In der Fremde

Irgendwie und irgendwann kamen wir in Niederhelmsdorf und damit beim Vater an. Er lebte wirklich inmitten eines Bauplatzes, doch immerhin gab es ein Zimmer, das er bereits für sich notdürftig eingerichtet hatte. Das überließ er meiner Mutter und den beiden Töchtern. Er bezog mit mir inmitten von allem Bauschutt Quartier, und wir schliefen auf ausgehobenen Türen. Diese ungemütliche Zeit fand aber auch ein Ende, und wir bekamen genügend Platz, uns auszubreiten. Allerdings hatte eine andere Misere auf uns gewartet. Wir drei Kinder mußten eingeschult werden, Lisi und Nora im Lyzeum, ich im Realgymnasium. Das geschah in Pirna, eine alte Stadt mit einigen sehenswerten Bauten – Kirchen und Bürgerhäusern –, die mich jedoch vorerst noch nicht sonderlich interessierten. Ich habe später gesehen, daß der berühmte italienische Maler Canaletto, von dem es auch einige Bilder aus dem nahegelegenen Dresden gibt, eine wunderschöne Ansicht von dem alten Markt gemalt hat. Einiges von dem alten Bild ist in der Realität noch vorhanden. Man glaubt es kaum.

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By Bernardo Bellotto – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Ich erinnere mich noch des ersten grauen Morgens, da ich mutterseelenallein den schweren Gang zur Schule antreten mußte. Es kam mir vor, als stünde vor mir ein großes Tor, und dahinter befände sich ungewisse Dunkelheit. In dieses dunkle Loch sollte ich hinein. Immerhin war ich nicht gewöhnt, überhaupt in eine Schule zu gehen. Jetzt mußte ich, dazu noch in der Fremde, mit Leuten zusammen sein, die ich nicht kannte. So wußte ich gar nicht, was mich bei denen erwartete. Ich war wohl wirklich nur ängstlich und aufgeregt. Um mir Mut zu machen, sagte ich mir unentwegt das Gedicht auf: „Hab Sonne im Herzen“. Ich glaube wirklich, daß mir diese Autosuggestion geholfen hat, ins kalte Wasser zu springen.
Der Schulweg war für uns mit einigen Strapazen verbunden, lag doch unser neues Zuhause auf dem Lande, zwischen Pirna und der kleinen Stadt Stolpen, dort wo einst der prunksüchtige sächsische Herrscher August der Starke seine ehemalige Geliebte, die Gräfin Cosel, gefangengesetzt hatte. Übrigens war der große Burgturm, in dem die Gräfin schließlich bis zu ihrem Lebensende geschmachtet hat, von Niederhelmsdorf aus in nordöstlicher Richtung zu sehen.
Wir mußten täglich den Zug nehmen, um 6.30 Uhr aufbrechen, stiegen in der Station Dürrröhrsdorf (tatsächlich schreibt man diesen Ort mit drei nacheinander aufgereihten „r“) ein und fuhren mit der Bimmelbahn ungefähr 25 Minuten. Vom Bahnhof in Pirna waren es dann nochmals zehn Minuten zu Fuß bis zur Schule, alles in allem also ein recht aufwendiger Weg. Auch daran konnte man sich gewöhnen, zumal wir drei Geschwister ja nicht allein reisten, sondern auch andere Schüler, manche sogar aus Stolpen, mitfuhren und man schon unterwegs allerlei Spaß haben konnte.

