Krachend gescheitert!

Bildhinweis: Bild mit DALL-E generiert

Mein erster Blick heute auf die MSN-Schlagzeilen: „Verfassungsbeschwerde krachend gescheitert: Der RBB holt in Karlsruhe null Punkte.“1
Es gibt Wörter, die ziehen ihre Nachbarn magisch an. In der Politikberichterstattung ist eines davon zweifellos „gescheitert“. Und kaum ist es da, hat es seinen Kompagnon auch schon dabei: „krachend“, ein eingespieltes Duo in der Phraseologie. Journalisten kommen an ihm nicht vorbei, das Adverb ist schneller geschrieben als ein anderes gesucht, wie vielleicht „kläglich“ oder auch „jämmerlich“, „vollständig“, „restlos“ oder auch nur „weitgehend“, wenn über den Umfang einer Niederlage berichtet werden soll. Manchmal sollte auch der zeitliche Status des Scheiterns benannt werden. Wie wäre es dann mit: „endgültig“, „vorerst“ oder „vorläufig“? In der Zeit von KI ließe sie sich fragen: „Nenn mir Adverbien zum Verb gescheitert“. Ich hab’s gemacht. Nach 3 Sekunden hatte ich, geordnet nach inhaltlichen Bezügen, ungefähr dreißig Varianten.
Journalisten haben keine Zeit mehr, auch nicht, ein KI-Modell zurate zu ziehen. Und so bleibt es dabei: Kaum hat ein Politikjournalist „gescheitert“ gedacht, um es in die Tastatur zu hämmern, springt in das Adverb „krachend“ an. Nicht „kläglich“, nicht „grandios“, nicht einmal das schöne altertümliche „schmählich“. Nein: krachend, immer krachend.
Sei es nach der Bundestagswahl: „Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ist krachend gescheitert und seinem Herausforderer Friedrich Merz (CDU/CSU) deutlich unterlegen!2 oder im Spiegel zum UNO-Treffen über den Klimawandel: „Alle sind krachend gescheitert oder endeten mit einem Minimalkonsens. Ist die Krisendiplomatie am Ende?3, in der Süddeutschen ist ein „Schulkonzept der Regierung krachend gescheitert4 und in der ZEIT, die Reise Söders nach China.5 Da wundert es nicht, wenn Frau von der Leyen, deren Aufgabe bestimmt auch das Lesen der Qualitätsmedien ist, im Interview zu Putins Krieg sofort auf diese Wortverbindung kommt: „Er wollte mal Kiew erobern in drei Tagen und Lwiw in drei Wochen. Da ist er krachend gescheitert.“6

Ironischerweise verhalten sich die Autoren damit genau wie die KI-Sprachmodelle, vor deren Einfluss sie sonst so warnen – und manchmal vielleicht sogar zu Recht: Immer dieselbe Fortsetzung einer Wortfolge, immer das nächste „Top-Token“. Journalistische Routine verwandelt sich in eine Art unfreiwilligen Antwortgenerator: „Bitte setze ›gescheitert‹ fort.“. Es folgt „krachend“ mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 %.
Ich habe ChatGPT gefragt, warum Journalisten manchmal ähnlich handeln wie die KI. Die Antwort:
„Vielleicht ist es die Wucht, die im Adverb mitschwingt: ein publizistischer Gongschlag, ein Echo für den Boulevard. „Krachend gescheitert“ hat etwas Feierliches, etwas Endgültiges. Wer so scheitert, der fällt nicht einfach hin – er kracht zusammen wie ein Kartenhaus im Orkan. Es ist das Scheitern mit Soundeffekt.
Doch je öfter Leser:innen es sehen, desto lauter dröhnt die Redundanz und sie hören schon das Getöse, bevor der Satz beendet ist, und sie denken: Ach, wieder krachend. Wie ein Nachrichtenportal, das bei jedem Skandal denselben Tonbandknopf drückt.
So zeigt sich eine kleine Ironie der Medienwelt: Während Journalisten gern vor der Sprachverarmung durch KI warnen, schreiben sie selbst wie ein Autovervollständiger. „Gescheitert“? – „Krachend!“ Klick, Klack, Print.
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Es ist an der Zeit für ein stilistisches Befreiungsmanöver. Wäre es nicht erfrischend, wenn ein Gesetzesvorhaben einmal „grandios gescheitert“ wäre, eine Koalition „auf ganzer Linie“ und ein Parteitag „spektakulär“? Vielleicht sogar ein Projekt, das einfach nur „vollends“ scheitert – ohne Explosionsgeräusch?
Bis dahin bleibt mir das vertraute Echo dieses Wortknalls. Morgen früh beim Klick der Maus auf MSN lese ich es garantiert wieder: „krachend“. Und erneut wird, was eigentlich als journalistisches Donnerwetter gedacht ist, „krachend scheitern.

  1. Verfassungsbeschwerde krachend gescheitert: Der RBB holt in Karlsruhe null Punkte ↩︎
  2. https://www.zeit.de/news/2025-02/23/merz-siegt-scholz-am-boden-was-das-wahlergebnis-bedeutet? ↩︎
  3. https://www.spiegel.de/wissenschaft/gescheiterte-uno-umweltkonferenzen-der-frust-der-weltretter-a-11dee81d-b445-44fe-9e6e-7fc4879089f2 ↩︎
  4. https://www.sueddeutsche.de/politik/laut-opposition-schulkonzept-der-regierung-krachend-gescheitert-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-240320-99-407257 ↩︎
  5. https://www.zeit.de/news/2024-04/01/kritik-an-soeders-china-reise-krachend-gescheitert ↩︎
  6. https://www.welt.de/politik/deutschland/article256206142/ursula-von-der-leyen-putin-ist-strategisch-voellig-gescheitert.html ↩︎
  7. ChatGPT 5o ↩︎