Bild: KI DreamStudio – StableDiffusion – Krita
Ich surfe jeden Morgen nach dem Frühstück auf der Brandung der Onlinepresse – auf der Suche nach Neuigkeiten und Meinungen, die mir neue Einsichten schenken.
Am Sonnabend blieb ich an einer Headline der Frankfurter Rundschau (FR.de) hängen:
Ex-SPD-Abgeordneter kämpfte jahrelang für Ukraine-Hilfen, jetzt erklärt er, was „uns in den Abgrund führt“.1 Irritiert fragte ich mich: Welchen Weg in den Untergang will mir Michael Roth erklären? „… Politik aus Angst und Politik mit der Angst ist ein Irrweg, sie führt in den Abgrund“, zitiert Marcus Giebel den SPD-Genossen. Ich lese daraus lediglich die Beschreibung von Roths Haltung, die er in einem Dutzend von Talkshowauftritten immer wieder erklärte2 und der ich durchaus folge. Neu war daran nichts, außer, dass er das kürzlich noch einmal dem jungen Publikum des Magazin Watson 3 erklärte. Mit welcher Neuigkeit wollte die FR uns überraschen?
Mit Assoziationen ist es eigenartig, und ich weiß nicht, warum mir gerade jetzt der alte DDR-Witz wieder einfällt:
„In der Sowjetunion gibt es zwei große Zeitungen: Prawda (‚Wahrheit‘) und Iswestija (‚Nachrichten‘). In der Prawda steht keine Iswestija und in der Iswestija keine Prawda.“
Kaum blätterte ich weiter, sprang mir die Causa Julia Ruhs (KLAR) entgegen, d i e Nachricht, seit Donnerstag der vergangenen Woche, eine Woge aus Kommentaren, Empörungen, Bekenntnissen, Dementis. Während beim Roth-Stück die Neuheit fehlte, schien hier jeder eine eigene Wahrheit zu verkünden: Der NDR mit einer Erklärung, politische Seitenhiebe von anderswo, Solidaritätsadressen, Cancel-Rufe – alles zugleich, ein im Schreiton ausgetragener Kampf. Klar ist, KLAR wurde nicht verboten, doch finde ich die Entscheidung – „und da entschuldige ich mich jetzt schon für den Ausdruck“4 – saudumm! Ich frage mich, wie man denjenigen, die immer die Cancel-Culture in den deutschen Medien zu entdecken glauben, eine solche Steilvorlage geben konnte.
Nachdem ich die drei KLAR-Beiträge von Julia Ruhs noch einmal gesehen habe, verstehe ich noch weniger, warum sie im NDR nicht weitermachen soll. Gut, in der ersten Folge („Migration – was falsch läuft“) ist mir der Fokus auf die Gewalt von Flüchtlingen zu einseitig. In der zweiten („Der Frust der Bauern“) fand ich es ausgesprochen gut, den Bauern eine Stimme zu geben, unabhängig davon, ob mir einzelne Aussagen passen. Ähnlich geht es mir mit dem dritten Beitrag („Hat Corona uns zerrissen?“). Dort wird ausgesprochen, was viele im Land denken. An allen drei Sendungen kritisiere ich: Es werden vermeintlich regierungskritische Meinungen und Haltungen reproduziert, es wird nur wenig oder eher nicht nach Gründen für sie gefragt.
