Die verlorene Vertrautheitsillussion

oder

Amerika, im Krieg mit sich selbst und allen anderen

» O Mann, diese Indianer waren früher ja echt überall. Und dann seht euch bloß mal an, was ihnen dieses Land angetan hat! Da fragt man sich schon, welche Ziele unser Land verfolgt, nicht wahr? Nicht erst in Vietnam haben wir ein schlechtes Bild abgegeben. Und so, wie unser bescheuertes Land gerade vor die Hunde geht – tja, vielleicht sagen diese Indianer, die in Iowa und sonst wo unter der Erde liegen, dass wir irgendwann genau das kriegen, was wir verdienen.« lese ich gerade in John Irvings Roman „Letzte Nacht in Twisted River“.1

Eigentlich wollte ich mit diesem dicken Roman dem täglichen Lesen der schlechten Weltnachrichten entfliehen, doch er zog mich mitten hinein in das Leben von Menschen in den USA, die man sich sehr wohl als Wähler von Trump vorstellen kann. Menschen, die nicht zuerst an gleiche Rechte für alle und die Menschenwürde denken, sondern an „Live free or die“, wie es in New Hampshire auf allen Autoschildern steht22 – bis heute.

Ich kann sie mir so vorstellen: mit der rechten Hand auf dem Herzen singend:

And this be our motto: “In God is our Trust.”
And the star-spangled banner in triumph shall wave
O’er the land of the free and the home of the brave.“
3

Dieses Lied ist seit 1931 die Nationalhymne – und wenn es gesungen wird, meint jeder etwas anderes. Die einen denken an gleiches Recht für alle ohne jede Diskriminierung wegen der Hautfarbe, an den Kampf um die damalige Schulöffnung in Little Rock4, an die schlichte Selbstverständlichkeit, heute wählen zu dürfen, ohne Schikanen, ohne Angst. Sie hören in „land of the free“ einen Auftrag – und in „home of the brave“ den Mut derjenigen, die den Civil Rights Act5 durchsetzten.

Für viele andere in Irvings Zitat ist die gleiche Zeile keine Verheißung, sondern eine Drohung. Für sie ist das Banner kein Zeichen der Freiheit, sondern das von Vertreibungen, gebrochenen Verträgen, Symbol für das Leben in Reservaten und Internaten6.

Und für manche, die aus Amerikas Kriegen heimkehren, ist „home of the brave“ eine Bezeichnung für das Land, das seine Tapferen gern feiert und dann im Rollstuhl allein lässt.

Inbrünstig singen es vielleicht auch diejenigen, die vor allem ihr alltägliches Leben führen wollen, ohne, dass ständig mit dem Finger auf sie gezeigt wird, die frei lieben, frei heiraten, frei beten oder nicht beten wollen. Für sie ist Freiheit die Abwesenheit von Demütigungen, nicht das Dürfen wegen eigener Stärke, sondern trotz ihrer schwächeren Position.

Und dann singen Millionen diese Zeilen, die zuerst an das garantierte Tragen von Waffen7 denken und an die glorreichen Tage der Konföderierten unter General Lee im Kampf gegen die Union8. Für sie heißt Freiheit oft: ohne Widerspruch sagen zu dürfen, wer dazugehört und wer nicht. Laut singen diejenigen, die fordern, dass Familien nur aus Männern, Frauen und Kindern bestehen, dass männliche Familienoberhäupter ihren Frauen und Kinder sagen, was richtig und falsch ist. Sie meinen zu wissen, dass viel zu viel Geld für die Loser der Welt ausgegeben wird und fordern ein großartiges Amerika. Ihnen ist das Völkerrecht gleichgültig und sie singen diese Zeilen mit Inbrunst, vertrauen auf das Heil des Herren und wählten Donald Trump.

Mein Bild von den Amerikanern war von Anfang an gestört: mein Bruder – drei Jahre älter als ich – war 1945 mit fünf Jahren schon im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten und erzählte mir, bevor ich in die Schule kam: Die im Dorf stationierten amerikanischen Soldaten hatten versprochen, jedem Kind, das ihnen ein Ei brachte, im Tausch Schokolade zu geben. Mein Bruder erbettelte ein Ei von unserer Mutter und bekam dafür vom GI nur Kaugummi, was ihn schwer enttäuschte. Von nun an war klar: Amerikaner betrügen.

Dass die Amerikaner nichts Gutes tun, hörte ich dann auch in der Grundschule: Wir mussten auf den Äckern unseres Dorfes die ekligen roten Larven des Kartoffelkäfers sammeln, „die die Amerikaner aus den Flugzeugen während der Berliner Luftbrücke abgeworfen hatten“, sagten die Lehrer.

Spätestens in den späten 50er Jahren änderte sich meine Einstellung. Wir hatten inzwischen ein Radio. Auf Kurzwelle ließ sich der AFN empfangen, natürlich auch Radio Luxemburg hören: die Everly Brothers, Elvis, die Gitarre von Duane Eddy und all jene Musik, die das Entsetzen der Lehrer hervorrief. Levi’s 501 waren in der Schule verboten und wurden deshalb erst recht getragen. Amerika war super!

