Die Zeit der Ausbildung

Ich hatte mich für den Gartenbau entschieden und auch einige Vorstellungen entwickelt, wie meine Ausbildung erfolgen könne. Meine Lehrzeit wollte ich in Deutschland absolvieren, möglichst mit einem Praktikum beginnen und in einer Gartenbauschule abschließen, alles in kurzer Zeit erledigen, um dann rasch in der Heimat eine eigene Zukunft aufzubauen. Goldene Illusionen und wenig Sinn für die Realität! Wie konnte ich nur denken, daß alles so leicht sei. Ich hatte nun doch schon einige Erfahrungen im Leben sammeln können, wußte, daß einem nichts geschenkt wird und man sich alles mühsam erarbeiten muß. War ich denn immer noch ein Tagträumer, einer der seine Nase vielleicht sogar zu hoch hält und sich etwas auf seine Herkunft einbildet? Man wird jedenfalls sehr schnell auf den Erdboden zurückgeholt, und dies auch im Beruf des Gärtners. Ich mußte erst noch lernen, meine Hände in die Erde zu stecken und den Kopf tief nach unten zu beugen, Unkraut zu zupfen und kleine Pflänzchen sorgsam zu hüten.

Durch die Vermittlung von Bekannten fand ich in Brandenburg (Osthavelland), Landesteil Ober-Barnim im Dorf Neu-Schwante eine Lehrstelle im Gartenbaubetrieb des Herrn Paul Wolf. Schon hier erwies sich mein Gedanke, als Volontär beginnen zu können, als reines Wunschdenken. Ich sollte eine reguläre Lehrzeit mit Gehilfenprüfung durchlaufen, eine bittere Erkenntnis, war ich doch schon 26 Jahre alt, aus gutem Hause und dazu mit einem Abiturzeugnis in der Tasche. In mir bäumte sich alles auf. Aber ich war gekommen, um nun ernst zu machen, mein Leben in die eigenen Hände zu nehmen, etwas zu lernen, was mich weiterbringen würde. Ich fügte mich und errang den Vorteil, wegen des Abiturs nicht eine drei-, sondern nur eine zweijährige Lehre durchstehen zu müssen. Ein kleiner Trost!

Alles war hier neu für mich, auch die Mentalität der Menschen und ihr Lebensstil. Manche Demütigung, ja Depression war zu überwinden. Ich fühlte mich völlig aus der Bahn gerissen und mußte erst einmal versuchen, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Glücklicherweise habe ich ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit. Vor allem sagte ich mir täglich – eine Art autosuggestiver Kraftentfaltung –, ich habe es so gewollt, nun müsse ich durchhalten. Vor allem mußte ich alles das ablegen, was mich an die glückliche Studienzeit erinnern könnte. Ich war nun nicht mehr der „stud. med.“, nicht mehr der „frat. balt.“, wie es auf den Visitenkarten stand, die jeder Farbenträger stets bei sich hatte. Ich war der Lehrling Robert Burmeister, zupfte Grünzeug und Unkraut, kroch auf der Erde herum und stocherte mit Händen darin. Ich war ganz weit unten, tiefer als der Gehilfe, tiefer auch als der Lehrling im zweiten Jahr. Jeder konnte mir etwas sagen, mich schicken, mich treiben. Ich hatte zu gehorchen und brav zu tun, was andere von mir verlangten. Zu allem Überfluß, ich war allein, der Einzige, den man schikanieren konnte. Selbst bei den Soldaten traf es immer mehrere, hier nur mich.

Allmählich aber lernte ich, mit dieser Situation umzugehen, mich auch dort zu behaupten, wo es mir wichtig erschien, durchaus auch zu widersprechen, wenn ich glaubte, im Recht zu sein, aber auch Vorschläge zu machen, wie z.B. etwas besser organisiert werden könne. Man begann, mich wahrzunehmen als einen Mitarbeiter, nicht nur als einen Niemand, der auf dem Bauch zu kriechen hat. Ich wurde allmählich freier, und mir ging die Arbeit von der Hand. So erhielt ich auch anspruchsvollere Aufgaben, und plötzlich begann, mir die Sache auch Spaß zu machen. Ich ließ mich nicht mehr schicken, sondern sah selbst, was nötig ist, packte an, griff zu und zeigte mich willig. Das erleichterte alles.

