Bild: KI DALL-E
Anfang des Monats, am 4. Februar 2026, las ich: „Seit Dezember hat das BAMF nach Informationen von CORRECTIV die Genehmigungen für Integrationskurse auf Eis gelegt. Träger berichten, dies habe auch Auswirkungen auf Menschen, deren Kurse bereits genehmigt wurden.“1 Wenige Tage später berichtete der Deutschlandfunk: „Brief an BAMF-Chef Sommer: Kommunale Spitzenverbände kritisieren Zulassungsstopp bei Integrationskursen.“ Es geht darum: „Die Bundesregierung will im gesamten Jahr 2026 niemanden mehr für Integrationskurse2zulassen, der oder die zu solch einem Kurs nicht verpflichtet ist… Es werde ‘im laufenden Haushaltsjahr bis auf Weiteres keinerlei Zulassungen für die Teilnahme an Integrationskursen nach § 44 Abs. 4 AufenthG erteilt’, heißt es darin. Das dürfte es hunderttausenden Zugewanderten erschweren, sich in die deutsche Gesellschaft einzufinden.“3
Also: AsylbewerberInnen, Geduldete und auch UkrainerInnen ohne „dauerhafte Bleibeperspektive“ erhalten künftig keine kostenfreie Teilnahme an den Integrationskursen mehr. Der zuständige Minister, Alexander Dobrindt, lässt erklären, Integrationskurse müssten sich stärker auf Personen konzentrieren, die dauerhaft bleiben können. Sein Motto: Zielgenauigkeit, Priorisierung Haushaltsdisziplin!
Man könnte sagen: Das ist nur eine verwaltungstechnische Maßnahme oder auch fragen: Warum sollen alle, deren dauernder Aufenthalt in Deutschland unsicher ist möglichst wenig Deutsch lernen, obwohl sie meistens sehr lange hier bleiben werden ohne sich im Land orientieren zu können und wegen fehlender Sprachkenntnisse zu Hause sitzen und auf die nächste Zahlung der Sozialbehörde warten werden?
Ich höre noch Markus Söder tönen: Zu wenige Ukrainerinnen und Ukrainer hätten in Deutschland eine Arbeit aufgenommen4 Alexander Dobrindt forderte sogar, Ukrainer ohne Job zurückschicken oder ausweisen weil zu wenige von ihnen arbeiten würden5 und Friedrich Merz tutete ins gleiche Horn6.
Seit Jahren rufen die CDU und CSU: Sprache sei der Schlüssel zur Integration. Wer Deutsch spricht, findet Arbeit. Wer Deutsch spricht, versteht Behördenpost. Wer Deutsch spricht, bleibt nicht am Rand der Gesellschaft stehen. Und nun soll ausgerechnet dieses Instrument nur noch selektiv ausgegeben werden – gewissermaßen als Prämie, ja wofür?
Natürlich geht es auch um Geld. Die Integrationskurse kosten. Bei hunderttausenden AnwärterInnen, die beim Lernen pro Kopf Kosten von 2,29 € pro Stunde verursachen, kommt schon etwas zusammen, wenn man beide Zahlen multipliziert und dann das Ganze noch einmal mit dem Faktor 700, weil 700 Unterrichtsstunden vorgeschrieben sind. Schnell ist man da bei dreistellige Millionenbeträge. Das ist nicht alles: Alexander Dobrindt sitzt auch noch der Druck der AfD im Nacken, die jede staatliche Förderung Fremder als Einladung zur nächsten Flüchtlingswelle deutet. Da kann er schon einmal schlecht träumen:
Alexander liegt unruhig im Schlaf. Das Mittelmeer glitzert erst friedlich, dann wird es bedrohlich: Am Horizont tauchen Boote auf. Viele Boote, immer mehr Boote. Sie gleiten lautlos heran, werden größer und größer. Er sieht im Traum Frauen und Kinder, auch viele Männer, alle ohne Gepäck, keine Rucksäcke oder Koffer. Stattdessen halten sie Aktenmappen fest an sich gedrückt, auch Schulranzen und Lehrbücher mit dem Titel „Deutsch als Fremdsprache A2“, oder „B1 Intensivkurs“, und „Integrationstest“. Der eine oder andere stottert Konjugationen herunter: „Ich lerne, du lernst, wir lernen …“ oder „mein Name ist… ich komme aus…“. Dann überlagert eine zweite Szene die erste: Hinter den Booten erscheinen Menschen auf staubigen Landstraßen, zu Fuß sind sie unterwegs, mit Vokabelheften unter dem Arm. Sie alle strömen herbei wegen des kostenlosen Integrationskurses. Kostenlos, hat man ihnen erzählt, sei das Lernen der Sprache von Goethe, Schiller und der von Kant. Sie alle kommen wegen der kulturellen Aneignung des Deutschen, wollen lernen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Plötzlich verwandeln sich die Boote, werden zu Taschenrechnern. Die Menschen lösen sich auf in Eurozeichen. Eine Welle aus 1.603-Euro-Rechnungen rollt heran. Unterrichtsstunden werden zu Ziffernkolonnen. Die Zahlen wachsen, überschlagen sich, bilden eine Tsunami-Wand aus Kosten.
