meduza ↩︎
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Unerkannt_durch_Freundesland ↩︎
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Carlo_Jordan ↩︎
  11. Ilko-Sascha Kowalczuk: Carlo Jordan. In: Ilko-Sascha Kowalczuk, Tom Sello (Hrsg.): „Für ein freies Land mit freien Menschen.“ Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos. Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2006, S. 280–283. ↩︎