In dieser Zeit hatte ich ein Mädchen kennengelernt, eine 18jährige Dunkeläugige, hübsch anzusehen. Wir mochten uns, trafen uns gelegentlich und gingen sogar einmal zum Tanz. Was ich nicht wußte, aber dann bald begriff, war, daß der Sohn meines Lehrherrn auch ein Auge auf diese Dorfschönheit geworfen hatte. Wir waren nun Konkurrenten. Dies sollte sich nicht gerade positiv auf mein Dasein auswirken. Anfangs versuchte er, mir andere Mädchen schmackhaft zu machen im Tausch gegen die Schöne. Dabei wurde er sogar ziemlich deutlich und führte mir seine Möglichkeiten vor, die er im Anwesen seines Vaters habe. Dies beein-druckte mich nicht besonders, jedenfalls tat ich so. Doch als er bemerkte, daß ich wirklich nicht auf seine Damen-Tauschgeschäfte eingehen wollte, ging er tatsächlich zum Herrn Papa und schwärzte mich an als einen unbrauchbaren Mitarbeiter, aus dem nichts werden könne, der sogar von den Fallbirnen äße und dem Betrieb mehr schade als nütze. Papachen, seinem Zögling naturgemäß mehr zugetan als jedem Fremden, legte mir nachdrücklich nahe, eine andere Lehrstelle zu suchen. Das überraschte mich, glaubte ich doch an die Besiegelung unseres Lehrverhältnisses durch Handschlag. Doch Herr Wolf hatte nur meine Ahnungs-losigkeit ausgenutzt, mir keinen Lehrvertrag gegeben, so daß es ihm frei stand, mich hinaus zu expedieren. Diese Erkenntnis, alles schriftlich machen zu müssen, kam für mich nun reichlich spät, bewirkte aber für alle Zukunft, nicht mehr allein auf Treu und Glauben zu handeln, wenn es um Existenzielles geht.

Dem Sohn aber war die Sache offensichtlich nun doch peinlich, denn er vermittelte mich zu seinem ehemaligen Lehrherrn nach Biesenthal in der Mark, ein Städtchen hinter Berlin, bei Bernau, zur Baumschule Lorberg. Der Sohn Wolf war glücklich, den Nebenbuhler losgeworden zu sein, und ich erkannte in dem viel größeren Unternehmen gute Ausbildungsmöglichkeiten, also durchaus einen Aufstieg, außerdem machte der Inhaber beim Einstellungsgespräch auf mich einen korrekten Eindruck, zumal er mir sogar einen Lehrvertrag anbot. Bevor ich jedoch dort meine Lehre antrat, bewilligte ich mir eine Woche Urlaub, um eine große Radtour zu machen. Ich hatte mir eine Route ausgesucht, die mich durch den Harz nach Witzenhausen führen sollte – ich wollte einige Kindheitserinnerungen auffrischen – und weiter nach Thüringen zu Vetter Arnold Burmeister bringen würde. Der hatte in Tambach-Dietharz, ein Städtchen südlich von Gotha und in der Nähe des Inselsberges gelegen, eine Arztpraxis. Das Fahrrad, mein erstes eigenes, war ein gebrauchtes. Ich hatte es erstanden von Vaters letzter Geldüberweisung, eigentlich ein Leichtsinn, war dieses Geld doch gedacht, mich zu ernähren und zu kleiden, denn – wie gesagt – ich bekam als Lehrling kein Geld und mußte zusehen, daß mich die Familie am Leben erhält. Allerdings war inzwischen ein großes Problem aufgetaucht, daß mich von der heimatlichen Geldquelle völlig abschneiden sollte. Lettland hatte eine Devisensperre verfügt, und Vaters Transaktion über Bekannte hatten mir die letzten 250 Mark gebracht. In meiner Unbekümmertheit bei geldlichen Dingen kam ich mir als ein reicher Mann vor, als einer, der wirklich über Geld verfügen und sich deshalb auch ein Fahrrad leisten kann. Ich war so sehr beseelt von meinem Plan, quer durch Deutschland radeln zu können, daß ich mir auch keine weiteren Gedanken über das Danach machte. Ich war für eine Woche frei, völlig ungebunden, hatte mein Fahrrad und konnte starten.

