Die Zeit der Bewährung

Vier Jahre meines jungen Lebens bin ich an der lettischen Universität immatrikuliert gewesen und habe diese Zeit mehr oder weniger verbummelt. So konnte ich kein Arzt werden, natürlich auch nichts anderes. Irgendwann kam mir ein solcher Gedanke. Doch er brauchte einige Zeit, sich festzusetzen. Im Jahre 1929 war es dann so weit. Ich mußte einfach mit dem bisherigen Leben Schluß machen, mir etwas suchen, an dem ich mich aufrichten konnte, eine neue Aufgabe finden, die mich aus diesem Kreis ewiger Leichtlebigkeit, großer Fröhlichkeit und zukunftsbedrohender Sorglosigkeit entläßt. Ich beschloß – nicht ganz leicht, aber mit genügendem Ernst –, zunächst meiner Dienstpflicht in der lettischen Armee nachzukommen, um danach frei zu sein, eventuell in Deutschland ein neues Studium aufzunehmen. Das begonnene Medizinstudium wollte ich auf keinen Fall fortsetzen. Einerseits hatte mich ein Buch beschäftigt von einem Arzt namens Lyck, der mit einer ungeheuer hohen ethischen Auffassung über seine „Sendung“ reflektierte und mir damit begreiflich machte, diesem Beruf gar nicht gewachsen sein zu können, andererseits hätte ich nach einem Medizinstudium in Deutschland mindestens ein weiteres Jahr in Lettland studieren und dort ein zweites Staatsexamen ablegen müssen, um in der Heimat den Beruf überhaupt ausüben zu dürfen. Immerhin war ich schon Mitte zwanzig. Wohin sollte das führen?

Schon damals erwog ich die Möglichkeit, in den Gartenbau zu gehen, um vielleicht Gartengestalter zu werden, irgendetwas in der Art. Auch war mir bewußt, daß ich weit unten anfangen müßte, eventuell mit einem Praktikum, um danach in Deutschland entweder die Gartenbaufachschule in Oranienburg oder die Gartenbauhochschule in Berlin-Dahlem zu absolvieren. Erst nach dem Militärdienst wollte ich mich festlegen. Nun aber mußte ich dem Vater meine Überlegungen mitteilen, einesteils beichtend berichten, anderenteils ihm meine Pläne entwickelnd. Ich wußte nicht, wie er reagieren würde und war doch wohl sehr bedrückt. So wurde es auch eine schwere Stunde für mich. Mein Vater, ganz in seiner Art, sagte nicht viel, vor allem, er machte mir keine Vorwürfe, aber die Enttäuschung, daß sein einziger Sohn sich nicht bewährt hatte und alle großen finanziellen Opfer als vertan anzusehen waren, konnte ich ihm deutlich anmerken. Dies hat mich mehr getroffen, viel tiefer sogar als es ein strenges Wort hätte tun können.

Mein Vater und auch meine Mutter ließen mir freie Hand. Die Sache war beschlossen. Ich würde demnächst Soldat werden. Es wurde eine harte, aber doch wohl heilsame Zeit. Um aber im vollen Umfang verstehen zu können, welcher Einsatz von mir verlangt wurde und wie groß der Schritt für mich war, ein neues Lebensgefühl zu entwickeln, bedarf es einiger Erklärungen.

Im Hause meiner Eltern hatte ich ein breites und bequemes Leben kennengelernt, ein Leben, das man durchaus als „herrschaftlich“ bezeichnen könnte. Es hat, trotz gewisser Einschnitte in den Kriegsjahren, an nichts gefehlt. Die niederen Arbeiten waren auf fremde Schultern verteilt. Wir Kinder vergnügten uns, so gut es eben ging und hatten keine eigentlichen Pflichten. Wir wurden schlichtweg verwöhnt. Hinzu kam, daß wir als Deutsche, schon die Eltern und ganze Generationen davor, selbstverständlich beanspruchten, Herren des Landes zu sein, also nicht nur etwas Besseres darstellten, sondern das Eigentliche. Die höhere Schule und die Zeit als Farbenstudent haben zusätzlich dazu beigetragen, ein Elitebewußtsein in mir zu prägen. Nun aber begann die Zeit des Umlernens. Ich mußte, durch die Umstände geboten, von meinem hohen Roß herabsteigen und auf ein anderes, dazu ein sehr lebendiges aufsteigen. Ich wurde Soldat. Das konnte nicht ohne Schmerzen und manche Demütigung abgehen.

