Der Erste Weltkrieg

Am 10. Mai 1914 war ich zehn Jahre alt geworden. Mein Geburtstag fiel nach dem alten, im damaligen Rußland üblichen Kalender auf dieses Datum, 13 Tage früher als es nach dem heutigen, überall gültigen Kalender, festgelegt ist. Bald nach diesem, im Jahresablauf meines Kinderdaseins so wichtigen Datums, teilte mir meine Mutter mit, daß ich im Sommer, sobald die Schulferien beginnen sollten, nach Assern, ein Gut in Kurland, zu Verwandten kommen würde. Zunächst löste diese Eröffnung Freude aus. Als ich jedoch erfuhr, daß die Eltern mit Schwester Lisi nach Tirol reisen würden und meine kleine Schwester Nora mit ihren vier Jahren bei unserer alten Minna in Ligat bleiben könne, bekamen die Aspekte ein düsteres Aussehen. Ich glaubte, eine Benachteiligung zu erkennen, daß ich nicht mit nach Tirol fahren dürfe, stattdessen nach Assern abgeschoben werden solle. Nur langsam glätteten sich die seelischen Wogen, und ich reiste, widerwillig zwar, aber doch erwartungsvoll ab.

Assern galt als ein Rittergut mittleren Ausmaßes und wurde von einem meiner zahlreichen Onkel, dem Vetter meiner Mutter, Artur Grosse, als bevollmächtigter Verwalter geleitet. Seine Frau war frühzeitig gestorben. Daher führte ihm Tante Alice, seine Schwester, die Wirtschaft. Onkel Artur hatte einen Sohn, Theo, nur ein Jahr älter als ich. Mit diesem sollte ich den Sommer verleben. Das wurde, so recht besehen, ganz schön, sogar eine muntere Zeit. Ich fühlte mich einfach wohl und hatte längst vergessen, daß sich meine Familie in der Fremde aufhielt. Es war ein heißer, trockener Sommer. Ständig lag der brenzlige Geruch brennender Wälder in der Luft. Heute könnte man sagen, daß die Natur bereits warnend auf das Bevorstehende hingewiesen hat. Ab dem 1. August verbreitete sich rasend schnell die Nachricht, daß Deutschland dem russischen Reich den Krieg erklärt habe. Fortan waren unsere Spiele auf dieses Thema abgestimmt. Doch was wußten wir schon vom Krieg!

Für mich stellten sich bald ungeahnte Komplikationen ein, die ich kleiner Stift keineswegs übersehen konnte, geschweige denn begreifen. Die Ferien gingen dem Ende entgegen, ich sollte nach Hause reisen. Meine Eltern mit Lisi waren jedoch von uns abgeschnitten, ich in Rußland, sie aber im Ausland und dazwischen der Krieg. Zunächst brachte man mich nach Riga, wo ein hoher Familienrat über mein weiteres Schicksal entscheiden sollte. Eine Rücksprache mit den Eltern war beim damaligen Stand der Telefontechnik, gar der grenzüberschreitenden Telefonleitungen, undenkbar. So wurde ich kurzerhand zunächst nach Kengeragge bei Riga, in die Familie eines Bruders meines Vaters, Onkel Theodor, verfrachtet. Wieder schnappte ich gewaltig ein. Es wollte mir nicht einleuchten, daß ein Familienrat sich die Freiheit nahm, über mich zu verfügen und dann auch noch zu entscheiden, die das Nächstliegende, meine Rückkehr nach Ligat, ausschloß. Meiner Meinung gehörte ich auch ohne die Eltern, vielleicht sogar um so mehr, zu Minna und Nora. Die um meine Schulbildung besorgte Verwandtschaft war aber der Ansicht, daß ich in Kengeragge von meiner Cousine Isa und meinem Vetter Arnold unterrichtet werden könne. Meinen Protest drückte ich in passiver Resistenz aus, und meine beiden Lehrer werden es mit mir sicherlich nicht leicht gehabt haben. Schließlich bekam ich eine Woche „Urlaub“ für einen Besuch in Ligat, eine Konzession, die man meinem störrischen Sinn wohl machen mußte. Beseligt fuhr ich nach Hause und hegte die stille Hoffnung, daß sich, sobald ich einmal in Ligat angelangt sei, das Blatt wohl wenden könnte. Ich begann auf meine Weise, den Krieg zu hassen, obwohl ich noch nicht wußte, was Krieg eigentlich bedeutete. Der Familienrat aber blieb hart. Ich mußte zurück, wurde regelrecht aus dem Paradies vertrieben.
An Einzelheiten aus diesen wenigen Tagen in Ligat kann ich mich nicht erinnern, doch eine Begebenheit hat sich tiefer eingeprägt. Wir waren im Walde Pilze sammeln. Von unserer Mutter, die sich Pilzen gegenüber immer mißtrauisch gezeigt hatte, wußten wir, daß man zwar Stein- und Birkenpilze, Berslappings (Täublinge) und Gailings (Pfifferlinge) sammeln und essen durfte, doch Minna zeigte uns Pilze, darunter Reizker, die auch eßbar seien. Sie bereitete sie sogar mit Schmant (Sahne) und Butter zu, und sie schmeckten großartig, obgleich ich sonst Pilzgerichte nicht besonders schätzte.

