Schreiben, was ist!?

Bild: KI DreamStudio – StableDiffusion – DALL.E – Krita


Zum Ende meldete sich ein Rückkehrer aus dem Publikum. Er habe 20 Jahre im Ausland gelebt und lobte die Berliner Zeitung: „Sie machen genau das, was ich mit Wolf Schneider an der Henri-Nannen-Schule gelehrt habe: Schreibt, was ist, nicht was sein soll.“

Mit diesem Zitat endet ein Beitrag der Berliner Zeitung auf Microsofts Web-Portal und Nachrichten-Aggregator1 MSN. Es wird über eine Podiumsdiskussion in Potsdam berichtet, die sich mit dem fehlenden Vertrauen der Menschen in die Medien beschäftigte2. Bei der MediaTech Hub Conference stand die Frage im Raum, ob die Krise der Glaubwürdigkeit ein besonderes ostdeutsches Phänomen sei.
Ich fasse es so zusammen, was der BLZ-Verleger Holger Friedrich auf dem Podium sagte: Es bestehe eine Vertrauenskrise in die Medien als Folge einer westdominierten Berichterstattung über den Osten. „Er plädierte für Dialektik: These, Antithese, Synthese“ statt Aktivismus, Propaganda und Parajournalismus. Er behauptet, über die Hälfte der Medien sei finanziell staatlich abhängig, beklagt fehlende Fehlerkultur und betont das höhere Vertrauen in regionale Medien. Daher wolle der Berliner Verlag eine strategische „Osterweiterung“ in Unabhängigkeit ohne fremde Finanzierung. Er wolle den Verlag „dem ostdeutschen Volk zurückgeben“.

Über Holger Friedrichs Meinung können Aktivisten, Propagandisten, Parajournalisten und echte Journalisten trefflich streiten. Ich bin nichts von dem, sondern nur der verwunderte Pressekonsument und frage mich, wie es aussähe, wenn strikt gelten würde: „Schreibt, was ist, nicht was sein soll.“

Wenig später finde ich einen MSN-Artikel der Frankfurter Rundschau mit dem Titel:
„Um teuren Ukraine-Krieg zu finanzieren: Putin erhöht die Steuern, Bevölkerung muss zahlen“
Wenn ich zusammenfasse, was ich dort als Fakten las, also, was angeblich ist, ohne es selbst prüfen zu können, dann so etwa: Russlands Finanzministerium will 2026 die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 % anheben, um steigende Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben zu finanzieren. Es erwartet daraus Mehreinnahmen von etwa 1 Billionen Rubel, zugleich würde ein Inflationsanstieg um 1,5% drohen und das Wirtschaftswachstums um 1% gebremst werden. Energieerlöse würden sinken und Reserven des Nationalen Wohlstandsfonds sinken. Auch dazu werden Zahlen genannt.

Wie jeder längere Zeitungsartikel verzichtet auch dieser nicht auf Bewertungen:
Die Bevölkerung zahlt für die teure Ukraine-Offensive. Massive Verluste an der Front belasten die Kriegskasse. Putins Projekt von der Eroberung der Ukraine erscheint als „teurer Traum vom Imperialismus“. Selbst das konjunkturelle Plus ist nur scheinbar. Die Menschen leiden bereits unter der Teuerung und die Steuererhöhung heizt die Inflation an. Russland ist ein „Papiertiger“, soll Trump gesagt haben, und selbst für den Präsidenten des Russischen Unternehmer- und Industriellenverbands (RSPP) Schochin sind die Steuererhöhungen „unangenehm“, wie er zugeben muss.

Geschrieben steht nur – wie gefordert – was ist und dann folgt eine Einordnung der Fakten. So geht journalistische Berichterstattung, denke ich, und sie unterscheidet sich von Verlautbarungen eines statistischen Amtes.
Die Frankfurter Rundschau berichtete in dieser Weise. Wie würden Journalisten anderer politischer Anschauungen schreiben, wie würden sie die gleichen Fakten darstellen? Wie würde jemand berichten, der der AfD oder dem BSW nahesteht, wie Uli Gellermann von der Rationalgalerie3, wie ein Verteidiger der bedingungslosen Unterstützung der Ukraine im Kampf gegen Russland, z.B. wie Michael Roth von der SPD? Für alle müsse gelten: Schreiben was ist?

