Eigner Herd ist Goldes Wert

Ein verwunderter Zeitungsleser blättert in der Blauen Wende

Beitragsbild KI-generiert

Sonntags hören wir – schon fast rituell – die Sendung Essay und Diskurs vom Deutschlandfunk. Mir sind die behandelten Themen manchmal ein bisschen weit hergeholt. Es werden Fragen essayistisch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, bei denen ich oft nicht einmal erkennen kann, worin das Problem besteht.

So etwas erwartete ich beim Lesen der Ankündigung für das heutige Thema auch: „Zwischen Monogramm und Moderne – von der bürgerlichen Aussteuer zur autonomen Kunst“.

Der Frauen edelster Beruf
Zu dem sie Gott der Herr erschuf
Ist in dem Hause still zu walten
Und Fleiss und Ordnung zu erhalten.“

lautet der Sinnspruch eines Überhandtuchs aus vergangenen Tagen, las ich, und weiter:

Aus der Ordnung der für die Aussteuer typischen Weißwäsche tritt das Überhandtuch hervor: ein Stück Stoff, das meist vor Küchenschrank oder dem Regal hing und verdeckte, was dahinter lag.“

Was dahinter lag – hinter solchen gestickten Sinnsprüchen – enthüllte die Autorin des Essays anschließend und nannte noch andere Beispiele wie:

Zur Essenszeit scheuch Sorg und Leid“
Eigner Herd ist Goldes Wert“
Willst du die Tugend einer Frau erraten, schau in ihr Stübchen, prüf den Braten“
Dein Haus sei Deine Welt, darin es Dir gefällt“
Der Hausfrau köstlicher Gewinn, ein frohes Herz, ein reiner Sinn“.

Frauen stickten damals solche Sprüche wie ein Parteiprogramm auf das Tuch, dachte ich. Durch den Begriff Parteiprogramm kamen mir die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern in den Sinn und die Frage, ob die AfD dieses Damals nicht zum Heute machen will.

Ich machte mich an eine unerfreuliche und lange aufgeschobene Aufgabe – das Lesen des AfD-Wahlprogrammes. In unserem Bundesland hat die Partei ein 92-seitiges Papier verfasst. „Bereit für die blaue Wende“ steht darüber und es gelang mir nur mit KI-Hilfe, es zu finden. Auf der Website sucht man es vergebens.

Ein Abschnitt ist überschrieben: „Die zwei Geschlechter sind eine biologische Tatsache.“ Weiblichkeit und Männlichkeit seien etwas Positives und: „Frauen und Männer können sich ergänzen.“ Das lässt sich auch so formulieren:

„Der Frauen edelster Beruf,
Zu dem sie Gott der Herr erschuf,
Ist in dem Hause still zu walten
Und Fleiß und Ordnung zu erhalten.“

Meine Mutter musste in ihrer Schulzeit die Glocke auswendig lernen und zitierte Friedrich Schiller:

Der Mann muß hinaus
Ins feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.“

Daher weiß ich auch, wie der deutsche Dichter im gleichem Werk über die Aufgaben der Frau spricht:

Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn’ Ende
Die fleißigen Hände
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer
Und ruhet nimmer.“

Ja, im Deutschunterricht muss die Glocke wieder auswendig gelernt werden — und Schiller hat eine weitere Forderung für das Lernen in der Schule gleich mitgeliefert:
„Und lehret die Mädchen / Und wehret den Knaben.“
Getrennt also, wie sich das gehört, da die zwei Geschlechter eine biologische Tatsache sind.
Was aber tun die Mädchen, während die Knaben abgewehrt werden?
Sie lernen, was Schiller (und die AfD?) ihnen aufträgt: die fleißigen Hände ohn’ Ende zu regen, die schimmernde Wolle und den schneeigten Lein zu ordnen — kurz:
Das Fach Handarbeit muss Pflicht werden!

Das Auswendiglernen in der Schule wird nicht im Programm gefordert, liegt aber dem Bundessprecher der Partei Tino Chrupalla besonders am Herzen. Vor einem Kinderreporter des ZDF-Magazins „logo!“ verlangte er, in den Schulen müssten wieder mehr deutsche Gedichte unterrichtet werden. Ein eigenes Lieblingsgedicht fiel ihm auf die Frage des Knirpes nicht ein, und auch drei Jahre später, nach einem konkreten Buchtitel gefragt, wusste er nur: „Ich denke ja, es gibt Bücher.“
Vor der Regierungsverantwortung wird Tino Chrupalla es lernen müssen, auswendig:
alle gut vierhundert Verse von Schillers Glocke.

