Alice im Personenspiel

Ich schicke es vorweg: Alice Schwarzer mochte ich noch nie besonders. Nicht, weil ich – wie es mir sicherlich von Feministinnen unterstellt werden wird – als weißer alter Mann meine Privilegien verteidigen will, sondern, weil jeder Ein-Thema-Aktivismus mir schon immer gegen den Strich ging. Wenn die Welt nur durch ein einziges Raster betrachtet wird, ist die Blindheit für alles außerhalb dieses Fokus vorprogrammiert. Dann kümmert man sich nicht mehr um die Komplexität realer Lebensverhältnisse und kämpft – empathielos für alles außerhalb des Blickfelds – in blindem Furor für die eine Sache.

Vor ein paar Tagen sprangen mich aus dem digitalen Meinungsraum Überschriften an:
Alice Schwarzer: Weidel als Kanzlerin wäre „ermutigend für Frauen“ (BILD1), „Alice Schwarzer findet, AfD-Chefin als Kanzlerin wäre „ermutigend“ für Frauen“ (Frankfurter Rundschau2), „Alice Schwarzer über Alice Weidel: Frausein allein reicht nicht“ (t-online3) und die FR noch einmal Tage danach: „Früh dran: Feminismus-Ikone stärkt Weidel den Rücken“4. Ich las die Überschriften, die zugespitzten Zitate, und sah meine eigene Meinung bestätigt: „Typisch Schwarzer. Selbst wenn eine Nazisse Kanzlerin würde, sei das noch ein Fortschritt für den Feminismus.“ Ich wollte sofort als Verwunderter Zeitungsleser kopfschüttelnd meine Empörung in die Tasten hacken.

Doch, das habe ich mir zur Regel gemacht: Suche die Quelle einer Meldung und überzeuge dich davon, was wer wie gesagt hat! Und ich sah mir das vollständige „Spitzengespräch | DER SPIEGEL: Alice Schwarzer über Migration, Alice Weidel & Trans-Debatte“5 von Markus Feldenkirchen mit Alice Schwarzer an. Es war lang, stellenweise fand ich das Gespräch zäh, gelegentlich auch unerquicklich. Ihre Biografie wurde detailreich ausgebreitet. Schwarzer wies den männlichen Kollegen verschiedentlich wegen angeblicher Fragen unter ihrem Niveau zurecht. Als das Thema der Vielgestaltigkeit „kulturellerGeschlechter“ aufkam, reagierte sie schroff: „Kulturelle Geschlechter gibt es viele, Sexes gibt’s nur zwei. Sind wir eigentlich im Irrenhaus? Auf so ein Niveau wollen wir wirklich nicht gehen!“ Sie verwies auf die Tatsache der Existenz nur zweier Keimzelltypen als definierendes Merkmal von biologischem Geschlecht, auf das klassische Argument der Reproduktionsbiologie. Doch den Kontext, die komplexe biologische Realität erwähnte sie nicht, nicht die Konstellationen, in denen Chromosomen, Gonaden, Hormonprofile und äußere Merkmale nicht eindeutig mit „klassischen“ Mustern zusammenfallen6 . Nun ist Schwarzer keine Biologin, sondern feministische Publizistin und ihr zentrales Anliegen war nie die Molekularbiologie, sondern die gesellschaftliche Stellung von Frauen, dennoch unterließ sie es nicht, kämpferisch von der „Tatsache“ zu sprechen, es gäbe nur zwei Geschlechter, Gender wohl viele, die sich aber nicht jeder oder jede einfach individuell aussuchen dürfe, das sei doch klar!
Dann, zum Ende nach fast 70 Minuten, fiel der vielfach zitierte Satz. Während eines sogenannten „Spiels“, das sich Frau Schwarzer angeblich gewünscht hatte, entnahm der Interviewer einer schwarzen Kiste Bilder von Persönlichkeiten, die kurz kommentiert werden sollten. Was haben die Abgebildeten für die Sache der Frauen getan? Es folgten Angela Merkel mit Alice Schwarzer, Friedrich Merz, Thomas Gottschalk, auch Sahra Wagenknecht und Markus Söder. Dann kam das Bild von Alice Weidel mit der Frage: Wenn diese nach Angela Merkel Bundeskanzlerin würde, wie gut wäre das für die Sache der Frauen. „Schwierig, ne?“, sagte Alice Schwarzer und überlegte dann, wiederholte, das sei schwierig und Markus Feldenkirchen hörte eine Ambivalenz heraus. Jetzt wurde es wirklich wichtig: Sie machte darauf aufmerksam, dass es Kontexte für die Beantwortung solcher Frage gäbe, aber nicht benannt worden seien, sondern nur nach einer weiblichen Person als Kanzlerin gefragt wurde, alles im Konjunktiv. „Das hätte trotz alledem auch den Effekt ermutigend für Frauen zu sein, wahrscheinlich, unter anderem. Ja“. Da war es raus, Markus Feldenkirchen ließ es „mal so stehen“ und der Skandal am nächsten Tag war groß. „Die einstige Ikone des deutschen Feminismus kann dem Sieg einer Partei etwas abgewinnen, die systematisch gegen Frauenrechte agitiert, in ihrem Parteiprogramm die „naturgegebenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen“ betont und nicht nur das Recht auf Abtreibung, sondern sogar das Recht auf Scheidung infrage stellt.“, schrieb Daniel Dillmann in der Frankfurter Rundschau Tage nach dem Interview, ohne die Haltung Schwarzers zur AfD zu erwähnen, nämlich, dass sie die Existenz der AfD eine Katastrophe nannte – auch wenn sie den Umgang der demokratischen Öffentlichkeit mit dieser Partei für falsch hält7.