Eine Suche nach Berichten zu den genannten Fakten der Wirtschaftslage in Russland durch die AfD, BSW, Gellermann oder Michael Roth (SPD) bleibt ergebnislos. Ich frage meine Assistentin ChatGPT, wie sie sich Berichte von solchen Autor:innen vorstellen würde. Ich wünsche mir fiktive Zeitungsartikel im jeweiligen Duktus, natürlich nur als Experiment.

ChatGPT stellt sich einen Artikel in Uli Gellermanns Rationalgalerie so vor, nachdem es mehrere Artikel zum Ukrainekrieg auf der Plattform „gelesen“ hatte. Ich bat um eine Zusammenfassung davon:
Die nackten Zahlen werden vorangestellt: Russland will 2026 die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent anheben; etwa 40 Prozent des Budgets fließen in Verteidigung und Sicherheit; Analysten erwarten rund eine Billion Rubel Mehreinnahmen, einen Inflationsimpuls von ca. 1,5 Punkten und gebremstes, aber positives Wachstum um etwa 1 Prozent. Gazprom weist für 2023 Verlust aus wegen der reduzierten Energieerlöse aus dem Westen. Der Nationale Wohlstandsfonds wird angezapft.
Nun folgt die Einordnung: Die Daten zeigen keinen „Kollaps“, den der Westen sich wünscht. Nein, der russische Staat bleibt trotz höherer Lasten handlungsfähig, Sozialleistungenwerden weiter bedient und wirtschaftlicher Verlust durch Märkte in China, Indien und im globalen Süden wird ausgeglichen. Die Steuererhöhung ist eine nüchterne, notwendige Haushaltsmaßnahme, nicht Vorbote des Zusammenbruchs.


Die Sanktionen haben nicht Moskau in die Knie gezwungen, sondern den Menschen in Europa geschadet durch teure Energie, Standortnachteile, Subventionslawinen. Die gängigen Medienwünsche wie „massive Verluste belasten die Kriegskasse“ oder „Putins teurer Traum“ sollen die Kriegsrealität pointiert bebildern und doch erzählen sie nur Fakes .
Zum Textende wird mit den westlichen Mythen aufgeräumt, die den Krieg am 24. Februar 2022 beginnen lassen und die wirkliche Vorgeschichte ausblenden, so die NATO-Erweiterung, den Maidanputsch, Sprachverbote und die Unterdrückungen der russischen Bevölkerung im Donbas. Wer Frieden will, muss diese Ursachen benennen dürfen, ohne als Relativierer zu gelten.
Ja, Russland trägt spürbare Lasten – Steuern, Inflation, Technologieengpässe –, doch sie werden getragen. Sanktionen bleiben Pose und keine Politik. Gebraucht werden Deeskalation, Diplomatie und eine Berichterstattung, die Zahlen sauber von Narrativen trennt, statt aus Daten Wunschbilder zu formen.

Meine Aufforderung an die KI folgt darauf:
Jetzt stell dir die Haltung von absoluten Befürwortern der Sanktionen, zB. von Agnes Strack-Zimmermann oder Michael Roth, vor. Wie würde ein Artikel aus einer solchen Feder zu den Fakten aus der Frankfurter Rundschau aussehen?
Schreib einen fiktiven Artikel nach der Maßgabe „Schreiben, was ist“. Mach dann eine ausführliche Zusammenfassung deines fiktiven Artikels.