Doch zurück zum Schulfach Handarbeit. Das Programm hin zur Blauen Wende will zwei Fertigkeiten für Mädchen miteinander verbinden. Unter der Überschrift „Handschrift ist Kopfarbeit“ wird versprochen, die „verbundene Handschrift im Sinne der Schulausgangsschrift ab der ersten Klasse verbindlich“ einzuführen und wieder mehr Wert auf Diktate und Schreibübungen zu legen.
Ich sage mir: Eine schön verbundene, gleichmäßige und ermüdungsarme Schrift kann als Vorstufe des Monogrammstickens genutzt werden. Wer als Mädchen mit sechs die Schulausgangsschrift beherrscht, bringt mit zehn auch die verschlungensten Initialen aufs Leinen.
Die Mädchen müssen die verbundene Schrift nur auf dem weißen Stoff üben. Damit die Übung kein sinnleeres Ornament bleibt, sondern fürs Leben Gültiges vermittelt, versucht sich die Anfängerin an:
Der Frauen edelster Beruf …“
und später folgt das anspruchsvollere Muster:
„Im Schranke weißes Linnen, im Herzen reines Sinnen, und beides wohl verwahrt, ist Deutsche Hausfrau Art.“
In diesem Falle mit einem großgeschriebenen D. So verlangt es das Parteiprogramm, denn die deutsche Sprache wird zum „zentralen Identitätsmerkmal“ erhoben und jedes Gendersternchen muss verboten bleiben. Mit dem großen D. wird es die Handarbeitslehrerin Frl. Müller an der inzwischen wieder schwarzen Schultafel vorschreiben.

Die Schule soll „Starke Familien für eine starke Gesellschaft“ fördern, indem sie die Kinder „auf Ehe, Partnerschaft und Familienzusammenhalt vorbereitet“. Der Unterricht habe ein „lebensbejahendes, verantwortungsvolles Familienbild“ zu vermitteln und sich an der „Lebenswirklichkeit der Mehrheit“ auszurichten.
Welche Mehrheit meint die AfD? Wenn ich mich umsehe, ist die Vater-Mutter-zwei-Kinder-Familie des AfD-Programms sogar in unserem schönen Bundesland längst nur noch eine Familienform unter vielen. Daneben stehen reale andere: Geschiedene, Alleinerziehende, Patchwork-Familien, Paare ohne Trauschein, gleichgeschlechtliche Eltern. Das zeigt jedem die Statistik, der sie sich ansehen möchte. Wer dieses Wunschbild zur „Mehrheit“ erklärt, hadert mit der Wirklichkeit.

Dann gibt es noch den Abschnitt „Keine Frühsexualisierung in Kitas und Schulen“. Der Sexualkundeunterricht habe sich an der Entwicklung der Kinder zu orientieren; „bereits Zehnjährige“ mit „Familienvielfalt“ oder „ständig wechselnden Rollenbildern“ zu konfrontieren, sei abzulehnen. Viele dieser Zehnjährigen sollten wenigstens in der Schule nichts von der Wirklichkeit hören, in der sie längst leben. Zählen darf nur, was als Norm vorgeschrieben ist. Die Mädchen sticken derweil auf das Leinentuch, das später ihre eigene Küche zieren wird: „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur.“

Für die Knaben – von der Handarbeit freigestellt – gibt es andere Aufgaben. Gendersternchen zu benutzen, muss man ihnen nicht verbieten. Auf die Idee, sie korrekt zu gebrauchen, würden sie nie kommen. Neben der Frühsexualisierung durch Social Media sollen sie mittels Mathematik und einer Erziehung zu Disziplin befähigt werden, zur „kulturellen Kontinuität“ beizutragen. Diese sieht das Programm durch die niedrige Geburtenrate in Deutschland und besonders in MV gefährdet. Die Jungen sollen durch ein Baby-Begrüßungsgeld von dreitausend Euro zur Tat ermutigt werden, aber nur, wenn sie Deutsche sind.

Auf dem Schulhof wird die deutsche Flagge wehen, Regenbögen zu malen wird verboten. Und wer mit zwölf nicht spurt, wird zum Strafmündigen erklärt, besonders, wenn er Achmad oder sie Samira heißt.

Eigentlich hatte ich jetzt genug gelesen. Ich habe schon einmal in einem Staat gelebt, der vorschrieb, welche Gesinnung der Stundenplan fördern sollte. Ich habe Staatsbürgerkunde kennengelernt, den Fahnenappell, den Druck, an der Jugendweihe teilzunehmen oder mit der Waffe in der Hand den Weltfrieden zu sichern. Im Klassenbuch gab es eine Spalte, in der stand, wer zur richtigen sozialen Klasse gehörte und wer nicht.

Das Wahlprogramm, das ich eben weggelegt habe, verlangt: „Neutralität an den Schulen sicherstellen“. Wenige Seiten weiter wird haarklein vorgeschrieben, welches Familienbild, welche Sprache, welche Flagge, welches Geschlecht künftig normal zu sein haben.

Über dieses Programm gehört ein Überhandtuch, wie es früher in jeder Küche hing – eines, das verdeckt, was dahinterliegt. Was wäre dort eingestickt in geschwungener Schulausgangsschrift, von kundiger deutscher Frauenhand in Erhabenem Plattstich:

Im Haus die Frau, im Feld der Mann,
so fängt die neue Ordnung an.
Ein Volk, ein Glaube wohnt allhier,
dem Fremden weisen wir die Tür.“

Bevor ihr – oder später einmal eure Töchter – wieder Überhandtücher mit Sinnsprüchen besticken müsst, hebt dieses Tuch an und seht, was damit verdeckt werden soll, liebe AfD-Wählerinnen.