Baltikum 2014

Tallinn


Wir nähern uns Tallinn. Auf der autobahnähnlichen Autostraße 1 fahren wir von Osten kommend durch unschöne Industriegebiete und Vororte der Hauptstadt. Rechts der Straße auf Schienen unendliche Reihen von Tanklastzügen. Die Abhängigkeit von russischem Erdöl ist sichtbar.  Dann die Wohnsilos mit sozialistischer  Architektur, ein Kraftwerk. Der Verkehr wird dichter, Baustellen, Straßeneinengungen, leere Grundstücke, die noch auf eine Bebauung warten. Links vor uns sehen wir die Türme der Altstadt, dann das Hinweisschild zum Hotel PK Ilmarne.  An einem gelben Industriebau entlang führt die Straße zum Hotel, das in einer ehemaligen Fabrik sehr modern eingerichtet wurde. Linkerhand ein Platz mit  Kreisverkehr, dahinter ein gedrun- gener  Turm, die Dicke Margarethe. Wir biegen rechts ab. Durch einen gemauerten Torbogen geht es auf den Parkplatz des Hotels und zum Gästeeingang. Die Straße geradeaus scheint direkt ins Meer zu führen. Es ist die Straße zur Linnahall – einem Betonkomplex, der zu den Olympischen Sommerspielen 1980 fertiggestellt wurde als Zentrum der Segelwettbewerbe. Da man im Hotel mit unserer Reservierung irgend etwas vermasselt hat, bekommen wir nach einigem Palaver ein “upgegradetes”  Zimmer mit einem kleinen Sofa, Kühlschrank und einem komfortablen Bad mit Wanne. Ich sehe nach dem WLAN-Anschluss, klar, er ist da. Der Uhr nach ist es Abend, dem Sonnenstand ist das nicht anzusehen. Wir brechen in die Altstadt auf. Eigentlich wollen wir nur ein Restaurant für das Abendbrot finden, keinen langen Spaziergang machen. Hinter dem Torbogen der Dicken Margarete wenden wir uns nach rechts, gehen eine Straße an der Stadtmauer entlang. Bald kommen wir an das Meriton Old Town Hotel, von dem Maria B. Brigitte erzählte, hier sei ihr Vater immer abgestiegen. Heute wird es von Russen bewirtschaftet wie auch das Restaurant, das wir als einzige Gäste besuchen. Wir erörtern die Möglichkeit des Boykotts einer russischen Einrichtung durch die Esten nach der Annexion der Krim durch Russland. Seit März dieses Jahres (2014) betrachtet Russland nach einem inszenierten Referendum die Krim als Teil der Russischen Föderation. Für die Esten eine Erinnerung an 1940. Nach dem Essen – sehr russisch mit marinierten Pilzen, Borschtsch, Knoblauchbrot, Nicole danach Boeuf Stroganoff, Brigitte und ich Kotelett po Kiewski – sprechen wir wieder über die Landesgeschichte vielmehr die Geschichte der Baltischen Länder Estland und Lettland, über die berechtigten Ängste vor Russland. Die baltischen Staaten, Mitglieder des Völkerbundes, verloren ihre Selbständigkeit infolge der  Vereinbarungen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts (man nennt ihn heute auch Hitler-Stalin-Pakt). Diese Vereinbarung setzte die Sowjetunion Mitte Juni 1940 durch die Okkupation aller drei baltischen Staaten um. Sie wurden zu Sozialistischen Sowjetrepubliken. 1941 folgte die deutsche Besetzung. Auch nach deren Ende 1945 konnten diese Länder ihre Unabhängigkeit nicht wiedererlangen. In den Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam stimmten die Alliierten stillschweigend einer erneuten Eingliederung der baltischen Staaten in die Sowjetunion zu. Erst der Zusammenbruch der Sowjetunion  brachte 1991 die Selbständigkeit zurück.