ChatGPT schreibt:
Der Text argumentiert entlang harter Kennziffern (Mehrwertsteuererhöhung 2026 auf 22 %, ca. 40 % Staatsausgaben für Militär und Sicherheit, das bringt 1 Bio. Rubel Mehreinnahmen, die Inflation nimmt um 1,5 % zu bei einem Wachstum von nur noch 1 %. Er ordnet diese als Kostenbilanz als die eines kriegsgetriebenen Haushalts ein. Der Gazprom-Verlust, sinkende Energieerlöse und das Anzapfen des Wohlstandsfonds seien kein Zeichen von Stärke, sondern Ausdruck von ökonomischem Druck. Aus der Notwendigkeit unpopulärer Maßnahmen wie Steuererhöhung und Reservenabbau leitet der Text ab, dass Sanktionen wirken – nicht spektakulär, sondern schleichend: Exportkontrollen verteuern Beschaffung, Preisobergrenzen drücken Margen, Finanz- und Sekundärsanktionen lassen Umgehungsrouten versiegen. Die Folge sei fehlende nachhaltige Dynamik der Kriegswirtschaft. Russland halte den Betrieb zwar „noch“ am Laufen, zahle dafür aber einen steigenden Preis (mehr Steuern, höhere Inflation, technologische Engpässe, Produktivitätsprobleme); „Wachstum“ sei qualitativ schwach, weil kriegsgetrieben und kapitalverschleißend.

Daraus folgert der Text eine Doppelstrategie im Kampf gegen Russland: Sanktionen fortsetzen und nachschärfen (Schattenflotte bekämpfen, Dual-Use-Kontrollen, Haftung von Banken und Versicherern durchsetzen) bei gleichzeitiger konsequenter militärischer Unterstützung der Ukraine. Einem „Bumerang“-Narrativ wird entgegengehalten, dass Europa die eigenen Kosten durch Energie-, Netz- und Effizienzpolitik sowie gezielte Industriepolitik mindern könne. Sanktionsmüdigkeit berge ein größeres sicherheitspolitisches Risiko.
Der abschließende Befund lautet: Die gemeldeten Zahlen widerlegen Sanktionen nicht, sondern belegen ihre graduelle Wirkung; Ziel müsse sein, die Kosten für den Aggressor so weit zu erhöhen, dass Verhandlungen rationaler werden als die Fortsetzung des Krieges.

Was lerne ich daraus?

„Schreiben was ist“ kann überhaupt nicht bedeuten, kommentarlos nur Zahlen und Fakten zu nennen. Immer werden Autoren Meinungen haben, die sie verbreiten wollen, die einen nachdrücklicher, agitierender, vielleicht sogar aktivistischer, die anderen versöhnlicher im Ton. Ich finde nirgendwo „ausgewogene Berichterstattung“, schon gar nicht über unsere multivariate Welt. Subjektive Einstellungen zu ihr kann man nicht abschaffen, weder als Journalist noch als verwunderter Zeitungsleser.
Froh bin ich schon dann, wenn nachprüfbare Tatsachen und ihre Interpretationen nicht absichtlich in einem einzigen Knäuel verknotet werden, weiß aber auch, dass mit treuherzigem Augenaufschlag vorgetragene Lügen die Kampfschriften früherer Tage weitgehend ersetzt haben.

P.S.
Nach dem Schreiben des letzten Satzes hier las ich im Tagesspiegel die Überschrift:
„Die Objektivität der Presse“: Was Tagesspiegel-Gründer Erik Reger einst im RIAS zum weiterhin aktuellen Thema sagte.“4

  1. Die Charakterisierung habe ich von ChatGPT. ↩︎
  2. MediaTech Hub Conference: is a premier international boutique event, offering a personal conference experience in a one-of-a-kind location. Get your annual global update on the latest MediaTech trends for the film, TV, and streaming industry, and enjoy exclusive networking opportunities at the legendary Studio Babelsberg in Potsdam.
    (Selbstbeschreibung auf der Website.) ↩︎
  3. Uli Gellermann ist ein deutscher Journalist und Publizist, der auf seinem Blog „Rationalgalerie“ regelmäßig medien- und politik­kritische Kolumnen veröffentlicht. Die Seite versteht sich als gegenöffentliches Angebot und vertritt häufig NATO- und sanktionskritische Positionen, u. a. zum Ukraine-Krieg. ↩︎
  4. Tagesspiegel vom 26.09.2025 ↩︎