So fuhr ich denn los, erst einmal durch die Magdeburger Börde, landschaftlich nicht besonders reizvoll, Obstbäume entlang der Straßen, sonst baumlos, eine flache, nüchterne, nur auf Ernährung ausgerichtete Landschaft mit Getreide-, Rüben- und Kartoffelfeldern, nichts, was den ästhetischen Sinn erfreuen könnte. Fragte man nach dem Weg, bekam man eine mürrische kurze Antwort, so als sehe der Gefragte die benötigte Zeit für seine Antwort als schiere Vergeudung an. Dann tauchten in der Ferne die ersten Hügel auf. Der Harz rückte näher und das Auge des wildstrampelnden Fahrradtouristen bekam freundliche Nahrung. Und dann war man mitten drin in einer einmaligen Bergwelt, grün in allen Schattierungen, sonnendurchflutete dichte Wälder, plötzliche Ausblicke, schöne Raststellen. Zwar mußte man vor Anstrengung oft absteigen und das Rad schieben, doch das Herz war froh, das Auge begeistert und die Seele voller Glücksgefühl. Und hier waren auch die Menschen anders, gaben bereitwillig Auskunft, wenn man nach dem Wege fragte, winkten einem zu und grüßten zurück. Wie sehr mußte ich an die Behauptung denken, daß die Landschaft den Charakter der Einwohner beeinflußt.

An meinen kurzen Aufenthalt in Witzenhausen kann ich mich nicht mehr recht erinnern, doch an die Weiterfahrt nach Thüringen. Ich mühte mich redlich, die Strecke war weit und hügelig und schien mir, trotz der wunderbaren, abwechslungsreichen Landschaft nicht enden zu wollen. So wurde es wohl ein wenig zu viel. Jedenfalls kam ich in Tambach-Dietharz mit einem geschwollenen Knie an und mußte die ärztliche Kunst meines Vetters Arnold in Anspruch nehmen.

Natürlich mußte ich einige Tage ausruhen und hatte es gut in dem gastfreundlichen Haus, doch dann begann die Zeit zu drängen, denn mein Urlaub näherte sich dem Ende und ich hatte noch einen weiten Weg vor mir. Vetter Arnold riet, meinen Weg in Richtung Leipzig zu nehmen, denn in Markranstädt, ein Städtchen in der Nähe der Messestadt, wohne eine Tante von uns, Anna Hirzel, geb. Gerstfeld, deren Mann dort eine Fabrik besäße und mich sicherlich für eine Nacht aufnehmen könne. Zu allem Überfluß, von mir aber dankbar angenommen, spendierte Arnold mir die Bahnfahrt von Gotha nach Leipzig. Ich radelte nach Markranstädt und erfuhr dort, daß Hirzels gar nicht dort, sondern in Leipzig wohnten. Was blieb mir anderes übrig, als mich wieder auf den Rückweg zu machen und in Leipzig die von einem freundlichen Fabrikangestellten erhaltene Adresse aufzusuchen. Nun klappte es vorzüglich. Ich wurde gütig aufgenommen, durfte übernachten, hatte viele Fragen nach Familie und Wohlergehen zu beantworten und bestieg mein Fahrrad am nächsten Nachmittag, um wenigstens noch Wittenberg an der Elbe, die Lutherstadt, zu erreichen. Dort suchte ich die Jugendherberge auf und fand sie reichlich überfüllt mit wartenden Wanderern, da der Herbergsvater noch unterwegs war. Mich beunruhigte der Andrang, der vermuten ließ, daß nicht alle unterkommen würden. Offensichtlich dachte ein anderer Radfahrer ähnlich. Wir entschlossen uns, gemeinsam durch die Nacht bis Potsdam zu fahren, kauften uns einige Batterien für die Fahrradbeleuchtung, aßen uns für das letzte Geld satt und bestiegen unsere Räder für die Weiterfahrt. Bald wurde es dunkel, und hinter uns stand ein Gewitter am Himmel. Keine schöne Aussicht. Nun zählte nur noch, weiterfahren, irgendwie und irgendwann das Ziel zu erreichen. In finsterer Nacht mit schweren Beinen ist das gar nicht so einfach und verlangt wohl jedem Menschen allerhand Durchhaltevermögen ab. Das Gewitter verzog sich zwar in andere Gegenden, doch wir mußten Licht sparen, fuhren also meist in wirklicher Dunkelheit, wobei uns die Baumwipfel der Alleen als Richtungsweiser gute Dienste leisteten. Recht müde kamen wir gegen Morgen in Potsdam an. Hier trennten sich unsere Wege, und ich mußte nun noch bis nach Schwante weiterradeln, knapp 50 km, immerhin aber noch ein schönes Stück. Diese Kilometer wollten nicht enden, und die Beine wollten auch nicht mehr. Doch irgendwie kam ich an und stellte fest, daß ich bestimmt 200 km gefahren sein dürfte. Nun konnte ich dies als sportliches Ergebnis sehen, als eine Leistung, die mir Mut machte, neue Aufgaben anzugehen. Mein etwas ramponiertes Selbstbewußtsein hatte eine Kräftigung erhalten.

