Minna

Wenn ich schon dabei bin, die Zeit so weit zurückzudrehen, möchte ich auch an unsere, bereits erwähnte Minna denken, die uns getreulich durch unsere Kindertage geführt hat.

Minna kam als etwa 21jähriges Mädchen, vermutlich im Jahre 1903 in unser Haus. Jedenfalls lebte Lisi, meine älteste Schwester (1902), schon und mein älterer Bruder, Georg (1904), der dann leider schon mit fünf Jahren gestorben ist, war noch nicht geboren. Minna war Lettin und verstand, als sie zu uns kam, noch gar kein Deutsch. Sprachbegabt und intelligent, wie viele Einheimische, legte sie sich in kürzester Zeit einen recht beachtlichen deutschen Wortschatz zu. Allerdings bekam sie die Aussprache überhaupt nicht in den Griff, und die Grammatik erschien ihr nicht wichtig. Sie konnte sich eben verständigen, und das reichte über all die Jahre wohl völlig aus. Uns Kinder, schon größer geworden, erfreute ihr sprachlicher Wildwuchs. Eine beliebte und oft angewandte Redewendung ist mir lebhaft in Erinnerung. Wenn wir tief und geräuschvoll Luft holten, so ein kleines Seufzen in der Kehle hatten, sagte sie: „Ak, wie Meere rauscht.“ Da wir das Meer aber noch nicht kannten, verband sich für mich mit dem Meeresrauschen ein anderes Phänomen. Auf dem Spiegeltisch im Saal lag immer eine schöne exotische Muschel mit großen Zacken und einer wunderbaren Perlmutterhöhlung. Hielt man diese Höhlung ans Ohr, konnte man es rauschen hören. Unsere Mutter hatte uns erklärt, dies sei das in der Muschel gefangene Meer. So standen in meiner kindlichen Vorstellung Muschel und Minnas Zitat in enger Wechselwirkung.

Minna hatte ein neckisches Kinderspiel für uns und bereitete uns damit großes Vergnügen. Mit zwei Fingern faßte sie an die Kindernase: „Wo ist Nase?“ Antwort: „See!“, was heißen sollte: „Im See“. Frage: „Was macht er da?“ (Im lettischen ist die Nase männlichen Geschlechts und wurde folglich für Minnas Übertragung ins Deutsche so übernommen.) „Eier legt.“ – „Wieviel hat er gelegt?“ Es wurde eine beliebige Anzahl genannt, sofern wir schon einige Zahlen kannten. „Was gibst du mir?“ Das Kind nannte eine Zahl oder auch keine. Je nachdem, wie die Antwort befriedigte, wurde das Näschen gebeutelt oder gestreichelt. Dieses etwas einfältige Kinderspiel stammt aus dem Lettischen und ist von Minna frei ins Deutsche übertragen worden.

Unsere Erziehung in Minnas Obhut vollzog sich nach ihren, mit besonderem pädagogischem Schmiß ausgestatteten Methoden. Diese mögen gelegentlich etwas unorthodox gewesen sein, zuweilen auch sehr eigenwillig, aber das störte uns im engen Zusammenleben keineswegs. Beispielsweise erlebten wir folgendes: Mein älterer Bruder Georg, genannt Georgi (beide G’s wurden englisch ausgesprochen) und ich, möglicherweise im Alter von vier und (ich) von drei Jahren, sind unartig gewesen, und Minna meinte, eine erzieherische Maßnahme vornehmen zu müssen. Sie nahm eine Leine (eine „Jageleine“ zum Zwecke des Pferdchenspielens) und band uns ungezogenen Knaben die Hände auf den Rücken, so daß wir aneinander gefesselt waren. Das längere Leinenende aber warf sie über einen Ofenhaken, um uns sozusagen an einen festen Ort gebunden zu wissen. Waren wir anfangs wohl auch verblüfft über die Freiheitseinschränkung, bemerkten wir doch rasch, daß sich daraus ein prächtiges Spiel ableiten ließ. Wir mutierten zu zwei „wilden Ochsen“. Als wir nach einiger Zeit entfesselt werden sollten, baten wir inständig, uns noch angebunden zu lassen. War später einmal erneut eine Strafe fällig, schlugen wir vor, uns wieder an den Ofen zu binden. Minna aber ersann lieber neue Maßnahmen.

Trotz aller Strenge hingen wir an Minna mit großer Liebe. Auch die Eltern vertrauten ihr, wie sehr, zeigt, daß sie 1914 Nora für einen ganzen Sommer in ihrer Obhut gelassen haben. 15 Jahre lang, bis 1918, ist Minna immer bei uns gewesen. Sie wird sich also auch bei uns wohl gefühlt haben. Ohne sie konnte ich mir als Kind mein Elternhaus gar nicht vorstellen. Um so schmerzlicher war der Abschied von ihr, als wir 1918 nach Deutschland übersiedeln mußten.

Unsere Minna hatte einen Bruder, Jurit. Er war durch Vaters Vermittlung nach Ligat gekommen, wurde aber, wie viele junge Männer, 1914 vom Kriege verschlungen. Ich erinnere mich jedoch gut an ihn, war er es doch, der uns als erster mit der fernen Welt in Berührung brachte. Er schenkte uns zuweilen eine Schote Johannisbrot, die getrocknete und gepreßte Frucht eines afrikanischen Baumes. Zwar habe ich niemals erfahren, wo er diese exotische „Delikatesse“ aufgegabelt hatte, doch machte sie einen tiefen Eindruck, der so nachhaltig wirkte, daß ich noch heute den Geschmack zu verspüren glaube.

Viele Kindheitserinnerungen verbinden sich mit Minna. Ich kann mich sogar an eine aus frühesten Tagen erinnern, aus der Zeit, als meine Sprachgewandtheit noch nicht voll entwickelt war. Minna ging mit mir durch den Fabrikhof. Wir kamen über den Kanal und Minna erklärte, dies sei der Kanal. Es wird für mich ein neuer Begriff gewesen sein, denn ich koppelte dieses Wort sofort mit dem mir schon bekannten „Kaneel“, das ist im hochdeutschen Sprachgebrauch „Zimt“. Bei uns hieß das eben anders. Diese Assoziation hat sich bei mir für das ganze Leben erhalten. Stets wenn von Kanal die Rede war, erschien in meiner Vorstellung auch der Begriff „Kaneel“.

Ein anderes Mal kamen wir, Minna, meine Geschwister und ich, auf dem Fabrikgelände an eine Bank. Die Fabrikleitung hatte an verschiedenen Stellen der bewaldeten Hänge um die Fabrik herum Fußwege anlegen und Bänke aufstellen lassen, gern genutzt von Arbeitern während ihrer kurzen Pausen, gern genutzt auch an den schönen Sommerabenden von Liebespaaren. Und hier – man stelle sich das einmal vor – lag auf einer dieser Bänke doch wirklich für jedes Kind ein Bonbon. Das habe ein netter Zwerg für uns hingetan, meinte Minna. Wir wollten nun immer wieder gern in den „Fabrikwald“ gehen, dorthin wo man über den Kaneel-Kanal zu den freundlichen Zwergen kommt. Ich kann mich leider nicht erinnern, ob jemals wieder ein solcher aufgetaucht war.