Baltikum 2014

Die Moskauer Vorstadt und Russen in Riga

Südlich der Rigaer Altstadt schließt sich die Moskauer Vorstadt an. Ich fahre mit dem Auto an den Markthallen vorbei, zunächst an der Düna entlang, dann auf einer zweispurigen Straße, in der Mitte Straßenbahngleise, links und rechts speicherähnliche  Bauten. Hinter einem leeren Platz, halb asphaltiert und zum Parken genutzt, halb mit Gras bewachsen, ist das vielstöckige Gebäude der  Akademie der Wissenschaften zu sehen, Stalingotik wie der Kulturpalast in Warschau oder die Lomonossow-Universität in Moskau, kleiner als diese beiden Bauten, doch ein Fremdkörper inmitten baulicher Tristesse. Rechts geht es wieder zur Düna – zum Ghetto-Museum. Alte Gebäude mit vernagelten Fenstern. Ich wende das Auto. Etwas später fahre ich auf einen Platz zu, dessen Mitte die klassizistische protestantische Jesus-Kirche – das größte hölzerne Bauwerk Lettlands – einnimmt. Menschen sitzen auf den Stufen. Etwas weiter vorn komme ich auf die Maskavas iela – die Moskauer Straße, Namensgeberin des Viertels, wirklich heruntergekommen. Völlig aus dem baulichen Rahmen fällt die Grebenschtschikov-Kathedrale, deren goldene Kuppel weithin sichtbar ist, Wahrzeichen altgläubiger Orthodoxie. Ich steige aus, gehe ein paar Schritte auf den sehr gepflegten weißen Gebäudekomplex zu. Begegnet man Menschen, hört man Russisch. Die Moskauer Vorstadt ist  bis zum heutigen Tag so etwas wie das Zentrum der russisch-stämmigen Bevölkerungsanteile Rigas, seit Jahrhunderten ein Sammelplatz russischer Sekten  wie der Feodosijaner oder Altgläubigen, deren Vorfahren sich bereits zu polnischer und schwedischer Zeit vor den Folgen ihres Widerstandes gegen die Kirchenreform des Metropoliten Nikon in den Schutz des Protestantismus geflüchtet hatten.  Bei Julius Eckardt lese ich:  Von der eigentlichen Stadt durch einen breiten Gürtel von Baumgängen und mächtigen Speicherreihen getrennt, bietet dieser Stadtteil das in den Ostseeprovinzen sonst unbekannte Bild echt russischen Lebens. Hier sind die Deutschen in der Minderzahl wenngleich an der Spitze der Lokalverwaltung. In niedrigen, meist grün angestrichenen Holzhäusern hausen bärtige Männer, die das nationale rote Hemd über den Beinkleidern tragen und als Kleinhändler, Hafenarbeiter, Zimmer- und Fabrikleute ihr Leben fristen. Ihrer Mehrheit nach gehören sie der extremsten Richtung des russischen Schisma, der ,,popenlosen« Sekte an: wegen der Toleranz, mit welcher der rigasche Rat sie in Zeiten der Bedrückung gegen den Verfolgungseifer «rechtgläubiger« Eiferer geschützt, namentlich ihre priesterlich nicht eingesegneten Ehen anerkannt hat, sind sie entschiedene Freunde des herrschenden deutschen Elements und gute Bürger der alten Hansestadt. Während der Sommermonate sammeln sich in den Straßen dieses entlegenen Quartiers, das mancher Bürger der anderen Stadtteile kaum einmal im Leben betreten hat, zahllose «Strusenrussen«, kleine, häufig bartlose Gestalten, an dem schmutzigen Schafspelz und dem Filzkegel aus dem Kopf erkennbar, Männer welche auf ungeheuren, mit Flachs und Getreide beladenen Holzbarken (Strusen) zur Zeit des Hochwassers der Düna aus Littauen und Weißrußland herabgekommen sind. Sind ihre Waren an den Großhändler abgesetzt, so zerstört das Beil des Flussschiffers die Barke, deren Balken dann verkauft werden, er selbst aber kehrt mit der Eisenbahn in seine Heimat zurück, um den Winter über von dem Erlös seiner Frühjahrsschifffahrt  zu leben. Dieser Geschäftszweig spielt in dem Handelsleben Rigas eine bedeutende Rolle, soweit das Auge reicht, bedecken diese mächtigen rohgezimmerten Flußfahrzeuge den stattlichen Strom, und das gesamte Ufer der moskauischen Vorstadt bildet einen einzigen großen Lade- und Stapelplatz.”*

Außerhalb der Russischen Vorstadt waren in Rigas politischer und kultureller Öffentlichkeit während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Russen kaum zu bemerken. Vereine wie bei den Deutschen und Letten gab es nicht. Russen gingen ihrer Arbeit nach und blieben in der Familie. Das erstaunt mich, ist Riga doch die Hauptstadt einer russischen Provinz.  