Das Ungewöhnliche der Situation gab meinem Besuch im eigenen Elternhaus einen besonderen Reiz. Wir aßen z.B. nicht im Speisezimmer, sondern in der Küche, was meine Mutter niemals geduldet hätte. Die Zeit zum Schlafengehen wurde sehr großzügig ausgelegt, nur das Warten auf die Eltern und die Sorge, nach Kengeragge zurückkehren zu müssen, belastete meine junge Seele.

Während ich, inzwischen wieder bei den Verwandten eingerückt, voller Ungeduld auf die Rückkehr der Eltern wartete, durchlebten die Reisenden eine wahre Odyssee. Da sie russische Staatsbürger waren, also im Grunde Kriegsgegner, wurden sie, zumindest auf deutschem Gebiet, das sie durchfahren mußten, mit Mißtrauen und leiser Feindschaft betrachtet. Dies nun wiederrum bereitete ihrem erwachenden Patriotismus für das eigentliche deutsche Vaterland viel Kummer. Wir, die im Baltenlande beheimateten Deutschen, fühlten zwar deutsch, hatten aber niemals ein Problem damit, auch unter russischer Herrschaft zu leben. Wir waren auf Grund unserer Lebenssituation russische Untertanen, mußten aber niemals unsere deutschen Wurzeln verleugnen. Wir waren sogar stolz, Deutsche zu sein. Das hatte uns niemals zuvor geschadet. Nun aber, da Feindschaft aufgekommen war, mußten sich meine Eltern plötzlich ihrer Rolle als Bürger des einen Landes und der ideellen Herkunft eines anderen Landes klar werden, sich innerlich womöglich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollten, eigentlich eine große Tragik, denn trotz des blutsmäßigen Empfindens war man doch durch die staatliche Zugehörigkeit an das Zarenhaus gebunden. Letztendlich war es sogar so, daß alle, die von Berufswegen im Militär standen oder im Rahmen der allgemeinen Wehrpflicht einberufen wurden, auf russischer Seite kämpfen mußten.

Genügend Gespräche wird es zwischen den Eltern über die eingetretene Situation gegeben haben, wie weit sie führten, weiß ich nicht, wohl aber, daß beide mit aller Macht nach Hause wollten, denn ihre Heimat – Deutschland hin, Deutschland her – war auf russischer Erde. Zunächst waren sie bis nach Berlin gekommen, wo es dem Vater gelang, Geldschwierigkeiten notdürftig zu überbrücken. Ich weiß nicht, wer dem „Feind“ Geld geliehen haben wird, doch er hatte wieder genügend, die weitere Reise antreten zu können. Es wurde geraten, den Weg über Schweden zu versuchen. Bis Stockholm ging auch alles nach Wunsch. Dort erfuhr Papa in der russischen Gesandtschaft, daß meine Mutter und Lisi als weibliche Personen mit dem Schiff von Gävle (Schweden) nach Rauma (Finnland) reisen müßten, mein Vater aber nicht mitfahren dürfe. Es wäre möglich, daß er als waffenfähiger russischer Staatsbürger im Falle, ein deutsches Kriegsschiff würde die Finnlandfähre aufbringen, interniert werden könne. Diese Logik war insofern verblüffend, als mein Vater unbehelligt quer durch Deutschland gereist war und jetzt eine gewaltsame Festsetzung fürchten müsse. Er wurde nach längerem Streitgespräch auf dem Landweg – über Haparanda – Tornio – nach Finnland geschickt. In Petersburg traf sich die reisende Familie wieder, um dann gemeinsam nach Riga weiterzufahren.