Alexander versucht, die Welle mit dem entscheidenden Wort im Paragrafen § 44 Abs. 4 aufzuhalten: „kann“, ruft er „kann! … Ausländer zur Teilnahme an einem Integrationskurs zulassen.“ Doch die Zahlen lachen nur. Da taucht am Strand eine neue Menschenmenge auf, blau gekleidet, mit Bannern. „Von uns gibt es nichts zu lernen!“ steht darauf. „Deutsch ist UNSER Kulturgut! Niemand darf es sich aneignen!“. Sie zeigen auf die Boote, auf die Bücher, auf die anrollende Kostenflut: „Seht ihr, die ganze Welt kommt wegen der kostenlosen Kurse! – Wir dürfen ihnen nicht unser gutes Deutsch überlassen!“
Doch die Lernwilligen rücken näher. Die Seiten ihrer Deutschkurshefte flattern im Wind. „Guten Tag“, sagen sie im Chor. „Wir wollen lernen, dann arbeiten und Steuern zahlen!“ In Alexanders Traum klingt das wie Drohungen der Erinnyen:
„Oh! du, der du die deutsche Sprache bewachst – deinen Schatz,
Fürchte die, die sie von dir lernen wollen!
Fürchte das verschenkte Wort mehr als die Sprachlosigkeit des Fremden!“
Eine Monsterwelle aus Futur II, Euros und AfD-Bannern stürzt auf ihn zu. „Priorisierung! Zielgenauigkeit! Haushaltsklarheit!“, ruft Alexander… und fährt Schweißgebadet hoch. Um ihn ist Stille, nur der Wecker tickt, den ihm sein bodenständiger Vater einst schenkte, damit er es nicht vergisst: Sparst du in der Zeit, dann hast du in der Not! Keine Boote mehr, keine Welle, nur der frühe grau-bleiernde Morgen vor dem Fenster. Er setzt sich an den Schreibtisch und formuliert die Lehre aus seinem Albtraum als Entwurf für die neue Anordnung: „Integrationskurse künftig nur noch für Menschen mit dauerhafter Bleibeperspektive. Keine freiwilligen Kostenübernahmen mehr, Ordnung in den Haushalt bringen.“
Ich stelle mir bei Tageslicht die Frage: Ist es klug, Menschen kein Deutsch lernen zu lassen, die bereits im Land sind, lange bleiben werden, lernen und arbeiten wollen? Wird es billiger, wenn ein Antragsteller auf Asyl kein Wort versteht? Sind Kenntnisse unserer demokratischen Verfassung unnötig, nur weil jemand aus fremdem Land nicht immer bei uns bleiben will oder darf? Oder verschiebt man nur die Kosten – von Unterrichtsräumen in Behördenflure, von Sprachkursen zu Sozialleistungen?
Vielleicht ist es haushaltspolitisch korrekt gehandelt, erst zu prüfen, ob das Geld wirklich ausgegeben werden soll. Vielleicht ist es auch politisch opportun, Härte zu demonstrieren, es der AfD gleichzutun? Aber ist es integrationspolitisch sinnvoll, den Spracherwerb als Belohnung zu behandeln, statt als Voraussetzung für alles Weitere?
Wer hier arbeiten soll, braucht Deutschkenntnisse. Wer zurückkehren soll, braucht sie nicht weniger – schon um die Zeit hier sinnvoll zu nutzen und nicht unter Benutzung von Englisch, Französisch, Spanisch oder Ukrainisch Drogen zu verticken. Und wer bleiben darf, will mit dem Lernen nicht erst auf den Tag der Entscheidung durch das BAMF warten.
Man könnte also fragen: Ist das Sparen an der Sprachvermittlung wirklich Sparen? Oder ist es nur der Versuch, Albträume zu bannen?
- CORRECTIV: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stoppt Zulassungen für Integrationskurse, 4.2.2026 ↩︎
- taz: Politik untergräbt Arbeitsaufnahme von Geflüchteten, 8.1.2026 ↩︎
- taz: Bundesamt blockiert Zulassung: Keine freiwilligen Integrationskurse 2026, 9.2.2026 ↩︎
- ZDFheute: Bürgergeld für Ukrainer: Frage spaltet Union, 4.8.2024 ↩︎
- Stern: Das ist der wahre Grund, warum so viele Ukrainer arbeitslos sind ↩︎
- Welt: Merz fordert, mehr ukrainische Flüchtlinge in Arbeit zu bringen, 9.1.2024 ↩︎