Schon während der  sowjetischen Besetzung 1940–1941 wurden aus politischen Gründen  in Estland  mehrere tausend Personen festgenommen, bei Kriegsausbruch in russische Gefängnislager gebracht, hunderte zum Tode verurteilt und in Estland hingerichtet. 1941 folgten Massendeportationen in die Sowjetunion ein. Die deutsche Okkupation brachte tausenden Juden den Tod, ebenso sehr vielen anderen estnischen Bürgern. Dennoch haben Esten in verschiedenen Truppenverbänden der deutschen Armee gedient, um – wie heute gesagt wird – gegen die verhassten Bolschewiken zu kämpfen. 1944 sind beim Vorrückenden der Roten Armee etwa siebzigtausend Menschen aus Estland geflüchtet oder als Militärs zusammen mit der deutschen Armee gegangen. Dem Abzug der Deutschen folgten die sowjetischen Truppen und 1949 erneute Deportationen, da viele Kleinbauern sich verweigerten den Kolchosen beizutreten, die im Lauf der 1940er Jahre gefründet wurden. Dabei ist zu bedenken: erst nach der Landreform 1919 waren die Bauern zu Eigentum gelangt und nun erbitterte Gegner der Kollektivierung. Nach diesen geschichtlichen Erfahrungen kann es nicht verwundern, dass die neue Selbständigkeit für die Esten ein so hohes Gut ist und dass man vor Russland Angst hat. Ich weiß wenig vom gegenwärtigen Umgang der Esten mit ihrer russischen Minderheit, die so gering nicht ist, in Narva sind es noch 95% der Menschen, im ganzen Lande 25%. Ein Ruf estnischer Russen nach Unterstützung durch das “Mutterland” könnte für Estland fatale Folgen haben. Ich lese später*: Es gab erhebliche Unruhe unter der russischsprachigen Bevölkerung, als 2007 das Denkmal des Rotarmisten aus der Innenstadt Tallinns verbannt wurde, das Esten als Symbol der Unterdrückung ansahen, Russen als das der Befreiung vom Faschismus. Anscheinend ist in Estland noch ein weiter Weg zu gehen, bis man erkennt, dass zum Umgang mit der eigenen Geschichte ein offener Klärungsprozess nötig ist, dass die überkommene und in den Baltischen Ländern geübte „sowjetische“ Art der Geschichtsbetrachtung überwunden werden muss. In Lettland ist es kaum anders. Weil die Sowjetzeit so viel näher ist als die deutsche Okkupation, während der viele Esten und Letten  auf deutscher Seite kämpften, erscheint jeder, der die Rote Armee bekämpft hat, als positive Figur, einschließlich der Legionäre der Waffen- SS. Diese Sichtweise steht in starkem Kontrast zum Geschichtsbild der meisten Russen, die eher an die Befreiung vom Faschismus als an die Besetzung des Baltikums erinnern wollen. Konflikte sind unvermeidlich und werden von Hardlinern beider Seiten geschürt. Auch bei meinem späteren Besuch des Okkupationsmuseums in Riga soll mir das sehr deutlich werden.

Wir gehen zum Hotel zurück, an der Stadtmauer entlang. Ich schlage eine  Abkürzung durch einen Park vor. Sie erweist sich als erhebliche Wegverlängerung, so dass wir – nicht zur Freude aller – zu einem recht umfangreichen Spaziergang gezwungen werden. In unserem Hotelzimmer müssen wir uns mit Schwarzbrot und Wodka  stärken. Die Gespräche drehen sich wieder um die Landesgeschichte

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, es ist Sonntag, brechen Brigitte und Nicole zu einem Gang durch die Altstadt auf. Ich bleibe zurück und lese in den Lebenserinnerungen meines Vaters. Nach der Rückkehr erzählen B. und C.:  Die  evangelischen Kirchen waren wegen der Gottesdienste nicht zu besichtigen, dafür aber die Newski-Kathedrale mit Weihrauch und orthodoxem Gesang. Von außen aber konnten sie alle touristischen Sehenswürdigkeiten würdigen.

Mittags fahren wir nach Kadriorg  (Katharinental), einem der besseren Stadtteile. Brigitte weiß, dass das dortige Barockschloss  eine Kunstsammlung beherbergt. Wir stellen das Auto ab und  kommen in einen wunderbar naturbelassenen Park. Russisch sprechende Familien flanieren hier, so fragen wir auf Russisch nach dem Weg. Das Schloss, das Peter I. als Sommerresidenz errichten ließ, ist ein Prachtbau, rot-oker Barockmauerwerk, strahlend blauer Himmel darüber, blühende Kastanien, umwerfend schön. Trotz des Schlosses blieb der Stadtteil am Anfang des 19. Jahrhunderts eine Tallinner Vorstadt unterer Schichten. Erst nach und nach kamen Ausflügler an die nahen Strände. Mit der Zeit entstand ein  mondänes Seebad, Bürgerhäuser wurden errichtet, und als die Töchter Nikolaus I. hier ab 1832 den Sommer verbrachten, stieg Kadriorg endgültig zu einer feineren Gegend auf.

Wir fahren zurück in die Stadt, durchqueren sie in Richtung Westen. Unser Ziel sind die Klippen von Türisalu, Dort schauen wir von einer Aussichtsplattform über das Meer, an dem Nicole den von Mittelmeer und Atlantik vertrauten Seegeruch vermisst, wollen dann etwas essen und finden auf der Weiterfahrt ein reizvoll gelegenes Gartenrestaurant an einem Wasserfall. Wir sitzen in der Sonne, das Leben ist gut, wir genießen es. Bis wir auf der Rückfahrt nach Tallinn die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Klooga besuchen.


* Karsten Brüggemann: Peter und Aljoscha: Zwei entsorgte imperiale Denkmäler in Tallinn und ihr Potential als europäische Erinnerungsorte,  In: Themenportal Europäische Geschichte (2012)