Eines Tages stand mein Vater in Kengeragge vor mir, längst erwartet, doch in diesem Moment völlig überraschend. Die Begrüßung war turbulent und entsprach weder meines Vaters Wesen noch meiner Art, der ich doch zur Zurückhaltung erzogen worden war. Auch schien mir – wie man mir immer wieder sagte – von Natur aus eher ein gewisses Phlegma anzuhaften. Hier hatte sich aber durch all die Wochen eine Spannung aufgestaut, die sich nun gewaltsam Bahn brach und der die Standfestigkeit meines Vaters fast zum Opfer gefallen wäre. Schon am Abend fuhren wir beide nach Ligat, denn keinen Moment länger wollte ich in der Fremde bleiben, aber auch mein Vater wollte sicherlich rasch zu seiner, nun bald vollzählig versammelten Familie zurückkehren und damit seinem Reiseabenteuer ein freundliches Ende geben.

Nun vergingen Monate, in denen wir Kinder wenig vom Krieg bemerkten. Es kamen der Herbst, der Winter, ein neues Frühjahr. Die Tage reihten sich aneinander. Wir lebten ziemlich sorglos und fühlten uns geborgen. Allerdings erfuhren wir durch die Gespräche der Eltern, daß auch aus der Fabrik junge Arbeiter zu den Waffen gerufen wurden. Ob uns dies irgendwie berührte? Ich weiß es nicht. Doch als eines Tages im Herbst alle Ligater Pferde zur Musterung gebracht werden mußten, traf mich dies sehr wohl. Vielleicht war es Mitleid, aber womöglich eher deshalb, als ich zusehen mußte, wie die Tiere davongeführt wurden. Selbst Vaters geliebtes Reitpferd Tio mußte Soldat werden. Ich sehe noch meinen Vater vor mir, wie er betrübt nach Hause kam. Zu allem Überfluß war er von einem ausschlagenden Pferd an der Brust getroffen worden und wirkte etwas mitgenommen, also schon kriegsverletzt.

Im Großen und Ganzen blieb vorerst in Ligat alles ruhig, und alle waren sehr harmlos in der Beurteilung ihrer Lage. Eine Geschichte aber machte die Runde, die unsere Erwachsenen betroffen gemacht zu haben schien. Ein in Riga ansässiger Mitarbeiter der Aktiengesellschaft, seiner Herkunft nach ein Reichsdeutscher, bekam Besuch von einem russischen Polizeioffizier, der ihm erklärte, daß er ihm heute noch für 400 Rbl. einen Auslandspaß beschaffen könne, sich morgen aber genötigt sehe, ihn zu verhaften. Obwohl sich dies in Riga abgespielt haben soll und man nicht glaubte, daß die wenigen Reichsdeutschen auch im weitab liegenden Ligat gefährdet sein könnten, wurden schließlich auch bei uns Fabrikmitarbeiter erfaßt, Spezialisten ihres Faches, die einst eigens aus Deutschland angeworben worden waren. Sie wurden ohne Vorwarnung nach Sibirien verschickt und interniert.

Es bleibt schwer zu entscheiden, ob eine solche Maßnahme einer objektiven Spionagegefahr wegen von der Zarenregierung ergriffen wurde, oder ob dies einfach aus Gründen eines stark aufflammenden Nationalismus geschah. Möglich ist beides, doch neige ich dazu, der zweiten Version zu folgen, wurden doch die Deutschen alsbald in einigen Punkten ihres bisher verbrieften Rechtes beschnitten. Dazu gehörte auch der Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit. Selbst als Unterrichtsfach war sie schlichtweg verboten. Alle Fächer wurden russisch unterrichtet, selbst die naturwissenschaftlichen Fächer und Geographie. Das bedeutete für uns eine gewaltige Umstellung, obwohl viele von uns, vor allem die älteren Menschen, sich durchaus auf Russisch und Lettisch ganz gut verständigen konnten, auch wenn sie diese Sprachen nicht völlig zu beherrschen verstanden*. Die Deutschen trugen diese Einschränkung mit erstaunlicher Gelassenheit und mit gewissem Humor. Wir – vermutlich mehr die jungen Leute – benutzten die sogenannte P-Sprache, ein Wortgebilde, in welches silbenweise „pes“ eingerückt waren (Diepie Pepesprapachepe wapar eipein dropollipigepes Gepebipildepe). Es gab Leute, die diese Sprachungetüme völlig fließend dahersprachen und sie seelenruhig an der Öffentlichkeit benutzten.

