Die Studentenzeit

Der Sommer verging und die mit Spannung und nicht ohne Zagen erwartete Konkurrenzprüfung zur Aufnahme an die lettische Universität kam heran. Ich fuhr nach Riga und stellte mich der Prüfung. Ich blieb, wie war es auch anders zu erwarten, von meinen Konkurrenten auskonkurriert, auf der Strecke. Dafür aber hatte ich bereits ein Ausweichgeleis gelegt. Ich mußte ja schließlich dieses Jahr überbrücken und wollte im Jahr darauf die Eintrittsprüfung wiederholen. Ich mag ja etwas leichtlebig veranlagt sein und in schönen Sommerferien das wirkliche Leben nicht sehr ernst genommen haben, aber kampflos die Waffen zu strecken, lag mir denn doch nicht. Nun wollte ich es wissen, mein Studium beginnen und dafür das notwendige Lettisch lernen. Punktum!

Durch deutsche Kommilitonen hatte ich erfahren, es sei günstig, während der Sommerferien (im nächsten Jahr versteht sich) im Hause des Propstes Pavasar, ein lettischer Geistlicher in Wolmar, Nachhilfestunden in der Landessprache zu nehmen. Das wollte ich tun. Vorerst aber mußte das Studienjahr 1925/26 irgendwie bewältigt werden, da ja derzeit ein geordnetes Studium in dem von mir erwählten Fach nicht möglich war. Ich mußte mir also etwas aussuchen, was mich einerseits nicht langweilen würde, andererseits mir vielleicht sogar den Übergang in die Medizin erleichtern konnte. So belegte ich im Herderinstitut, eine kleine deutsche Hochschule mit einigen Fakultäten, einige naturwissenschaftliche Fächer (Chemie, Biologie und Physik) und hatte vermutlich sogar gut daran getan.

Farben Fraternitas Baltica

Im Übrigen tat ich das, was auch schon meinem Vater als richtig erschienen war, ich trat der Studentenverbindung „Fraternitas Baltica“ bei. Dort ist man erst einmal „Fuchs“, ein Larvenstadium, in dem man lernen muß, sich sowohl in das studentische System einzufügen als auch sich zu behaupten. Das ist gewissermaßen ein Spagat, wachen doch ältere Semester darüber, daß man sich ihnen gegenüber keineswegs erhebt, aber dennoch in der Lage ist, sich durchzusetzen und gegebenenfalls Stärke zeigt. Es lag also eine Bewährungszeit vor mir, in der sittliche, moralisch-ethische Werte, gutes Benehmen, Stärke und Bescheidenheit, also Tugenden, die selbstverständlich auch im normal-menschlichen Umgang zählten, unter Beobachtung standen. Der Weg ist steinig, doch das Ziel ist, die Farben der jeweiligen Verbindung auf Beschluß des Convents (beschließende Versammlung aller Farbenträger) zu bekommen. Man muß als würdig befunden werden, die Farben tragen zu dürfen, wozu dann auch das Recht gehört, an den Beratungen im Convent teilzunehmen, über Entscheidungen mit abstimmen und Ämter ausüben zu dürfen. Bereits nach dem ersten Semester, im Februar 1926, bekam ich die Farben verliehen, ein Ereignis, dessen Bedeutung man nur ermessen kann, wenn man sich vergegenwärtigt, welches Ansehen ein Farbenträger innerhalb der deutsch-baltischen Gesellschaft genoß. Ich war stolz und bewegt. Heute, im Abstand von vielen Jahren, sehe ich dies alles kritisch, vor allem das daraus resultierende „Elitebewußtsein“, woraus maßlose Überheblichkeit erwachsen kann. Dennoch hänge ich an meiner alten Verbindung, habe ich ihr auch einiges an Werten zu verdanken und bin immer noch gern in Kontakt zu anderen Baltenphilistern, deren Lebensleistung ich hoch schätze. Damals habe ich das Studentenleben intensiv mitgelebt, zu intensiv, so daß ich letztlich daran gescheitert bin.

Als die Sommerferien 1926 begannen, ging ich, wie verabredet, nach Wolmar, gleich unserer Nachbarstadt Wenden ein kleines livländisches Landstädtchen, in das Pastorat Pavasar, um mich dort in den lettischen Sprachkenntnissen zu vervollkommnen und für die schwere Konkurrenzprüfung zu wappnen. Die Familie Pavasar war, was im Baltikum zuweilen vorkam, national gespalten. Der Propst war ein reinblütiger und überzeugter Lette, seine Frau hingegen Deutsche, die nicht einmal die lettische Sprache fehlerfrei beherrschte. Seine drei Söhne vertraten vehement die lettische Seite, zwei von ihnen waren Angehörige der lettischen Studentenverbindung „Lettonia“. Die drei Töchter tendierten innerlich eher zur Mutter, fühlten aber eine gewisse Zerrissenheit in dieser Zeit der nationalen Erhebung. Sie sahen es als problematisch an, einer Mischehe zu entstammen und dadurch in einen Zwiespalt geraten zu sein. Dies waren für mich interessante Aspekte, Tendenzen, über die ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht hatte. Beim jüngsten Sohn des Hauses hatte ich den dringend benötigten Sprachunterricht, und ich tat dies mit Fleiß, täglich mehrere Stunden. Wir vertrugen uns prächtig, auch wenn mich der Lernstoff gelegentlich zu überfordern schien. Ich hielt durch, und meine Bemühungen zahlten sich aus. Im Herbst bestand ich die Konkurrenzprüfung und wurde an der Alma Mater Rigensis für die medizinische Fakultät immatrikuliert und fühlte, daß ich endlich dort angekommen bin, wo ich hin wollte.

