Meine Eltern

Georg Adolph Burmeister

Denke ich an meinen Vater, überkommt mich das unbestimmte Gefühl, ihm gegenüber einiges versäumt zu haben, vor allem mich ihm zu wenig offenbart zu haben, ihm zu zeigen, wie sehr ich ihm zugetan war. Doch das wäre auch nicht ganz einfach gewesen, denn er selbst zeigte kaum etwas von seinem Innenleben. Freud und Leid trug er still in sich verschlossen, neigte lediglich dazu, stark aufzubrausen, wenn ihn etwas kränkte. Eines aber imponierte mir, seine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, sein äußerst korrektes Auftreten. Und so wurden wir Kinder wohl auch im Geiste solcher Tugenden erzogen.

1866 in Riga geboren war mein Vater der bei weitestem Jüngste von sechs lebenden Kindern meines Großvaters, Großkaufmann (Flachs) und Ältermann der „Großen Gilde“ (auch „Mariengilde“, ein Zusammenschluss der Rigaer Kaufleute). Seine älteste Schwester, meine Tante Gustchen, war bereits verlobt, als mein Vater geboren wurde, heiratete kurz danach und bekam bald nachher einen Sohn, der gleich meinem Vater Georg hieß6. Onkel und Neffe waren kaum zwei Jahre auseinander.
Die Burmeistersche Familie führte ihren Stammbaum zurück auf einen Christian Burmeister (1661 – 1721), der im Mecklenburgischen (Pinnow bei Crivitz) gelebt hatte und dort 1708 als Krüger (Gastwirt) nachgewiesen ist. Sein Enkel – das war mein Urgroßvater – Johann Christian Georg Burmeister war 1787 nach Livland ausgewandert und heiratete 1792 in Hellenorm/Estland Marie Helene Ernst erwarb 1801 das Gut Schmieden, nachdem er ab 1796 als Arrendator (Pächter) in Rasin bei Dorpat tätig war.
Als mein Vater in Riga das Gymnasium beendet und seine militärische Dienstpflicht im russischen Heer als „Freiwilliger“ erfüllt hatte, nahm er 1886 das Studium der Chemie am Polytechnikum (technische Hochschule) in Riga auf. Gleich seinen drei älteren Brüdern trat auch er der studentischen Verbindung „Fraternitas Baltica“ bei. Aus Erzählungen seiner Zeitgenossen ist mir bekannt, dass er ein flotter und zu jedem Ulk aufgelegter Bursche gewesen sei. Eine gewisse Beliebtheit bei der Damenwelt verdankt er sicherlich seiner Begeisterung für das Tanzen und seiner alles überstrahlenden Fröhlichkeit. Im Jahre 1894 machte mein Vater sein Diplom und trat am 6.2.1895 an der Papierfabrik Ligat seinen Dienst als Chefchemiker an.
Dieses Datum ist mir insofern geläufig, als wir über alle Wirrsale des Lebens Teile eines Bestecks hinübergerettet haben, eine Festgabe der Fabrik zum 25. Dienstjubiläum meines Vaters mit eingraviertem Datum auf der Rück- und dem Fabrikwappen (ein Greif der sich auf einen Papierballen stützt) auf der Vorderseite.
Als leitendem Chemiker wurde meinem Vater zunächst eine Aufgabe übertragen, die nur wenig, eigentlich gar nichts mit seinem studierten Beruf zu tun hatte. Er sollte seine frisch erworbenen akademischen Kenntnisse an einem Erweiterungsbau der Fabrik anwenden. Dieses Bauwerk wurde talwärts errichtet und seither unter dem Begriff „Beiwerk“ geführt.
Nach Fertigstellung dieses Objekts delegierte man den Vater nach Deutschland, nach Bernburg, zwischen Halle/S. und Magdeburg gelegen, zum Erwerb von Spezialkenntnissen in der Papierfabrikation, insbesondere in der Papierprüfung. Diese Spezialausbildung schloss er 1899 ab und verlebte in Arbeit und sicherlich auch in Geselligkeit seine Tage bis 1901 als Junggeselle.
Mittlerweile hatte er in Riga bei seiner Tante, der verwitweten Generalin Bu

Helene Assmuss

rmeister, Helene Assmuss kennengelernt, die in diesem gut situierten Haushalt die Stellung einer „Gesellschafterin“ inne hatte. Da heutzutage in keinem Berufsregister diese Tätigkeit zu finden ist, will ich den Begriff erklären. In früheren Jahren nahmen wohlhabende ältere Damen gerne gebildete junge Mädchen in ihr Haus. Es war dann deren Aufgabe, der Matrone Gesellschaft zu leisten, ihr vorzulesen, sie auf Spaziergängen zu begleiten, mit ihr bei gemeinsamen Handarbeiten zu plaudern, Kaffee oder Tee zu servieren, auf Reisen zu begleiten und irgendwelche Handreichungen zu verrichten – ein „Beruf“, der in neuerer Zeit gewiss kein junges Mädchen mehr befriedigen würde, damals aber ein Mittel war, die Wartezeit bis zur Heirat zu überbrücken.