* Unter der russischen Herrschaft hatte es immer wieder Einschränkungen gegen die Deutschen und somit auch gegen deren Sprache gegeben. Erst Nikolaus II., der letzte Zar also, hatte den Deutschen seit 1906 wieder mehr Freizügigkeit erlaubt, auch dass Deutsch als Unterrichtssprache freigegeben war, nachdem sein Vorgänger, Zar Alexander III., noch 1881  den ausschließlichen Gebrauch der russische Sprache in der Öffentlichkeit und natürlich auch in den Schulen verlangt hatte. Jetzt in der Kriegssituation wurde alles widerrufen als eine der Maßnahmen zur erneuten Russifizierung

Die Einberufung vieler junger Arbeiter und die Verschickung der Spezialisten bereiteten der Produktionsleitung viele Sorgen und widerspiegelte sich auch im Gesicht meines Vaters. Hinzu kam, daß auch Papa, 1914 gerade 38 Jahre alt, mit einer Einberufung hat rechnen müssen. Keine sehr schöne Vorstellung. Obgleich uns Kinder dies alles nur am Rande berührte, bemerkten wir doch, daß der Krieg viel Unheil anrichtet, denn zu uns nach Ligat kamen die ersten verwundeten Soldaten. Das Fabrikkrankenhaus war in ein Kriegslazarett umgewandelt worden.

Eines Tages – es könnte wohl im Sommer 1916 oder auch 1917 gewesen sein – erschien in Ligat ein russischer Offizier. Er bezog Quartier im Irmerschen Hause. Dieser Offizier lenkte die Aufmerksamkeit wegen seines leicht exotischen Aufsehens und der Zierde eines großen schwarzen Schnurrbartes auf sich. Er entpuppte sich als Grusinier. Kapitän (Hauptmann) Tschechidse war Bauingenieur und hatte den Auftrag, strategische Straßen und Brücken in Ligat und Umgebung zu bauen. In seinem Gefolge traf auch ein Gehilfe ein, ebenso Bauingenieur, gleichfalls Grusinier, auch gut aussehend und angehimmelt von den jungen Mädchen, der ebenfalls im Offiziersrang stehende Shenelidse. Ihm folgte schließlich ein ganzer Rattenschwanz von russischen Bauarbeitern, alles ältere, freundliche Männer mit großen Bärten.

Diese bauten im Abstand von vielleicht acht Kilometern zwei Holzbrücken über die Aa, die ihrerseits durch eine Straße verbunden wurden. Die Brücken zeichneten sich durch eine ungemeine Stabilität und einen erstaunlichen Aufwand an Holz aus. Dagegen bestand die Straße aus einer Kiesaufschüttung, die zwar breit, aber schwer befahrbar erschien. Man gewann den Eindruck, daß die Erbauer viel vom Brückenbau, aber wenig vom Straßenbau verstanden. Diese Straße erhielt von uns, in Anspielung auf den Initiator, nicht ohne ironischen Beigeschmack, den Namen „Grusinische Heerstraße“.

Prahm Ligat 1914

Mit dem Bau der Brücke erübrigte sich der bisher in allen Jahren eifrig genutzte Prahm über die Aa. Er war für die Ligater Bevölkerung eine feste Größe im täglichen Leben gewesen, um das andere Ufer zu erreichen, allein schon, um wenigstens in den Roopschen Wald zu kommen, ein beliebtes Ausflugsziel. Dieses technische „Wunderwerk“ verdient, kurz beschrieben zu werden, denn der Prahm ist im Zusammenhang mit gelegentlichen Ausflügen und Picknicks ein fester Bestandteil in meinen jungen Jahren gewesen. Der alte Prahm bestand aus mehreren Lagen von Balken, die genügend Auftrieb brachten, auch noch mit einigen Pferdegespannen belastet zu werden. In den letzten Jahren seiner Existenz hatte der technische Fortschritt auch dieses Flußgefährt verändert.

Prahm 2015

Als Schwimmkörper dienten nun zwei größere Kähne, die durch Planken verbunden, parallel im Abstand von zwei bis drei Metern nebeneinander lagen. So war eine Plattform entstanden, von einem Brettergeländer umgeben, die geräumig genug war, mehrere Pferdewagen aufzunehmen. An der gegen die Strömung gerichteten Bugseite des Prahms war eine senkrecht stehende Rolle angebracht, die über einen quer über den Fluß gespanntes Drahtseil lief. Der Fährmann benötigte einige Muskelkraft, den Prahm diagonal gegen die Strömung zu drücken, so daß diese wie bei Segelbooten der raume Wind das Gefährt ans jenseitige Ufer drückte. An eine Übersetzung kann ich mich besonders erinnern, weil ich hierbei eine interessante Beobachtung machte, die mich damals höchst merkwürdig berührte. Mein Vater war mit mir in den Roopschen Wald geritten. Unterwegs überraschte uns ein Gewitter, und wir beeilten uns, nach Hause zu kommen. Als wir mit dem Prahm über die Aa gesetzt wurden, war das Gewitter schon sehr nahe herangekommen. Oberhalb der Übersetzstelle macht der Fluß eine Linksbiegung und am rechten Ufer dieser Biegung befinden sich rote Sandsteinfelsen. Plötzlich gab es einen heftigen kurzen, sehr trockenen Donnerschlag, und ich sah, gegen den roten Sandsteinfelsen sich abhebend, zwei gelblich-rote, tennisballgroße Kugeln langsam ins Wasser schweben, wo sie lautlos verlöschten. Das war eine Kugelblitzerscheinung, die einzige selbstbeobachtete in meinem bisherigen Leben.