Die Fabrik und unsere Wohnung lagen im Tal der Wesenitz, ein Flüßchen, das uns sehr an die heimatliche Ligat erinnerte. Wir mußten es auf unserem Schulweg überqueren, den jenseitigen Talhang erklimmen und ein Stückchen durch den Wald wandern. Dort, wo wir aus dem Wald heraustreten konnten, stießen wir auf die Landstraße, die uns, bald die Bahngeleise überquerend, bis zum Bahnhof führte. Am Waldrand konnte man weit ins Land blicken und auch den Zug von fern herannahen hören. Das trieb uns gelegentlich zu höchster Eile an. Das kleine, erst acht Jahre alte Nörchen (Schwester Nora) wurde in die Mitte und an die Hände genommen, und los ging es im Laufschritt. Da die Straße zum Bahnhof immer neben den Schienen verlief, konnten wir gut verfolgen, wie uns das Bähnchen von hinten heranschnaufend und -fauchend zu erreichen versuchte. So manches Mal kamen wir völlig erschöpft und ausgepumpt, aber froh, es wieder einmal geschafft zu haben, beim Bahnhof an, stiegen eilends ein, und nun konnten wir verschnaufen.

In der Schule hatte ich anfangs einige Schwierigkeiten, weil sich schnell zeigte, daß der Krieg auch in meinem Wissen erhebliche Lücken geschlagen hatte. Die Lehrprogramme in Pirna waren wohl auch zu dem, was ich bisher gelernt hatte, ziemlich unterschiedlich. Es ist vermutlich ohnehin schwierig, vom Privatunterricht herkommend, plötzlich eine öffentliche Schule besuchen zu müssen. Was vorher Vorteil war, entpuppte sich jetzt doch als ein entscheidender Nachteil. Latein und Französisch waren für mich absolutes Neuland. Meine Klasse hingegen hatte auf diesem sprachkundlichen Gebiet schon einige Furchen gezogen. Ich sollte dies nun alles nachholen. Es wurde eine schwere Zeit des Umdenkens, Umlernens und Fußfassens, immerhin lebten wir im Ausland und kannten wohl doch zu wenig von dem, was im Deutschen Reich gedacht und wie dort gehandelt wurde. Hinzu kam, daß wir, obwohl ebenso Deutsche wie unsere Kameraden und Lehrer, anfangs doch eher als ausländische Störenfriede betrachtet wurden. Übrigens erging es ähnlich einem aus der Berliner Gegend zugewanderten Kind, das eben auch kein Sachse war und anders sprach als die Einheimischen. Wir Balten waren in einer ganz anderen Mentalität erzogen worden, hatten Wertevorstellungen, die man in Deutschland vermutlich so nicht kannte. Wir waren wohl doch anders. Aber ich legte dennoch in allen Gesprächen und Streitereien höchsten Wert darauf, Deutscher und kein Russe, auch kein Lette zu sein. Schließlich bemerkte ich sogar, daß ich wesentlich mehr von dem besaß, was sich als Nationalstolz herausstellte. Die einheimischen Kinder hatten sich niemals in einer fremden Welt behaupten müssen. Sie hatten noch gar nicht gelernt, folglich auch nicht verinnerlicht, was es hieß, Deutscher zu sein.

Aber am meisten machte mir natürlich der Lernstoff zu schaffen. So manchen späten Abend saß ich verzweifelt beispielsweise über einer lateinischen Übersetzung gebeugt und wußte weder aus noch ein. Der mitleidige Vater suchte kummervoll seine längst verschütteten Schulkenntnisse zusammen, konnte mir aber mit den spärlichen Resten auch nicht recht behilflich sein. In anderen Fächern ging es besser, besonders in Geschichte, wofür ich mich immer ganz speziell interessiert hatte. Eine bedeutende Klippe bildete meine fürchterliche Handschrift. Es war die Zeit, als man noch großen Wert auf eine saubere, mit Grundstrich und Haarstrich fein gedrechselte Schülerhandschrift legte. Damit aber konnte ich nicht dienen. Meine Hand wollte nicht so und stemmte sich gegen jede Vorschrift. Vermutlich hatte ich nicht die notwendige Geduld, die Feder korrekt zu führen, und wollte auch nicht einsehen, daß dies lebenswichtig sei. Da gab es von Lehrerseite immer wieder Ärgernisse.