Robert mit Geschwistern Nora und Luise

1901 heiratete mein Vater Helene Assmuss und sie wurde nicht nur meine Mutter, sondern hatte noch weitere vier Kinder.

Mein Vater liebte es, sein Leben in gleichmäßigem Rhythmus zu gestalten. Morgens um 7 Uhr verließ er das Haus, um die erste Runde durch die Fabrik zu machen und sich von den Werkmeistern Bericht über eventuelle Vorkommnisse der Nacht machen zu lassen. In besonderen Fällen konnte es natürlich passieren, dass zu später Stunde das Telefon zu Hause schrillte und er auch nachts in die Fabrik gerufen wurde. Eine Ausnahme allerdings bildete der Montag. Von Sonnabendmittag bis zum Montag 6 Uhr stand die ganze Fabrik still. So verließ der Vater montags bereits um 5 Uhr das Haus, um das Anlaufen der Maschinen zu überwachen. Täglich um 8 Uhr saß er am Frühstückstisch, um danach gleich wieder ins Werk zu eilen. Mittags war er für zwei Stunden zu Hause und hielt in dieser Zeit auch sein obligatorisches Mittagsschläfchen. Diese Schlafstunde des Vaters war für alle im Haus Verpflichtung, leise zu sein, was uns Kindern nicht immer gelang, sei es, dass wir unter seinen Fenstern mit dem Handwagen vorbeiratterten, im Nebenzimmer laut wurden oder gar das Klavier anschlugen. Da konnte es schon einmal passieren, dass sich Fenster oder Tür öffnete und ein heiliges Donnerwetter auf uns niederging.
Papierfabrik

Um 14 Uhr ging Papa wieder an die Arbeit, und die Schonzeit hatte ihr Ende, für uns Anlass zum Aufatmen. Zwischen 17 und 18 Uhr machte der Vater Feierabend, was aber nicht ausschloss, nach dem Abendessen nochmals in die Fabrik zu gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Dies geschah meist dann, wenn auf einer der Papiermaschinen eine neue Papiersorte in die Produktion ging und der reibungslose Ablauf zu überprüfen war.

Mein Vater war ein leidenschaftlicher Reiter. Bis 1914 hielt er sich stets ein eigenes Reitpferd. An drei dieser Tiere kann ich mich noch erinnern. Das erste war der alte „Hans“, ein Eisenschimmel mit kurzer Bürstenmähne. Als dessen Lebensabend nahte, er zu stolpern begann und beim Traben zu pusten, verkaufte mein Vater seinen alten Freund und erstand „Bellona“, ein englisches Vollblut, das auch zu Rennen gegangen war, aber einen niederträchtigen Charakter offenbarte. Es war das, was man unter Reitern ein „Aas“ zu nennen pflegte. Nachdem die Halsstarrigkeit und andere fiese Charakterzüge dieser Stute offenbar geworden waren und sich jegliche Umerziehungsversuche als fruchtlos erwiesen hatten, wurde sie wieder verkauft und „Tio” eingestallt. “Tio”, eine noch junge Stute mit lebhaftem Temperament und anderen positiven Eigenschaften, war die Freude meines Vaters, aber leider nur für eine kurze Zeit. Es brach der Erste Weltkrieg aus, und die russische Kriegsmaschine beschlagnahmte auch “Tio”. Nachher, also schon während des Krieges, hatte mein Vater noch drei fremde Pferde in Pflege, von denen „Esphir“ das schönste war, eine vollblütige Goldfuchsstute mit wunderbaren Gängen und freundlichem, aber empfindlichem Charakter. Ich sehe heute noch meinen Vater auf diesem Pferde sitzen und in scharfem, weitausgreifendem Trab davonreiten. Wenn wir zusammen ausritten – ich bekam ein Pferd aus dem Fabrikstall – habe ich gern dem weichen, aber doch kraftvollen Gliederspiel von Esphir zugesehen.