Wieder ein anderes Mal – es könnte derselbe Sommer gewesen sein – ritt der Vater mit mir wieder in den Roopschen Wald. Bei schönstem Wetter und strahlendblauem Himmel hörten wir ein fernes Grollen. Es klang wie ein aufziehendes Gewitter, und doch waren, von einer freien Fläche mit schönem Fernblick, nur kleine Sommerwölkchen zu sehen. Es handelte sich tatsächlich um Kanonendonner. Der Krieg war in die Nähe gerückt und hatte das erste Mal direkt zu mir gesprochen. Damals konnte ich nicht ahnen, daß er seine gierige Hand noch viel mehr nach mir ausstrecken würde und mich berühren könnte.

Im Herbst 1916, Kurland war bereits von deutschen Truppen besetzt, rückte die Front näher an uns heran. Das bemerkten wir vor allem daran, daß zuweilen Aufklärungsflugzeuge erschienen. Eines Tage war Einquartierung da. Russische Grenzreiter belegten einige Räume der Fabrik und den nun schon fast leeren Pferdestall. Für uns Jungen war das ein interessantes Ereignis. Wir saßen viel bei den Soldaten, wobei wir im russischen Sprachgebrauch schneller Fortschritte machten als im Schulunterricht. Daß sich dabei nicht gerade salonfähige Ausdrücke einschmuggelten, ist kaum verwunderlich, waren unsere „Lehrer“ doch rüde Krieger. Obwohl wir uns zu dieser Zeit bereits als bewußte deutsche Patrioten fühlten, waren wir mit den russischen Soldaten doch gut Freund.

Die Tage nahmen ihren Lauf. Wir waren bisher vom eigentlichen Kriegsgeschehen verschont geblieben. Es kam der Februar 1917. In Rußland beendete die Februarrevolution die Zarenherrschaft, hatte aber, wie man weiß, keine Lösung für die wichtigsten sozialen und politischen Probleme des Landes gebracht. Doch der Krieg ging weiter. Unter der Landbevölkerung entstand Unruhe, weil niemand bei uns wußte, wohin alles führen sollte. Unsere Grenzreiter steckten sich einfach rote Rosetten an und zogen gemeinsam mit Fabrikarbeitern durch die Straße. Die Offiziere hatten nichts mehr zu sagen, so daß es mit der Disziplin wohl nicht besonders gut stand. Unsere Familien sahen all dem mit gewisser Skepsis und einiger Sorge zu. Die Fabrik produzierte aber weiter, wenngleich eingeschränkt, denn zwei der drei Papiermaschinen waren mittlerweile ins Innere Rußlands transportiert worden. Vor allem sollte mit der übriggebliebenen Maschine Papier für russische Generalstabskarten hergestellt werden, auch wenn es immer schwieriger wurde, das benötigte Ausgangsmaterial zu bekommen. Über eine längere Zeit konnte von den vorhandenen Lagerbeständen produziert werden, obwohl man von der Steinkohlenheizung auf Holz umstellen mußte. Aber alles wurde immer schwieriger, vor allem als die Russen durch die Kriegsereignisse immer mehr in Bedrängnis gerieten. Im Sommer 1917 wurden alle Papiervorräte, die noch in Ligat lagerten, ohne Entschädigung von den Militärbehörden weggebracht. Der Stab einer russischen Division und einige tausend Mann nisteten sich in der Fabrik ein, verhielten sich aber ruhig und störten den rudimentären Betrieb nicht sonderlich.

