Beitragsbild: KI DALL-E
Ich freute mich heute an George Orwells Kolumne vom 7. Juli 19441, an ihrer klaren Sprache, ihrem trockenen Ton und an der kleinen Bosheit, mit der Orwell einen Vierzeiler zitiert:
You cannot hope to bribe or twist
(Thank God!) the British journalist:
But seeing what the man will do
unbribed, there’s no occasion to.2
Diese wenigen Zeilen sagen viel über den englischen Journalismus jener Zeit, über Anpassung und stillschweigende Übereinkünfte darüber, was man besser nicht sagt, wenn man nicht anecken will. Der Witz ist trocken mit guter Pointe: Man kann den Journalisten weder bestechen noch verbiegen. Aber wenn man sieht, was er auch ohne Bestechung freiwillig tut, braucht man es gar nicht erst zu versuchen.
Das galt nicht nur damals. Der kleine Vers beschreibt etwas schwer Greifbares: eine politische Öffentlichkeit, in der vieles nicht gesagt wird, nicht weil es verboten wäre, sondern weil man weiß, was man besser nicht schreibt, was Ärger macht oder in einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu als unschicklich oder gar als unerwünscht gilt. Darüber schrieb der Berliner-Zeitung-Journalist Thomas Fasbender wieder einmal.3Seiner Unterscheidung zwischen verbriefter Rechtsordnung und sozialem Konformismus stimme ich zu. Ich folge ihm allerdings nicht, wenn er aus strittigen Fällen einen allgemeinen Vorwurf ableitet: In Deutschland sei der Meinungskorridor infolge sozialen Drucks insgesamt stark verengt. Dieses Mal nennt er als Beweis den zwangsemeritierten Münchner Professor Michael Meyen und erwähnt nebenbei auch den Schweizer Jacques Baud4 und den Berliner Journalisten Hüseyin Doğru.5 Drei sehr verschiedene Fälle, die ihn unterschwellig zu einem allgemeinen Befund führen.
Die Klage, man „dürfe nichts mehr sagen“ oder es seien nur noch bestimmte Meinungen erlaubt, ist weit verbreitet. Ich höre oder lese: Wer vom erlaubten Meinungskorridor abweiche, werde sozial, beruflich oder publizistisch bestraft, und überhaupt verfestige sich eine „Zensurkultur in Deutschland und der Europäischen Union“6 Gewiss gibt es unangenehme persönliche Erfahrungen im Meinungsstreit, wenn der eigene Befund auf Ablehnung stößt und mit Heftigkeit und persönlichen Herabsetzungen oder Gehässigkeiten zurückgewiesen wird. Das jedoch ist kein unzulässiger Eingriff von oben, vielmehr die Reaktion anderer freier Menschen. Selbst Strafanzeigen, Abmahnungen und Gerichtsurteile sind nicht automatisch Beweise für staatliche Unterdrückung, sondern zunächst einmal genau das, was ein Rechtsstaat tun soll: geltendes Recht anwenden.
Dabei sollte man es aber nicht bewenden lassen. Ich will den Verdacht ernst nehmen, dass aus Rücksicht auf gesellschaftlichen Druck manches ungesagt bleibt. Orwells Beobachtung traf 1944 zu und, wie ich fürchte, heute nicht minder.
Das Institut für Demoskopie Allensbach befragt die Deutschen seit 1953, ob sie glauben, ihre politische Meinung frei äußern zu können. Der aktuelle Stand: 46 Prozent sagen ja. Das ist ein historisch sehr niedriger Wert. Auch wenn der Allensbach-Forscher Thomas Petersen betont, das bedeute nicht, die gesetzlich garantierte Meinungsfreiheit sei abgeschafft, verweist der Befund doch auf etwas anderes: auf das Gefühl vieler, dass gesellschaftlicher Druck, soziale Ächtung und berufliche Nachteile die offene Diskussion erschweren.7Nicht der Gesetzgeber setzt hier die Schere an, sondern sie sitzt im Kopf. Für eine freie Gesellschaft ist das kein beruhigender Befund.
Ich vermute, dass auch manche Journalisten und ihre Arbeitgeber, Autoren und ihre Verleger zu denen zählen, die solchen gesellschaftlichen Druck berücksichtigen – Menschen also, die ohne äußeren Zwang ihren Texten einen bestimmten Tonfall geben, Ereignisse ausschmücken oder fortlassen und Fragen in eine bestimmte Richtung lenken.