Zwei Tage nach der Heimkehr von der Tour begann ich in Biesenthal mit der neuen Tätigkeit. Ich erhielt einen regulären Lehrvertrag mit freier Wohnung und ein Taschengeld von 3 Mark pro Woche und die Vergünstigung als Abiturient nicht sogleich die Berufsschule besuchen zu müssen (Ich besuchte schließlich die Städtische Berufsschule im nahen Eberswalde nur für das letzte halbe Jahr meiner Ausbildung). Bei Wolf hatte es kein Geld gegeben, dort waren Wohnung und Verpflegung frei. Jetzt aber mußte ich mein Essen selbst finanzieren, und das war mit dem geringen Einkommen nicht zu machen. Also bestellte ich das Mittagessen beim Obergärtner ab und ernährte mich fürderhin von Brot, Kaffee, Zucker und Margarine. Nach kurzer Zeit sah man mir diese Ernährungsform deutlich an, so daß der Chef sich besorgt bei den Mitarbeitern erkundigte. Er rief mich daraufhin zu sich, und ich mußte ihm meine Situation schildern. Er spendierte mir ab sofort den Mittagstisch und legte Wert darauf, daß ich dieses Entgegenkommen auch nutzte.

Ich hatte mir fortwährend überlegt, ob ich mit dem letzten Geld des Vaters, nicht vielleicht doch hätte sparsamer umgehen müssen. Und so rechnete ich seinen Verbleib durch. Das Fahrrad war wichtig gewesen, auch wenn es anfangs nach einer luxuriösen Anschaffung aussah. In Biesenthal jedenfalls stellte es sich als zwingend notwendig heraus, denn die Anlagen und Quartiere der Baumschule lagen etwa im Umkreis von 7 km.

Dann benötigte ich einen Ölmantel gegen nasses Wetter, um auf den Fluren der Baumschule gegen Wind und Wetter geschützt zu sein. Auch waren Hippe, Veredlungsmesser und Baumschere als Handwerkszeug unumgänglich, und auch ein Lehrbuch mußte sein. Ein wenig Geld war zwar auf der Fahrradtour verbraucht worden, doch ich konnte mir nicht vorwerfen, etwas davon verplempert zu haben. 25 Mark aber hatte ich Nora zugeschickt, eine mich stolz machende Tat. Es war ein schönes Gefühl, der Schwester ein wenig unter die Arme greifen zu können, hatte sie doch gerade in Göttingen ihr Studium aufgenommen. Für mich war es schön, sie in der Nähe zu wissen, auch wenn gegenseitige Besuche aus Geldmangel gar nicht in den Bereich näherer Erörterungen gelangten.

Das Weihnachtsfest rückte näher. Ich dachte mit gewissem Grauen daran, denn bei den Festtagen spürt man die Einsamkeit besonders stark. Da erreichte mich ein Brief von Tante Nora Jürgensohn, Jugendfreundin meiner Mutter, Patentante von Schwester Nora und unsere liebe Wahltante, verheiratet mit einem Arzt in Bergen auf Rügen. Sie lud Nora und mich zum Fest nach Bergen ein, wahrlich ein Geschenk und eine riesige Freude. Wir verlebten schöne gemeinsame Tage, die nur zu schnell vergingen. Übrigens im Jahr darauf durften wir wieder das Weihnachtsfest gemeinsam bei Jürgensohns verbringen. Ich denke voller Dankbarkeit daran.

