Baltikum 2014

Livland

Am Abend erreichen wir das Hotel Aparjods in Sigulda (Segewold) – eine schöne Anlage aus einzelnen Holzhäusern, wie sie traditionell in Livland und Estland seit Generationen  gebaut wurden, mein Vater erzählte: ohne den Gebrauch eines einzigen Stahlnagels. Am nächsten Morgen nach einem guten Frühstück im leerem Restaurant fahren wir nach Cesis – Wenden. Auf dem Weg dorthin biegen wir von der Straße nach Ligat Papierfabrik ab, dem Ort der Kindheit und Jugend meines Vaters. Wir nutzen den von ihm beschriebenen Weg zur Fabrik. In der Zeit meiner Kindheit spielte sich denn auch die Ankunft eines Gastes etwa so ab: Man entsteigt dem Zug und tut gut daran, nicht die Seite nach dem Bahnhofsgebäude hin zu benutzen, sondern entgegengesetzt aus dem Abteil zu klettern, denn nur hier befindet sich, um einen großen Umweg zu ersparen, die Anfahrt der Equipagen. Meistenteils wird es eine Kalesche gewesen sein, ein Gefährt mit aufklappbarem, nach vorn offenem Verdeck. Auf dem Bock sitzt in guter Haltung der Kutscher in blauer Livree und lenkt zwei muntere, gut eingefahrene und genährte Braune aus dem Bestand der Fabrik. In Bahnhofsnähe sieht der Gast kleine Gehöfte, Holzhäuser mit primitiven Nebengebäuden. Dort wohnen arme Häusler, die sich von einer kleinen Landwirtschaft mühsam ernähren und nebenbei größtenteils Lohnfuhren für die Fabrik machen. Sie fahren Steinkohle, Lumpenballen, Fässer mit Kolophonium (für die Gewinnung der benötigten „Harzseife“) oder Chlorkalk und andere Materialien, die für die Papierherstellung benötigt werden, oder bringen Papier in Rollen oder Ballen zur Bahn. Auf der ganzen Fahrt begegnet man solchen Fuhren, meist in Kolonnen, seltener als Einzelfahrer. Die Landschaft ist in Bahnhofsnähe recht flach oder leicht hügelig. Vor uns taucht eine Eichenallee auf. Sie überquert die Pflasterstraße und führt links zu einer Gruppe alter Bäume. Nachdem das Gefährt eine leichte Anhöhe genommen hat, öffnet sich der Blick ins Land hinein. Die Landschaft erhält einen neuen Charakterzug. Sie wirkt jetzt richtig hügelig. Schaut man aber genauer hin, sind in Wirklichkeit nur vereinzelte Hügel zu erkennen, der Zepurit, der Flutscheberg und mehr rechts der Baltenruh, dahinter der Aaberg. Was dem Lande aber hauptsächlich den hügeligen Eindruck gibt, sind die Flusstäler, so das weite Aatal, das Ligattal und die dazugehörigen Verästelungen der Nebentäler. Man sieht viel Wald, ja von dem hohen Standort unserer Fahrstraße aus erscheint es ein geschlossenes Waldgebiet zu sein. Der Einheimische jedoch weiß, dass sich viel Ackerland und so manche Wiese dazwischen befindet.

Wir fahren mit dem Auto, keinem Zweispänner oder Phaeton, passieren die Fabrik, dann geht es den Remdenberg hinauf.  An der Steigung liegt das Haus, in dem mein Vater aufwuchs. Es gehörte der Fabrik, war geräumig, mit einer Veranda davor und einem Garten ringsum. Weiter hinten säumen kleine Holzhäuser der Fabrikarbeiter die Straße. Mein Vater schreibt darüber:  „Die langgestreckten, eingeschossigen, beigegetünchten Holzgebäude mit flachem Satteldach lagen locker verstreut, meist als sehr kleine Gruppen nebeneinander, nur auf dem Remdenberg in Form einer kleinen Siedlung beiderseits entlang des Schlackenweges. Die Gesamtbevölkerung von Ligat wurde zu meiner Zeit auf etwa 2000 Menschen geschätzt, darunter waren mehr als 700 Männer und Frauen als Arbeiter und Arbeiterinnen, meist aus der lettischen Bevölkerung, in der Fabrik beschäftigt. Die Verkehrssprache mit den Arbeitern war deshalb auch lettisch, obwohl eine ganze Anzahl der Letten auch etwas deutsch verstehen konnte. Das Verhältnis der Fabrikleitung zur Arbeiterschaft wies ausgesprochen patriarchale Züge auf. Die Leitung fühlte sich für das Wohl der Arbeiter verantwortlich. So hatte man verschiedene Vergünstigungen eingeführt, zu meiner Zeit bereits Selbstverständlichkeit: neben dem Geldlohn, der dem eines Industriearbeiters im Rigaer Stadtbezirk entsprochen haben mag, erhielten die Ligater Arbeiter freie Wohnung und Beheizung, wobei ihnen Brennholz zur Verfügung stand, soviel sie benötigten. Es gab freie ärztliche Behandlung und Medikamente (immerhin gab es damals noch keine staatlichen Krankenkassen). In Ligat existierten sogar ein Krankenhaus und eine Entbindungsstation, eine freie Schule für alle Kinder (im Rahmen einer Grundschule) mit freiem Schulmaterial. Auf alle Fälle aber erhielten die Fabrikarbeiter Deputate aus den Erzeugnissen der zur Fabrik gehörenden Landwirtschaft bzw. sie konnten sich einiges dazukaufen, was sie für ihr tägliches Leben benötigten und in dem zu ihrer Wohnung gehörenden Blumen- und Gemüsegarten nicht selbst angebaut hatten. Meist hielt man sich Hühner und ein Schwein, eventuell noch eine Ziege und bezog das Futter auch aus der fabrikeigenen Landwirtschaft. Zur Fabrik gehörte auch eine Badeanstalt. Bei uns hieß sie „Pirts“ und entsprach einer finnischen Sauna. Sonnabend für Sonnabend zogen die Arbeiter klappernd mit ihren Holzpantinen, in der Hand die typische flache Basttasche mit der frischen Wäsche und unter dem Arm die Birkenrute in die Badestube, eine für Männer, die andere für Frauen. Auch gab es ein Arbeiterklubhaus, das „Gesellschaftshaus“, mit großem Tanzsaal, mit einer Bibliothek, einer Kegelbahn, einem Billardzimmer und einer Gartenanlage“.