Eines Tages aber konnte ich mir aber doch ein Lob, wenn auch ein unverdientes, einheimsen. Der Geschichtslehrer hatte uns die Hausaufgabe gegeben, einen Kurzvortrag über die spartanische Erziehung vorzubereiten. Da mein Vater bereits damit beschäftigt war, eine neue Stelle in Augenschein zu nehmen, wir also bald weggehen würden, hatte ich mir nicht mehr die Mühe gemacht, mich mit solchen läppischen Dingen wie Hausaufgaben zu befassen. So saß ich völlig unbefangen im Unterricht und war sehr verwundert, als der Lehrer nach einem längeren Blick durch die Reihen – alle Schüler, außer mir, der gelangweilt aus dem Fenster blickte, hatten die Augen niedergeschlagen, im Glauben, dadurch für den Lehrer unsichtbar zu sein und nicht aufgerufen zu werden – plötzlich meinte: „Da Burmeister uns in den nächsten Tagen verläßt, wollen wir ihn noch einmal hören!“ Eisiger Schreck durchfuhr mich, doch ich hatte gelernt – auch so eine Leitlinie während meiner Erziehung –, immer Haltung zu bewahren und schritt mutig nach vorn. Immerhin hatte ich schon früher nicht nur von den Spartanern gehört, sondern es hatte mich tatsächlich beschäftigt, wie sie ihre Jungen erzogen haben. Mir war noch gut in Erinnerung, daß ich teils davon abgeschreckt, teils mich aber auch angezogen fühlte, wie die Knaben schon ab dem siebenten Lebensjahr fernab von ihren Eltern internatsmäßig aufgezogen wurden, um sich körperlich zu ertüchtigen, Schläge und Schmerzen ertragen lernen mußten und gehorsam zu sein hatten, damit sie im Mannesalter Strapazen ertragen und im Kampf siegen können. Ich brachte dies alles in einigermaßen wohlgesetzten Worten vor, trat aber doch etwas kleinlaut ab, weil ich glaubte, ein niederschmetterndes Urteil erwarten zu müssen, denn ich hatte ja nur die Reste eines vielleicht einmal besseren Wissens vortragen können. Wie erstaunt aber war ich, als der Lehrer sich positiv, ja lobend vernehmen ließ: „Nehmt euch den Burmeister zum Beispiel. Man merkt doch gleich, daß er sich gut vorbereitet hat.“ Ich glaube, das Gefühl der Freude war stärker, als das der Scham.

Über ein Erlebnis möchte ich noch berichten, auch wenn es mich in der Rolle des begossenen Pudels zeigt. Angeregt durch einige Mitschüler begann ich eines Tages, Briefmarken zu sammeln. Ich bemerkte im Schaufenster eines Schreibwarenladens eine kleine Broschüre mit dem Aufdruck „Markensprache“. Es erschien mir, die geeignete Hilfe für mich Anfänger darzustellen, sozusagen der verläßliche Leitfanden für jeden angehenden Philatelisten. Die noch junge Verkäuferin machte, wie mir schien, ein belustigtes Gesicht, als ich, der erst vierzehnjährige, wenn auch lang aufgeschossene Junge, mich nach dem Preise dieses Druckerzeugnisses erkundigte und mich auch noch zum Kauf entschloß. Doch als ich auf der Straße in das Büchlein schaute und feststellte, daß es eigenartig wirkende Abbildungen von schief sitzenden Briefmarken enthielt und daneben solche blöden Texte standen wie: „Ich sehne mich nach dir!“ oder „Schreibe bald!“ oder gar „Du hast mich enttäuscht!“ usw., war mir klar, daß es sich keineswegs um ein ernstzunehmendes philatelistisches Grundlagenwerk handeln könnte, und die Verkäuferin nicht umsonst amüsiert gelächelt hatte. Ich kam mir ziemlich blamiert vor, und wenn mich die gute Erziehung nicht daran gehindert hätte, wäre das Heftchen in den Rinnstein geflogen. Mißmutig steckte ich es ein. Schade ums Geld. Und ausgelacht hatte man mich außerdem. Im Zuge schenkte ich es einem Mädchen aus dem Lyzeum, die daran großes Interesse zeigte.

