Oans, zwoa, g’suffa!

Bild: KI DALL-E

Ich habe eine lange Pause gemacht mit dem Mich-Wundern-Als-Zeitungsleser. Andere wichtige Dinge hielten mich davon ab, mir über die Welt Gedanken zu machen. Der schwerwiegendste Grund aber war: mich wundert eigentlich nichts mehr!

Doch dann meldete DPA gestern: Bayerns Brauer in Not – Groll auf «Alkoholpolitik». Es war eine dieser Meldungen, bei denen ich unwillkürlich aufmerke. Ich setzte den Kaffee ab und fragte mich, ob ich das richtig gelesen hatte1. Der Brauerbunds-Präsident Georg Schneider hat eine Sache durchschaut: Bayerns Brauer seien in Not, meldet er, und sein Groll richtet sich gegen die „Alkoholpolitik“ in Deutschland, die auch daran Schuld sei, dass die Leute nicht mehr genug trinken. Ein Gedanke von bestechender Einfalt, auf den offensichtlich nicht einmal Donald Trump gekommen ist, um die Gesundheitspolitik seines Vorgängers zu kritisieren.

Die Sache war jahrhundertelang klar geregelt, auf alle Fälle in Bayern: Bier war Grundnahrungsmittel, Schmiermittel der Geselligkeit, auch Argumentersatz und Trostspender. Man trank, weil man trank. Weil es dazugehört. Weil es so war. Der Durst regelte den Markt, und der Markt regelte den Durst. Niemand kam auf die Idee, beides mit Leberwerten oder Verkehrssicherheit in Verbindung zu bringen.

In München steht ein Hofbräuhaus …“ – so beginnt eines jener Lieder, die man nicht eigentlich singt, sondern wie auf Kommando vollzieht: Oans, zwoa, g’suffa! Musik und Text werden zur Handlungsanweisung. Und jetzt muss jeden eine leise, beunruhigende Sorge beschleichen: Was, wenn dieses Lied bald nicht mehr gesungen wird? Nicht, weil es verboten wäre – so plump agierte nicht einmal die Ampel mit ihrer Verbotspolitik –, sondern weil nach dem Zählen niemand mehr trinkt. Das wäre der Untergang abendländischer Kultur! „Oans, zwoa, g’suffa!“, liefe ins Leere wie der Zapfhahn nach der Sperrstunde.

Schuld daran kann nur Politik sein, diese diffuse Instanz, die nicht nur Heizungen, Autoantriebe und Wörter reguliert, sondern jetzt auch das Verhalten des gesunden Bayern mit Gesundheitskampagnen, Promillegrenzen, alkoholfreien Alternativen und Warnungen vor Zucker, Fett und Salz, vor Nikotin, vor zu viel Sonne, vor zu wenig Bewegung. Jetzt auch noch vor Bier, dessen Konsum in erschreckendem Maße zurückging. Die Logik ist bestechend: Von der Politik verordnete Gesundheitskampagnen sind ein direkter Angriff auf die uralte Braukunst, gesetzlich geregelte Promillegrenzen sind verordnete Trinkhemmnisse, Werbeverbote sind Kulturzensur. Und Jugendschutz? Natürlich die Verhinderung kultureller Bildung der Heranwachsenden.

Wenn irgendwo im Freistaat Tradition, Identität und Umsatz gleichzeitig unter Druck geraten, kann es nur eine Konsequenz geben: Markus Söder muss eingreifen. Unbedingt! Alle erwarten seine Inszenierungen auf Facebook, Instagram und wie die Plattformen gerade heißen. Seine Posts zeigen ihn dieses Mal ernst, aber volksnah, stehend vor einem Sudkessel. Kein Aktenordner hindert ihn, den Maßkrug zu halten während er erklärt, dass Bayern das Bierland bleibe – gegen alle Widerstände aus Berlin, Brüssel oder dem Gesundheitswesen. Dass man sich Lebensfreude nicht verbieten lasse. Dass Prävention dort ihre Grenzen habe, wo das Reinheitsgebot von 1516 beginne. Auch wenn der Staat dem Bürger das Bierglas aus der Hand schlägt, Bayerns Ministerpräsident reicht es ihm entschlossen zurück, um nach Feierabend – wie seit alten Tagen – mit ein paar Maß den Tag zu verdauen. Ja, auch in Bayern fährt man Auto, muss erreichbar sein, möchte am nächsten Morgen joggen oder wenigstens nicht mit dumpfem Schädel im Homeoffice sitzen. Das ist unerquicklich – vor allem für jene, die darauf angewiesen sind, dass der Schädel dumpf bleibt.

