Als ich vor längerer Zeit mit ChatGPT über das Halluzinieren sprach, machte es mir ein Gedicht, angeblich von Morgenstern geschrieben. Es handelt von der „eigenen Weltanschauung“ eines Schülers, der die einfachen Regeln der Arithmetik nicht gelten lassen will. Es lautet:
Zwei mal zwei ist vier,
sagt der Lehrer.
Zwei mal zwei ist drei,
sagt der Schüler.Du hast Unrecht,
sagt der Lehrer.
Ich habe meine eigene Weltanschauung,
sagt der Schüler.
Im Zentrum steht der Satz des Schülers: „Ich habe meine eigene Weltanschauung.“ Das wirkt absurd und komisch, weil hier eine objektive mathematische Wahrheit 2×2=4 mit einer subjektiven Überzeugung verwechselt oder sogar willentlich ersetzt wird. Das spiegelt genau das wider, was in der politischen und medialen Diskussion mit dem Begriff „alternative Fakten“ durch Kellyanne Conway berühmt geworden ist.
Ein Mensch beharrt auf einer Version der Wirklichkeit, obwohl diese nachprüfbar falsch ist. Der Anspruch, das Recht auf eine „eigene Wahrheit“ zu haben, wird über die Realität gestellt. In einem weiteren Sinne kann man das auch als eine satirische Zuspitzung jener Haltungen lesen, die alle Wahrheiten als relativ oder konstruiert ansehen – bis hin zur Leugnung der grundlegendsten Tatsachen. Das ist dann nicht mehr kritisches Denken, sondern Beliebigkeit unter dem Deckmantel von Individualität.
Bei Menschen nennt man das meist Irrglaube, Selbsttäuschung, manchmal auch Verschwörungsdenken, und wenn es gezielt geschieht, Lüge oder Propaganda.
Ich habe ChatGPT gebeten, mir eine Glosse dazu zu schreiben.
Mathematik mit alternativen Fakten
von ChatGPT„Zweimal zwei ist drei“, sagt der Schüler und lächelt, als hätte er eben die Schwerkraft widerlegt. Der Lehrer, der gerade noch glaubte, mit Kreide ließe sich alles beweisen, greift nach dem Schwamm der Vernunft. „Zweimal zwei ist vier“, sagt er und malt behutsam eine 4 an die Tafel, damit sie nicht gleich wieder vom Zeitgeist weggewischt wird.
„Das ist Ihre Meinung“, sagt der Schüler, „in meiner Weltsicht gibt es ein Sternchen für Interpretationsfreiheit.“ „In meiner gibt es ein Sternchen für Hausaufgaben“, sagt der Lehrer. „Und die zählen.“
Nun erhebt sich die Klasse zur demokratischen Abstimmung. Fünf Hände für die Drei, fünf für die Vier, sechs enthalten sich aus künstlerischen Gründen. Ergebnis: zweimal zwei ist fortan 3,5 mit Tendenz zur Empfindung, man könne das nicht entscheiden. Der Taschenrechner piept, weil er sich ausgeschlossen fühlt.
„Wir sind hier nicht im Feuilleton“, versucht der Lehrer, „hier ist Mathematik.“ „Gerade deswegen“, sagt der Schüler, „muss Vielfalt herrschen. Nicht jeder hat Zugang zur Vier.“
„Vier ist kein Privileg, vier ist ein Resultat.“
„Resultate sind Konstrukte“, sagt jemand hinten, der schon immer ahnte, dass die Welt aus verknoteten Strings besteht.Die Tür geht auf, der Referendar kommt herein, frisch aus einem Seminar mit dem Titel „Kompetenzorientierung in nichtlinearen Wirklichkeiten“. Er schlägt vor, die Multiplikation zu dekolonisieren:
a♥b = a·b − 1.
„Dann sind alle glücklich.“„Bis jemand Klammern setzt“, murmelt die Tafel.
Der Elternbeirat wurde bereits informiert. In der Chatgruppe „Klassenwahrheiten 7b“ heißt es: „Endlich Schluss mit dem Leistungsdruck durch die Vier. Meine Tochter war nie gut mit geraden Zahlen.“ Ein Vater schreibt: „Früher hat man noch gedacht, heute wird bewertet.“ Ein anderer: „Endlich traut sich mal jemand, den Dogmatismus der Mathematik zu hinterfragen. Wenn ich 3,5 Prozent mehr Lohn kriege, fühlt sich das auch an wie vier.“
Die Schulleitung veröffentlicht eine Leitlinie: „Wir stehen für Ergebnisoffenheit.“ Im nächsten Schuljahr soll ein Wahlpflichtkurs „Arithmetik der Gefühle“ starten. Lernziel: Zahlen aushandeln. Die Prüfungen sind mündlich, damit nichts hängen bleibt.
Der Lehrer versucht es noch einmal mit Pädagogik. „Stell dir vor, du bestellst zweimal zwei Brötchen und bekommst drei.“
„Wenn ich Hunger auf drei habe, ist das doch inklusiv“, sagt der Schüler.
„Und bezahlen musst du für vier?“
„Das ist doch nur ein Narrativ des Bäckers.“
Und doch denkt der Schüler: „Wer richtig rechnet, hat bereits aufgegeben. Die wahre Erkenntnis liegt im Irrtum mit Haltung, und der freie Schülerwille muss einfach gelten.“Am Ende der Stunde wird protokolliert, die Lerngruppe habe „multiperspektivische Rechenerfahrungen“ gesammelt. Eine Schülerin fragt, ob man dann bitte auch die Klausurpunkte multiperspektivisch zählen könne. „Ich hatte gefühlt eine Eins.“ Der Lehrer seufzt.