Eine wichtige Erinnerung an das Leben in Niederhelmsdorf hat sich in mein Bewußtsein tief eingeprägt. Es war der permanente Hunger. Der Weltkrieg war ja gerade erst vorbei, und alle hatten nichts zu essen. In den Kriegsjahren zwischen 1914 und 1918 waren in Deutschland mehr als 750.000 Menschen an Hunger und Unterernährung gestorben, wie ich später einer Statistik entnehmen konnte, eine ungeheure Anzahl von Menschen. Schon der Winter 1916/17 galt als der „Kohlrübenwinter“, als sich viele Menschen mehr oder weniger von Steckrüben ernähren mußten. Damals ging es uns im Baltikum sogar noch besser, obwohl wir eigentlich auch nichts zu lachen hatten. Jedenfalls war der Hunger in Deutschland allgegenwärtig, vor allem unter der städtischen Bevölkerung. In Sachsen, wo die Bevölkerungsdichte recht groß war, wirkte sich die Lebensmittelknappheit besonders empfindlich aus. Der Ortsansässige verfügte in den meisten Fällen über Beziehungen zu allerlei Mitmenschen, die sich in Kalorien umwerten ließen, ob sie nun zum Bäcker, zum Schlachter, zum Lebensmittelhändler oder zur Quelle aller Viktualien, zum Landwirt führten. Wir Neulinge auf der Flur hatten natürlich keine nahrhaften Bekanntschaften, dafür aber einige Stücke Kernseife aus dem Ligater Bestand. Unsere Mutter entwickelte sich zu einem gerissenen Tauschpartner. Sie gab hin und feilschte herum, daß es eine Freude war. So bekam die Familie manches Stück Brot oder anderes Eßbare vor allem für den magenkranken Vater und die schrecklich unterernährte Nora. Unsere liebe Mutter, kurz vor der Niederkunft stehend, hätte ein wenig mehr Nahrung auch gut getan, doch wie stets dachte sie an die Familie.
Im April 1919 begann die bevorstehende Geburt eines neuen Geschwisterkindes uns sehr zu interessieren, ja sogar nachhaltig zu beschäftigen, mußten wir doch gemeinsam nach einem Namen suchen. Vorschläge waren erwünscht. Lisi, unsere Älteste, tat sich wieder einmal hervor. Ob aber von ihr der Name „Ingeborg“ ins Gespräch gebracht wurde, weiß ich nicht mehr. Wir einigten uns aber schnell darauf. Doch für welchen Jungennamen wir uns für den Fall der Fälle entscheiden wollten, habe ich vergessen. Am 23. April war es so weit. Die Mutter war nach Dresden in die Klinik gegangen und brachte unsere Schwester Ingeborg zurück, ein kleines Etwas, das ich als Vierzehnjähriger mit ganz anderen und viel verständigeren Augen ansah als seinerzeit Nora mit meinen seinerzeit knapp fünf Jahren. Wir alle liebten das kleine Wesen als etwas Besonderes, und ich glaube, das blieb unser gesamtes Leben so.

