Bildmontage: KI-generiert und mit Krita collagiert
Ein Mitglied unserer Gruppe für Flüchtlingshilfe postete in ihrem WhatsApp-Status das Foto eines SZ-Artikels über das Programm der AfD in Sachsen-Anhalt: „Wenn das Denken deutsch sein soll“. Die Unterzeile lautete: „Auf ihrem Parteitag in Sachsen-Anhalt zeigt die AfD schon mal, was sie sich vorstellt, wenn sie an die Macht käme: Patriotismuspflicht und Russischunterricht statt Gleichstellung und Kunstfreiheit. Ein Blick hinter die freundliche Fassade des Ulrich Siegmund.“1
Die Worte „und Russischunterricht“ hatte sie mit Kugelschreiber eingekreist und daneben geschrieben: „Noch ein Grund, die AfD nicht zu wählen.“ Ich fand das zunächst lustig – die AfD zu wählen ist für mich sowieso undenkbar. Wir ehemaligen DDR-Schüler hatten uns einst durch das Pflichtfach Russisch mit einer Mischung aus Schülerfaulheit und spezieller Lustlosigkeit bis zum Abitur hindurchzumogeln versucht. Vokabeln wurden nur gelernt, um sie vielleicht am nächsten Tag noch zu wissen und bald darauf wieder zu vergessen.2 Wir machten uns über die Geschichten vom sowjetischen Jungen Pionier Mischa Kuleschow lustig, der als „Kälberchef“3 seine Tiere aufzog und dem Genossen Stalin darüber berichten durfte, und wir lachten über Mamlakat Nachangowa, deren Heldentat darin bestanden hatte, Baumwolle mit zwei Händen zu pflücken. Dafür soll sie eine goldene Uhr aus Stalins Hand erhalten haben. In der Oberschule lehnte ich es ab, diese Sprache zu lernen, und hatte das Gefühl, so der Staatsführung Widerstand entgegen zu setzen. Später, als Erwachsener, sah ich darin vor allem dummes Pennälerverhalten und bedauerte oft, die Sprache so schlecht gelernt zu haben.
Im Frühjahr 2022 kamen die ersten Geflohenen aus der Ukraine in unsere Stadt. In der Helfergruppe diskutierten wir ernsthaft, ob wir mit ihnen Russisch sprechen dürften. Einige meinten, das sei den Menschen nicht zuzumuten: ausgerechnet jetzt die Sprache des Aggressors. Andere wandten ein, dass Russisch für viele der Ankommenden die Muttersprache sei und dass man ohnehin keine andere Verständigungsmöglichkeit hätte – allenfalls mit den Jugendlichen in Englisch. Ich fragte in meiner kleinen Deutschlerngruppe nach und erfuhr: Für die, die zu Hause Ukrainisch sprachen, waren beide Sprachen Muttersprache. Die Russischsprachigen sagten, sie könnten Ukrainisch zwar verstehen, aber nicht gut sprechen. Russisch war also in Ordnung. Beleidigt war niemand. Einigen kam die Frage sogar ein bisschen seltsam vor.
Ich musste an meinen Russischlehrer denken, einen für uns Schüler alten Herrn, den Deutschbalten Kösel, der uns vergeblich für die russische Sprache und Literatur zu erwärmen versucht hatte. Die Sprache, die ich in der Schule nicht lernen mochte – die Sprache der Besatzer –, war nun plötzlich das Mittel, um Menschen zu helfen, die vor eben diesen Besatzern geflohen waren. Es war eine kleine, späte Lektion darüber, wie leicht man eine Sprache für die Taten der Sprecher verantwortlich macht.
Nach dem Lachen über den Kringel „.. und Russischunterricht“ in der Zeitungsüberschrift dachte ich: Eigentlich ist es keine Zumutung, den Kindern in Sachsen-Anhalt diese Sprache in der Schule anzubieten. Und im AfD-Programm steht nichts, was die Sprache zur Täterin machen soll. Man kann dort etwas viel Verräterisches lesen, nämlich warum die Partei Russisch gerade jetzt fördern will – und damit zeigt, was sie wirklich meint. Im Landtag hat einer der AfD-Abgeordneten es auch ausgesprochen. Er sagte, für seine Partei sei „das deutsche Interesse der höchste Maßstab der Politik“ – und „deshalb bekennen wir uns jetzt, gerade jetzt, zum Russischunterricht an unseren Schulen“.4 Das Wort „deshalb“ verrät die ganze Konstruktion. Nicht weil die Sprache es wert wäre, nicht weil die Schüler sie brauchen. Sondern weil die Förderung ein Bekenntnis ist. Russisch ist hier nicht Sprache, sondern Hinwendung zum Aggressor.
Und doch wäre es zu einfach, die Sprache für politisch neutral, ideologisch unschuldig zu erklären. Sie ist es nicht.