Von den 26000 Russen, die  1867 in Riga leben,  sind ein großer Teil Angehörige des Heeres ohne Kontakt zum zivilen Leben., der andere Teil Arbeiter, Kleinhändler, Gewerbetreibende oder Dienstboten. Nur etwa 600 hatten bürgerliche Berufe als Beamte, Ärzte, Fabrikanten oder Kaufleute. Die  Russen waren zusätzlich noch konfessionell getrennt. Ein Drittel von ihnen waren Altgläubige. In späteren Jahren gründeten reiche Kaufleute den Russischen Klub, zunächst ein Ort gesellschaftlichen Lebens auch für Deutsche und Juden, wenn letztere über genügende Reputation verfügten. Mit zunehmender Politisierung durch die Versuche der Unifizierung des russischen Reiches durch Alexander III. und  dem Aufkommen einer slawophiler Stimmung änderte sich die liberale Haltung. Deutsche traten aus dem Klub aus, Feindbilder vom „separatistischen Deutschen“ und vom „revolutionären Letten“ wurden verbreitet. „In Russland kann es nicht zwei oder mehr gleichberechtigte Kulturen geben, die russische Kultur muss, wie der Staatsgedanke, im ganzen russischen Reich größere Rechte besitzen und vor ihren Forderungen müssen die deutschen, lettischen und übrigen kulturellen Sonderbestrebungen zurücktreten“**  schreibt der Rizskij Vestnik am 13.7.1910. Diese Haltung nahmen vor allem die neu ins Land und nach Riga gekommenen Beamten, Hochschullehrer und Lehrer ein, weniger die ursprünglich in der Stadt lebenden Russen. Zunehmende soziale Differenzierung führte zu verstärkter Änderung der politischen und kulturellen Haltungen russischer Einwohner. Der Ausbruch des I.Weltkriegs vereinigte die Russen Rigas. Sie gründeten das Slawische Hilfskomitee zur Unterstützung der Soldaten, in dem sich Rechtskonservative, Orthodoxe und Juden, Angehörige aller sozialer Schichten, Frauen und Männer, Russen, Weißrussen, Polen und Ukrainer zusammenfanden. Wegen der deutschen Besatzung flohen viele Russen. Nach Gründung des lettischen Staates erhielten sie Minderheitenrechte,  und nach der sowjetischen Besatzung wurde Lettland Siedlungsgebiet von Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion, denn Lettland sollte im Wirtschaftsgefüge der Sowjetunion schwerindustriell tonangebend werden. Russische Fremdarbeiter kamen zu Hunderttausenden ins Land, und noch heute stellen sie rund ein Drittel der Bevölkerung. Nach der Neugründung Lettlands 1991 machte sich Massenarbeitslosigkeit breit. Verlierer der Stunde waren in erster Linie die weniger gut ausgebildeten Industriearbeiter, viele russischer Herkunft. Lange unterdrückte Ressentiments und aufkeimender lettischer Nationalismus breiteten  sich aus. Den verbliebenen Russen ist es bis heute nicht gelungen, in der lettischen Gesellschaft richtig Fuß zu fassen, Chancengleichheit oder gar gesellschaftliche Privilegien bleiben ihnen weitgehend  verwehrt. Viele von ihnen haben keine lettische Staatsbürgerschaft – sie sind sogenannte Nichtbürger, sind nicht wahlberechtigt, besitzen kein politisches oder kulturelles Gewicht. Ich hoffe sehr auf ein Umdenken der lettischen Gesellschaft, auch in deren eigenen Interesse. Wenn auch die Nichtbürger außer dem Wahlrecht und Schwierigkeiten, Anstellungen im öffenlichen Dienst  zu bekommen, alle EU-Rechte besitzen, wird ihr Status von vielen als ungetrecht und diskriminierend empfunden, sicherlich ein Unruheherd***


**Rizskij Vestnik am 13.7.1910, zitiert in : Ulrike v. Hirschhausen: Die Grenzen der Gemeinsamkeit, Deutsche , Letten,Russen und Juden in Riga 1860-1914,  Göttingen 2006