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Die Universität Lettlands geht auf das im Jahre 1862 gegründete Rigaesche Polytechnikum zurück. Dort hatte bereits Georg Burmeister ab 1886 sein Chemiestudium absolviert. Seit Lettland im Jahre 1919 seine Unabhängigkeit erreicht hatte, wurde das Institut zur Hochschule Lettlands und Lettisch zur Unterrichtssprache. Im Jahre 1923 hatte das lettische Parlament eine Verfassung für die Hochschule beschlossen und sie als „Universität Lettlands“ benannt.

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Die Vorlesungen wurden vorwiegend in lettischer Sprache, einige aber auch in Russisch gehalten. Das machte trotz aller bereits vorhandener Sprachkenntnisse gewisse zusätzliche Mühe, besonders bei dem russischen Anteil, da ich in dieser Sprache noch zu wenige Fertigkeiten besaß. Man glaubt aber nicht, wie schnell man sich in fremde Sprachen hineindenken kann, wenn man regelrecht gefordert wird. Ich allerdings ließ mich nicht allzu sehr fordern, denn ich habe kaum an den Vorlesungen teilgenommen, sondern besuchte lieber das Conventsquartier und auch gesellschaftliche Veranstaltungen. Natürlich habe ich die notwendigen Praktika mitgemacht und dafür sogar gelernt. Zu Hause, d.h. in meiner Studentenbude, habe ich die Bücher und die wenigen Mitschriften allerdings immer nur dann angesehen, wenn es wirklich brenzlig wurde, also ein Colloquium auftauchte oder eine Prüfung angesetzt war. Da bei uns das Kurssystem bestand, mußten zwischendurch, wenn ein bestimmtes Fach abgeschlossen werden sollte, Prüfungen abgelegt werden. Die kurzen oder meist doch langen lateinischen Namen und Bezeichnungen im Medizinfach haben mir viel zu schaffen gemacht. Aber man gewöhnt sich auch daran, daß man nicht alles in seinem Kopf parat hat und gelegentlich auf fremde, gut nachbarschaftliche Hilfe angewiesen ist. Man muß sich eben organisieren und jemand kennen, der weiß, wo etwas steht, noch besser, der selbst weiß, was gefordert wird, auf alle Fälle aber höchst hilfsbereit ist.

Sehr gern ging ich allerdings in die Anatomie, um dort zu sezieren. Anfangs muß sich wohl jeder daran gewöhnen, an den Leichen herumzuschnippeln, doch dann geht es ganz flott von der Hand und ist auch sehr interessant, einen Menschen von innen zu betrachten. Wie sehr man in der Anatomie aber auch abstumpfen kann, bzw. den Umgang mit einer Leiche als selbstverständlich erachtet, zeigt ein, mich doch gewissermaßen schockierendes Erlebnis. Mir wurde etwas beklommen, als ich das erste Mal im Keller zusehen mußte, wie der Pedell mit Hilfe einer langen Stange, an deren Ende ein Haken befestigt war, eine herumschwimmende Leiche aus den großen Zementwannen, gefüllt mit einer Formalinlösung, herausangelte, sich diese über die Schulter warf und ein Liedchen pfeifend in den Seziersaal trug, sie dort auf den Tisch knallte und wenig pietätvoll ein nicht mehr ganz weißes Laken darüber deckte.

Riga war eine wunderschöne Stadt mit ihren alten Kirchen und schönen Durchblicken und hatte durch die Düna ein besonderes Flair, wie so manche Stadt an einem Fluß, bei uns im Winter mit mächtigem Eisgang und im Sommer voller Leben am Ufer. Ich liebte diesen Ort und fühlte mich dort geborgen.

Im ersten Jahr meiner Universitätszeit wohnte ich bei meiner alten Pensionsmutter, Frau von Renner. Dort hatte ich mich immerhin schon während der drei letzten Jahre meiner Mittelschulzeit wohl gefühlt. Im zweiten Jahr allerdings zog ich mit meinem Schulfreund Edgar Kerpe zusammen. Auch er war Farbenstudent, allerdings in der „Curonia“. Unserem gemeinsamen Treiben machte meine Mutter jedoch höchst energisch ein Ende. Ich würde am Essen sparen und wäre am Verhungern, glaubte sie zu erkennen. Als braver Sohn kehrte ich wieder zu meiner alten Studentenmutter zurück, bekam dort ein sehr schönes Zimmer und volle Pension – eine Sicherheitsleine meiner Eltern.