„Zirkushunde gehorchen der Peitsche. Der wirklich gut dressierte Hund aber macht seinen Salto auch dann, wenn die Peitsche schweigt“ – so schrieb Orwell in seiner Kolumne sinngemäß über englische Journalisten.
Beispiele für dieses Verhaltensmuster gibt es bis heute. Ich denke an die Berichterstattung über die Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof. In der frühen Berichterstattung spielten die Übergriffe zunächst kaum eine Rolle. In der Online-Ausgabe der Tagesschau vom 1. Januar 2016 war davon keine Rede, am 2. und 3. Januar gab es ebenfalls keinen Hinweis; der WDR sprach am 2. Januar in einer Online-Bilanz von „Unfällen, Bränden und Schlägereien“. Erst am 4. Januar wurde dort prominent über sexuelle Übergriffe berichtet.8 Dafür gab es keine Anweisung von oben.9 Doch offenkundig herrschte in den Redaktionen ein kollektives Zögern: Berichte über Herkunft und Auftreten der Täter passten nicht recht zu der damals noch prägenden Willkommensrhetorik. Die Wirklichkeit zeigte wieder einmal die schlechte Angewohnheit, politisch unpassend zu sein.
Im Fall Claas Relotius zeigte sich, wie verführerisch für Redaktionen Geschichten sind, die das eigene Weltbild bestätigen.10 Gerade dann sinkt die Bereitschaft, sie mit der nötigen Gründlichkeit zu prüfen.
Auch die Kontroverse um Julia Ruhs zeigte, wie moralisierend der Medienbetrieb auf abweichende Tonlagen reagiert.11 Ich habe mir alle Sendungen von „Klar“ angesehen und konnte die Kritik von Kolleginnen und Kollegen aus dem NDR12 nicht nachvollziehen. Aufschlussreich war für mich, wie schnell eine bestimmte Art des Fragens und die Wahl bestimmter Gesprächspartner unter Verdacht gerieten. Problematisch erschienen nicht nur die „falschen Antworten“, sondern bereits, welche Themen die Journalistin aufgriff und dass sie bestimmte Fragen überhaupt stellte.
Sicher gibt es viele weitere Beispiele für redaktionellen und kollegialen Druck auf Journalistinnen und Journalisten. Überall werden Texte von Menschen geschrieben, die von anderen abhängig sind, in welcher Form auch immer. Und in Redaktionen, die sich einem liberalen, gebildeten und moralisch leicht alarmierbaren Publikum verpflichtet fühlen, entsteht leicht die Versuchung, es nicht mit Tatsachen zu konfrontieren, die seinem Weltbild widersprechen. Lieber liefert man ihm Deutungen, in denen es sich selbst bestätigt findet. Damit aber wird Journalismus zu einer Form der Milieupflege. Man will aufklären und bewahrt doch zugleich das vertraute Weltbild. Man sagt nichts offenkundig Falsches, verschweigt nicht notwendig etwas, aber man hört dort weniger genau hin, wo eine Tatsache vom falschen Lager aufgegriffen und im politischen Streit gegen die eigenen Überzeugungen verwendet werden könnte. So entsteht auch ohne Zensur die publizistische Gewohnheit des Ausweichens. Nicht Lüge also, sondern selektive Aufmerksamkeit.
Und darin sehe ich den politischen Schaden eines solchen Journalismus: Wo Tatsachen aus Vorsicht, Milieurücksicht oder moralischer Selbstschonung zu spät, zu zaghaft oder zu selektiv behandelt werden, liefert das jenen Munition, die seit Jahren von einem verengten Meinungskorridor, von „DDR 2.0“ oder gar vom Ende der Demokratie reden. Ihre Diagnose bleibt falsch. Plausibilität gewinnt sie dennoch dort, wo ein solcher Journalismus dafür im Kleinen glaubwürdige Belege zu liefern scheint. Wirksam wird diese Kritik auch deshalb, weil die Fundamentalkritiker oft nicht mit groben Parolen auftreten, sondern klug formulieren, richtige Einzelbeobachtungen nennen und an berechtigten Unmut anknüpfen. Daraus ziehen sie dann weitreichende Schlussfolgerungen, die wahr erscheinen. So kann aus publizistischer Rücksichtnahme und gutem Wollen politischer Schaden werden: Wähler verlieren Vertrauen, und profitieren können am Ende gerade jene Kräfte, die mit liberaler Demokratie wenig im Sinn haben.