1961 kam wieder eine große Enttäuschung. Die Amerikaner hatten den Mauerbau nicht verhindert.
Vier Jahre später begann der Vietnamkrieg und nahm seinen mörderischen Verlauf. Studentische Freunde aus Westberlin versorgten uns im Osten der Stadt mit allen Informationen über den Kampf gegen die Verbrechen dort. Ich trug ein Soidaritätsabzeichen der Vietcong an meiner Jacke, das sie mitgebracht hatten. Es gefiel meinen ML-Lehrern9 der Hochschule nicht. Das Tragen wurde mir verboten, weil es aus Westberlin kam, auch wenn es für die richtige Sache stand.

Doch gab es auch immer das „andere Amerika“, das den Westdeutschen die Demokratie verordnet und Freiheit gebracht hatte, das Amerika von Pete Seeger und „We Shall Overcome“, das von Joan Baez und Bob Dylan, ein Land, das sich ändern konnte, trotz der Morde an John F. Kennedy, an seinem Bruder Robert, an Martin Luther King. Es gab Gegenkräfte dort. Die Geschichte, so hoffte ich, bewegte sich nicht geradlinig, auch mit Rückschlägen, aber doch auch dort: vorwärts. Als Reagan 1980 Präsident wurde, war ich empört und hielt seine Präsidentschaft doch nur für eine Episode. Mit Clinton kam die Korrektur, dann der Rückschlag mit Bush, dem Irak-Krieg. Und 2008 Obama! Ein schwarzer Präsident: Yes, we can!

Ich übersah die Tea Party und tat sie als lautstarke Minderheit ab. Übersah, dass ihre Macht real war. Trumps erste Amtszeit war für mich ein historischer Unfall, der mit seiner Abwahl beseitigt worden war. An eine Wiederwahl vor einem Jahr wollte ich nicht glauben und musste lernen, dass Millionen ihn gewählt haben – mehr, als ich wahrhaben wollte -, und dass es viele sich bekämpfende Amerikas gibt.

Jetzt erst beginne ich zu verstehen, was Franz-Stefan Gady im Interview von Jung und naiv sagte: „Die Vereinigten Staaten sind ein Land, das permanent im Krieg mit sich selbst ist. Die größten Kritiker der USA sind die Amerikaner“10. Wahrscheinlich ist mit Trump kein Umbruch verbunden, seine Wahl kein Irrtum der Geschichte, der sich wieder korrigieren wird? Es hat keine neue Zeit angefangen, sondern der Teil der amerikanischen Bevölkerung bestimmt die Politik, die die meisten Menschen in Deutschland nicht zur Kenntnis genommen haben.

Sie sind sicherlich auch mir begegnet als Rezeptionisten von Motels, an Tankstellen, Malls und in Diners, in Kneipen während mehrerer Autoreisen, freundliche Menschen, die fragten „Where are you from?”. Wer so fragte, hatte noch nie einen Deutschen gesehen und war interessiert – in New York, San Francisco, Boston, Chicago oder New Orleans fragte niemand danach, denn alle dort waren from all over.

Wir sehen sie in Serien wie Yellowstone: Männer und Frauen, bodenständig, eigenwillig, skurril – manchmal bösartig, manchmal empathisch –, die das Alte bewahren wollen und sich gegen das Moderne, gegen das „woke“ Leben der Städter wehren. Ich nehme das beim Zuschauen als interessante Folklore: Cowboys, Weite, Familienfehden, rauer Humor, ein bisschen archaischen Pathos. Jetzt nach Trumps Wahl geht mir auf: das sind uramerikanische, politische Milieus, nicht bloß Filmkulisse. Da gibt es den Freiheitsbegriff, der „in Ruhe gelassen werden“ heißt, das Misstrauen gegen Institutionen, ein Stolz auf Arbeit, Besitz, Familie, Glaube, Waffen – und die Überzeugung, dass man sich notfalls selbst schützt, wenn Staat und „die da oben es“ nicht mehr tun. Ich habe beim Zuschauen nie gedacht: Das sind doch vorwiegend Trump-Wähler. Diese Menschen hat der Trumpismus nicht erfunden, sondern sie machten schon immer einen sehr großen Teil der Bevölkerung aus.

Jeder hätte es wissen können, eigentlich seit der Formulierung des westdeutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“ während in den USA noch offener Rassismus gültiges Recht war. Das wurde mir erst deutlich, als Franz-Stefan Gady erzählte11: Schwarze US-Soldaten wurden in Louisiana wegen „Jim Crow“12 nicht im Gastraum bedient, sondern in der Küche, während deutsche Kriegsgefangene mit amerikanischen Wachen im Gastraum saßen, bedient wurden und rauchten13. Irgendwie war meine eigene innere Erzählung von Amerika doch die der großen deutschen „Transatlantiker“: Befreiung von der Nazi-Herrschaft, Luftbrücke, Marshallplan, Schutzmacht, Frieden in Europa durch Westbindung und Erfolg der liberalen Weltordnung, trotz Monroe-Doktrin und Irakkrieg, Putsch in Chile und vielen der anderen völkerrechtswidrigen Aktionen.