Man stelle sich die tragische Figur des bewussten Nichttrinkers vor, wie die Politik ihn heranziehen will: Er sitzt im Biergarten, bestellt alkoholfrei, schaut freundlich und fühlt sich dabei auch noch überlegen. Früher hätte man ihn gefragt, ob es ihm gut geht. Heute soll er als Vorbild gelten. Ein Affront gegen alles, was Hopfen und Malz je verteidigt haben. Ein mahnendes Wort aus der Staatskanzlei ist von Nöten. Vielleicht auch eine dort festgelegte Mindesttrinkmenge, angepasst an Alter, Geschlecht und Brautradition der Region. Wer sie unterschreitet, bekommt einen freundlichen Hinweis vom Einwohnermeldeamt. Oder steuerliche Anreize: Der Kater als außergewöhnliche Belastung, absetzbar mit Nachweis. Denkbar wären auch Warnhinweise nicht mehr auf Bierflaschen, sondern auf Mineralwasser. „Der übermäßige Konsum dieses Produkts kann zu kulturellem Niedergang führen.“ Ja, man könnte Bier zum Kulturerbe erklären. Wer sich dessen Pflege entzieht, gefährdet die kulturelle Substanz des Landes.

Ich weiß nicht, ob Brauerbunds-Präsident Georg Schneider an so etwas mit seinem Groll auf die «Alkoholpolitik» gedacht hat oder nur nicht daran, dass Menschen nicht weniger trinken, weil die Politik es ihnen verbietet, sondern weil sich ihr Leben verändert hat: Arbeit, Mobilität, Preise, andere Freizeitangebote, Gesundheitswissen. Sie reagieren mit verändertem Kaufverhalten. Das ist banal und für das Brauereiwesen unerquicklich. Da hilft kein wütender Brief, kein Verweis auf Tradition, kein Ruf nach dem Ministerpräsidenten mit Maßkrug und Bratwurst. Es bleibt nur die Erkenntnis, dass der Bierkonsum nicht nur im Bierland Bayern, sondern auch in den anderen Länder unseres „Deutschen Vaterlandes“ zurückgeht.2

  1. DPA:Bayerns Brauer in Not – Groll auf «Alkoholpolitik» ↩︎
  2. Im Freistaat Sachsen verzeichnet der Sächsische Brauerbund einen stärkeren Rückgang als im Bundesdurchschnitt und spricht angesichts von Mindestlohn-, Energie- und Bürokratie-Lasten von einer „dramatischen“ Lage, ( „Bierabsatz in Sachsen sinkt stärker als im Bund“); in Thüringen schrumpft der Biermarkt etwas weniger ( „Thüringer Biermarkt schrumpft weniger stark als bundesweit“) . Aus Baden-Württemberg wird berichtet, dass auch dort der klassische Bierabsatz rückläufig ist, während alkoholfreie Biere zulegen – ein Hinweis auf veränderte Konsumpräferenzen (Deutsche Gesamtzahlen zum Absatzrückgang) . Für den Norden (Niedersachsen/Bremen) zeigen Berichte, dass der Bierkonsum dort besonders stark gesunken ist und Brauereien über Absatzverluste klagen, etwa in Verbindung mit dem demografischen Wandel und veränderten Verbrauchsgewohnheiten ( „Keinen Bock mehr auf Bier im Norden“), Branchenkommentare zu historischen Verlusten im deutschen Biermarkt) . ↩︎