Im Sommer kam plötzlich ein Brief von Herrn von Bukowski an, der meinem Vater berichtete, daß er in Witzenhausen in einer Papierfabrik den Direktorenposten erhalten habe. Er schlug ihm vor, doch auch dorthin zu kommen.
Irgendwie war der Vater von den Arbeitsbedingungen in Niederhelmsdorf enttäuscht, und so fiel es ihm nicht schwer, das Angebot seines lieben Freundes, nach Witzenhausen zu kommen, anzunehmen. Wieder hieß es umzuziehen. Doch dieses Mal fanden wir es nicht so schlimm, waren wir doch noch nicht heimisch geworden, und überhaupt, Niederhelmsdorf war ja auch gar nicht unsere Heimat. Die lag weit entfernt von uns, unerreichbar fern. Warum sollten wir nun diesem kleinen sächsischen Ort nachtrauern? Vielleicht war es in Hessen, nicht weit entfernt von Kassel bzw. Göttingen viel schöner und angenehmer zu wohnen. Auf alle Fälle aber freuten wir uns auf Bukowskis, war doch zu erwarten, daß unsere Kameraden auch da waren.
Unser Vater war wieder vorausgefahren, und die Familie mußte nachkommen. Ich denke, es wird so im Juni, vielleicht auch Anfang Juli gewesen sein, denn die Kirschen, für die Witzenhausen berühmt ist, waren gerade reif.

Witzenhausen ist ein recht altes Städtchen im landschaftlich reizvollen Werratal, ungefähr 20 km von der Stelle entfernt, wo sich Werra und Fulda bei Hannoversch Münden vereinigen. Dort auch steht in einen Stein, den sogenannten Weserstein, gemeißelt: „Wo Werra sich und Fulda küssen, / Sie ihre Namen büssen müssen. / Und hier entsteht durch diesen Kuss / Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss.“

Burmeisters 1920 in Witzenhausen (v.l.n.r. Georg, Ingeborg, Helene, Robert, Nora, Luise)

Zahlreiche Kirschplantagen und bewaldete Hügelketten umgeben den Ort. Reste einer alten Stadtmauer und einige Wehrtürme sind erhalten, eine mehrbogige Steinbrücke und sogar ein Galgenberg, von dem der Berg zwar existiert, vom Galgen jedoch nur noch der Schauer erregende Name geblieben ist und an die Zeit erinnert, als die Richtstätte ein wichtiges Attribut eines städtischen Gemeinwesens war. Eine Besonderheit gab es in Witzenhausen, etwas, das mir ein Gefühl von fernen Ländern und Abenteuern vermittelte. Es war die im Jahre 1900 gegründete Kolonialschule im ehemaligen Wilhelmitenkloster. Hier sollten „Kulturpioniere“ herangezogen werden, damals für mich kein Begriff, der zu hinterfragen wäre. Heute kann ich mir gut vorstellen, wie diese Herrenmenschen in den deutschen Kolonien geherrscht und die deutsche Kultur den armen Eingeborenen mit überzeugendem Nachdruck eingetrichtert haben.

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Von KlaaschwotzerEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

In diesem romantischen Städtchen hielten wir also Einzug und trafen auch unsere Jugendfreunde an, ein Umstand, der uns das Eingewöhnen sehr erleichterte. Für die ersten Tage waren wir in einem Hotel einquartiert, im „Prinz von Preußen“. Dann aber stellte uns die Fabrik eine Wohnung. Die nun war weder groß noch schön. Sie war einfach primitiv und unwürdig. Unter diesem Domizil litt vor allem die Mutter, nicht nur weil sie den Schimmelpalast sauber halten mußte, sondern auch, weil sie sich in ihrer Selbstachtung verletzt fühlte. Aber nach etwa einem halben Jahr wurde ein sogenanntes „Hellerauhäuschen“* angeliefert und montiert, ein aus schwarzen Bohlen gefertigter Bau, der mit weißen Fensterrahmen und grün gestrichenen Fensterläden außerordentlich freundlich aussah.

 Seit 1920 wurden in den 1907 gegründeten Deutschen Werkstätten Hellerau bei Dresden, die sich anfangs der serienmäßigen Herstellung von modernen Möbeln verschrieben hatten, auch Holzhausbauten hergestellt.