Heute sitzen Europas Politiker mit Donald Trump in Davos zusammen, hoffen trotz des Verlustes ihrer „Vertrautheitsillusion“ 14darauf, ihn gnädig zu stimmen. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom attackierte Europas Spitzenpolitiker dafür. Er sagte sinngemäß, er hätte Kniepolster nach Davos mitbringen und an die europäischen Regierungschefs verteilen sollen15. Wörtlich wird er so zitiert: „I should have brought the knee pads to Davos and hand them out to the European leaders.“

Irving lässt seine Figur, den Flößer Ketchum, sagen, die Toten unter den Feldern Iowas würden vielleicht eines Tages sagen, Amerika bekomme, was es verdient und meinen damit vielleicht Trump, der die Gründungslüge Amerikas in aller Offenheit wegräumt, das, was Sklavenhalter einst schrieben: „all men are created equal“16.

Ich aber hoffe auf die anderen – auf die, die noch immer „We Shall Overcome“ singen, die in Little Rock für offene Schulen kämpften, die, wie Gavin Newsom, davon sprechen, in Davos Kniepolster auszuteilen und hasenfüßige Politiker beschämen. Ihnen gilt mein „God bless America and the whole world“ – und für uns alle hoffe ich: „get rid of him!“. Nicht, weil die Geschichte sich von selbst korrigieren wird, sondern weil es das andere Amerika auch weiterhin gibt.

  1. John Irving: Letzte Nacht in Twisted River. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. Zürich: Diogenes, 2010. ↩︎
  2. „New Hampshire Revised Statutes, § 261:75 (Number Plates): ‚… number plates for passenger vehicles shall have the state motto “Live Free or Die” written thereon.‘“ Seit 1977 darf man es rechtlich überkleben oder verdecken, ohne dafür bestraft zu werden – aber der Staat druckt oder prägt es weiterhin auf die Standardschilder. ↩︎
  3. Die 4. Strophe der amerikanischen Nationalhymne, die meistens nicht gesungen wird:
    „und dies sei unser Wahlspruch: „Auf Gott vertrauen wir.“
    Und das sternenübersäte Banner weht im Triumph
    über dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen.“
    ↩︎
  4. Gemeint ist die Integration der zuvor rassentrennenden Little Rock Central High School in Arkansas (1957). Der Konflikt wurde national bedeutsam, u.a. durch den Einsatz von Bundestruppen zum Schutz der „Little Rock Nine“. ↩︎
  5. Der Civil Rights Act von 1964 (unterzeichnet am 2. Juli 1964) ist eines der Schlüsselgesetze der Bürgerrechtsbewegung. Er untersagte u.a. Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen und Diskriminierung in der Beschäftigung. ↩︎
  6. Die US-Regierung nutzte und brach Verträge als Instrument der Landnahme und Verdrängung indigener Nationen; die Politik der „Indian boarding schools“ zielte auf erzwungene Assimilation, u.a. durch das Verbot indigener Sprachen und die Trennung von Familien. ↩︎
  7. Eine politische Leitidee in den USA ist eng an den Second Amendment der Verfassung gekoppelt („… the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed.“). ↩︎
  8. Robert E. Lee (1807–1870), bekanntester General der Konföderation im Amerikanischen Bürgerkrieg. Er führte von 1862 bis zur Kapitulation 1865 die Army of Northern Virginia, die wichtigste Südstaatenarmee, und gilt bis heute als zentrale Symbolfigur der Konföderation und wird in den Südstaaten bis heute verehrt. ↩︎
  9. Hochschuldozenten für Marxismus-Leninismus ↩︎
  10. Militäranalyst Franz-Stefan Gady in Jung & naiv, Folge 804 vom Januar 2026 ↩︎
  11. Franz-Stefan Gady in Jung & naiv, Folge 804 vom Januar 2026 ↩︎
  12. „Jim Crow“ bezeichnet das System aus Gesetzen und Praktiken der rassistischen Segregation und Entrechtung (vor allem in den Südstaaten), das sich nach dem Ende der Reconstruction (späte 1870er Jahre) verfestigte und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bzw. in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung wirkte. Der Ausdruck geht auf eine Minstrel-Show-Figur/Lied aus dem 19. Jahrhundert zurück und wurde später zum Sammelbegriff für die gesetzlich erzwungene Trennung („Whites only“/„Colored“) in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens. ↩︎
  13. TIME vom 28. Juli 2020 ↩︎
  14. TAZ vom 23.6.2025: Bridge over Troubled Water: Der CDU-Politiker Jürgen Hardt sprach erst kürzlich davon. Es sagte enttäuscht, dass viele Deutsche glaubten, die USA kulturell so gut zu kennen, dass sie die Unterschiede der USA-Lebenswelten nicht sahen. ↩︎
  15. WELT vom 20.01.2026: „Wie erbärmlich“ – US-Gouverneur wirft Europas Regierungen Kniefall vor Trump vor ↩︎
  16. Unabhängigkeitserklärung (Declaration of Independence) vom 4. Juli 1776 ↩︎