Die Reise 2015

 Talsen

Jāņi – 2015

Wir fanden das Hotel, es heißt wie der Ort „Talsi“, ist ein trister Sowjetbau, ein überdimensionierter Kasten, kaum renoviert, bis auf die Rezeption. Die Internetseite des Hotels verspricht, was der  Realität nicht standhält. Die Zimmer sind sehr spartanisch mit IKEA-Möbeln (schöne feste Matratzen!) ausgestattet. Man hat einen wunderschönen Blick über einen der beiden Seen (Vilkmuižas ezers). Dieser Blick hat uns für manches entschädigt, was uns zutiefst unzufrieden machte mit dem Hotel. Der See wirkte bei jeder Tages-, auch Nachtbeleuchtung anders, ist mal sonnenbeschieden, mal neblig-trüb, dann wieder leuchtend um Mitternacht (wir waren schließlich zu der Sommersonnenwende und den langen Tagen dort) oder gar verschwommen, ein Zauber ohne gleichen ging von ihm aus.

Wir verabredeten uns telefonisch mit Miks, unserer Kontaktperson, für den nächsten Tag, machten uns aber trotz des stärker werdenden Regens schon mal auf den Weg zum Elternhaus unserer Mutter.  Wir gingen zu ihrem Geburtshaus in der Zvaigžnu iela 1 (Sternenstraße). Dort hatte unser Urgroßvater, Carl August Rohde (1832-1893), um 1870 eine Gärtnerei gegründet. Sie existiert nun zwar nicht mehr, dafür aber das von ihm 1875/76 erbaute Hause.Miks hatte für den kommenden Tag eine Besichtigung dieses Hauses mit den jetzigen Nutzern verabredet, und wir waren gespannt, Räume betreten zu dürfen, in denen einst Vorfahren gelebt haben.

Resaturant “Martinelli”

Zum Abendessen gingen wir ins „Martinelli“, ein Restaurant, quasi gegenüber des Rohdeschen Hauses in der Liela iela (Große Straße). Schon bei meiner ersten Reise nach Lettland hatte ich mich über den Namen gewundert. Dieser italienisch klingende Name gehörte schließlich zu unserem Onkel Oskar Martinelli, einst Pastor der lettischen Gemeinde in Talsi, und trat auch in der Gegend nicht weiter auf. Wir wissen nicht, ob irgendwelche Vorfahren eingewanderte Italiener waren, die vielleicht bei den Rastrelli-Bauwerken in Jelgava (Mitau) und Rundale (Ruhental) mitgeholfen haben könnten. Oskar hatte seinerzeit Herta Rohde geheiratet, eine ältere Schwester unserer Mutter. Er war ein späterer Nachfolger von Carl Amenda, einst Jugendfreund Beethovens in Wien. Oskar lebte, wie sein Vorgänger, auf dem Pastorats-Gut (einige Kilometer östlich von Talsi liegend) und bewirtschaftete es mit seinem Hofpersonal. Wir erfuhren nun, dass dieser wohlklingende Name vom Restauranteigentümer lediglich „ausgeliehen“ war, obwohl es keine persönlichen Beziehungen zur Familie unseres Onkels gegeben hat.

Das Restaurant machte einen freundlichen Eindruck, wirkte gepflegt und liebevoll mit kleinen Accessoires ausgestattet. Man sprach  selbstverständlich Englisch. Überhaupt war konnte man junge Leute in Lettland auf der Straße einfach auf Englisch fragen und sie antworteten in flüssigem Englisch . Wir aßen gut, preiswert im Vergleich zu deutschen Gegebenheiten. “Martinelli” scheint in Talsi der einzige Ort zu sein, wo man wirklich gut essen kann, jedenfalls bestätigten uns dies später auch unsere neuen einheimischen Freunde, die wir noch kennenlernen sollten.

Talsi ist eine Kleinstadt in der Provinz Kurland, dem westlichen Teil Lettlands, eingebettet in eine hügelige, eiszeitgeprägte Landschaft, erbaut vor etlichen Jahrhunderten auf neun Hügeln, im Tal zwei kleine Seen, einst möglicherweise ein einziger größerer. Hier lebten zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert Kuren, ein zur indogermanischen Sprachfamilie gehörender Volksstamm. Ausgrabungen von 1936 bis 1938 brachten viel altes Kulturgut zu Tage.