Was von Journalisten erwartet werden müsste, ist das Gegenteil von Orwells Vierzeiler: Jemand zu sein, der den Wunsch zur Bestechung bei manchen Zeitgenossen weckt, Berichterstattung zu verhindern, jemand, der jeder Beeinflussung widersteht und „sagt, was ist“13, auch wenn es dem eigenen Milieu missfällt und er aushalten muss, dafür von der falschen Seite Beifall zu bekommen. Ich weiß, das klingt schon ein wenig nach einer Netflix-Serie. Journalisten sind keine Helden aus einem Filmskript, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Gerade deshalb ginge es schon um viel, wenn sie der Versuchung widerstünden, sich selbst vorsorglich auf Linie zu bringen.
- George Orwell, „As I Please“, Tribune, 7. Juli 1944, online bei Telelib. ↩︎
- Orwell schreibt „ich glaube von Hilaire Belloc“ — und irrt sich. Das Gedicht stammt von Humbert Wolfe (1885–1940), trägt den Titel: „Epigram: British Journalist“. Wolfe war Dichter, Übersetzer und Beamter im britischen Arbeitsministerium — ausgerechnet. (Das hat die KI Claude sehr schnell herausgefunden) ↩︎
- Thomas Fasbender: „Causa Professor Michael Meyen: Wer aus der Reihe tanzt, zahlt einen hohen Preis“, Berliner Zeitung vom 19.04.2026 ↩︎
- Ich schrieb dazu einen Blog ↩︎
- Hüseyin Doğru ist ein deutscher und türkischer Staatsbürger und Gründer der Medienplattform Red Media. Er wurde am 20. Mai 2025 von der EU im Rahmen ihres Sanktionsregimes gegen Russlands destabilisierende Aktivitäten „gelistet“. Die Folgen waren gravierend: Vermögenswerte wurden eingefroren, der Zahlungsverkehr massiv eingeschränkt und Reisebeschränkungen verhängt. Das Auswärtige Amt erklärte, die Plattform Red Media werde von Russland gezielt zur Informationsmanipulation eingesetzt und weise enge Verflechtungen mit RT auf; Doğru und sein Anwalt weisen das zurück. Im März 2026 wies das Amtsgericht Frankfurt am Main einen Eilantrag gegen die Kontobeschränkungen ab. Red Media hat den Betrieb inzwischen eingestellt. Ausführlicher dazu: Berliner Zeitung, März 2026; Jacobin, März 2026, taz vom Juli 2025 ↩︎
- Der Fall Hüseyin Doğru: EU-Sanktionen gegen Journalisten und die neue Zensurkultur in Deutschland, März 2026 ↩︎
- Institut für Demoskopie Allensbach, Umfrage Oktober 2025, zit. nach: Polisphere, 20.10.2025. ↩︎
- Grimme Lab, „Vertrauenskrise der Medien?“, mit Verweisen auf die Online-Ausgaben von Tagesschau und WDR vom 1. bis 4. Januar 2016; vgl. außerdem Deutschlandfunk, „Studie sieht Fehler in der Berichterstattung von ARD und ZDF“, 18. November 2016. ↩︎
- Eine Anweisung aus dem Kanzleramt oder einem anderen „oben“ ist nicht belegt – obwohl die Bundeskanzlerin wenige Monate zuvor versprochen hatte: „Wir schaffen das.“ ↩︎
- Stefan Niggemeier, „Warum der Relotius-Bericht für den ‚Spiegel‘ so verheerend ist“, Übermedien, 24. Mai 2019. ↩︎
- ZDFheute, „Julia Ruhs: Kritik an NDR-Entscheidung zur ‚Klar‘-Moderation“, 18. September 2025; Tagesspiegel, „Das hätte so nicht passieren dürfen: NDR räumt Fehler im Fall Julia Ruhs ein“, 26. September 2025. ↩︎
- Anja Reschke, die das Format „Klar“ in „Reschke Fernsehen“ mit der Formulierung „ein bisschen rechtsextrem“ angriff; der NDR distanzierte sich später von dieser Zuspitzung. Quelle: Welt, 10.9.2025. ↩︎
- Die Formel „Sagen, was ist“ wird gemeinhin dem Spiegelgründer Rudolf Augstein zugeschrieben und gilt als journalistisches Leitmotiv – hat aber im Fall Relotius nicht so geklappt. ↩︎