Mein Vater war Deutschbalte, wie mein Russischlehrer Kösel. Zu Hause in Riga sprach er als Kind Deutsch; Russisch sprachen die zaristischen Verwalter des Landes, Lettisch die Dienstboten und die Arbeiter in der Fabrik, in der mein Großvater technischer Direktor war. Dann, während des Ersten Weltkriegs waren alle Deutschen gezwungen, in der Öffentlichkeit nur Russisch zu sprechen. Die zaristische Administration hatte sie, die seit Jahrhunderten im Land das Sagen hatten, zur feindlichen Minderheit erklärt.5 Als Lettland nach dem Krieg unabhängig geworden war, musste er, um in Riga studieren zu dürfen, eine eigens für Nichtletten angesetzte Lettischprüfung ablegen. Drei Sprachen in zwanzig Lebensjahren, und jede einzelne war einmal geboten, einmal verboten, einmal vorgeschrieben – von der Familie, vom obersten Feldherrn und vom neuen Staat. Die Sprachen blieben Sprachen. Was sich änderte, war die politische Macht.
Als Flüchtlinge aus dem Osten fielen meine Eltern in Mecklenburg durch ihren deutschbaltischen Tonfall auf und durch Wörter, die dort niemand kannte. Ich wollte zu den Kindern im Dorf gehören, also lernte ich in kurzer Zeit Plattdeutsch, eine Sprache, die alle Einheimischen im Dorf damals noch sprachen. In der Schule später lernte ich, welche Wörter in der DDR das politisch „richtige“ Bewusstsein anzeigten. Es gab dafür natürlich kein Gesetz, aber ungeschriebene Regeln. Wer „unsere sowjetischen Freunde“ sagte, ohne dass ein mokanter Unterton den Satz zum Witz machte, war auf der richtigen Seite – anders als der, der von „den Russen“ sprach. „Die Werktätigen auf den Baustellen des Sozialismus„ klang besser als nur „die Leute auf dem Bau“. Wer „Republikflucht“ sagte, sprach die Sprache des Staates. Wer „abgehauen„ sagte, markierte eher Zustimmung zur illegalen Suche nach eigenem Wohlstand. Wir lernten sehr genau, welches Wort wie zu wem gesagt werden sollte.
Victor Klemperer hat für das Dritte Reich beschrieben, wie die Sprache von innen vergiftet werden kann – er nannte sie Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reichs.6 Was mit dem Eroberungskrieg als „Ostfeldzug“ begann, mit der Judenvernichtung als „Endlösung“ weiterging und trotz „Wunderwaffe“ mit dem „Endsieg“ im Chaos endete, machte aus unschuldigen Wörtern die Werkzeuge des Mordens. Heute nennt Putin seinen Krieg gegen die Ukraine „Spezialoperation“ – und stellt das Wort „Krieg“ unter Strafe.
Der Kringel um „und Russischunterricht“ auf dem Zeitungsfoto und der Kommentar meiner Mithelferin sind mehr als ein ostdeutscher Schülerwitz und ein lustiger Einfall. Die Sprache, die die AfD fördern will, kann nichts dafür, wofür Putin sie missbraucht und wofür die AfD sie benutzen will. Aber sie bleibt beteiligt. Menschen führen Kriege, nicht die Sprachen. Aber sie führen sie mit ihnen.
- „Wenn das Denken deutsch sein soll“, SZ vom 12.April 2026 ↩︎
- Besonders nutzlose Vokabeln aber habe ich bis heute behalten, z.B.: шагающий экскаватор – der Schreitbagger. ↩︎
- Mischa Kuleschow blieb uns als „Kälberchef“ in Erinnerung – шеф телят ↩︎
- Hans-Thomas Tillschneider (AfD), Einbringung des Antrags „Russisch-Unterricht an den Schulen Sachsen-Anhalts stärken und für die Zukunft sichern“ (Drs. 8/2669), Landtag Sachsen-Anhalt, 8. Wahlperiode, Plenarsitzung Mai/Juni 2023. Dokumentiert im Plenartranskript des Landtags Sachsen-Anhalt, abrufbar über landtag.sachsen-anhalt.de. ↩︎
- Die Deutschbalten waren die deutschsprachige Oberschicht in Liv-, Est- und Kurland, den drei baltischen Provinzen des Russischen Reichs, in denen sie seit dem 13. Jahrhundert Adel, Verwaltung und Bürgertum stellten. Im Frieden von Nystad 1721, der den Großen Nordischen Krieg beendete, fielen Livland und Estland von Schweden an Russland; in den sogenannten baltischen Artikeln des Vertrags garantierte Zar Peter I. der baltischen Ritterschaft und den Städten ihre überkommenen Privilegien, darunter die Selbstverwaltung, die evangelisch-lutherische Religion und Deutsch als Verwaltungs- und Unterrichtssprache. Diese Sonderstellung bestand fast zwei Jahrhunderte. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann eine systematische Russifizierung; mit Kriegsbeginn 1914 verbot die zaristische Administration den Gebrauch des Deutschen in der Öffentlichkeit und behandelte die Deutschbalten als feindliche Minderheit. ↩︎
- Victor Klemperer, LTI – Notizbuch eines Philologen, Berlin 1947. Klemperer, Romanist jüdischer Herkunft, hatte während des Dritten Reichs heimlich Tagebuch geführt und die Veränderungen der deutschen Sprache unter dem NS-Regime dokumentiert. Sein Buch gilt seit seinem Erscheinen als grundlegende Studie zum Sprachgebrauch totalitärer Regime. ↩︎