Im Oktober 1930 hatte ich mich in Dünaburg, ein leicht verkommenes Städtchen ganz im Südosten Lettlands, sozusagen im letzten Zipfel des Landes, am Oberlauf der Düna, übrigens der Geburtsort meiner Mutter, beim einzigen Reiterregiment der lettischen Armee zu melden. Zwar galt es also besondere Ehre, Reiter sein und die gelben Aufschläge tragen zu dürfen, doch mußte man dafür sechs Monate länger dienen, und der Tagesablauf stellte auch höhere Ansprüche an den Mann. Neben dem normalen Dienst kam auch die Zeit hinzu, die für die Pflege des Pferdes notwendig war. Ich bemerkte schnell, daß mir diese Ehre bitter ankam und ich keineswegs bei den Reitern glücklich werden konnte. Aber ich lernte auch, daß weder diese noch sicherlich jede andere Armee der Welt dazu da war, ihre Soldaten glücklich zu machen. Die Dienstzeit erwies sich denn auch sofort als Zeit der Bewährung.

Als Soldat wird einem sehr schnell klar gemacht, daß man sich unter- und einzuordnen hat, daß man selbst ein Nichts ist und nur die Gemeinschaft zählt, aber auch nur dann, wenn diese durch den auferlegten Drill willens ist, den Weisungen, also den Befehlen der Vorgesetzten blindlings zu folgen. Wer fragt, hat keine Chance, wer hinterfragt, hat schon verloren. Ich bekam diesen Schliff in wohldosierten Raten, nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Soldat auch. Nur fiel es mir vermutlich schwerer als manchen Kameraden, mich wirklich einzugliedern und mich klein genug zu machen. Aber ich lernte schließlich doch, mich zu beherrschen, Dinge hinzunehmen und die Welt nur so zu betrachten, wie ich sie in meiner Montur und unter dem Käppirand hervor erkennen konnte. Wir alle waren Abiturienten, den meisten Vorgesetzten ohnehin ein Greuel, und gehörten zur „Instrukteurschwadron“, eine Einheit für die Ausbildung zum Unteroffizier. Es war eine harte Schule für Körper und Geist. Und ich stand sie durch. Aber ich hatte mit den Pferden zu tun, für mich meist ein seelischer Ausgleich. Ich liebte die Tiere und behandelte sie als Freunde. Soldatenpferde waren so etwas meist nicht gewöhnt, oft mißtrauisch und störrisch, bissig und bockig, mitunter sehr wehrhaft, wenn man nicht aufpaßte. Ich hatte schon von meinem Vater gelernt, mit Pferden zu sprechen, leise und vertraut, sie zu führen, ganz ohne Zwang und doch meinen Willen allmählich durchzusetzen. Das brauchte oft Zeit. Ich hatte sie nicht immer, war aber doch glücklich mit der geschundenen Kreatur und bekam von ihr oft genug Dankbarkeit zurück, gespitzte Ohren beim Betreten des Stalls, ein leises Wiehern und ein Kopfreiben an meiner Schulter. Irgendwann beförderte man mich zum Unteroffizier und versetzte mich nach Mitau. Dort war ich sechs Monate bei der 3. Schwadron. Im Januar 1932 war die Zeit um, und ich wurde aus dem Dienst entlassen. Was nun? Ich mußte mich erneut meiner weiteren Zukunft stellen, nun endlich versuchen, mich beruflich zu entwickeln.