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren für das politische Deutschland recht turbulent. Einige Stichpunkte: Novemberrevolution 1918, Gründung der Weimarer Republik, Inflation, Umsturzversuche (z.B. Kapp-Putsch), Weltwirtschaftskrise, Erstarkung der NSDAP bis zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Ich selbst habe eigentlich gar nicht allzu viel mitbekommen, doch die Auswirkungen begannen auch mich zu treffen. Die sogenannte „Machtergreifung“ durch Hitler habe ich in Biesenthal erlebt. Natürlich haben wir auch dort schon vorher einiges von seiner Partei gehört und mitbekommen, vor allem davon erfahren, was alles in dem gebeutelten Deutschland besser werden würde, wenn die „Vaterlandsverräter“ uns nicht mehr regieren würden. Hitlers Partei hatte einen enormen Zuwachs erhalten, so daß die Reichstagswahlen am 5. März 1933 zu seinen Gunsten ausfielen.

Die Wahl fand gut fünf Wochen nach der sogenannten Machtergreifung Adolf Hitlers, d. h. seit seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar, statt und war aufgrund der Auflösung des Reichstags am 1. Februar notwendig geworden. Gut eine Woche vor der Wahl, nach dem von den Nationalsozialisten selbst inszenierten Reichstagsbrand, führten sie die „Reichstagsbrandverordnung“ ein, um mit ihrer Hilfe mißliebige Personen – insbesondere Anhänger der KPD und der SPD – in sogenannte Schutzhaft zu nehmen. Viele Inhaftierte wurden in den bereits ab Februar 1933 errichteten Konzentrationslagern interniert und dort körperlich mißhandelt.

Wieviel Terror mit im Spiele war, wußten wir damals nicht, auch nichts von den brutalen und gezielten Übergriffen von „Sturmstaffel“ (SA), „Schutzstaffel“ (SS) und „Stahlhelm“. Irgendwie riß mich das ganze Geschehen um die national-sozialistische Partei aber doch mit, und ich setzte damals – heute für mich unvorstellbar – einige politische Hoffnungen in diese Leute, Retter aus dem „Weimarer“ Chaos, die Deutschland erneuern, wieder aufbauen und der Welt zeigen wollten, daß wir Deutsche wirklich etwas sind und mit uns zu rechnen ist. Es erschien mir richtig, daß endlich nach dem verlorenen Krieg unser Selbstbewußtsein als Volk gestärkt werden müsse und die wirtschaftliche Flaute beendet würde. Hitlers Reden bewegten mich durchaus, einzig daß ich im Unterbewußtsein zu verspüren glaubte, daß er etwas zu großspurig auftrete. In meiner politischen Naivität aber, genährt aus rein völkischen Emotionen, erweckte er in mir einen Widerhall. Natürlich war ich gar nicht in der Lage, das eigentliche Wesen des Nationalsozialismus zu erfassen.

Im März 1934 legte ich, nachdem ich alle Zweige des Baumschulwesens durchlaufen hatte, die Gehilfenprüfung ab, nach heutigem Sprachgebrauch entspricht dies der Facharbeiterprüfung. Damit war die Lehrlingszeit beendet, und ich mußte mich entscheiden, wie es weiterzugehen habe. Da beging ich die haushohe Dummheit, die ich später tüchtig bereuen sollte, das Angebot, weiterhin in der Baumschule arbeiten zu dürfen, nicht in Anspruch zu nehmen. Es zog mich zurück in die Heimat, nach Ligat. So aber hätte ich erst noch in „meinem“ Betrieb Geld verdienen können, um mich dann zum Zwecke einer weiteren Ausbildung an entsprechenden Fachschulen zu bewerben. Vielleicht wäre es bei persönlicher Vorsprache sogar gelungen, ein Stipendium zu erlangen, denn wegen der Devisensperre war ich ja sonst mittellos. Stattdessen fuhr ich überglücklich nach Hause – woher ich das Geld dafür nahm, weiß ich nicht mehr – und verließ mich auf die Möglichkeit, auf offiziellem Wege über die „deutsch-baltische Volksgemeinschaft“1 ein Stipendium vermittelt zu bekommen. Dieses erwies sich als Irrweg, so daß trotz aller Versuche eine weitere Ausbildung unterbleiben mußte.