Zu unserem Familienleben gehörte es, sich immer wieder zu einer Vorlesestunde zusammenzufinden. Eine wirkliche Liebhaberei meines Vaters war es, die Werke von Fritz Reuter zu lesen, dem bedeutendsten Schriftsteller niederdeutscher Mundart. Auch wenn mein Vater nie wirklich die plattdeutsche Sprache erlernt hatte, machte es ihm Heidenspaß, der versammelten Familie gelegentlich etwas aus den herrlichen Milieuschilderungen z.B. um „Unkel Bräsig“ vorzulesen. Als wir Kinder noch jünger waren und gleich nach dem Abendessen zu Bett gehen mussten, fühlten wir uns besonders geborgen, wenn im Nebenzimmer die vorlesende Stimme des Vaters zu vernehmen war.
Damals spielten auch die spannenden Berichte des schwedischen Forschungsreisenden Sven Hedin eine große Rolle, und seine abenteuerlichen Unternehmungen in Zentralasien interessierte alle Welt. Daran erinnere ich mich deshalb so deutlich, weil auch während der Mahlzeiten – Kinder hatten still zu sein – die Eltern über das Gelesene sprachen. Gingen aber die Eltern ihrem Tagwerk nach, bemächtigte ich mich gern der beiden vorhandenen Bände Sven Hedins und betrachtete die Abbildungen.
Wenn ich so an meine Eltern denke, fällt mir auf, dass ich den Vater in vielen Kleinigkeiten beschreiben kann, förmlich in ihm lebe, aber über die Mutter nicht so viel zu sagen weiß, obwohl sie immer da und um uns war, eine Mutter eben, die sich um alles sorgt, für alle ein offenes Ohr hatte, stets auf unser Wohlergehen bedacht und gewillt war, sich für ihre Kinder förmlich aufzuopfern. Sie war derart präsent und so selbstverständlich, dass ich nachdenken muss, um ihr warmes Herz beschreiben zu können. Zu ihr hatte ich, vor allem nachdem ich als heranwachsender junger Mann sie wirklich kennenzulernen begann, ein besonders inniges Verhältnis.
Sie hatte keinen ganz leichten Charakter, der ihr in zunehmendem Alter auch mehr und mehr zu schaffen machte. Sie war wohl eher eine widersprüchliche Natur, haderte zuweilen mit sich selbst und quälte sich mit Selbstvorwürfen. Zwar war sie stets bestrebt, diese gewisse Zerrissenheit nicht zu zeigen, doch erinnere ich mich an einige ernste Gespräche während unserer Spaziergänge zu zweit, wenn ich, aus meiner studentischen Umgebung herausgelöst, das Elternhaus besuchte. Bei diesen Gelegenheiten gewährte mir meine Mutter tiefere Einblicke in ihr Inneres. Sie liebte sehr die Fröhlichkeit und war stets bemüht, Jugend ins Haus zu ziehen, wovon wir denn auch Gebrauch gemacht haben. Die Mutter war es auch, die uns die Natur nahe brachte und in uns die Liebe zum Spazierengehen weckte. Wie konnte sie sich für Naturschönheiten begeistern! Nicht nur für weite Ausblicke, auch für die kleine Natur, eine Blüte, einen Vogel, konnte sie sich begeistern.

Die Liebe zu den Vögeln hatten beide Eltern gemeinsam. In unserem von Wald, Büschen und Gesträuch umgebenen Garten gab es sehr viele verschiedene Arten der gefiederten Sänger. Wir saßen auf der Veranda und aßen, da ertönte ein Vogelliedchen oder ein Piepen, schon stand der Vater auf und holte sein ,Glasʻ (Fernglas). Wie freuten sich meine Eltern, wenn sie einen Trauerfliegenschnäpper, eine Grasmücke, ein Goldhähnchen oder gar den großen Grünspecht sahen!
Meine Mutter liebte, selbst musikalisch, Gesang. Sie spielte etwas Klavier, und in ihren jungen Jahren sang sie mit kleiner, aber sehr klarer Stimme. Noch heute schwebt wie ein ferner Ton ihre Stimme in der Erinnerung. Wenn wir Kinder dann mit unserer Mutter durch den Wald wanderten, konnte es passieren, dass sie leise ein Liedchen anstimmte. Das habe ich sehr gemocht, aber nie mitgesungen. Ich habe lieber der Mutter zugehört. ,O Täler weit, o Höhen…‘. Wenn ich dieses, heute fast vergessene Lied höre, steht mir meine Mutter lebendig vor Augen.
Meine Mutter entstammte über die väterliche Seite – ihre Großmutter war Sophie Tiling – einer alteeingesessenen baltischen Familie. Diese Linie bezieht sich auf Heinrich Tiling aus Bremen, von dem man weiß, dass er 1547 in Rostock, 1553 in Wittenberg studiert und 1560 geheiratet hat, danach als Magister und Stadtsekretär in Bremen tätig war, aber nach einem Konflikt mit dem Bürgermeister Daniel von Büren nach Oldenburg ging. Mehrere seiner direkten Nachkommen waren hochangesehene Kaufleute und Ratsherren in Bremen, später hatten sich einige dem Theologiestudium gewidmet, bis dann Johann Nicolaus Tiling 1764 nach Kurland (Pastor in Mitau bis zu seinem Tode) ausgewandert ist.
Die andere Linie geht zurück auf den aus Tirol stammenden Paul Drelingk, der bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts ins Land gekommen war. Er gilt bei vielen baltischen Familien als deren Ahnherr. Einer seiner Nachkommen in direkter Linie war Theodor Heinrich von Dreyling (Dreilingen). Der hatte sich als Bürger-meister von Riga verdient gemacht. So wurde ihm im Rigaer Dom ein Epitaph gewidmet.
Meine Mutter war in einer kinderreichen Familie aufgewachsen (sieben Kinder, von denen drei allerdings vorzeitig gestorben waren). Ihr Vater, Robert Fried-rich Assmuss, ein Eisenbahnbeamter, offensichtlich ein unsteter Geist, leicht verführbar und zu allerlei beruflichen Abenteuern fähig („begabt und verwöhnt brachte er es nicht zu etwas Rechtem“, wird berichtet), brachte seine Angehörigen immer wieder in äußerst schwierige Situationen, so dass sich seine große Familie letztendlich ziemlich durchschlagen musste.