Baltikum 2014

Das Lebensgefühl der Deutschbalten

Ich will über die Situation – besser: über die deutschbaltische Eigenwahrnehmung der Situation – genaueres wissen, lese viel und finde im Internet die deutsch-baltischen Zeitungen im Faksimile*, Hinweise in Aufsätzen, Büchern**,***,**** Mir wird klar, der Wille, im Lande zu bleiben und sich mit den politischen Verhältnissen anzufreunden, war nach der Gründung der Lettischen Republik unter den Deutschen gering und das hatte eine längere Vorgeschichte.

Der  Verlust der ökonomischen, politisch und kulturellen Privilegien nach Gründung der lettischen Republik wog schwer. Viele fühlten sich zunehmend fremd im Land. Die Zahl der Deutschen hatte nach dem Ersten Weltkrieg stark abgenommen.  Viele waren wegen der unzureichenden materiellen Lebensbedingungen in den von Deutschland besetzten russischen Provinzen ins „Reich“ gezogen, auch wenn man zunächst die deutschen Truppen mit Hurra begrüßt hatte.

Die  Familie meines Vaters gehörte auch zu denen, die zeitweise im Reich ihr Auskommen suchten. Sie kam aber zurück, als es in Ligat wieder Arbeit gab und die Fabrik unter lettischen Besitzern erneut zu produzieren begann.

Die Deutschen bewegte die  Frage, ob sich das Schicksal der Volksgruppe in den Jahren nach 1917/1918 nicht endgültig erfüllt hatte. Was bedeutete das Bleiben in den neuen nationalen Staaten? Die 20iger Jahre hindurch wurde diese Frage unter Deutschen diskutiert. Für sie alle galt, die ethnische Eigenständigkeit auch unter den neuen Bedingungen zu verteidigen. Darüber war man sich einig, über das Wie aber nicht. Die einen forderten für die Volksgruppe die alten Privilegien zurück, den anderen genügten vom Staat akzeptierte Minderheitenrechte, kulturelle Eigenständigkeit, Religionsausübung, Sprache und Schulen.  Als die faschistischen Bewegungen in Europa erstarkten, wurde zunächst in kleinen Kreisen, meist von baltischen Jugendlichen,  eine erneute Aufwertung des Baltentums gefordert. Die  Machtergreifung der Nazis in Deutschland beflügelte die sogenannte „Bewegung“, das Gedankengut der Nationalsozialisten wirkte. Gefördert wurde diese Haltung durch die erstarkende autoritäre Staatsführung nach dem Staatsstreich unter Karlis Ulmanis in Lettland 1934  und  Konstantin Päts in Estland. Man forderte, sich der Anerkennung  eines bloßen Minderheitenstatus in Lettland entgegen zustellen und  dem  „Opportunismus“, sich als Bürger dieses Staates zu fühlen, ein Ende zu machen: „Wir wollen eine Bewegung organisieren, die bereits da ist und die man in den Herzen vieler spürt. Wir wollen alle die vielen Kräfte sammeln, die innerlich zur Mitarbeit bereit sind. Wir wählen aus formalen Gründen dazu den Rahmen einer Partei. Wir erklären ausdrücklich, dass wir keine Partei im hergebrachten Sinne sein wollen, keine Partei unter vielen. Wir wollen die Keimzelle einer neuen Gemeinschaft unseres Volkes bilden. Unsere Bewegung soll alle Schichten unseres Volkstums und namentlich die Jugend umfassen und innerlich lebendig machen.*****, so der neue Führer der Bewegung Erhard Kroeger.  Mit der Zeit durchdrang die nationalsozialistische Propaganda das deutschbaltische Bewußtsein. So  bemerkte der aus dem Baltikum stammende Dresdner Bischof  Hugo Hahn, führender Vertreter der Bekennenden Kirche Sachsens, bei seinem Besuch in der Heimat 1939: „Wir verstanden uns politisch nicht mehr mit unseren Landsleuten. Die NS-Propaganda hatte sich in der Zwischenzeit ausgewirkt. Insbesondere hatte sie die Jugend eingenebelt, aber die Alten ließen sich von der Torheit der Jugend ins Schlepptau nehmen.****** Die zunehmende Radikalisierung und Übernahme politischer  Argumentation aus Nazideutschland, sowie die offen kirchen- und  christentumsfeindliche Propaganda schreckte allerdings einige Christen im Baltikum ab. Für sie galten die  Worte der  Apostelgeschichte 5,29: „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Aus diesen Kreisen kam der größte Teil derjenigen, die die „Bewegung“ im Baltikum und den Nationalsozialismus ablehnten. In einer „Kundgebung der Pastoren der Deutschen Evangelisch-lutherischen Kirche in Lettland“ wurde angesichts des erstarkenden deutschen Nationalismus hervorgehoben: „Nur Jesus Christus, der Herr der Geschichte macht uns frei von Schuld Tod und Verderben, aus dem uns kein menschliches Wollen und Tun, Denken und Sein  erlösen kann.******. Darin stimmte man mit den Grundsätzen der Bekennenden Kirche völlig überein.