Mein Großvater hatte in Riga am Polytechnikum Chemie studiert, zu der Zeit eine bedeutende wissenschaftliche Anstalt, an der der spätere Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald zeitgleich als Ordinarius wirkte. Das Studium wurde möglich, da die Nachfahren von Christian Georg offensichtlich relativ schnell zu einigem Wohlstand gekommen waren. Durch welche Lebensstationen sie gegangen sind, ist mir unbekannt, jedenfalls war mein Urgroßvater, ein direkter Nachkomme Christian Georgs, bereits Ältester der Rigaer Großen Kaufmannsgilde.

Mein Vater wuchs zunächst in sicheren wirtschaftlichen Verhältnissen auf, mit Kindermädchen, Privatlehrer und deutschen Spielkameraden. Kinder der lettischer Arbeiter wohnten nur einen Steinwurf entfernt. In seinen persönlichen Schilderungen wie auch in seinen Lebenserinnerungen kamen sie nicht vor, wohl aber das lettische Kindermädchen, an dem er sehr hing.  Das war typisch: Die Deutschen blieben unter sich, abgegrenzt von anderen ethnischen Gruppen. Letten dienten ihnen, Juden gab es, meist als Kaufleute, die man brauchte ohne ihnen nahe zu kommen. Über persönliche Beziehungen zu Letten oder Juden schreibt auch meine Mutter nichts, obwohl sie im Elternhaus eines Gärtners aufwuchs, dessen Kunden  zum größten Teil nichtdeutscher Herkunft gewesen sein mussten. In adligen Häusern galt, was ich bei Alexander Steenbock-Fermor las. Wenig älter als mein Vater,  wuchs er als Nachkomme eines hochadligen Geschlechts ganz in dessen Nähe auf: „Eine Beziehung zur lettischen Bevölkerung gab es nicht,… ein Balte gehörte keinem Volk an, nur einer ‘oberen’ Volksschicht . Seit Jahrhunderten lebten Deutsche als Herren im Land, von den jeweiligen russischen Herrscherhäusern mit Privilegien ausgestattet. Adlige, in Ritterschaften vereinigt, leiteten die kommunalen Angelegenheiten, erhoben dafür Steuern. Ihnen unterstand die Polizei und Gerichtsbarkeit, Steenbock-Fermor nennt es  „Adelsdemokratie“.  Diese Ordnung sah man als gottgegeben an. Zwar hatten die Deutschen nach 1885 ihre ständischen  Privilegien teilweise aufgeben müssen, aber das hinderte sie nicht, sich weiterhin als legitime Herren des Landes zu fühlen, entsprechend der Accordpunkte von 1710 und der Zusicherung der Privilegien durch Zar Peter I., bei deren Unterschrift in Riga 1712  er bezüglich der Deutschbalten Rechte beteuert haben soll, er wolle sie einhalten: „By Gott, Ick will’t houden** Lettische Emanzipationsbestrebungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sahen die Deutschen zunächst mit Erstaunen, dann Empörung, als sich 1905 während der Revolution Letten auch mit nationalen Forderungen meldeten. Die Einführung einer neuen russischen Städteordnung 1877 war ein Schock für die deutschen Eliten. Ständische und ethnische Ordnungsprinzipien waren dahin, eine von „ungebildeten“ Besitzenden gleich welcher Herkunft gewählte Duma begann mit der Ausübung legislativer Macht, auch Letten, Russen und Juden durften wählen, sofern sie Eigentum hatten. Dennoch stellten Deutsche weiterhin die Mehrheit der Wahlbürger  auch noch 1913, bei sehr geschrumpftem Anteil an der Gesamtbevölkerung,  fast 35% der Abgeordneten. 1918 – im Geburtsjahr der Lettischen Republik – änderte sich für die Deutschen alles radikal: Sie  wurden zur Minorität ohne Privilegien und die einstigen Untergebenen zu ihren Herren. Deutsche reagierten mit Abgrenzung, nur wenige waren bereit, bewusster Teil des neuen lettischen Staates zu sein. Die ihnen eingeräumten kulturellen und politischen Rechte genügten den meisten nicht.  Eine Ausnahme war der  Politiker Paul Schiemann – keine Figur allgemeiner baltendeutscher Erinnerung. Als Herausgeber der „Rigaschen Rundschau“ setzte er sich nach 1920 für eine nationale Volkstumspolitik im Rahmen des neuen Lettlands ein und engagierte sich für eine übernationale Europapolitik im Rahmen der Nationalitätenkongresse. Ihm ging es darum, „neue Rechtsformen des nationalen Zusammenlebens zu finden, die jedem Volke eine seiner geschichtlichen Bedeutung angemessene Existenz sichern*** und dies im Rahmen der jeweiligen staatlichen Gegebenheiten.


*  Alexander Graf Stenbock-Fermor: Der rote Graf. Autobiographie. Berlin 1973  
** Patrick von zur Mühlen: Baltische Geschichte in Geschichten, Tallinn 2012