Gerüchte schwirrten umher, das deutsche Heer schicke sich zu einer Offensive an. Da aber ständig Gerüchte im Umlauf waren, schenkte man ihnen keine allzu große Aufmerksamkeit, doch sie trugen merklich dazu bei, die spannungsgeladene Atmosphäre zu verdichten, und sie schürten wohl auch Hoffnung. Da fiel Riga. Am 1. September 1917 wurde die Stadt von den Deutschen eingenommen, und wir alle erhofften uns eine „Befreiung“ von den manchmal unhaltbaren Zuständen. Flüchtige russische Offiziere, die immer wieder zu einer kurzen Rast bei uns einkehrten, versicherten, daß es nicht mehr lange dauern könne, bis die Deutschen auch bei uns ankämen. Doch die Front blieb erst einmal stehen, und es begann eine höchst aufregende, sogar eine schlimme Zeit für uns in Ligat.

Eines Morgens zogen unsere Freunde, die Grenzreiter, ab. Andere Militäreinheiten rückten ein, aber auch Verwundete wurden angefahren. Man sprach viel über Kämpfe an der nahen Front, die Spannung wuchs. Was würde passieren? Vermehrt waren Aufklärungsflugzeuge zu beobachten. Es wurde von dem großen russischen Flugzeug berichtet, das bei Segewold lag. Das war, wie sich später herausstellte, der „Ilja Murometz“, ein viermotoriger, für damalige Verhältnisse riesiger Flugapparat. Da gab es eine Geschichte, die uns zum Schmunzeln brachte, und wohl auch typisch war für eine militärisch-bürokratisch geprägte Denkhaltung: Das Flugzeug sollte durch ein Schutzzelt vor feindlichen Blicken aus der Luft gesichert werden. Da aber die entsprechende Anordnung verspätet eintraf oder vielleicht auch mißverständlich formuliert war, hieß es, daß man im Sommer die weiße Plane und im Winter die grau-grüne verwendet habe. Aber vielleicht ist auch dies nur ein Gerücht, entstanden, um in der schweren Zeit auch lachen zu können.

Lettische Arbeiter erschienen bei meinem Vater, um ihn zu bitten, die Arbeit in der Fabrik gänzlich einzustellen, sie müßten zu Hause sein, um ihre Familien und ihre Habe vor Plünderungen schützen zu können. Tatsächlich wurden die Maschinen abgestellt, denn inzwischen hatte sich ein Strom verwilderter russischer Soldaten über das Umland ergossen, auch die Fabrik in Besitz genommen und gab sich sinnloser Zerstörung hin. Die marodierenden Truppen raubten auch Lebensmittel, schmissen aber vieles, was sie so vorfanden, einfach in den Straßenstaub. Das Gesindel kam auch in die Gärten und Tierställe der Wohnhäuser, noch aber nicht, jedenfalls nicht öffentlich, in die Wohnungen. Wohl aber geschah folgendes: Eines Tages, die Septembersonne schien hell in unsere Räume, befand ich mich mit Fräulein Schäfer, unsere Hauslehrerin, im Speisezimmer. Plötzlich sahen wir in der unteren Türspalte zum Nebenraum, mein Schlafzimmer, Schatten hin- und herhuschen. Zwar hätte es Minna sein können, doch die befand sich, was wir wußten, in der Küche. Ein Griff an die Tür. Sie war verschlossen. Also doch Einbrecher! Die herbeigeholte Minna bestand die Mutprobe und ging durch den Küchenkorridor in besagtes Zimmer und sah gerade noch, einen Soldaten aus dem Fenster springen. Schnell stellten wir fest, daß tatsächlich einiges fehlte, darunter ein Köfferchen meines Vaters mit wichtigen Familienunterlagen. Dieser Koffer gehörte zu den Dingen, die wir alle bereitgelegt hatten, um im Falle einer schnellen Flucht gerüstet zu sein, denn so vorbereitet waren alle Deutschen in dieser Zeit. Ich erinnere mich, daß der Koffer später aufgefunden wurde, ob allerdings der vollständige Inhalt dabei war, weiß ich nicht mehr.

An einigen Tagen fanden sich ständig Militärstreifen ein, manchmal vier bis fünf, die sich immer auf Anzeigen beriefen, daß sich bei uns im Hause ein Geheimsender befände, mit dessen Hilfe wir der deutschen Heeresführung Nachrichten zukommen lassen würden. Anfangs beunruhigte uns dies, denn wer weiß, was diese anonymen Anzeigen bewirken sollten. Man hörte ja immer wieder davon, daß Deutsche vertrieben oder gar verschleppt worden wären. Bald aber stumpften wir ab und begrüßten die nachfolgende Streife fröhlich und teilten ihr mit, sie sei bereits die vierte oder fünfte an diesem Tage. Wenn sie dann die Haussuchung ergebnislos abgeschlossen hatten, haben sich einige sogar entschuldigt. Also nicht alle russischen Truppen bestanden aus wilden Gesellen. Geheimnisvoll und irgendwie beunruhigend jedoch blieb der eigentliche Grund dieser fremden „Besuche“. Viel schlimmer aber waren die lettischen Soldaten, die zu einem eigenen Regiment gehörten, sich aber dem Bolschewikenheer angeschlossen hatten. Sie gingen gegen die deutschen Familien oft sehr brutal vor, raubten und plünderten, obwohl ich mich nicht erinnern kann, daß unsere Familie von ihnen jemals belästigt worden war.