Auf diese zwiespältige geistige Haltung der Deutschen im Baltikum traf die Rede Hitlers vom 6. Oktober 1939. Ziel sei nunmehr  die „Herstellung einer Reichsgrenze, die den historischen, ethnographischen und wirtschaftlichen Gegebenheit gerecht wird“ und die  „Befriedung des gesamten Gebiets“, die „Gewährleistung der Sicherheit und der  Neuaufbau von Wirtschaft und Verkehr. Als wichtigste Aufgabe aber: eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse, das heißt, eine Umsiedlung der Nationalitäten so, dass sich am Abschluss der Entwicklung bessere Trennlinien ergeben, als es heute der Fall ist.“. Und weiter heißt es in der Rede: “Ja diesem Sinne aber handelt es sich nicht um ein Problem, das auf diesen Raum beschränkt ist, sondern um eine Aufgabe, die viel weiter hinausgreift. Denn der ganze Osten und Südosten Europas ist zum mitnichthaltbaren Splittern des deutschen Volkstums gefüllt. Gerade ihnen liegt ein grund und eine Ursache fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen. Im Zeitalter des Nationalitätenprinzips und des Rassegedankens ist es utopisch, zu glauben, daß man diese Angehörigen eines hochwertigen Volkes ohne weiteres assimilieren könne. Es gehört daher zu den Aufgaben einer weitschauhenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedlungen vorzunehmen, um auf diese weise wenigstens einen teil der europäischen Konfliktstoffe zu beseitigen******* “. Wer Hitlers Rede aufmerksam und kritisch gehört  hatte, dem konnte das umfassende völkisch-rassische Neuordnungskonzept nicht entgangen sein, das durch  Vertreibungen, Deportationen und Völkermord Siedlungsgebiete für „arische“ Deutsche schaffen sollte. In einer  Passage seiner  Rede sprach Hitler deutlich nicht mehr nur von der „Ordnung des gesamten Lebensraums nach Nationalitäten“, sondern auch von einer „Ordnung und Regelung des jüdischen Problems*********“.  Wer aber wollte das unter den Deutschbalten schon kritisch bewerten? Ich habe immer unsere baltische Aufgabe darin gesehen, Deutschlands Vorposten zu sein und Asien zurückzudrängen. Wenn unser oberster Befehlshaber uns zurückruft, so haben wir zu gehorchen, ohne Wenn u. Aber. Es erfüllt uns mit Stolz, dass wir wieder im Osten Aufbauarbeit zu leisten haben, und mit Dankbarkeit, wenn wir an unsere jungen Menschen denken, die nun endlich eine Zukunft haben…   Wir sind glücklich, geschlossen siedeln zu dürfen und wieder gemeinsam arbeiten zu können…“ schreibt Brigittes Großmutter ihrer Tochter in Halle an der Saale. Es beugten sich aber auch die Kritiker des Nationalsozialismus und der baltisch-deutschen „Bewegung“, wie meine Tante Herta, ihr Mann der Pfarrer Oskar Martinelli und meine Mutter, denn die offizielle Kirche rief dazu auf, dem Ruf des Führers zu folgen, was eine Forderung Gottes sei, wie der Bischof der deutschen lutherischen Gemeinden Lettlands Peter Harald Poelchau in der Rigaschen Zeitung schrieb: Gott der Herr redet zu Seinen Menschen und Völkern nicht allein durch Sein Wort, sondern auch durch Seine Führung. Er hat uns in eine Stunde gestellt, in der uns keinerlei Wahl bleibt. …Die Kirche aber hat es unseren Gemeinden unumwunden zu sagen, daß wenn Gott der Herr uns jetzt vor eine unausweichliche Forderung stellt, wir aus Seinem Walten den Anruf zu vernehmen haben: ..’Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in in Land, das Ich dir zeigen will.‘  … Wenn Gott der Herr befiehlt, gilt keine Widerrede. Wir haben Ihm bedingungslos zu gehorchen.***  Kein Kanzelwort von Unrecht, das begangen werden muss, kein Wort der christlichen Eigenverantwortung, denn Gott befahl ja, ins neue Land zu gehen. Gleichzeitig machte die “Bewegung” Druck:Wer sich in diesen Tagen von seiner Volksgruppe löst, um im Lande zu bleiben, scheidet sich für alle Zeit vom deutschen Volke**** So packte man und ging wie ge- und verheißen: „In Treuen fest“. Der Pastor Oskar Martinelli allerdings weigerte sich, im Warthegau mitzuhelfen, Menschen zu vertreiben. Er suchte und fand eine Pfarrstelle in der Neumark. Auch sonst folgten nicht alle Deutschbalten dem  Ruf des Führers, ca.15000 blieben. Für einige sprach Paul Schiemann  und sagte in einem Interview zur Umsiedlung: „als Deutsche, als Menschen von Ehre und Christen brauchen wir keinen Befehlen von außen zu gehorchen oder auf irgendwelche Direktiven von auswärts Rücksicht zu nehmen. Zahlreiche Leute lassen sich von der Panikpropaganda beeinflussen, die mit dem Schreckmotiv der Bolschewistengefahr und der Agitationsphrase: „wer bleibt, ist kein Deutscher!“ betrieben wird. Wir, die wir beschlossen haben, vom Optionsrecht keinen Gebrauch zu machen, lassen uns u.a. von folgenden Gesichtspunkten leiten: Wir betrachten es als ein Unrecht, gerade zu einer so kritischen Zeit unsere Heimat zu verlassen und durch die Kapitalflucht im Zusammenhang mit der Evakuierung ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten herbeizuführen. Wir wollen nicht in ein Land reisen, dessen Bürgern eine Weltanschauung aufgezwungen wird, die unseren Vorstellungen von Religion, Lebensführung und Recht entgegengesetzt ist.***** Er sprach nicht für alle Bleibenden. Darunter waren auch Alte, die in der Heimat sterben wollten, und solche, die enge familiäre Bindungen zu Letten oder Esten hatten. Wieder Brigittes Großmutter: Es spielen sich erschütternde Szenen ab: ein Teil der Familie will durchaus fahren, der andere durchaus bleiben und die gegenseitige Liebe ist doch so groß, dass sie nicht voneinander lassen wollen. Ja, es werden viele Tränen geweint, aber es wird noch viel mehr Arbeit geleistet und darin ist unsere Jugend ganz groß.


** Lars Bosse: Vom Baltikum in den Reichsgau Wartheland. In: Baltendeutsche, Weimarer Republik und Drittes Reich / hrsg. Im Auftr. Der Karl Ernst von Baer-Stiftung in Verbindung mit der Baltischen Historischen Kommission von Michael Garleff., Köln, Weimar, Wien 2001.
******  Wilhelm Kahle, Politische Fragen und kirchliche Antworten in den deutschen Volksgruppen Lettlands und Estlands 1918 – 1939, in P. Maser (Hg.): Der Kirchenkampf im deutschen Osten und in den deutschsprachigen Kirchen Osteuropas, Göttingen 1992