Ich schreibe seit Monaten an einem längeren Text. So bleibt für den verwunderten Zeitungsleser nur wenig Zeit. Es soll ein Roman werden, der die subjektiven Erfahrungen der Geschichte Osteuropas aus der Sicht eines Deutschbalten und eines gleichaltrigen Letten beschreibt.
Unschätzbar wertvolle Helfer bei Recherchen und Textkorrekturen sind die KI-Tools ChatGPT und Claude, wie auch im Folgenden.
Auch das Beitragsbild ist von ChatGPT nach meinen Ideen gefertigt.
Ich habe wieder einmal George Orwells Band mit seinen Kolumnen aus dem Zweiten Weltkrieg in die Hand genommen: Zeilen der Zeit ist der Titel der deutschen Ausgabe. Er schrieb diese Texte für die Londoner Wochenzeitung Tribune, unter dem Titel As I Please – Wie es mir gefällt. Sie behandeln die unterschiedlichsten Themen: eigene Erinnerungen, Naturbeobachtungen, Gelesenes aus Büchern und der Presse, Gedanken zur politischen Lage. Die meisten beginnen mit kleinen Beobachtungen oder Gedanken, oft während einer Lektüre, aus der Orwell dann in trockenem Ton eine schlichte, logische Folgerung zieht. Immer wieder schreibt er über politische Manipulation, gesellschaftliche Spaltung im Land, die Verfälschung von Tatsachen, das Anwachsen totalitärer Mächte. Er kritisiert, deckt die Unlogik in den Argumenten anderer auf und verschont dabei auch die eigene, die politisch linke Seite nicht. Mir erscheinen die Texte, als seien sie heute als Kommentare zur Gegenwart geschrieben worden. Mich faszinieren ihre Präzision und die Zeitlosigkeit ihrer Befunde.
Systematisches Lesen, Seite für Seite, braucht es nicht. Ich schlage willkürlich eine Seite auf und lasse mich überraschen. Heute ist es der 4. Februar 1944, an dem Orwell sich Gedanken über historische Wahrheit macht.
Orwell erzählt die Legende von Walter Raleigh, der im Tower von London dabei war, eine Weltgeschichte zu schreiben. Unter seinem Fenster beobachtete er kämpfende Männer, von denen einer erschlagen wurde. Trotz aller Bemühungen konnte Sir Walter nicht ergründen, worum es bei dem Streit ging, obwohl er Augen- und Ohrenzeuge des Vorfalls war. Wenn er schon das nicht klären konnte, fragte er sich, wie sollte er dann die Geschichte der Welt schreiben? Seine Antwort war das Ende seines großen Projektes. Er verbrannte alles und beendete sein Tun.1
Orwell befand, Raleigh hätte weitermachen sollen, auch wenn es schwer gewesen sein mag, aus dem Kerker heraus zu recherchieren. Die ihm bekannten Fakten hätten sicherlich für eine Weltgeschichte gereicht, und ein gewisses Maß an Wahrheit wäre möglich gewesen, solange man zugab, dass eine Tatsache auch dann wahr sein kann, wenn sie einem nicht gefällt.
Das sei der springende Punkt: auch unbequeme Wahrheiten als solche anzuerkennen. Anderenfalls entscheidet nicht mehr das Beweismaterial darüber, was als Wahrheit zu gelten hat, sondern der Stärkere bestimmt es – zum Beispiel die Sieger eines Krieges. Diese schreiben dann die Geschichte und versuchen damit nicht nur die Vergangenheit zu beherrschen, sondern auch die Zukunft. So verfährt der Totalitarismus und untergräbt damit das Konzept der objektiven Wahrheit.
Orwell beendet den Text mit einer, wie er meint, begründeten Hoffnung, dass die liberale Auffassung überleben wird, wonach sich die Wahrheit außerhalb von einem selbst befindet, dass sie entdeckt werden muss und nicht täglich neu erfunden werden kann.
Hier muss ich dem Autor widersprechen. Diese Hoffnung teile ich nicht. Ich höre aus den liberalen USA ihren Präsidenten tönen, die einzige Wahrheitsinstanz sei sein Truth Social. Was Journalisten nach mühsamer Recherche schreiben, sei Lüge.
Dass in Russland Menschen im Gefängnis landen, wenn sie den Überfall auf ein anderes Land das nennen, was er ist: Krieg, wundert mich nicht. Wenn aber Politiker in unserem Land trotz klarer Beweise Zweifel an den Verbrechen von Butscha säen, wenn sie unangenehme Meldungen über willkürliche Tötungen durch die israelische Armee in Gaza Antisemitismus nennen, wenn andere den Mord an israelischen Kibbuzniks durch die Hamas als berechtigten Widerstand bezeichnen, braucht es auch bei uns nur noch ein Wahrheitsministerium, wie Orwell es in seinem Roman 1984 beschreibt, um Wahrheit zur Angelegenheit politischer Interessen zu machen. Noch ist es nicht so weit.
Ich klappe das Buch zu und denke an die bevorstehenden Landtagswahlen.
- Dieser Hergang ist Legende — und Orwell wusste es. Er erzählt die Geschichte mit dem ausdrücklichen Zusatz, wenn sie nicht wahr sei, müsse sie es doch sein („and if the story is not true it certainly ought to be“). Tatsächlich verbrannte Raleigh nichts. Er schrieb seine History of the World im Tower und veröffentlichte sie 1614; der Band ist erhalten und wurde zu einem der Grundbücher englischer Geschichtsschreibung. Vollendet hat er das Werk allerdings nicht: Es reicht von der Erschaffung der Welt bis in die Zeit der römischen Eroberung Makedoniens (um 146 v. Chr.) und bricht dort ab. Die geplanten weiteren Bände schrieb Raleigh nie — verhindert durch den Tod seines Förderers, des Prinzen Henry (1612), die Freilassung 1615 und schließlich die Hinrichtung 1618. ↩︎