Unverkennbar war, die Front rückte näher. Wir bemerkten dies sowohl am lauter und drohender werdenden Kanonendonner als auch an der zunehmenden Hektik der militärischen Dienststellen. Die russischen Soldaten zogen plötzlich ab, auch der wildplündernde Haufen war verschwunden. Dafür verbreiteten sich wieder beängstigende Gerüchte über die Möglichkeit einer Verschleppung der deutschen Einwohner. Dann jedoch folgte ein Tag tiefer Stille, einer Stille vor dem Sturm, beunruhigend und spannungsgeladen. Nur leise raunten sich die Freunde zu: „Jetzt kommen sie!“ Sie kamen aber nicht. Ungefähr 18 km westlich von Ligat an der Kronberger Schlucht blieben sie liegen. Das nahm das russische Militär zum Anlaß, wieder zurückzukehren. In unser Haus zog in drei Räumen ein Soldatenrat ein. Es stellte sich heraus, daß dies sogar eine ganz gute Sache war, denn einerseits fühlten wir uns jetzt etwas sicherer, andererseits hatten wir den Soldaten auch so manche Freundlichkeit, gelegentlich auch Eßbares und schließlich sogar wirklichen Beistand zu verdanken.

Einmal erschienen, wie ich vom Fenster aus beobachtete, einige wild anzuschauende Uniformierte, die über den Zaun kletterten und einfach durch den Garten geradewegs in das Haus gingen, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, um Einlaß zu bitten. Das erregte natürlich Mißtrauen, besonders als sie wie selbstverständlich in die Wohnung kamen und sogleich begannen, Schranktüren zu öffnen. Minna informierte sofort den Soldatenrat.

Der Vorsitzende, ein intelligent wirkender Sibirier, zum Glück selbst anwesend, erschien postwendend, stellte sich den Kerlen in den Weg und teilte ihnen in befehlsgewohntem Tone mit, daß dieses Haus unter seinem Schutz stehe. Verdutzt zwar, doch ohne zu zögern traten die Eindringlinge den Rückzug an. Fortan hatten wir vor solchen unliebsamen Besuchern Ruhe.

Der Winter kam. Wir – immerhin eine ganze Gruppe Jugendlicher – fühlten uns in unserer Bewegung nicht eingeschränkt und nutzten den schönen Schnee zu ausgedehnten Skiläufen. Auf einem dieser Ausflüge, schon auf dem Rückweg im Dämmerlicht des aufziehenden Abends, sahen wir über Ligat einen roten Schein. Als wir über den Remdenberg kamen, konnten wir erkennen, daß ein Teil der Fabrik in Flammen stand. Es war der „Lumpensaal“, Lagerhaus für alte Textilien, Grundlage für die weitere Papierherstellung. Inmitten dieses dreckig-staubigen Raumes hatten sich Soldaten häuslich eingerichtet und aus den Lumpen ihre Lagerstatt bereitet. Da die Dampfheizung schon längst nicht mehr funktionierte, wollten sich die Soldaten mit einer offenen Feuerstelle behelfen. Das konnte natürlich nicht gut gehen, und das Gebäude brannte völlig aus.

Die Front rührte sich nicht, doch inzwischen hatte ein anderes welterschütterndes Ereignis auch uns erreicht, die Oktoberrevolution. Eines Tages erschien eine proletarische Kommission und erklärte die gesamte Fabrikleitung und einige deutsche Mitarbeiter für abgesetzt. Sie internierte die Herren vorsichtshalber erst einmal im Kontor. Der Vater, Herr von Irmer und Herr Petersenn wurden bald wieder auf freien Fuß gesetzt und ersucht, mit der neuen proletarischen Fabrikleitung zusammenzuarbeiten. Herr von Bukowski und Baron Schilling, der Mitarbeiter meines Vaters, wurden einem Tribunal übergeben und nach längerer Zeit unter fadenscheinigen Gründen verurteilt. Baron Schilling kam nach einiger Zeit zurück. Herr von Bukowski aber, schon damals ziemlich krank, mußte eine wahre Odyssee erleben. Er wurde nach Sibirien verschickt, jedoch auf Grundlage des Brest-Litowsker Friedensvertrages* ungefähr im März 1918 in Güterwagen zusammen mit anderen Gefangenen wieder zurücktransportiert. Er soll dann aus dem anfahrenden Zug gesprungen sein, sich in der livländischen Stadt Werro versteckt gehalten haben und schließlich von den herannahenden deutschen Truppen befreit worden sein.