Natürlich stand auch die Schulfrage wieder im Raum. Für die beiden Schwestern Lisi und Nora löste sich das Problem recht einfach. Lisi kam nach Hannoversch Münden ins Lyzeum und wurde bei Fräulein Engelmann, eine alte Lehrerin, in Pension gegeben. Nora durfte in Witzenhausen die Volksschule besuchen, da sie erst in der 2. Klasse war. Wohin aber mit mir? Aus einem mir nicht mehr gegenwärtigen Grunde fuhr meine Mutter eines Tages mit mir nach Göttingen, um mich in einer dortigen höheren Schule, vermutlich in einem Realgymnasium, einer Aufnahmeprüfung unterziehen zu lassen. Ich habe diese Prüfung nicht bestanden. So blieb nur, mich in Witzenhausen in die Mittelschule zu geben, die ihre Schüler bis zur 8. Klasse führen würde. Ich kam in die Quarta, was der 7. Klasse entspricht.

Diese Schule war in einem altehrwürdigen Gebäude untergebracht. Viele Generationen von Schülern hatten ihre Trittspuren auf den Sandsteinstufen hinterlassen und sie muldenartig ausgetreten. Die Räume machten einen altersgrauen Eindruck, und das Klassenmobiliar wies die Spuren gelangweilter Schüler auf, ramponiert und wackelig. Die Lehrmethoden waren meist dem äußeren Milieu angepaßt. Der Rohrstock spielte noch eine erzieherische Rolle und trat gelegentlich in Aktion, eine Erscheinung, die mir völlig fremd und unverständlich war, dies nicht allein deshalb, weil ich noch zu wenig Erfahrung im öffentlichen Schulbetrieb hatte, sondern auch weil in meiner Heimat Schüler nicht geschlagen wurden, züchtigen von Kindern überhaupt verpönt war.
Einmal traf auch mich der Stock. Der Französischlehrer war ein temperamentvoller, mit rotem Schnurr- und Zickelbärtchen verzierter Elsaß-Lothringer, Herr Ziller. Mein Vordermann war irgendwie unruhig gewesen. Aus einem mir unerfindlichen Grund schoß der Lehrer auf mich zu und bevor ich begreifen konnte, was los sei, hatte er mir mit dem Stock einen Hieb über den Rücken gezogen. Aufs tiefste empört sprang ich auf und muß irgendetwas gesagt haben, was nun wiederum den Lehrer empört haben wird. Er wies mich vor die Tür. Ich nahm meine Sachen und ging geradewegs nach Hause. Am Mittagstisch berichtete ich, noch mächtig entrüstet, meinem Vater davon. Er, sonst immer der Meinung, man müsse versuchen, Probleme selbst zu lösen, war selbst empört und entschied, sich dieser Sache persönlich anzunehmen. So ging er am Nachmittag mit mir zusammen in die Wohnung dieses Lehrers. Ich wartete vor der Tür während einer längeren Aussprache beider Herren. Dann holte mich der Vater hinein und erklärte mir, mein Lehrer werde am kommenden Tag vor der Klasse erklären, daß er seinen Übergriff bedauere. Wir gaben uns die Hände und schieden. Ich meinerseits wartete gespannt auf die nächste Französischstunde. Tatsächlich richtete der Lehrer seine Worte in dieser Sache an die Klasse, doch anders, als abgesprochen, denn was sollte ich davon halten, wenn die Klasse zu hören bekam, daß Burmeister ein guterzogener Junge sei, der am Nachmittag zu ihm gekommen wäre, um sich zu entschuldigen. Mich empörte diese maßlos feige Aussage ebenso sehr wie zuvor der Schlag mit dem Stock. Vor solch einem Lehrer sollte ich Achtung haben? Mein Bild von Redlichkeit bekam einen ernsthaften Schmiß, und so etwas mußte mir in Deutschland passieren, dem ich mich innerlich mit gehörigem nationalem Stolz weiterhin verbunden zu fühlen glaubte. Natürlich klärte ich meine Mitschüler über den eigentlichen Vorgang auf. Die aber sahen das weniger problematisch, hatten möglicherweise Ungerechtigkeiten schon öfter erlebt. Mein Vater jedoch war ebenfalls tief empört, hielt aber weitere Schritte für unangebracht, weil sie ihm wenig ergiebig erschienen. Der Lehrer aber bemerkte meine Abneigung ihm gegenüber, ließ mich seinen Abstand zu mir seinerseits spüren, hat aber niemals wieder seine Hand gegen mich erhoben. Das dürfte ihm bei seinem Temperament wohl gelegentlich schwer gefallen sein, denn möglicherweise hätte er nun wirklich Grund gehabt, mich zu strafen.
Landschaftlich war die Lage unseres neuen Zuhauses wirklich schön. Ringsum erhoben sich Berge, zumindest nannten sie sich so: der Sulzberg, an dessen Fuß unser Blockhäuschen lag, gegenüber der Warteberg und jenseits der Werra der Sandwald. Damals waren die Hänge bewachsen, meist mit Kirschbäumen, zur Zeit der Blüte ein traumhafter Anblick.
Obwohl wir uns in Witzenhausen ganz gut eingelebt hatten, blieb doch die Sehnsucht nach unserer alten Heimat. Wie in Ligat machte ich mit Fred Bukowski Streifzüge in die schöne Umgebung, doch unsere Gespräche drehten sich viel um das eigentliche Zuhause und die Möglichkeit, unser Paradies wiederzusehen.