Auch ich habe mich nach dem Lesen der ersten Schlagzeilen von meinen Vorurteilen gegenüber Schwarzer treiben lassen und nicht sofort die Mechanik des Nachrichtenbetriebs in Rechnung gestellt. Ich weiß, in Redaktionen hat man wenig Zeit für das, was man früher Kontext nannte, vielleicht will man ihn auch nicht zur Kenntnis nehmen. So wird der schärfste und empörungsträchtigste Satz sofort herausgelöst, zugespitzt, weitergereicht. Das triggert das nächste Medium. Ob bei t-online, in der taz, im Tagesspiegel oder über die Aggregatoren von MSN – überall dominierte sofort die Lesart: Schwarzer stärkt Weidel den Rücken. Die Pointe ist zu schön, um sie nicht auszuschlachten: Feminismus-Ikone legitimiert AfD-Politikerin. Der Vorgang läuft beinahe in Echtzeit ab:
Erst das Interview, dann der einzelne Satz, dann die empörte Einordnung. Was mich beschäftigt, ist weniger die Person Schwarzer. Sie bleibt streitbar und widersprüchlich, vertritt Positionen, die ich nicht teile. Und doch lohnte es sich, genau hinzusehen. In ihrem Zögern lag etwas Ehrliches. Sie versuchte, eine unbequeme Differenz auszuhalten: zwischen der Symbolwirkung einer Frau als Kanzlerin und der Haltung der Partei, aus der sie kommt. Eine Frau im höchsten Amt sendet ein Signal – unabhängig davon, welche Politik sie betreibt. Das ist eine analytische Feststellung, keine Zustimmung. Sicherlich hätte Alice Schwarzer die Zeit ihres Zögerns nutzen können, um auf den Kontext hinzuweisen, wodurch eine AfD-Kandidatin zur Kanzlerin wird. Dafür war jedoch die Zeit nicht und die Frage wurde im Rahmen eines sogenannten Spiels gestellt mit der Regel: Wenige Sätze zu den gezeigten Bildern!

Mich hat irritiert, wie schnell ich bereit war, die zugespitzten Presseversionen zu glauben. Vielleicht, weil sie so gut in mein Bild passten. Vielleicht, weil ich gelegentlich dem Reiz erliege, jemanden auf einen einzigen Satz festzunageln. Das ist bequemer, als Ambivalenzen mitzudenken.

Für mich ist es eine Lektion in medialer Selbstdisziplin: Wer Texte nicht selbst liest oder hört, bekommt nur das Destillat, mit bestimmten Absichten formuliert. Kontexte verdampfen, das zögernde, bedenkende Sprechen verschwindet. Das Wort „schwierig“ fällt unter den Tisch. Übrig bleibt eine scheinbar klare Aussage, die zur Empörung führt. Wenn es im besprochenen Fall einen Skandal geben sollte, dann sind es nicht Alice Schwarzer oder Alice Weidel, sondern die eigene Sucht nach der klaren Frontlinie, der einfachen Zuschreibung, der moralischen Eindeutigkeit, die der beschleunigte Journalismus gerne bedient.

  1. BILDonline vom 19.02.2026 ↩︎
  2. FR vom 19.2.2026 ↩︎
  3. t-online.de vom 19.2.2026 ↩︎
  4. FR vom 21.2.2026 ↩︎
  5. youtube vom 18.02.2026 ↩︎
  6. Das ich mir auch nur angelesen. ↩︎
  7. WELT vom 20.2.2026: „Gesamte AfD eine Katastrophe“ – Schwarzer stellt Aussage über Weidel klar ↩︎