Nach anderen Bewertungen zum Ende von KLAR im NDR suchend, machte ChatGPT mich auf den Podcast von Paul Ronzheimer mit Georg Restle – Redaktionsleiter der Sendung Monitor vom WDR – aufmerksam5. Monitor: Schon als DDR-Bürger sah ich Claus-Hinrich Castorff, dann Gert Ruge, Klaus Bednarz und später Sonia Mikich in dieser Sendung, immer mit Sympathie und Interesse. Georg Restles Tonlage in seinen Moderationen erinnert mich manchmal mehr an einen kämpfenden politischen Aktivisten als an den einordnenden Journalisten. Ich finde es aber lohnend, ihm zuzusehen. Paul Ronzheimer dagegen war für mich immer der Kumpel vom BILD-Chef Reichelt und stellvertretender Chefredakteur von Springers Massenblatt, genug Grund für meine ablehnenden Vorurteile. Gegensätzlicher können die Journalisten nicht sein, dachte ich, hörte ihrem Gespräch zu und war erstaunt über den sanften Ton in Ronzheimers Fragen und Restles Antworten:
Restle wollte sich zur Entscheidung des NDR nicht äußern, nichts zu Personalentscheidungen dort sagen, da er vom WDR ist. Es war befremdlich für mich, den meinungsstarken Journalisten so zurückhaltend zu erleben. Auch zu den Sendungen von Ruhs hatte er keine Meinung, weil er sie nicht gesehen habe, und sie ihn auch nicht interessierten. Ich finde es, gelinde gesagt, irritierend, wenn ein Journalist zu einem Podcast geladen wird, zu dessen Gegenstand er nichts sagen kann, wahrscheinlich nichts sagen will, denke ich.
Restle sagt, er sehe nicht, dass konservative Stimmen im ÖRR zu kurz kommen. Den Einwand Ronzheimers kann er nicht nachvollziehen, wonach linke Prominente wie er selbst, Dunja Hayali, Anja Reschke und Jan Böhmermann dort den Ton setzen. Defizite im Umgang mit Kritik und Transparenz gebe es in allen Redaktionen, über Inhalte würde bei ihnen jedoch hart gestritten. Wo es journalistische Fehler gebe, müsse man sie korrigieren, und die Außenkommunikation sei immer verbesserungsbedürftig. Den journalistischen Auftrag müsse man ausführlicher erklären und stärker den Dialog zu den Hörerinnen und Hörern suchen.
Am Ende des Gesprächs wünschte sich Ronzheimer mehr sichtbare Vielfalt und konservative Stimmen im ÖRR, Restle ihn selbstbewusster, staatsferner und zugleich wehrhafter, dankte zum Schluss für den Meinungsaustausch und verabschiedete sich: „… und lass uns gerne weiter streiten und diskutieren hier und anderswo.“
Auf mich wirkte Georg Restle wie ein moderner Politiker: Verantwortungsbereiche gelten als gut geführt, Defizite werden eingeräumt – solange die Vorschläge im Ungefähren bleiben. Ich erkannte den aufklärenden Journalisten nicht wieder, außer, als es um die Gefahren durch die AfD ging.
Einen Satz von Restle suchte ich dann noch einmal im Podcast:
„Sag mir doch mal einen Bericht, den wir gemacht haben. Nimm eine ganze Sendung meinetwegen raus und sag, wo du da findest, dass wir hier ein parteipolitisches oder ein linkes Framing verbreiten würden“.
Ich frage mich, warum auch ich Georg Restle bisher für einen Linken gehalten habe, wobei das in meinem Weltbild kein Makel ist (solange damit nicht die Partei gemeint ist). Warum steht er nicht dazu, dem Ideal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verpflichtet zu sein? Ich sehe die Monitorbeiträge sehr wohl als Aufruf zur Emanzipation von Armut, Diskriminierung und Ausbeutung, als Eintreten für Gleichheit als materielle und rechtliche Gleichstellung, Brüderlichkeit als Sicherung sozialer Rechte. Er behauptet, nur ein macht- und regierungskritisches, investigatives Magazin zu machen, das im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Verfassungsauftrags Missstände aufdeckt, die Normalisierung von Extremismus verhindert, faktenbasiert einordnet und offen mit Öffentlichkeit und Fehlern umgeht. Nee, sag’ ich mir, Georg, so ist das nicht!