*Den Separatfrieden von Brest-Litowsk (3. März 1918) konnte Deutschland noch aus siegreicher Position heraus mitgestalten, denn in Rußland waren nach der Oktoberrevolution interne Machtkämpfe ausgebrochen, die natürlich auch die Front erfaßt und geschwächt hatten. Die Armee war im Grunde nicht mehr kampffähig, so daß die sowjet-russische Seite schließlich auch auf eigentlich unannehmbare Bedingungen für sie eingehen mußte, darunter sogar Verzicht auf Hoheitsrechte u.a. in Teilen des Baltikums (Litauen und Kurland) und die Besetzung der anderen baltischen Landesteile (Livland und Estland) durch deutsche Truppen.

Im Februar 1918 bemerkten wir eines Tages Unruhe bei unserem Soldatenrat. Andauernd ging das Feldtelefon. Es wurde viel und aufgeregt gesprochen. Melder kamen und gingen. Irgendetwas beunruhigte die Russen. Am nächsten Morgen war der Soldatenrat abgezogen, sang- und klanglos verschwunden. Mit ihm alle Truppen. Den Menschen in Ligat blieb ein wüstes Durcheinander, Dreck und Verwüstung. Nun wußte es jeder, es war etwas im Gange*. Die vom Soldatenrat besetzten Räume in unserem Hause waren leer. Für uns Jungen gab es reiche Beute. Spaten, Gasmasken und Patronen fielen uns in die Hände. Am Nachmittag legte sich eine große Stille über den Ort. Kein Soldat weit und breit, in der Luft lag wieder einmal knisternde Spannung, kaum daß man laut zu sprechen wagte. Ich spielte zwar mit meinen Freunden und unserer Kriegsbeute im Garten, doch die Nervosität übertrug sich auch auf uns Kinder, so daß keine rechte Freude aufkam. Und plötzlich waren sie da, ein kleiner Trupp abgesessener Reiter im Irmerschen Garten.

*Während der sich hinziehenden Verhandlungen zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk war ein Waffenstillstand an der russischen Front vereinbart worden. Am 16. Februar 1918 teilte die deutsche Heeresleitung der gegnerischen Seite jedoch mit, daß man den Waffenstillstand am 17. Februar 1918 als abgelaufen betrachte. Wie angekündigt, begann die deutsche Offensive an diesem Tage. Die deutschen Truppen kamen sehr schnell voran, ihnen stellte sich so gut wie kein Widerstand mehr entgegen.

Die Freude war groß! Deutsche Soldaten in Ligat! Nun sollten Spannung und Unsicherheit endlich ein Ende haben. Nachdem die Reiter gebührend bestaunt und ihre Pferde in den Stall gebracht worden waren, gab man ihnen zu essen und zu trinken. Am nächsten Morgen ritten sie weiter, und wieder war Ligat leer. Am Abend verbreitete sich das Gerücht, die örtlichen lettischen Bolschewisten wollen die deutschen Einwohner, noch bevor die deutschen Truppen wirklich einziehen würden, umbringen. Auch wenn dieser Gedanke kaum einen realen Hintergrund hatte – die Letten hätten uns längst vorher umbringen können, wenn sie wirklich solcher Meinung gewesen wären – empfanden die Familien dies in der unruhigen Zeit dennoch als wirkliche Bedrohung. Mein Vater und einige andere Herren, alle längst waffen- und wehrlos, machten sich sogleich auf, um die bei Paltemal einquartierte Truppeneinheit um Schutz zu bitten. Am folgenden Morgen sah man auf den Straßen deutsche Streifen gehen. Seit dieser Zeit hatten wir in Ligat Einquartierung, nur daß es nicht mehr russische, sondern deutsche Soldaten waren. Ich glaube, wir fühlten uns wirklich befreit, jedenfalls war die unruhige Zeit erst einmal vorbei. Doch sollte sie es wirklich sein? Wir wußten ja noch nicht, wie sich alles weiterentwickeln würde.