Einen großen Schlag erhielten wir alle, als Herr von Bukowski so um die Jahresmitte 1920 starb. Er hatte schon viele Jahre vorher an einer Lungentuberkulose gelitten, war schon einige Male von Ligat aus zu Kuraufenthalten im Ausland gewesen, kam aber immer wieder recht erholt zurück. Ich denke, daß ihm die miterlebten Kriegsereignisse sehr zugesetzt haben, die Problematik um die Ligater Papierfabrik, als man nicht wußte, ob sie sich überhaupt noch erhalten ließ, und die Trennung von der Familie, die während der schrecklichen Bolschewikenzeit in Riga bis zur Befreiung durch die Landeswehr am 22. Mai 1919 aushalten mußte, denn Frau und Kinder waren nicht mehr mit einem Schiff fortgekommen, er jedoch war auf dem Landweg mit einem der letzten Truppentransporte geflohen und hatte zwischenzeitlich in Preußen auf einem Gut freundliche Aufnahme gefunden. Seine Familie hatte er erst nach der Befreiung Rigas wiedergesehen. Um die neue Verantwortung in Witzenhausen als Direktor der Papierfabrik über längere Zeit durchzuhalten, war er vielleicht doch zu sehr geschwächt. Für uns alle, nicht nur für die Bukowski-Familie, war sein Tod allzu schwer zu verkraften.

Inzwischen hatten sich in Ligat neue Umstände ergeben. Die Fabrik sollte wieder zu arbeiten beginnen, auch wenn die alten Aktionäre nach all den erlittenen Verlusten während der Kriegszeit dies aus eigener Kraft nicht mehr bewerkstelligen konnten und neue Leute hinzugezogen werden mußten. Doch Herr Görcke, schon früher Mitaktionär und in der Fabrikleitung tätig, war noch da und machte eines Tages, so um Weihnachten 1920, meinem Vater per Brief den Vorschlag, nach Ligat zurückzukehren und in der Fabrik seine alte Tätigkeit aufzunehmen. Wir fühlten uns in Witzenhausen wohl, hatten eben doch schon feine Wurzeln geschlagen. Auch der Vater schien mit seiner Arbeit zufrieden zu sein, doch eine solche Nachricht, wieder in die Heimat zurückfahren zu dürfen, übertraf alles, eine wahre Glücksbotschaft! Und der Vater nahm an. Auch uns fiel der Abschied nicht schwer. Wir durften nach Hause reisen. Allein das zählte.