Kurenring

Unsere Mutter hatte als junges Mädchen selbst einmal einen so genannten Kurenring gefunden, einen mehrfach gedrehten Messingstab, der an einem Ende dünner auslief und zu einem Fingerreif oder Ohrring gebogen worden ist. Er war unserer Familie erhalten geblieben und wir brachten ihn jetzt als Gastgeschenk mit an seinen Ursprungsort. Wir  wollten ihn jemand geben, der das Stück zu würdigen weiß, ihn sozusagen zurückgeben an die Nachkommen einstiger  Eigentümer.

Talsi Evangelische Kirche

Talsi ist auch heute ein fotogener Ort mit vielen alten Häusern (einige sind restauriert, manche drohen einzustürzen oder sind grau und zugenagelt) und der weißen Kirche auf einem alles überragenden Hügel, mit den Spiegelungen im See, einem vielfältigen Grün der Bäume und den blumenbewachsenen Anlagen. Dieses Städtchen ist Zentrum der „kurländischen Schweiz“, wirklich idyllisch gelegen. Aus Gesprächen mit unseren Ortskundigen ging aber hervor, dass meist nur Tagesgäste den Ort besuchen, die abends ihr Bett in Riga oder in einigen der anderen größeren Orte gefunden haben. Dass das Hotel “Talsi”, unser Hotel, schlecht, manchmal gar nicht besucht zu sein scheint, können wir aus eigener Anschauung bestätigen, waren doch während unseres viertägigen Aufenthaltes höchstens sieben Gäste dort. 

Talsi Blick zur Kirche

Unser Urgroßvater, Carl August Rohde war als Gärtner nach Talsi gekommen, um dort eine eigene Gärtnerei aufzubauen. Nachdem er einen größeren Obstgarten erst pachten, später kaufen und zu einer Gärtnerei ausbauen konnte, wurde auch ca. 1876 sein Haus fertig. Er war ein typischer Einwanderer, der versuchte hatte, sein Glück in einem fernen Land zu machen, ein Deutscher aus Wildberg bei Neuruppin, Sohn eines Schlachters, welcher sicherlich Mühe gehabt hatte, seine neun Kinder durchzubringen. Carl August war Gärtner geworden, hätte aber als Ältester auch das Geschäft des Vaters über- nehmen können, wollte es wohl nicht. Er war in verschiedenen Gärtnereien tätig, meist in der Nähe von Berlin, bis er als ca. Dreißigjähriger dem Ruf eines Baron Korff folgte, der einen Gärtner auf seinem Gut Katharinenhof in Priekule (Preekuln/Kurland) benötigte. Dort heiratete er im November 1862 die Tochter eines Webers.

Unser Großvater, Boris Georg Wilhelm Rohde, wurde dort im August 1863 geboren, als Erster von weiteren sieben Geschwistern, von denen nur drei überlebten. Dessen Vater, unser Urgroßvater Carl August, aber ging schon bald nach Balgallen (Balgale), ungefähr 20 km in südöstlicher Richtung von Talsi entfernt, auf ein Gut, das zu den Besitzungen der Fürstenfamilie Lieven gehörte. Er arbeitet dort als Gutsgärtner. Hier wurde 1864 ein weiteres Kind, Karl Friedrich, geboren. Aber schon 1866 finden wir die Familie in Talsi, möglicherweise bereits als Pächter des ehemaligen Kupfferschen Gartenlandes. Dort wurde im Dezember 1866 die Tochter Wilhelmine Henriette geboren, unsere Tante Minchen, die ich noch in Lüneburg 1956 kennlernen durfte als letzte Vertreterin unserer Großvatergeneration. Sie starb im hohen Alter von 102 Jahren 1968. Der Urgroßvater kaufte schließlich das bereits gepachtete Grundstück, baute sein Haus, das er 1876 beziehen konnte und bewirtschaftete mit Fleiß seine Gärtnerei:

Geburtshaus unserer Mutter

Unsere Gärtnerei lag auf einem Abhang in drei Abstufungen, sehr ungünstig,
denn die Nord-Ost-Winde fegten dar
über hin und es waren wenige gerade Flächen,
die zum Anbau des Gemüses nötig waren. Mein Großvater Car
lAugust Rohde mag wenig
an diese Dinge gedacht haben, als er den alten Obstgarten in Talsen pachtete.
Er war wohl froh, sei
nen Wunsch, eine eigene Gärtnerei zu gründen, erfüllt zu sehen.

schreibt  unsere Mutter in ihren Erinnerungen.