Ich sehe mir die Monitor-Sendungen dieses Jahres an und bitte ChatGPT 5 Thinking:
„Welcher Partei sind die Darstellungen in den Sendungen von Monitor des Jahres 2025 am nächsten? Mach eine Einordnung in das Parteienspektrum Deutschlands.“
Ich bekomme als Antwort:
„Über alle Sendungen hinweg liegt MONITOR am häufigsten nahe bei Grünen und Linken, oft relativ nahe bei der SPD, teils überlappend mit dem BSW in Sozial-/Verteilungsfragen, während CDU/CSU und FDP je nach Thema mal andocken – in Sicherheits-, China-, Tech- und, Institutionen-Themen, insgesamt aber distanzierter bleiben. Am weitesten entfernt ist regelmäßig die AfD.“ Die KI nennt mir auf Nachfrage die Quellen dieser Einordnungen: Zusammenfassungen von Episodenankündigungen und Pressematerial mit Berichten über die Inhalte. Die Bewertungen kommen mir plausibel vor. Aber sind sie deshalb korrekt? Ich verbringe den Rest des Tages mit dem Ansehen von Monitor-Sendungen. Sie scheinen das Fazit von ChatGPT zu bestätigen.
Die Sendung „Volk in Angst – Wie mit Verbrechen Politik gemacht wird“ vom April dieses Jahres verbreitet linkes Framing. Das ist für mich klar und ein Beispiel und Gegenstück zur Sendung von Julia Ruhs „Migration – was falsch läuft“. Letztere endet mit den Worten: „Michael Kyrath (Vater der 17-jährigen Ann-Marie, die am 25. Januar 2023 bei der Messerattacke im Regionalzug von Brokstedt getötet wurde) sieht ein Staatsversagen und einen Kontrollverlust. Er will sich weiter einsetzen für eine grundlegende Reform des Asylrechts, weil er glaubt, dass er das seiner Tochter Annemarie und ihrem Freund Danny schuldig ist.“ Im Abschluss der Monitorbeitrags klingt es so: „Politiker als Getriebene, Medien, die die Stimmung anheizen und Statistiken, die die Realität verzerren. Es ist schwer, mit Fakten gegen Ängste und Gefühle anzukommen. Vor allem dann, wenn damit Stimmung gemacht wird oder ein Geschäft oder Politik. Auch deshalb haben Populisten es ja so leicht, weil Ängste für sie der stärkste Treibstoff sind, gerade wenn es um Verbrechen geht.“
Das zeigt den Unterschied der Berichterstattung. Restle würde sagen, sein Beitrag sei nicht rechts oder links, sondern das Ergebnis objektiver Recherche. Konservative sehen das anders und ihn als linken Verharmloser realer Probleme, die viele Menschen bewegen. Sie beklagen, in den öffentlich-rechtlichen TV-Programmen würden konservative Stimmen nur ungenügend Platz haben. Ich sehe das ebenso, auch wenn ich diese Stimmen nicht vermisse. Doch ein hör- und sichtbares konservatives Spektrum im ÖRR wäre für mich kein Risiko, vielmehr eine notwendige Erweiterung des Meinungskorridors, solange diese dort endet, wo Menschenfeindlichkeit, völkischer Nationalismus oder die Aushöhlung von Grundrechten beginnen.
Wenn Empörung und Rechthabenwollen leiser treten, bekommen überprüfbare Fakten vielleicht mehr Platz im Weltbild vieler Zuschauer:innen, hoffe ich.
- FR.de ↩︎
- ChatGPT findet nach kurzer Recherche mindestens neun Talkshowauftritte seit 2022 , während der er seine Vorstellungen zum Ukrainekrieg Russlands darlegte (Lanz 4, Illner 3, Hart aber fair 1, Maischberger 1) ↩︎
- Watson.de: Michael Roth über den Kampf um die Ukraine, die SPD – und die eigene Psyche ↩︎
- Das habe ich von Bärbel Bas gelernt. ↩︎
- Podcast RONZHEIMER ↩︎