Draußen fällt Regen. Es ist ganz altmodischer Regen, der gerade herunterwill und darüber nicht diskutiert. Die Pfütze auf dem Hof hat den Umfang einer Pfütze. Kein Kind kommt auf die Idee, trockene Füße seien nur ein Deutungsangebot. Der Lehrer schaut hinaus, als wolle er den Wolken danken für ihre nonverbale Beweisführung.
„Also gut“, sagt er schließlich. „Heute kriegst du deine Drei. Morgen rechnen wir wieder. Und vielleicht merkst du, dass die Vier kein Feind ist, sondern eine verlässliche Freundin: Sie kommt, wenn man ruft – selbst dann, wenn man gerade keine Lust auf sie hat.“
Wenn wir die Regeln eines freien Schülerwillens in Gestalt einer eigenen Arithmetik auf die Missachtung der Realität durch Politiker übertragen, wie sieht die Welt dann aus, fragte ich die KI.
Die Antwort:
Wie sähe diese Welt aus?
Stell dir vor, der „freie Schülerwille“ wird Regierungsprinzip. Im Koalitionsvertrag steht es schwarz auf weiß: „Wir rechnen empathisch.“ Die alte Multiplikation gilt als elitär; neu eingeführt wird der Bürgerfreundliche ALL-Operator ♥ unter anderem mit der Regel (a ♥ b = a * b – 1). So entsteht die Republik der Alternativen Arithmetik.Im Ministerium für Öffentliche Kennzahlen erklärt man: „Wir senken die Arbeitslosigkeit, indem wir Bewerbungen mitzählen.“ Aus 4 Stellen und 2 Bewerbern werden dank ♥ plötzlich 7 Beschäftigte minus Gefühlskorrektur. Die Presse fragt nach der Differenz, der Sprecher lächelt: „Differenzen sind spaltend.“ Im Haushaltsausschuss wächst das Brückenbudget von drei auf fast vier Milliarden „gefühlt“ – und schrumpft am Bauzaun aber wieder auf drei, weil Beton nicht mitrechnet. Der Landesrechnungshof protestiert, doch im neuen Zahlenverständnis ist der Kassensturz ein „Kassennarrativ“.
Die die Inflation? „Relativ stabil“, sagt die Regierung, „denn 2 % ♥ 2 % sind 3 % – und 3 fühlt sich rund an.“ Die Energiepreise sinken pro Mitteilungsfrequenz. Wer häufiger kommuniziert, spart am Zähler. Das wird als kommunikativer Merit-Order-Effekt gefeiert. Der Strom fließt trotzdem wie früher, nur die Rechnungen fließen schneller.
In der Gesundheitspolitik wird die Wartezeit per Dekret halbiert: Zwei Quartale ♥ zwei Quartale ergeben drei – eine Verordnung, die man lange genug wiederholen muss, bis jeder Tumor überzeugt ist, nicht mehr wachsen zu wollen. Die Krankenkassen begrüßen „effizienzorientierte Zeitdehnung“, Ärzte nennen es stille Rationierung, erhalten dafür aber Fortbildungspunkte in „multiperspektivischer Heilkunst“.
Sicherheitslage: „Die Bedrohung ist minimal“, erklärt der Minister, „denn Risiko ♥ Vorsorge ergibt stets ein bisschen weniger von ihr.“ Es klingt beruhigend, bis ein Ereignis nicht nachgibt. Dann wird der Messfühler ausgetauscht – die Wirklichkeit habe „zu granular“ gemessen.
Die Klimapolitik schließlich glänzt mit „ergebnisoffenen Emissionen“. CO₂ wird in dialogischen Tonnen erfasst: Wer gut argumentiert, bekommt weniger Gewicht. Der Planet rechnet indes binär: Kippelemente kennen keine Gnade. Gletscher schmelzen ungerührt wie Sorbet im Regen; sie akzeptieren weder ♥ noch „nachhaltige Rundungspraktiken“.
Wahlen? Das Innenministerium für Mehrheitsgestaltung legt fest, dass 49 % ♥ 49 % ≈ 97 % demokratische Legitimation ergeben, sofern man den Willensradius erweitert. Der Souverän wundert sich, doch die Wahlprüfungsarithmetik bestätigt: „Die Zahl ist legitim, weil sie so werden wollte.“
Überall dieselbe Grammatik: Man verkürzt die Welt um eins, bis sie passt. Unbequeme Ränder des Problems werden wegdefiniert; Klammern setzt man nur dort, wo sie Vertrauen erzeugen. Und wie im Klassenzimmer gilt: Wer korrekt rechnet, hat „schon aufgegeben“; wahre Erkenntnis sei der Irrtum mit aufrechter Haltung.
Doch dann kommen die Realitäten, die nicht verhandeln: die Brücke, die fällt; die Intensivstation, die voll ist; die Stromleitung, die durchbrennt; die Rechnung, die fällig bleibt. Sie sind die Auditstellen der Wirklichkeit. Sie leiten kein Presseamt, füllen keine Kommentarspalte, und scheren sich nicht um das Herzzeichen in der Multiplikationsformel. Sie prüfen nicht, ob wir uns gut fühlen, sondern ob die Zahlen stimmen.
Am Ende steht die leise, unheroische Gegenformel: Verantwortung ist die Kunst, vor dem Kollaps richtig zu rechnen – nicht danach souverän zu erklären, warum drei gestern die bessere Vier war. In dieser nüchternen Arithmetik ist Wahrheit keine Meinung, sondern eine Quittung. Und sie wird immer in echter Höhe ausgestellt.
